MuslimInnen in Österreich: Integration und Zusammenleben

MuslimInnen in Österreich: Integration und Zusammenleben

Aug 29, 2017

Factbox

  • Mehrheit der MuslimInnen fühlt sich in Österreich willkommen
  • V.a. MuslimInnen aus Somalia und Tschetschenien sehen sich als sehr religiös
  • Arbeitsmarktintegration: Kein signifikanter Unterschied nach Religionszugehörigkeit
  • Internationaler Vergleich: Österreich „Spitzenreiter“ bei Diskriminierung
  • 37 Prozent der befragten MuslimInnen lernten Deutsch bereits im Kindesalter

 

 

Der Islam und das Zusammenleben mit MuslimInnen beschäftigt nicht nur Politik und Öffentlichkeit, sondern auch die Wissenschaft. So werden immer wieder Studien veröffentlicht, die sich unter anderem mit folgenden Fragen beschäftigen: Wie funktioniert das Zusammenleben mit Nicht-MuslimInnen und MuslimInnen? Welche Werte vertreten MuslimInnen? Wie funktioniert die Integration, wenn es um die Sprache, die Gesellschaft oder den Arbeitsmarkt geht? Und welche Einstellung hat die Mehrheitsgesellschaft gegenüber MuslimInnen?

 

Die Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen (MSNÖ) wirft einen Blick auf Studien, die sich diesen Fragen widmen – wie etwa der Forschungsbericht des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) „Muslimische Gruppen in Österreich. Einstellungen von Flüchtlingen, ZuwanderInnen und in Österreich geborene MuslimInnen im Vergleich“ oder der Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung („Muslime in Europa. Integriert, aber nicht akzeptiert“)

 

Großteil der MuslimInnen fühlt sich in Österreich willkommen

Sowohl die Studie des ÖIF als auch jene der Bertelsmann-Stiftung fragten nach der nationalen Verbundenheit von MuslimInnen. Das Ergebnis: Laut ÖIF-Forschungsbericht fühlen sich 37 Prozent sehr oder eher Österreich verbunden. 35 Prozent fühlen sich ihrem Herkunftsland sehr oder eher verbunden. Insbesondere Befragte aus Syrien, Tschetschenien und Somalia fühlen sich stärker mit ihrem Herkunftsland verbunden. Zudem fühlt sich rund ein Drittel völlig willkommen in Österreich, weitere 45 Prozent fühlen sich „eher schon“ hier zu Hause. Demgegenüber stehen drei Prozent, die sich gar nicht willkommen fühlen.

 

MuslimInnen und Verbundenheit mit Österreich, ÖIF

Quelle: Österreichischer Integrationsfonds

 

Die Studie der Bertelmann-Stiftung zeigt, dass sich rund 70 Prozent sowohl mit dem Herkunftsland als auch mit Österreich verbunden fühlen. Zwölf Prozent fühlen sich nur zum Herkunftsland hingezogen. Im internationalen Vergleich ist der Wert jener, die eine stärkere Verbundenheit zum Herkunftsland fühlen, in Österreich deutlich höher als bei den Vergleichsländern Deutschland, dem Vereinigten Königreich, Frankreich (jeweils drei Prozent) und der Schweiz (ein Prozent).

 

MuslimInnen und Verbundenheit mit Österreich, Bertelsmann

Quelle: Bertelsmann-Stiftung

 

Mehr als die Hälfte der MuslimInnen mittelreligiös

Laut der Studie der Bertelsmann-Stiftung bezeichnen sich 52 Prozent der befragten MuslimInnen als mittelreligiös, 42 Prozent als hochreligiös. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sind MuslimInnen damit deutlich religiöser als der Rest der ÖsterreicherInnen. So gaben nur 18 Prozent der österreichischen Gesamtbevölkerung an, hochreligiös zu sein.

 

Im Vergleich zu den anderen Ländern liegt Österreich im Mittelfeld: Während im Vereinigten Königreich deutlich mehr hochreligiöse MuslimInnen (64 Prozent) leben, sind es in der Schweiz um einiges weniger (26 Prozent).

 

Religiosität Bertelsmann-Stiftung

Quelle: Bertelsmann-Stiftung

 

Die ÖIF-Studie schlüsselt bei der Frage nach der Religiosität zusätzlich nach Herkunftsland auf. Hier zeigen sich deutliche Unterschiede: So bezeichnen sich BosnierInnen nur zu 13 Prozent als sehr gläubig, bei TürkInnen liegt dieser Wert bei 37 Prozent. Die meisten „sehr Gläubigen“ finden sich bei Herkunftsländern von Geflüchteten: Allen voran bei SomalierInnen (69 Prozent), gefolgt von TschetschenInnen (50 Prozent) und SyrerInnen (32 Prozent).

 

Religiosität ÖIF

Quelle: Österreichischer Integrationsfonds

 

Bildung und Sprache

Eine der Voraussetzungen für Integration ist der Erwerb von Deutschkenntnissen. Aus der Studie des Bertelsmann-Instituts wird ersichtlich, dass insgesamt 37 Prozent der befragten MuslimInnen aus Österreich Deutsch bereits im Kindesalter gelernt haben. Große Unterschiede gibt es dabei je nach Zuwanderungsgeneration: So liegt dieser Anteil bei der ersten Generation bei 21 Prozent, bei in Österreich Geborenen bei 70 Prozent.

 

Gegenüber den Vergleichsländern schneidet Österreich hier relativ schlecht ab: Die höchsten Anteile des Landesspracherwerbs im Kindesalter weisen Frankreich (74 Prozent) und das Vereinigte Königreich (59 Prozent) auf, gefolgt von Deutschland (46 Prozent). Hinter Österreich liegt die Schweiz (34 Prozent).

 

Spracherwerb, Bertelsmann-Stiftung

Quelle: Bertelsmann-Stiftung

 

Im Bereich der Bildung zeigt sich ein ähnliches Ergebnis. So wirft die Studie einen Blick darauf, wie lange die Bildungskarrieren von MuslimInnen, die bereits in dem Land geboren wurden, in dem sie nun leben, dauern. In Österreich besuchten 39 Prozent der hier geborenen MuslimInnen die Schule nur bis zum 17. Geburtstag. Deutlich höher ist der Anteil vom im Land geborenen MuslimInnen mit geringer Bildungsdauer in der Schweiz (74 Prozent). In Frankreich hingegen liegt der Anteil bei elf Prozent.

 

Eine weitere Studie zur muslimischen Diversität in Österreich beschäftigt sich mit der Alltagspraxis der Religiosität. Die Studie wurde – unter der Leitung von Ednan Aslan – vom Institut für Islamisch-Theologische Studien durchgeführt. Unter anderem zeigt die Studie, dass in Österreich ein großer Wert auf den Besuch des islamischen Religionsunterrichts gelegt wird: 69,6 Prozent der befragten MuslimInnen geben an, dass die Kinder den islamischen Religionsunterricht besuchen. Gleichzeitig werden schulische Aktivitäten nur wenig problematisch gesehen: 92,4 Prozent lassen ihre Kinder am gemeinsamen Schwimmunterricht teilnehmen und 96,8 Prozent haben kein Problem damit, wenn ihre Kinder an gemeinsamen Schulausflügen mitgehen.

 

Arbeitsmarktintegration: Kein signifikanter Unterschied nach Religionszugehörigkeit

Die Bertelsmann-Stiftung sah sich zudem den Erwerbsstatus von MuslimInnen im Vergleich zu Nicht-MuslimInnen an. Demnach gibt es zwar eine tendenziell geringere Arbeitsmarkt-Beteiligung von MuslimInnen, es konnte – bezogen auf die Gesamtgruppe – jedoch kein signifikanter Unterschied zwischen MuslimInnen und Nicht-MuslimInnen gefunden werden. Einzig in Frankreich und Österreich ist der Anteil an Teil- und Vollzeiterwerbstätigen bei MuslimInnen etwas geringer als bei Nicht-MuslimInnen.

 

Arbeitsmarktintegration, Bertelsmann

Quelle: Bertelsmann-Stiftung

 

Ein etwas größerer Unterschied zeigt sich bei der Aufschlüsselung nach Geschlecht. So sind laut Studie in Österreich 43 Prozent der nichtmuslimischen Frauen und 34 Prozent muslimische Frauen Vollzeit beschäftigt.

 

Einstellung zum österreichischen Rechtsverständnis

Im Forschungsbericht des ÖIF werden Fragen über die österreichischen Rechtsvorschriften gestellt – z. B ob gläubige MuslimInnen die hiesigen Rechtsvorschriften und Gesetze als angemessen wahrnehmen. Dem stimmen BosnierInnen mit 76 Prozent am häufigsten zu, gefolgt von TürkInnen (66 Prozent). Geflüchtete stimmen dieser Aussage zu 55 Prozent zu.

 

Der Aussage, dass islamische Rechtsvorschriften beachtet werden sollen, stimmen MuslimInnen aus Tschetschenien am häufigsten zu (36 Prozent), gefolgt von AfghanInnen (30 Prozent) und SomalierInnen (24 Prozent).

 

Islamische Rechtsvorschriften in Österreich

Quelle: Österreichischer Integrationsfonds

 

In puncto Gleichberechtigung liegen geflüchtete Personen an der Spitze: So stimmen 38 Prozent der Flüchtlinge der Aussagen zu, dass alle Menschen gleich vom österreichischen Staat behandelt werden sollen. TürkInnen stimmen dem zu 21 Prozent zu, BosnierInnen zu 15 Prozent.

 

Diskriminierung: Österreich „Spitzenreiter“

Laut Bertelsmann-Stiftung gaben insgesamt 56 Prozent der befragten MuslimInnen an, noch nie diskriminiert worden zu sein. Deutlich unter diesem Wert liegt Österreich. Mit 32 Prozent berichten nur halb so viele in Österreich lebende MuslimInnen von Diskriminierungsfreiheit wie in der Schweiz (65 Prozent) oder in Deutschland (63 Prozent).

 

Diskriminierungserfahrungen, Bertelsmann

Quelle: Bertelsmann-Stiftung

 

Dieses Ergebnis geht einher mit einer Ablehnung muslimischer Nachbarn. So lehnen 28 Prozent der in Österreich lebenden Nicht-MuslimInnen MuslimInnen in der eigenen Nachbarschaft ab. Am geringsten ist diese Ablehnung in Frankreich (14 Prozent).

 

MuslimInnen als Nachbarn, Bertelsmann

Quelle: Bertelsmann-Stiftung

 

Ein ähnliches Ergebnis erzielte der Integrationsbarometer des ÖIF, der zwischen Juni und Dezember 2016 1.000 ÖsterreicherInnen zum Zusammenleben mit ZuwanderInnen befragt hat. Demnach bewerten 45 Prozent der Befragten das Zusammenleben als sehr oder eher gut war, während 51 Prozent das Zusammenleben als sehr oder eher schlecht bewerten.

 

Etwas anders fiel die Beantwortung der Frage zum Zusammenleben zwischen MuslimInnen und Nicht-MuslimInnen aus: Nur 27 Prozent bewerten dieses als sehr oder eher positiv, 61 Prozent sind der Meinung, dass es sehr oder eher schlecht funktioniere.

 

Integrationsbarometer ÖIF Dezember 2016

Integrationsbarometer 2017, Quelle: Österreichischer Integrationsfonds, eigene Darstellung

 

 

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