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Migrantische Jugendliche holen bei Bildungserwerb stark auf

Migrantische Jugendliche holen bei Bildungserwerb stark auf

Dez 12, 2017

Factbox

  • Anteil der wenig-gebildeten Jugendlichen mit Eltern aus dem Ausland stark rückläufig
  • Insbesondere Jugendliche mit Eltern aus Türkei holen im Bildungsbereich rasch auf
  • Große Unterschiede nach Bundesland
  • Künftig Gleichstand bei Personen mit Eltern aus Ex-Jugoslawien/Türkei & Österreich
  • Mehr Wirtschaftswachstum kann das gefährden, weil wieder Hilfskräfte benötigt werden

 

Bildung in Österreich wird häufig vererbt. So ist auch das Herkunftsland der Eltern ausschlaggebend für den Bildungsverlauf von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Eine Analyse des Soziologen August Gächter zeigt nun, dass der Anteil der Jugendlichen, die nach der Pflichtschule keine Ausbildung mehr machen, seit dem Jahr 2008 rückläufig ist. Dies gilt insbesondere für Jugendliche, deren Eltern aus der Türkei oder aus jugoslawischen Nachfolgestaaten stammen.

 

Sollte dieser Trend andauern, könnte schon in weniger als zehn Jahren ein Gleichstand der Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund erreicht werden. Die Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen (MNSÖ) wirft einen Blick auf die Studie des Soziologen.

 

Stärkster Rückgang von Jugendlichen mit geringer Bildung bei türkischen MigrantInnen

Im Durchschnitt der Jahre 2008 bis 2010 hatten sieben Prozent der 15 bis 19-Jährigen, deren Eltern aus Österreich sind, höchstens eine Pflichtschule abgeschlossen und waren danach nicht mehr in Ausbildung. Ein Anteil, der in den Jahren darauf kontinuierlich anstieg. Zwischen 2014 und 2016 traf das nur mehr auf sechs Prozent zu. Das entspricht einem jährlichen Durchschnitt von 0,17 Prozentpunkten.

 

Je nach Herkunftsland der Eltern ist dieser Verlauf unterschiedlich: So waren 2008 bis 2010 durchschnittlich acht Prozent der Jugendlichen mit Eltern aus den EU-Staaten vor 2004 bzw. aus dem EFTA-Raum, die höchstens die Pflichtschule abgeschlossen haben, nicht mehr in Ausbildung. In den darauffolgenden Jahren lag dieser Wert bei sieben Prozent und stieg zuletzt auf neun Prozent an. Im gleichen Zeitraum sank dieser Anteil bei Jugendlichen mit Eltern aus den Staaten, die seit 2004 EU-Mitglied sind, von 15 auf elf Prozent. Der niedrigste Wert wurde jedoch zwischen 2013 und 2015 mit zehn Prozent erreicht, danach stieg der Wert wieder um einen Prozentpunkt an.

 

Deutlich stärkere Rückgänge des Anteils jener, die nach ihrem Pflichtschulabschluss nicht mehr in Ausbildung sind, gab es bei Jugendlichen mit Eltern aus dem ehemaligen Jugoslawien sowie aus der Türkei: Mit Eltern, die aus Bosnien-Herzegowina stammen, sank der Anteil um vier Prozentpunkte – von 16 Prozent 2008 bis 2010 auf zwölf Prozent 2014 bis 2016. Durchschnittlich entspricht das einem Rückgang von 0,7 Prozentpunkten jährlich. Bei jugendlichen mit Eltern aus Serbien, Kosovo, Montenegro und Mazedonien kam es zu einem jährlichen Rückgang von durchschnittlich 1,5 Prozentpunkten – von 30 Prozent (2008 – 2010) auf 19 Prozent (2014 – 2016).

 

Am weitaus schnellsten sank der Anteil bei Jugendlichen, deren Eltern aus der Türkei kommen. Im Durchschnitt der Jahre 2008 bis 2010 hatten 36 Prozent höchstens die Pflichtschule abgeschlossen und waren gleichzeitig nicht in Ausbildung. 2014 bis 2016 waren es nur noch 23 Prozent. Insgesamt also ein Rückgang von 13 Prozentpunkten bzw. von 2,3 Prozentpunkten jährlich.

 

 

Große Unterschiede je nach Bundesland

Neben dem Geburtsland der Eltern ist auch das Bundesland zentral, wenn es um den Bildungsverlauf der hier lebenden Jugendlichen geht. Das zeigt sich insbesondere bei Jugendlichen, deren Eltern in der Türkei geboren wurden: In Vorarlberg lag der Anteil jener, die die Ausbildung abgeschlossen haben und nicht mehr in Ausbildung waren, 2008 bis 2010 bei 44 Prozent. 2014 bis 2016 traf das nur noch auf 14 Prozent zu. Das entspricht einem jährlichen Rückgang von 5,2 Prozentpunkten. Anders sieht es in der Steiermark aus, hier stieg der Anteil durchschnittlich um 0,5 Prozentpunkte pro Jahr.

 

Auch bei den Jugendlichen mit Eltern aus Bosnien-Herzegowina liegt Vorarlberg mit einem durchschnittlichen Rückgang von 2,3 Prozentpunkten pro Jahr vorne (von 21 Prozent 2008-10 auf fünf Prozent 2014-16), während bei Jugendlichen mit Eltern aus Serbien, Kosovo, Montenegro oder Mazedonien Steiermark vorne liegt (-5,0 Prozentpunkte jährlich, von 40 Prozent auf 28 Prozent).

 

Bei den EU- und EFTA-Staaten ist der stärkste Rückgang der nicht mehr in Ausbildung befindlichen Jugendlichen am stärksten in Tirol und bei Jugendlichen mit österreichischen Eltern liegt Wien vorne.

 

 

Gleichstand bis Mitte der 2020er Jahre

Laut der Analyse von August Gächter wird künftig damit zu rechnen sein, dass sich der Bildungsverlauf von Jugendlichen mit Eltern aus dem ehemaligen Jugoslawien bzw. der Türkei und österreichischen Jugendlichen ohne Migrationshintergrund immer stärker angleicht. Wird der Trend der letzten zehn Jahre in die Zukunft fortgeschrieben, erwartet Gächter Mitte der 2020er Jahre einen Gleichstand zwischen Österreich, dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei, wie die untenstehende Grafik zeigt.

 

Trend des Bildungsverlaufs von Jugendlichen mit Migrationshintergrund

Trend des Anteils mit geringer Bildung an den 15 – 19-Jährigen nach Geburtsland der Eltern, Quelle: August Gächter, Auswertung aus dem Mikrozensus 2008-2016 der Statistik Austria

 

Ob dies tatsächlich der Fall sein wird, bleibt abzuwarten. Der Soziologe geht davon aus, dass die Fortschreibung des Trends nicht 1:1 übernommen werden kann: „Real wird damit zu rechnen sein, dass die Entwicklung nicht schnurgerade dem Trend der letzten zehn Jahre folgen wird. Der Trend wird sich vermutlich verlangsamen und es wird länger als bis 2023 dauern bis mehr oder minder Gleichstand erreicht ist, aber vielleicht nicht viel länger. Es ist leicht vorstellbar, dass alle drei elterlichen Herkunftsgebiete den Gleichstand mit Österreich zur selben Zeit erreichen werden“.

 

So gibt es weitere Faktoren, die den Bildungsverlauf von Jugendlichen beeinflussen. Dazu zählen laut Gächter das Bildungsniveau der Eltern, insbesondere der Mutter, aber auch das künftige Wirtschaftswachstum Österreichs. Letzteres könne dazu führen, dass die Nachfrage nach gering qualifizierten Arbeitskräften steigt, wovon insbesondere Jugendliche aus ärmeren Haushalten betroffen wären.

 

Weitere Informationen und Kontakte:

 

Studie „Rasche Veränderung beim Bildungserwerb der Jugendlichen mit Eltern aus dem Ausland“ in der iBib abrufbar. 

 

Soziologe August Gächter,  Tel.: 01 495044, gachter@zsi.at

 

MSNÖ-Artikel: Bildungssituation von MigrantInnen und AusländerInnen

 

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