Integrationsgesetz beschlossen – WIFO-Studie sieht viele Herausforderungen

Integrationsgesetz beschlossen – WIFO-Studie sieht viele Herausforderungen

Mrz 29, 2017

Factbox

  • Mehr und verpflichtende Deutsch- und Wertekurse, Vollverschleierungsverbot
  • Österreich schneidet bei Arbeitsmarktintegration besser ab als andere Länder
  • Niedrige Beschäftigungsquoten insbesondere bei türkische MigrantInnen
  • MigrantInnen öfters niedrigqualifiziert als im Inland Geborene
  • Deutliche Schlechterstellung von MigrantInnen bei Wohnsituation
  • Im internationalen Vergleich weist Österreich niedrige Einbürgerungsrate auf

 

Die österreichische Regierung hat sich auf ein Integrationspaket geeinigt: Am 28. März 2017 wurde das neue Gesetz im Ministerrat verabschiedet, in dem mehrere Regelungen verankert sind. Indes zeigt eine Studie des österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO), dass Österreich im internationalen Vergleich in einigen Bereichen der Integration besser, in anderen schlechter abschneidet – ersteres etwa bei der Arbeitsmarkt-Integration, letzteres z.B. im Bereich der Bildung oder bei der Wohnsituation von MigrantInnen.

 

Die Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen (MSNÖ) fasst die Eckpunkte des neuen Gesetztes zusammen und liefert einen detaillierteren Blick auf die Studie.

 

Eckpunkte des neues Integrationsgesetzes

Das von der Regierung beschlossene Integrationspaket umfasst mehrere Gesetze. Wesentliche Eckpunkte sind der Ausbau von Deutschkursen sowie österreichweite Angebote an Wertekursen für Asylberechtigte, subsidiär Schutzberechtigte und Asylwerbende mit hoher Anerkennungswahrscheinlichkeit. Eben diese Gruppe wird im Rahmen eines Integrationsjahrgesetzes zur gemeinnützigen Tätigkeit verpflichtet.

 

Die Teilnahme an Deutsch – und Wertekursen ist verpflichtend, bei Verweigerungen drohen Strafen. So kann es künftig zu Kürzungen bei der Mindestsicherung kommen. Darüber hinaus gibt es für Drittstaatsangehörige Änderungen bei der Integrationsvereinbarung, bundesweit gibt es künftig eine einheitliche Integrationsprüfung. Weiters sind ein Vollverschleierungsverbot in der Öffentlichkeit sowie ein Verbot der Koranverteilung durch radikale Gruppierungen vorgesehen.

 

Arbeitsmarkt-Integration: Österreich durchaus erfolgreich

Österreich ist laut der WIFO-Studie „Österreich als Zuwanderungsland“ im Vergleich zu anderen traditionellen, vergleichbaren Zuwanderungsländern (Belgien, Frankreich, Deutschland, Niederlande) relativ erfolgreich: So lag die Beschäftigungsquote bei jenen Personen, die im Ausland geboren wurden, im Jahr 2012 um 7,2 Prozentpunkte unter jenen in Österreich geborenen Personen. In den anderen untersuchten Ländern bewegt sich der Unterschied zwischen 7,8 (Frankreich) und 13,7 Prozentpunkten (Niederlande).

 

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Arbeitslosenquote: Diese ist bei im Ausland geborene Personen um fünf Prozentpunkte höher als bei im Inland geborenen Personen. Damit belegt Österreich innerhalb der untersuchten Ländergruppe den zweiten Platz nach Deutschland (3,6 Prozentpunkte Unterschied).

 

Unterschiede zwischen im In- und Ausland geborenen Arbeitskräften in Prozentpunkten 2012

Unterschiede zwischen im In- und Ausland geborenen Arbeitskräften in Prozentpunkten 2012, Quelle: WIFO, eigene Darstellung

 

Gleichzeitig sind im Ausland geborene Personen häufiger überqualifiziert beschäftigt: Laut den Ergebnissen der WIFO-Studie liegt der Unterschied in Österreich bei 9,2 Prozentpunkten. Damit liegt Österreich nach Frankreich (7,3 Prozentpunkte) und den Niederlanden (8,4 Prozentpunkten) auf dem dritten Platz.

 

Eine WIFO-Sonderauswertung auf Basis der Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung 2014 zeigt gleichzeitig starke Unterschiede bei MigrantInnen. Insbesondere in der Türkei geborene Personen schneiden schlecht ab: So liegt der Unterschied zu in Österreich Geborenen bei der Beschäftigungsquote bei -21,2 Prozentpunkten, gleichzeitig ist die Arbeitslosenquote um 14,6 Prozent höher. Personen, die im ehemaligen Jugoslawien geboren wurden, weisen im Vergleich zu in Österreich geborenen Personen eine geringere Beschäftigungsquote um 7,7 Prozentpunkte auf, die Arbeitslosenquote ist um sechs Prozentpunkte höher.

 

Weiters betonen die StudienautorInnen die Wichtigkeit sprachlicher Integration: So zeigt die Sonderauswertung, dass es bei im Ausland geborenen Personen, die Deutsch wie eine Muttersprache bzw. auf einem fortgeschrittenen Niveau sprechen, im Vergleich zu im Inland geborenen Personen nur geringe Unterschiede bei der Beschäftigungsquote gibt.

 

Bildungsintegration: MigrantInnen öfter niedrig- und höherqualifiziert

Ein Blick auf die höchste abgeschlossene Ausbildung der Bevölkerung zeigt, dass MigrantInnen der ersten Generation im Vergleich zu in Österreich geborenen Personen einerseits häufiger maximal einen Pflichtschulabschluss (Unterschied 17 Prozentpunkte), andererseits aber auch häufiger einen tertiären Abschluss haben (Unterschied 0,7 Prozentpunkte).

 

Österreich ist damit das einzige Land innerhalb der untersuchten Ländergruppe, in dem MigrantInnen öfter über eine tertiäre Ausbildung verfügen als im Inland geborene Personen. Beim Anteil der niedrigqualifizierten MigrantInnen liegt Österreich im Mittelfeld.

 

Höchste abgeschlossene Ausbildung: Unterschiede im Anteil an der erwerbsfähigen Bevölkerung zwischen im In- und im Ausland geborenen Personen in Prozentpunkten 2012

Höchste abgeschlossene Ausbildung: Unterschiede im Anteil an der erwerbsfähigen Bevölkerung zwischen im In- und im Ausland geborenen Personen in Prozentpunkten 2012, Quelle: WIFO, eigene Darstellung

 

Deutliche Unterschiede zwischen MigrantInnen der ersten Generation und autochthonen ÖsterreicherInnen (im Inland Geborene, deren beide Eltern im Inland geboren wurden) zeigen sich beim Schulerfolg: So ist der Anteil der MigrantInnen, die die Schule vorzeitig abbrechen, um 11,5 Prozentpunkte höher als bei autochthonen ÖsterreicherInnen. Verglichen mit den anderen Ländern ist das der höchste Wert.

 

Zudem ist der Anteil der 15 – 34-jährigen Personen, die sich weder in Ausbildung noch in Beschäftigung befinden (NEET), bei MigrantInnen der ersten Generation um 11,4 Prozentpunkte höher als bei im Inland geborenen Personen, deren Eltern ebenfalls im Inland geboren wurden. Besonders groß ist der Unterschied bei SchülerInnen mit Leseschwäche (20,6 Prozentpunkte).

 

Schulischer Erfolg: Unterschied von im Ausland geborenen Personen zu im Inland geborenen Personen mit zwei im Inland geborenen Eltern in Prozentpunkten 2012

Schulischer Erfolg: Unterschied von im Ausland geborenen Personen zu im Inland geborenen Personen mit zwei im Inland geborenen Eltern in Prozentpunkten 2012, Quelle: WIFO, eigene Darstellung

 

Auch bei der zweiten Zuwanderungsgeneration (im Inland geboren, beide Eltern im Ausland geboren) ist der Unterschied in allen drei Bereichen im Vergleich zu autochthonen ÖsterreicherInnen hoch: So ist der Anteil der frühen SchulabbrecherInnen bei MigrantInnen um 10,4 Prozentpunkte höher, bei den SchülerInnen mit Leseschwäche liegt der Unterschied bei 16,3 Prozentpunkten und bei jenen, die sich weder in Ausbildung noch in Beschäftigung befinden, bei 14,9 Prozentpunkten.

 

Soziale Inklusion: Schlechterstellung bei Einkommen, Armutsgefährdung und Wohnen

Die WIFO-Studie gibt einen Einblick in die soziale Inklusion von MigrantInnen und bezieht sich dabei auf die Punkte Einkommen, Armutsgefährdung und Wohnen.

 

In puncto Einkommen stellt das WIFO fest, dass etwa ein Fünftel des Haushaltseinkommens von im Ausland geborenen Personen zum untersten Segment gehören. Damit befinden sich Haushalte mit im Ausland Geborenen mehr als doppelt so oft in der Gruppe der Niedrigsteinkommens-BezieherInnen als inländische Haushalte. Im internationalen Vergleich liegt Österreich hier um 1,7 Prozentpunkte über dem EU-Durschnitt.

 

Damit einhergehend zeigt sich ein ähnliches Bild bei der Armutsgefährdung: Österreich liegt in der untersuchten Ländergruppe im Mittelfeld. Die Unterschiede zwischen den in Österreich und im Ausland geborenen Personen sind trotzdem hoch. So ist der Anteil der vom Armutsrisiko bedrohten Personen bei MigrantInnen um 13,7 Prozentpunkte höher als bei in Österreich geborenen Personen. Bei der Kinderarmut liegt der Unterschied sogar bei 24,5 Prozentpunkten (siehe auch MSNÖ-Artikel: Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung – 485.000 AusländerInnen betroffen).

 

Anteil der Bevölkerung mit Armutsgefährdung: Unterschied zwischen im Aus- und Inland geborene Personen in Prozentpunkten 2012

Anteil der Bevölkerung mit Armutsgefährdung: Unterschied zwischen im Aus- und Inland geborene Personen in Prozentpunkten 2012, Quelle: WIFO, eigene Darstellung

 

Eine besonders starke Schlechterstellung von MigrantInnen zeigt sich laut WIFO bei der Wohnsituation: Der Anteil der WohnungseigentümerInnen war im Jahr 2012 bei den im Ausland Geborenen um 31,9 Prozentpunkte niedriger als bei im Inland Geborenen. Gleichzeitig waren Haushalte mit im Ausland geborenen Personen um 22,9 Prozentpunkte öfters von beengten Wohnverhältnissen und um 4,8 Prozentpunkte öfter von belastenden Wohnkosten betroffen (siehe auch MSNÖ-Artikel: Wohnsituation von MigrantInnen und AusländerInnen).

 

Insbesondere in Bezug auf die beengten Wohnverhältnisse ist die Situation in Österreich im internationalen Vergleich schlecht. Der Unterschied zwischen im In- und Ausland geborenen Personen liegt hier bei allen anderen untersuchten Ländern unter zehn Prozentpunkten.

 

Anteil der Bevölkerung mit Wohnungseigentum, in beengten Wohnverhältnissen und mit belastenden Wohnkosten: Unterschiede zwischen im Aus- und Inland geborenen Personen in Prozentpunkten 2012

Anteil der Bevölkerung mit Wohnungseigentum, in beengten Wohnverhältnissen und mit belastenden Wohnkosten: Unterschiede zwischen im Aus- und Inland geborenen Personen in Prozentpunkten 2012, Quelle: WIFO, eigene Darstellung

 

Einbürgerungen in Österreich auf niedrigem Niveau

Im Vergleich zu den anderen untersuchten Ländern wurden in Österreich nur relativ wenige Personen eingebürgert: So haben im Jahr 2012 laut der WIFO-Studie rund 52,9 Prozent der im Ausland geborenen Personen, die bereits über zehn Jahre in Österreich leben, eine österreichische Staatsbürgerschaft. Das ist nicht nur der niedrigste Wert innerhalb der untersuchten Ländern, sondern liegt auch 4,6 Prozentpunkte unter dem EU-Durchschnitt.

 

Einbürgerungen Vergleich 2017

Anteil der im Ausland geborenen Personen mit der Staatsbürgerschaft des Gastlandes in Prozent 2012, Quelle: WIFO, eigene Darstellung

 

Weitere Informationen und Kontakte:

 

Die Studie „Österreich als Zuwanderungsland“ ist auf der Seite des WIFO sowie in der IBib downloadbar.

 

Kontakt zu den StudienautorInnen: Peter Huber – peter.huber@wifo.ac.at, Thomas Horvath – thomas.horvath@wifo.ac.at und Julia Bock-Schappelwein – julia.bock-schappelwein@wifo.ac.at

 

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