Rund 47.600 Personen mit tschechischem Migrationshintergrund

Rund 47.600 Personen mit tschechischem Migrationshintergrund

Okt 18, 2017

Factbox

  • Stimmabgabe in Wien möglich: Rund 400 WählerInnen erwartet
  • Zahl der tschechischen StaatsbürgerInnen steigt
  • 32 Prozent der TschechInnen leben in Wien
  • Hoher Frauenanteil bei Studierenden
  • Vereinswesen besteht seit dem 19. Jahrhundert

 

In Tschechien finden am 20. und 21. Oktober Wahlen zum Abgeordnetenhaus statt. In Österreich lebende TschechInnen haben die Möglichkeit, ihre Stimme an der Botschaft in Wien abzugeben. Bei den Parlamentswahlen 2013 haben 417 Personen davon Gebrauch gemacht, auch für heuer erwartet die Botschaft eine ähnliche Wahlbeteiligung, wie sie auf Anfrage der Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen (MSNÖ) mitteilte.

 

Laut Statistik Austria leben 12.6300 tschechische StaatsbürgerInnen bzw. 38.683 in Tschechien geborene Personen in Österreich. Mit 47.600 Personen ist die Zahl der Personen mit tschechischem Migrationshintergrund (erste und zweite Zuwanderunsgeneration) deutlich höher. Anlässlich der bevorstehenden Wahl wirft die MSNÖ einen Blick auf die tschechische Community in Österreich.

 

Stimmabgabe in Wien möglich

In Österreich lebende TschechInnen haben die Möglichkeit, ihre Stimme am 20. (14 bis 22 Uhr) und 21. Oktober (8 bis 14 Uhr) an der Botschaft in Wien abzugeben. Um wahlberechtigt zu sein, war eine Registrierung in das Wählerverzeichnis bis spätestens 10. September oder das Beantragen einer Wahlkarte in Tschechien (insbesondere für TouristInnen) notwendig.

 

Bei den vorangegangenen Parlamentswahlen im Jahr 2013 haben nach Angaben der Botschaft 417 tschechische StaatsbürgerInnen an der Wahl hierzulande teilgenommen. Für die kommende sind derzeit 228 WählerInnen registriert. Zusammen mit den tschechischen TouristInnen geht die Botschaft von rund 400 TschechInnen aus, die an der Wahl teilnehmen werden, wie sie MSNÖ mitteilte.

 

Zahl der TschechInnen steigt

Die Zahl der in Österreich ansässigen tschechischen StaatsbürgerInnen stieg in den vergangenen 15 Jahren kontinuierlich an: Lebten zu Beginn des Jahres 2003 knapp 6.600 TschechInnen in Österreich, sind es mittlerweile 12.630 – also fast doppelt so viele (Stichtag: 1. Jänner 2017).

 

Im gleichen Zeitraum ging die Zahl der in Tschechien geborenen Personen, die nun in Österreich leben, zurück: 2003 lebten hier 55.419 Personen, die in Tschechien zu Welt kamen. Damals war die tschechische Community die fünftgrößte MigrantInnen-Gruppe nach Deutschland, Bosnien-Herzegowina, der Türkei und Serbien. Zu Jahresbeginn 2017 liegt die tschechische Community auf Platz zwölf. Heuer leben 38.683 in Tschechien geborene Personen in Österreich. Gegenüber 2003 entspricht das einem Rückgang von 30 Prozent.

 

Tschechische StaatsbürgerInnen und in Tschechien geborene Personen jeweils am 1.1.

Tschechische StaatsbürgerInnen und in Tschechien geborene Personen jeweils am 1.1., Quelle: Statistik Austria, eigene Darstellung

 

Deutlich höher ist die Zahl der Personen mit tschechischem Migrationshintergrund in Österreich: Laut Statistik Austria lebten im Jahresdurchschnitt 2016 47.600 tschechische MigrantInnen der ersten und zweiten Generation in Österreich. Mit 32.500 zählt die Mehrheit von ihnen zur ersten Generation. Die Botschaft in Wien schätzt die Zahl der tschechischen MigrantInnen niedriger – auf etwa 42.000 Personen.

 

32 Prozent der TschechInnen in Wien ansässig

Allein in Wien leben 3.989 TschechInnen bzw. 14.544 in Tschechien geborene Personen. Das entspricht einem Anteil von 31,6 Prozent (nach Staatsangehörigkeit) bzw. von 37,6 Prozent (nach Geburtsland).

 

Weitere große tschechische Communities leben in Niederösterreich (3.391 nach Staatsangehörigkeit und 9.769 nach Geburtsland) sowie in Oberösterreich (2.331 nach Staatsangehörigkeit und 6.803 nach Geburtsland). Im Burgenland sowie in Vorarlberg und Kärnten findet man die wenigsten TschechInnen.

 

 

413 Einbürgerungen in zehn Jahren

In den vergangenen zehn Jahren erhielten insgesamt 413 TschechInnen die österreichische Staatsangehörigkeit. Das schwächste Jahr bezogen auf die Einbürgerungszahl war dabei 2012 mit 26 Personen, die sich einbürgern ließen. Seitdem steigt die Zahl wieder. 58 Personen ließen sich 2015 und 56 Personen 2016 einbürgern.

 

Einbürgerungen ehemaliger TschechInnen 2007 bis 2016

Einbürgerungen ehemaliger TschechInnen 2007 bis 2016, Quelle: Statistik Austria, eigene Darstellung

 

Adelige und ArbeiterInnen

Bereits im Jahr 1250 wanderten die ersten TschechInnen nach Österreich ein, erläutert Richard Basler, Obmann-Stellvertreter des Vereins „Kulturklub der Tschechen und Slowaken in Österreich“. Die ersten größeren Migrationswellen nach Österreich fanden ab etwa 1620 (Niederlage der böhmischen Stände bei der Schlacht am Weißen Berg bei Prag) statt, in dieser Zeit verlor Prag in der Monarchie zugunsten von Wien an Bedeutung. Vor allem viele böhmische Adelsfamilien ließen sich in Österreich nieder.

 

Der wirtschaftliche Aufschwung von Wien im 19. Jahrhundert führte zu einer weiteren großen Einwanderungswelle. Nach der amtlichen Statistik war Wien um 1900 die zweitgrößte Stadt mit tschechischer Bevölkerung. Im Jahr 1910 hatten 119.447 ÖsterreicherInnen eine tschechische oder slowakische Umgangssprache, 98.461 davon in Wien. Einen besonders hohen Anteil hatte der 10. Wiener Gemeindebezirk. Der Böhmische Prater erinnert heute noch an die damalige Arbeitsmigration der TschechInnen.

 

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und des Zweiten Weltkriegs gab es jeweils massive Rückwanderungen in die Tschechoslowakei. Der kommunistische Februarputsch 1948 in der Tschechoslowakei spaltete die tschechische Minderheit in Österreich. Die Mehrheit sympathisierte mit dem demokratischen und war gegen das kommunistische Lager. Ein wichtiger Ort für die antikommunistische Diaspora war das „Nachtasyl“ im sechsten Wiener Gemeindebezirk. Das Lokal gibt es immer noch.

 

Politische Flucht nach Österreich

Durch die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 flüchteten etwa 162.000 TschechInnen und SlowakInnen nach Österreich. 12.000 stellten einen Asylantrag, die überwiegende Mehrheit zog in andere Staaten Europas und nach Übersee weiter. Seit dem Anfang der 1970er Jahre ist das Ausmaß der tschechischen Migration nach Österreich wieder im Steigen begriffen: Bis 1989 waren hauptsächlich politische Gründe, danach zumeist Arbeitssuche Ursache dafür.

 

1976 wurde die tschechisch-slowakische Minderheit in Österreich als Volksgruppe anerkannt. Seit der Trennung von der Slowakei im Jahr 1993 gelten die TschechInnen (wie auch die SlowakInnen) als eigenständige Minderheit.

 

Seit 2010 steigt das Wanderungssaldo der TschechInnen an, was mit einer Zunahme der Zuzüge nach Österreich zusammenhängt. So migrierten 2010 1.144 tschechische Staatsangehörige nach Österreich, 2014 waren 1.834. Danach kam es wieder zu einem Rückgang auf 1.527 im Jahr 2016. Die Zahl der Wegzüge in das Ausland blieb zwischen 2011 und 2017 auf einem ähnlichen Niveau (zwischen 1.162 und 1.241).

 

 

Hoher Frauenanteil bei Studierenden

Stieg die Zahl der tschechischen Studierenden bis zum Wintersemester 2015/16 kontinuierlich an, ging sie 2016/17 leicht zurück. So waren im vergangenen Wintersemester 797 TschechInnen an einer heimischen Hochschule inskribiert. Der Großteil von ihnen studiert an einer öffentlichen Universität (695). Weitere 74 TschechInnen sind an einer Fachhochschule und 28 an einer Privatuniversität inskribiert.  

 

 

2012/13

2013/14

2014/15

2015/16

2016/17

Öffentliche Universitäten

705

713

712

722

695

Privatuniversitäten

16

16

25

28

28

Fachhochschulen

48

60

73

73

74

Gesamt

769

789

810

823

797

Tschechische Studierende an österreichischen Hochschulen Wintersemester 2012/13 bis 2016/17, Quelle: BM.WFW, eigene Darstellung

 

Auffallend ist der hohe Frauenanteil an den öffentlichen Universitäten: Im Wintersemester 2015/16 waren 61,6 Prozent der tschechischen Studierenden Frauen.

 

15.780 tschechische Beschäftigte

Im Jahresdurchschnitt 2016 gingen insgesamt 15.781 TschechInnen einer Beschäftigung in Österreich nach. Mit 13.280 ist die deutliche Mehrheit von ihnen unselbstständig beschäftigt, weitere 1.424 sind geringfügig angestellt und 1.038 selbstständig. Nur 39 TschechInnen arbeiteten im Rahmen eines freien Dienstvertrages.  

 

 

Beschäftigte Jahresdurchschnitt 2016

Unselbstständige Beschäftigte

13.280

Geringfügig Beschäftigte

1.424

Selbstständige

1.038

Freie Dienstverträge

39

Gesamt

15.781

Tschechische Beschäftigte im Jahresdurchschnitt 2016, Quelle: BMASK, eigene Darstellung

 

Von den unselbstständig Beschäftigten arbeiteten 21,8 Prozent in der Branche „Beherbergung und Gastronomie“. Die Top fünf Branchen gliedern sich wie folgt auf:

 

Beherbergung und Gastronomie

2.898

Herstellung von Waren

2.170

Handel, inkl. Instandhaltung und Reparatur von Kraftfahrzeugen

1.626

Bau

1.104

Erbringung von sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen

1.104

Tschechische Beschäftigte nach Branchen im Jahresdurchschnitt 2016, Quelle: BMASK, eigene Darstellung

 

Viele Vereine vor mehr als 100 Jahren gegründet

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde eine Vielzahl an Vereinen gegründet, die über Jahrzehnte Bestand hatten. Eine Trendwende trat nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ein, das Vereinsleben wurde immer unwichtiger. Hauptsächlich ältere Menschen der Diaspora sind heute noch aktiv.

 

Die wichtigsten Sportvereine sind der Turnverein „Sokol“, der 1862 in Prag gegründet wurde, und der Sportklub Slovan-HAC (1902), der sich heute weniger als tschechischer, denn als internationaler und österreichischer Verein versteht. Im Jahr 2000 wurde eine neue Sokol-Turnhalle im 10. Wiener Gemeindebezirk erbaut.

 

Der Schulverein „Komensky“, der seit 1883 besteht, war am aktivsten in der Zwischenkriegszeit, wo er bis zu 16 Schulen mit etwa 4.500 SchülerInnen führte. Heute betreibt der Verein einen Kindergarten plus Hort sowie eine Volksschule, Sekundarschule und ein Gymnasium. Unterrichtet wird bilingual in Deutsch und Tschechisch/Slowakisch. Weiters bestehen zahlreiche akademische, Theater- und sonstige Kulturvereine wie zum Beispiel der „Kulturklub der Tschechen und Slowaken“, der 1974 gegründet wurde oder die erstmals 1928 gegründete „Österreichisch-Tschechische Gesellschaft“.

 

Seit 2007 besteht das Forschungszentrum für historische Minderheiten. Ziel dieser Institution ist es, Bilder, Dokumente sowie Zeitzeugenberichte der tschechischen und slowakischen Volksgruppe zu sammeln und zu archivieren.

 

Tschechische Spuren in Österreich sind bis heute in der Kulinarik, vor allem in der Wiener Küche zu finden. Allen voran zeugen zahlreiche Varianten mit Powidl (tschechisch: povidla) – wie Kolatschen, Buchteln oder Powidltascherl – von der tschechischen Migration nach Österreich.

 

Tschechische Medien

Die vielfältige Vereinslandschaft geht mit eigenen tschechischen Medien einher: So gibt der Schulverein Komensky die Zeitschrift „Tschechisches und slowakisches Wien heute“ elf Mal im Jahr heraus. Auch der „Kulturklub der Tschechen und Slowaken“ veröffentlicht elf Mal im Jahr ein Kulturmagazin. Seit 1946 wird die Zeitung „Wiener Freie Blätter“ vom „Minderheitenrat der tschechischen und slowakischen Volksgruppe in Österreich“ publiziert.

 

Zudem sind tschechische Programme Teil der Volksgruppen-Formate des ORF: Jeden Montag Abend wird auf „Radio Burgenland“ das tschechische Magazin „Rádio Dráťák“ und sechs Mal im Jahr „České Ozvěny | Slovenské Ozveny“ auf ORF 2 Wien ausgestrahlt.

 

 

Weitere Informationen und Kontakte:

 

Der Artikel wurde zuletzt 2013 veröffentlicht und anlässlich der Wahlen aktualisiert und ergänzt.

 

Botschaft der Tschechischen Republikvienna@embassy.mzv.cz, Tel: 01/899 580

 

Tschechisches Zentrum Wienccwien@czech.cz, Tel: 01/535 23 60

 

Kulturklub der Tschechen und Slowaken in Österreichinfo@kulturklub.at, Tel.: 01/4023299

 

Schulverein Komenskyoffice@komensky.at, Tel: 01/713 31 88 – 20

 

Slovan-HAC, slovan.office@aon.at

 

Turnverein Sokol, Tel: 01/707 17 87 – 0

 

Am Nordpol 3, Restaurant mit böhmischer Küche; Nordwestbahnstraße 17, 1020 Wien

 

Das Powidl, Böhmische Küche und tschechisches Bier vom Fass; Margaretenstraße 58, 1050 Wien

 

Restaurant Böhmerwald, Argentinierstraße 66, Wiedner Gürtel 20, jeweils 1040 Wien

 

Forschungszentrum für historische Minderheitenoffice@fzhm.at, Tel: 01/545 03 18

 

Liste tschechischer Vereine

 

 

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