Migration und Alter werden Thema in Wien: Handlungsbedarf im Pflegebereich

Migration und Alter werden Thema in Wien: Handlungsbedarf im Pflegebereich

Apr 5, 2017

Factbox

  • Wachstum der 60plus-Bevölkerung in Wien durch Personen ausländischer Herkunft
  • 56 Prozent der MigrantInnen wollen im Alter in Wien bleiben
  • Universelle Faktoren wie Respekt dominieren Wünsche an Pflegeangebote
  • Kulturelle/religiöse Aspekte nebensächlich – Betreuung in eigener Wohnung bevorzugt
  • MigrantInnen leiden häufiger an chronischen Krankheiten
  • Handlungsempfehlungen: Zielgerichteter Informationszugang und integrative Angebote

 

Noch sind ältere MigrantInnen eine relativ kleine Gruppe in Wien. Eine von der MA24 herausgegebe Studie zeigt jedoch auf, dass Migration und Alter künftig ein wichtiges Thema werden, das Wien im Bereich Betreuung und Pflege vor Herausforderungen stellen wird. Anlässlich des Weltgesundheitstages, der jährlich am 7. April begangen wird, fasst die Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen (MSNÖ) Ergebnisse zusammen.

 

Wie bewerten MigrantInnen in Wien ihr eigenes Älterwerden und die derzeitige Situation von Betreuungs- und Pflegeeinrichtungen? Wie sieht es mit ihrem Informationsstand aus? Welche Barrieren gibt es im Pflegebereich, welche Erwartungen gibt es vonseiten der MigrantInnen? Diese und weitere Fragen werden im Rahmen der Studie „Einfluss der Migration auf Leistungserbringung und Inanspruchnahme von Pflege- und Betreuungsleistungen in Wien“ behandelt, in der MigrantInnen aus fünf verschiedenen Herkunftsgruppen (Türkei, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Polen, Iran) befragt wurden.

 

Immer mehr ältere MigrantInnen leben in Wien

1,84 Millionen Menschen leben in Wien (Stichtag 1. Jänner 2016). Etwa 1,2 Millionen wurden in Österreich, 634.933 im Ausland geboren. Somit sind 34,5 Prozent der in Wien lebenden Personen nicht in Österreich geboren. Von jenen wiederum, die im Ausland geboren wurden, sind 108.155 über 60 Jahre alt. Eine Zahl, die im Verlauf der vergangenen zehn Jahre kontinuierlich anstieg. Prozentuell lag der Anteil der 60plus-Generation an allen nicht in Österreich geborenen Personen 2007 bei 15,5 Prozent, 2016 bei 17 Prozent.

 

Personen über 60 nach Geburtsland in Wien

Personen über 60 Jahre nach Geburtsland in Wien, jeweils am 1.1. des Jahres, Quelle: Statistik Austria, eigene Darstellung

 

Bis 2040: Über eine halbe Million über 60

Die Studie geht davon aus, dass die Zahl der Älteren in Wien in den nächsten Jahren deutlich zunehmen wird: Von derzeit rund 396.000 Personen, die über 60 Jahre sind, auf etwa 530.000 im Jahr 2040. „Diese Alterung ist in hohem Maße auf die dynamische Bevölkerungsentwicklung zurückzuführen, von der Wien seit den 1900er Jahren erfasst ist, d.h. die prognostizierte demographische Entwicklung betrifft in hohem Maße die Bevölkerung ausländischer Herkunft“, heißt es in der Studie.

 

Bis 2030 wird es laut Hochrechnungen insbesondere bei Personen, die in Serbien, Bosnien-Herzegowina und der Türkei geboren wurden, eine Steigerung der 60plus-Jährigen geben. Langfristig (bis 2040) nimmt die ältere Bevölkerung aus Ostmitteleuropa (Polen, Rumänien, Bulgarien, Slowakei) zu.

 

Hochrechnung der Wiener Bevölkerung 60plus 2012 bis 2040 nach Geburtsland,

Hochrechnung der Wiener Bevölkerung 60plus 2012 bis 2040 nach Geburtsland, Quelle: MA 24 / Institut für Soziologie

 

Mehrheit will im Alter in Wien bleiben

Die in der Studie befragten Personen sind im Durchschnitt bereits seit rund 30 Jahren in Österreich. 52 Prozent migrierten, um Arbeit zu finden, 33 Prozent kamen durch eine Familienzusammenführung und 17 Prozent als Schutzsuchende bzw. AsylwerberInnen nach Österreich. Etwa die Hälfte der befragten Personen sind österreichische StaatsbürgerInnen.

 

Eine deutliche Mehrheit der Befragten gibt an, im Alter in Wien bleiben zu wollen. Nur acht Prozent sagen, dass sie nicht in Österreich bleiben wollen. 56 Prozent wollen auf jeden Fall in Wien bleiben. Insbesondere Personen aus der Türkei und dem Iran haben vor, auch künftig in Wien zu leben – wie folgende Tabelle zeigt:

 

„Haben Sie vor, auch Ihr Alter in Wien zu verbringen?“, Quelle: MA 24 / Institut für Soziologie

„Haben Sie vor, auch Ihr Alter in Wien zu verbringen?“, Quelle: MA 24 / Institut für Soziologie

 

Dementsprechend empfinden nur sechs Prozent negative Gefühle, wenn sie an das Älterwerden in Österreich denken. 42 Prozent blicken mit positiven Gefühlen auf das Älterwerden in diesem Land, 28 Prozent haben gemischte Gefühle.

 

Gefühle beim Älterwerden, Quelle: MA 24 / Institut für Soziologie

Gefühle beim Älterwerden, Quelle: MA 24 / Institut für Soziologie

 

Als positive Aspekte werden das Sozial- und Gesundheitssystem (155 Nennungen), Sicherheit und Stabilität (46 Nennungen), Ordnung (42 Nennungen) sowie die Familie, die in Österreich lebt (40 Nennungen), genannt. Bei den negativen Aspekten dominieren Heimweh (37 Nennungen), Einsamkeit (29 Nennungen) und die Abwesenheit von Familie und FreundInnen (17 Nennungen).

 

MigrantInnen leiden häufiger an chronischen Erkrankungen

Gefragt wurde auch nach der subjektiven Beurteilung des Gesundheitszustandes. Am häufigsten bewerten die Befragten ihre Gesundheit mit „ab und zu Beschwerden“ (39 Prozent). 24 Prozent berichten ebenfalls von Beschwerden, die ab und zu auftreten, aber durch die notwendige ärztliche Behandlung zusätzlich an Gewicht bekommen. Von chronischen Erkrankungen, die ärztliche Behandlungen benötigen, berichten 15 Prozent. Vier Prozent sind auf Hilfe und Pflege angewiesen. Überdurchschnittlich oft berichten Personen aus Serbien und der Türkei von chronischen Erkrankungen.

 

Subjektive Beurteilung des Gesundheitszustandes, Quelle: MA 24 / Institut für Soziologie

Subjektive Beurteilung des Gesundheitszustandes, Quelle: MA 24 / Institut für Soziologie

 

Jede/r Fünfte hat sich über Pflegeangebote informiert

21 Prozent der befragten Personen haben sich bereits über Pflege- und Betreuungsangebote in Wien informiert, zu einem großen Teil (67 Prozent) waren es Frauen. Zurückgegriffen wird dabei meist auf FreundInnen, Bekannte bzw. Familie und Verwandte. Eine ähnliche hohe Rolle spielt der Hausarzt bei der Beschaffung von Informationen. 27 Prozent jener Personen, die sich noch informieren wollen, wissen nicht, wo sie das tun sollen.

 

Information und Rat holen, Quelle: MA 24 / Institut für Soziologie

Information und Rat holen, Quelle: MA 24 / Institut für Soziologie

 

Mehr als die Hälfte befürchtet zu teure Angebote

Bezüglich der möglichen Inanspruchnahme von Betreuungs- und Pflegeeinrichtungen gibt es ein hohes Maß an Unsicherheit und Ungewissheit bei den MigrantInnen. So wurden viele Fragen zu Befürchtungen und Problemen mit „weiß nicht“ beantwortet. Bei der Frage, ob befürchtet wird, dass die Angebote den Bedürfnissen nicht entsprechen werden, antworteten 27 Prozent mit „weiß nicht“ (30 Prozent stimmen der Aussage zu).

 

Die größte Zustimmung gab es bei der Befürchtung, dass die Angebote zu teuer sind (52 Prozent), gefolgt von der Befürchtung, zu wenig Bescheid zu wissen (44 Prozent). Zudem stimmten jeweils 35 Prozent dem Problem zu, Papiere nicht zu verstehen bzw. etwas falsch zu machen. Vergleichsweise wenige stimmen dem Problem zu, dass ihre Werte und religiöse Überzeugungen in den Einrichtungen nicht berücksichtigt werden (16 Prozent) oder dass sie diskriminiert werden könnten (19 Prozent).

 

Vor allem türkische MigrantInnen befürchten Sprachprobleme oder fehlende Begleitung. Am wenigsten besorgt zeigen sich iranische MigrantInnen:

 

Aussagen zu Befürchtungen und Problemen (Zustimmungen von 30 Prozent und mehr in rot), Quelle: MA 24 / Institut für Soziologie

Aussagen zu Befürchtungen und Problemen (Zustimmungen von 30 Prozent und mehr in rot), Quelle: MA 24 / Institut für Soziologie

 

Betreuung in eigener Wohnung bevorzugt

Gefragt nach dem Ort, an dem man im Falle einer Pflegebedürftigkeit leben möchte, bevorzugt der Großteil der Befragten das Bleiben in der eigenen Wohnung mit einer Betreuung durch mobile Dienste (68 Prozent) bzw. durch die Familie oder Verwandte (50 Prozent). Geringer ist der Anteil jener, die in der eigenen Wohnung von einer professionellen, zu zahlenden Betreuung gepflegt werden will (32 Prozent).

 

39 Prozent können sich vorstellen, in eine für alle offene Einrichtung zu ziehen, etwas weniger (31 Prozent) bevorzugen eine Einrichtung speziell für Landsleute. Die Bereitschaft, in eine stationäre Einrichtung zu ziehen, sinkt laut Studie durch gemachte Diskriminierungserfahrungen und der Angst vor Einsamkeit im Alter ab. Nur für wenige Personen ist es eine Option, im Falle einer Pflegebedürftigkeit in das Herkunftsland zurückzukehren (17 Prozent).

 

Kulturelle Aspekte bei Pflegeangeboten nebensächlich

Bei den Erwartungen an etwaige Pflegekräfte dominieren universelle Erwartungen und Wünsche: So sind den Befragten Faktoren wie Respekt (96 Prozent), Verständnis (90 Prozent) und Ausbildung (80 Prozent) am wichtigsten. Am unteren Ende der Liste finden sich die Punkte muttersprachliche Betreuung (47 Prozent), gleiches Geschlecht (46 Prozent) und gleiche Volksgruppe (26 Prozent).

 

„Wenn Sie betreut und gepflegt werden müssen: Welche Erwartungen haben Sie gegenüber der betreuenden bzw. pflegenden Person?“, Quelle: : MA 24 / Institut für Soziologie

„Wenn Sie betreut und gepflegt werden müssen: Welche Erwartungen haben Sie gegenüber der betreuenden bzw. pflegenden Person?“, Quelle: : MA 24 / Institut für Soziologie, eigene Darstellung

 

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Erwartungen an ein PensionstInnen-Heim: Ganz oben stehen Wünsche wie Geborgenheit (91 Prozent), gute Nachbarschaft (90 Prozent), Ruhe und Naturnähe sowie ein Ort des Rückzugs und der Intimität (jeweils 88 Prozent). Kriterien, die sich auf die Herkunft oder die Religion beziehen, sind am unteren Ende der Liste zu finden: 39 Prozent wünschen sich Gebetsräume, 37 Prozent erwarten ein Umfeld aus verschiedenen Kulturen, Sprachen und Religionen.

 

„Wenn Sie an ein PensionistInnenwohnhaus denken, das Ihren Idealvorstellungen entspricht: Bitte sagen Sie mir zu jedem Thema, wie wichtig es Ihnen ist?“, Quelle: MA 24 / Institut für Soziologie, eigene Darstellung

„Wenn Sie an ein PensionistInnenwohnhaus denken, das Ihren Idealvorstellungen entspricht: Bitte sagen Sie mir zu jedem Thema, wie wichtig es Ihnen ist?“, Quelle: MA 24 / Institut für Soziologie, eigene Darstellung

 

Handlungsempfehlungen: Zielgerichteter Informationszugang und integrative Angebote

Neben der Notwendigkeit einer ein- und ganzheitlichen Strategie im Umgang mit Diversität und Migration in der Pflege lassen sich laut Studie folgende drei zentrale Handlungsempfehlungen ableiten:

 

Zielgerichteter und persönlicher Zugang zu Informationen: Informationen sollen so aufbereitet werden, dass sie den lebensweltlichen Realitäten der MigrantInnen entsprechen (Sprache, Bildung, Anpassung an Bedarfs- und Problemlagen etc.). Die Informationen sollen dabei nicht nur in Form von Broschüren aufgelegt, sondern durch „Mittelspersonen“ an die Menschen gebracht werden.

 

Schaffung inklusiver und integrativer Angebote: Durch die Ergebnisse sei klar geworden, dass (teil-)stationäre Einrichtungen nicht auf Segregation ausgerichtet sein dürfen. Empfohlen wird stattdessen, im Rahmen der bereits bestehenden Regelangebote Wohneinheiten für bestimmte MigrantInnen- bzw. Milieugruppen zu schaffen. Zudem sprechen sich die AutorInnen der Studie für ein mehr- bzw. muttersprachig kompetentes Personal in den Einrichtungen aus.

 

Zugang zu Bildung im Pflegebereich erleichtern: Eine weitere zentrale Empfehlung ist ein verbesserter Zugang von MigrantInnen zu Pflegeberufen. Konkret sollen strukturelle Hindernisse in der Ausbildung abgebaut und Rollenvorbilder gezielt geschaffen werden. In der Ausbildung selber gelte es, verstärkt Kurse im Bereich der transkulturellen Pflege anzubieten. Trägerorganisationen in der Pflege sollen zudem MitarbeiterInnen mit entsprechendem Sprachkenntnissen und inter- sowie transkulturellem Know-How einstellen.

 

 

Weiterführende Informationen und Kontakte:

 

Die Studie „Einfluss der Migration auf Leistungserbringung und Inanspruchnahme von Pflege- und Betreuungsleistungen in Wien“ steht in der iBib zum Download zu Verfügung

 

Projektleitung der Studie: Christoph Reinprecht, Tel.: 01 / 4277-48135, christoph.reinprecht@univie.ac.at

 

Norbert Schnurrer, Mediensprecher Büro Stadträtin Sandra Frauenberger, Tel.: 01/4000 81231,  norbert.schnurrer@wien.gv.at

 

MSNÖ-Artikel: Situation älterer MigrantInnen: Später in Pension

 

MSNÖ-Artikel: Gesundheit: MigrantInnen fühlen sich schlechter

 

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