MuslimInnen und ihr Umgang mit Religion

MuslimInnen und ihr Umgang mit Religion

Okt 2, 2017

Factbox

  • 54 Prozent der MuslimInnen religiös erzogen
  • 22 Prozent der Musliminnen tragen Kopftuch am Arbeits- oder Ausbildungsplatz
  • 70 Prozent gaben an, dass die Kinder islamischen Religionsunterricht besuchen
  • Großteil ist gegen Einflussnahme religiöser Vertreter auf Regierung
  • Fast die Hälfte ist der Meinung, dass Islam nicht in westliche Welt passt
  • EU-Vergleich: Österreichische Bevölkerung negativ zu MuslimInnen eingestellt

 

In Österreich ist am 1. Oktober das Vermummungsverbot in Kraft getreten. Aber wie gehen in Österreich lebende MuslimInnen mit ihrer Religion im Alltag um? Wie sehen sie den Zusammenhang zwischen Politik und Religion? Eine Studie des Instituts für Islamisch-Theologische Studien geht unter anderem diesen Fragen nach. Das Ergebnis zeigt, dass die Einstellungen und der Umgang mit der Religion sehr unterschiedlich sind. 

 

In Österreich leben strenggläubige ebenso wie religionsferne MuslimInnen. Dennoch lassen sich einige Tendenzen erkennen: So wurde der Großteil der in Österreich lebenden MuslimInnen religiös erzogen. Gleichzeitig passen viele MuslimInnen ihre Religiosität an den Alltag an, insbesondere an die Arbeit: 22 Prozent der Musliminnen tragen am Arbeits- oder Ausbildungsplatz ein Kopftuch. Ebenfalls 22 Prozent verrichten am Arbeits- oder Ausbildungsplatz das Pflichtgebet.

 

Eine aktuelle Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte zeigt, dass Österreich im EU-Vergleich relativ schlecht abschneidet, wenn es um das Verhältnis von MuslimInnen und Nicht-MuslimInnen geht. Die Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen (MSNÖ) fasst wesentliche Ergebnisse der Studien zusammen.

 

Fünf verschiedene Praxisformen

Die Studie kritisiert die pauschalen Deutungen muslimischer Praktiken in der Öffentlichkeit: „Viele Darstellungen sind durch holzschnittartige Vereinfachung und Pauschalisierung geprägt. Dies versperrt die Sicht auf die vorhandene Vielfalt religiöser Lebensweisen, Alltagsstrategien und Zukunftsvisionen“. Das Ergebnis zeigt, dass die in Österreich lebenden MuslimInnen sehr unterschiedlich mit ihrer Religion umgehen.

 

Daher entwickelten die Studienautoren fünf verschiedene Praxisformen: Mit 29,6 Prozent ist die größte Gruppe jene der „pragmatischen Religiosität“, die die Autoren als hochreligiös einstufen, wobei muslimische Vorschriften und Regeln an die jeweilige Lebensrealität angepasst werden. An zweiter Stelle folgt die religionsferne Kategorie „Religiosität als kulturelle Gewohnheit“. Zu den kleineren Gruppen gehören die „ungebundene Restreligiosität“ (religionsfern), die „offene Religiosität“ (hochreligiös) und die „bewahrende Religiosität“ (hochreligiös/strenggläubig). Mehr Infos zu den verschiedenen Praxisformen hier.

 

Großteil religiös erzogen

Laut der Studie zur muslimischen Diversität erfuhr ein Großteil der in Österreich lebenden MuslimInnen eine religiöse Erziehung. 54,1 Prozent der Befragten geben an, dass sie religiös erzogen wurden. 31,4 Prozent beantworten die Frage nach der religiösen Erziehung mit „teils-teils“. 14,5 Prozent sagen, dass sie gar nicht religiös erzogen wurden.

 

Sind Sie religiös erzogen worden?

Quelle: Institut für Islamisch-Theologische Studien, eigene Darstellung*

 

Fast die Hälfte der befragten MuslimInnen schätzt sich selber als sehr (17,5 Prozent) oder ziemlich religiös (31,5 Prozent) ein, weitere 34,4 Prozent bezeichnen sich als „mittel religös“.

 

22 Prozent tragen Kopftuch am Arbeitsplatz

Trotz der religiösen Erziehung passen viele der in Österreich lebenden MuslimInnen ihre Religion an ihre Arbeit an: So tragen insgesamt 22,3 Prozent der befragten Musliminnen ein Kopftuch am Arbeitsplatz oder Ausbildungsort. Wenig überraschend ist der Anteil jener, die ein Kopftuch am Arbeitsplatz tragen, bei den religionsfernen Praxisformen (Religiosität als kulturelle Gewohnheit und ungebundene Restreligiosität mit 2,5 bzw. 7,5 Prozent) besonders niedrig. Bei den strengreligiösen Musliminnen (bewahrende Religiosität) beträgt der Anteil der Kopftuchträgerinnen 46,2 Prozent. 

 

Umgang mit Kopftuch am Arbeits- bzw. Ausbildungsplatz

Umgang mit Kopftuch am Arbeits- bzw. Ausbildungsplatz, Quelle: Institut für Islamisch-Theologische Studien, eigene Darstellung

 

Relativ ähnlich ist das Verhältnis bei der Verrichtung des Pflichtgebetes am Arbeitsplatz bzw. Ausbildungsort. 22,2 Prozent der befragten MuslimInnen geben an, das Pflichtgebet am Arbeitsplatz zu verrichten. Je religiöser, desto größer wird auch der Anteil jener, die am Arbeitsplatz beten (bewahrende Religiosität: 43,9 Prozent). Zudem geben 35,2 Prozent an, versäumte Pflichtgebete nach der Arbeitszeit nachzuholen.

 

Verrichtung des Pflichtgebets am ArbeitsplatzQuelle: Institut für Islamisch-Theologische Studien, eigene Darstellung

 

Religiosität wird oft Kindern weitergegeben

Geht es um die religiöse Erziehung der Kinder, wird großer Wert auf den Besuch des islamischen Religionsunterricht gelegt: So geben insgesamt 69,6 Prozent der befragten MuslimInnen an, dass die Kinder den islamischen Religionsunterricht besuchen. Einzig bei den VertreterInnen der ungebundenen Restreligiosität sind es nur 18,8 Prozent, die ihre Kinder den islamischen Religionsunterricht besuchen lassen. Bei allen anderen liegt der Wert über 75 Prozent.

 

Besuch des islamischen ReligionsunterrichtsQuelle: Institut für Islamisch-Theologische Studien, eigene Darstellung

 

Gleichzeitig werden schulische Aktivitäten nur wenig problematisch gesehen: 92,4 Prozent lassen ihre Kinder am gemeinsamen Schwimmunterricht teilnehmen und 96,8 Prozent haben kein Problem damit, wenn ihre Kinder an gemeinsamen Schulausflügen teilnehmen.

 

Weniger Offenheit besteht bei der Frage, wie sie es fänden, wenn ihre Kinder einen Partner oder eine Partnerin mit einer anderen Religionszugehörigkeit heiraten würden. Mit 63,6 Prozent sieht das mehr als die Hälfte der Befragten sehr (32,4 Prozent) oder eher bedrohlich (31,2 Prozent). 29,5 Prozent betrachten eine Ehe ihrer Kinder mit einem nicht-muslimischen Partner als eher bereichernd und nur 6,9 Prozent als sehr bereichernd.

 

Erneut sind die VertreterInnen der ungebundenen Restreligiosität jene, deren Einstellung vom Gesamt-Ergebnis abweicht. So finden bei dieser Gruppe 68,8 Prozent eine bi-religiöse Ehe eher bereichernd.

 

Bi-religiöse PartnerInnenschaften der Kinder

Quelle: Institut für Islamisch-Theologische Studien, eigene Darstellung

 

Säkularisierungstendenzen erkennbar

Bei den in Österreich lebenden MuslimInnen zeigen sich zunehmend Säkularisierungstendenzen: 65,3 Prozent von ihnen stimmen überhaupt nicht oder eher nicht zu, dass religiöse VertreterInnen auf Entscheidungen der Regierung Einfluss nehmen sollten. Ein Blick auf die einzelnen Praxisformen zeigt, dass dieser Wert einzig bei den strengreligiösen VertreterInnen der bewahrenden Religiosität nicht über 50 Prozent liegt: In dieser Gruppe stimmen der Aussage 28,6 Prozent „überhaupt nicht“ und 15,5 Prozent „eher nicht zu“.

 

Einflussnahme religiöser VertreterInnen auf die Regierung

Quelle: Institut für Islamisch-Theologische Studien, eigene Darstellung

 

Bei den religionsfernen VerteterInnen der ungebundenen Restreligiosität geht diese Ablehnung der Einflussnahme von Religion auf Politik mit einer generellen Kritik am Islam einher. So sind 45,5 Prozent der Meinung, dass der Islam nicht in die westliche Welt passt. Insgesamt vertreten diese Meinung 31,8 Prozent der befragten MuslimInnen. Besonders gering ist dieser Wert bei den strengreligiösen MuslimInnen mit 19,2 Prozent.

 

Negative Einstellungen gegenüber MuslimInnen

Eine aktuelle Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA)* zeigt, dass die österreichische Bevölkerung im Vergleich zu anderen EU-Staaten ein relativ negatives Verhältnis zu MuslimInnen hat. So geben 31 Prozent der österreichischen Bevölkerung an, dass sie es nicht gut finden würden, wenn sie MuslimInnen als Nachbarn hätten. Damit weist Österreich gemeinsam mit Malta den zweithöchsten Wert auf. Mehr Ablehnung gegenüber MuslimInnen gibt es laut FRA-Studie nur in Zypern.

 

Ablehnung gegenüber MuslimInnenQuelle: FRA, eigene Darstellung

 

Vergleichsweise niedriges Zugehörigkeitsgefühl

Die FRA-Studie fragte zudem MuslimInnen wie zugehörig sie sich dem Land, in dem sie leben, fühlen und hatten dabei die Möglichkeit auf einer Skala von eins („gar nicht zugehörig“) bis fünf („stark zugehörig“) zu antworten. Auch in diesem Bereich schneidet Österreich relativ schlecht ab: So liegt der durchschnittliche Wert in Österreich bei 3,5. Schlechtere Werte weisen nur die Niederlande (3,4) und Italien (3,3) auf.

 

Zugehoerigkeitsgefühl von MuslimInnen FRA-StudieQuelle: FRA, eigene Darstellung

 

Das geht einher mit der erfahrenen Diskriminierung der in der EU lebenden MuslimInnen in den letzten fünf Jahren. In Österreich gaben 21 Prozent der MuslimInnen an, aufgrund der Religion oder den Glaubensvorstellungen diskriminiert worden zu sein. Damit liegt Österreich deutlich über dem Gesamtdurchschnitt (17 Prozent) auf dem dritten Platz – erneut nach den Niederlanden und Italien.

 

Etwas besser schneidet Österreich ab, wenn es um Diskriminierung aufgrund der ethnischen Herkunft oder dem Migrationshintergrund geht. 29 Prozent erfuhren Diskriminierung wegen diesen Gründen.

 

 

 

Weitere Informationen und Kontakte:

 

* In den verwendeten Diagrammen wurden nur Studienteilnehmer miteinbezogen, die einen Fragebogen ausfüllten und eindeutig einer der fünf Praxisformen zuzuordnen waren.

 

** Die Befragung für die FRA-Studie wurde in 15 EU-Mitgliedstaaten zwischen Oktober 2015 und Juli 2016 durchgeführt.

 

Die FRA-Studie „Second European Union Minorities and Discrimination Survey“ steht Ihnen in der IBib zum Download verfügbar.

 

Ednan Aslan, Jonas Kolb, Erol Yildiz: Muslimische Diversität. Ein Kompass zur religiösen Alltagspraxis in Österreich. Springer 2017, 506 Seiten.

 

Institut für Islamisch-Theologische Studien, Projektleiter Jonas Kolb, Tel.: 01-4277-46763, jonas.kolb@univie.ac.at 

 

Politikwissenschaftler Farid Hafez, farid.hafez@univie.ac.at

 

Siehe auch MSNÖ-Artikel:

 

Muslimische Diversität in Österreich: Von strengreligiös bis religionsfern

 

Ramadan-Beginn – Bis zu 700.000 MuslimInnen in Österreich

 

MuslimInnen in Österreich: Integration und Zusammenleben

 

Fact Sheet 26: Verschleierin im Islam

 

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