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Bosnische Community: Mehr als 200.000 Personen

Bosnische Community: Mehr als 200.000 Personen

Jan 9, 2017

Factbox

  • In Österreich leben knapp 94.000 bosnische StaatsbügerInnen
  • Wien und Oberösterreich bilden ein Zentrum der Community
  • Einbürgerungen: Ehemalige BosnierInnen an erster Stelle
  • 90.000 Personen flüchteten in 1990er von Bosnien-Herzegowina nach Österreich
  • Die Vereinslandschaft ist vor allem in Linz, Wien und Innsbruck aktiv

 

Die tiefe Kluft zwischen den Nationalitäten im komplizierten Staatsgebilde Bosnien-Herzegowinas besteht auch 21 Jahre nach Kriegsende. Die bosnischen Serben feiern am 9. Jänner (an diesem Tag wurde im Jahr 1992 die Republika Srpska ausgerufen) den Nationalfeiertag, die Regierung der bosniakisch-kroatischen Föderation in Sarajevo erkennt diesen Feiertag nicht an. Politische Diskussionen und Streitigkeiten im Land halten an und erhalten immer wieder internationale Dimensionen.

 

In Österreich verfolgen die Menschen mit bosnischen Wurzeln die Geschehnisse in ihrer (alten) Heimat durchaus. Schätzungen gehen davon aus, dass mehr als 200.000 Personen mit bosnischen Wurzeln hierzulande leben. Über die ethnische Verteilung können keine konkreten Aussagen getroffen werden. Österreich gilt jedenfalls als attraktives Zuwanderungsland für die bosnische Community. Die Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen (MSNÖ) wirft einen Blick auf die hier lebende bosnische Community.

 

Bosnische Community zählt mehr als 200.000 Personen

Laut den offiziellen Zahlen der Statistik Austria leben 150.943 Personen bosnischer Herkunft in Österreich. Etwa die Hälfte davon (50,2 Prozent) ist in Bosnien-Herzegowina geboren und besitzt einen bosnischen Pass. 12,1 Prozent sind bosnische StaatsbürgerInnen, die in Österreich geboren wurden. Weitere 37,7 Prozent sind in Bosnien-Herzegowina geborene österreichische StaatsbürgerInnen.

 

Damit stellt Bosnien-Herzegowina nach den offiziellen Statistiken die viertgrößte ausländische Herkunftsgruppe. Größer sind demnach nur die hierzulande lebenden Personen mit deutscher (246.076), türkischer (187.796) und serbischer (158.530) Herkunft.

 

 

Bevölkerung ausländischer Herkunft gesamt

Ausländische StaatsbürgerInnen

Im Ausland geborene österreichische StaatsbürgerInnen

Im Ausland geboren

Im Inland geboren

Gesamt

1.776.550

1.085.847

181.827

508.876

Deutschland

246.076

156.414

20.049

69.613

Türkei

187.796

88.375

27.651

71.770

Serbien

158.530

92.749

23.877

41.904

Bosnien und Herzegowina

150.943

75.783

18.190

56.970

Rumänien

107.676

73.590

9.359

24.727

Bevölkerung ausländischer Herkunft am 1.1.2016 nach Staatsangehörigkeit bzw. Geburtsland und Herkunftstyp, Quelle: Statistik Austria, eigene Darstellung

 

Das Zentrum der zeitgemäßen Initiativen (ZZI) schätzt die Zahl der Personen mit bosnischen Wurzeln in Österreich auf über 200.000. Aussagen darüber, wie die ethnische Verteilung der hier lebenden BosnierInnen ausschaut, könnten keine getroffen werden – so das ZZI gegenüber der MSNÖ. Einzig sei bemerkbar, dass in den vergangenen Jahren vermehrt bosnische KroatInnen aufgrund des EU-Beitritts Kroatiens nach Österreich zuwanderten.

 

Weniger bosnische StaatsbürgerInnen seit 2002

Wirft man einen Blick auf die in Österreich lebenden BosnierInnen zeigt sich, dass die Zahl seit 2002 rückläufig ist. So lebten zu Jahresbeginn 2002 noch mehr als 107.000 bosnische StaatsbürgerInnen in Österreich. Diese Zahl sank bis 2013 auf 89.925 Personen. Seitdem steigt die Zahl der BosnierInnen, die in Österreich leben, wieder. Am 1.1.2016 waren es 93.973.

 

Die Zahl jener Personen, die – unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit – in Bosnien-Herzegowina geboren wurden, stieg hingegen leicht in den vergangenen 15 Jahren: Von 135.104 Personen im Jahr 2002 auf 162.021 2016.

 

Bosnische_StaatsbuergerInnen_Geburtsland_2002_2016

Bosnische StaatsbürgerInnen bzw. Personen, die in Bosnien und Herzegowina geboren wurden 2002 bis 2016 – jeweils am 1.1., Quelle: Statistik Austria, eigene Darstellung

 

Viele BosnierInnen leben in Wien und Oberösterreich

Wien und Oberösterreich sind das Zentrum der in Österreich lebenden BosnierInnen: 21.786 bosnische StaatsbürgerInnen leben in der Bundeshauptstadt und 20.404 in Oberösterreich. Das entspricht einem Anteil von 23,18 Prozent aller bosnischen StaatsbürgerInnen, die in Wien leben bzw. 21,71 Prozent, die in Oberösterreich leben.

 

Unterschieden nach dem Geburtsland leben 45.633 in Bosnien-Herzegowina geborene Personen in Wien (28,16 Prozent) und 34.026 in Oberösterreich (21 Prozent).

 

Bosnische StaatsbürgerInnen bzw. Personen, die in Bosnien geboren wurden am 1.1.2016 nach Bundesland, Quelle: Statistik Austria, eigene Darstellung

Bosnische StaatsbürgerInnen bzw. Personen, die in Bosnien geboren wurden am 1.1.2016 nach Bundesland, Quelle: Statistik Austria, eigene Darstellung

 

Erste große Zuwanderungsbewegung 1878

Die erste größere Gruppe aus Bosnien-Herzegowina emigrierte im Jahr 1878, als die osmanischen Provinzen Bosnien und Herzegowina von Österreich-Ungarn besetzt wurden. 1908 kam es zur formellen Annektierung des Gebiets.

 

1966 wurde zwischen Österreich und Jugoslawien aufgrund eines akuten Arbeitskräftemangels und als Folge des Raab-Olah-Vertrages das Anwerbeabkommen geschlossen. Dies markiert den Beginn der GastarbeiterInnen-Bewegung zwischen den beiden Ländern. 1971 gab es infolgedessen 93.337 jugoslawische StaatsbürgerInnen in Österreich. Genauere Angaben über den Anteil der BosnierInnen sind nicht möglich, da Bosnien-Herzegowina bis 1991 Teil Jugoslawiens war und Statistiken nicht nach Teilrepubliken aufgeschlüsselt sind.

 

Jugoslawien-Kriege: 90.000 Flüchtlinge aus Bosnien

Die letzte größere Migrationsbewegung erfolgte nach dem Ausbruch des Krieges in Ex-Jugoslawien (1991-1995). Aus Bosnien-Herzegowina wurden in Österreich etwa 90.000 Personen aufgenommen. In Westeuropa nahm nur Deutschland (320.000) mehr Flüchtlinge aus Bosnien-Herzegowina auf als Österreich. Nach Schweden flohen etwa gleich viele wie nach Österreich.

 

In Österreich galt der Großteil der bosnischen Geflüchteten als „De-facto Flüchtlinge“ und nicht als Flüchtlinge im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention. Das Innenministerium gewährte – in Absprache mit den Ländern – auf bestimmte Zeit ein vorübergehendes Aufenthaltsrecht.

 

Österreich nach wie vor attraktives Zielland

Die Zahlen der Zuzüge zeigen, dass Österreich – trotz Schwankungen – nach wie vor ein attraktives Zielland für die bosnische Bevölkerung ist. In den letzten Jahren ist zudem eine starke Steigerung der Zuzüge von BosnierInnen nach Österreich wahrnehmbar. So wanderten 2010 2.526 BosnierInnen nach Österreich, gleichzeitig migrierten 1.996 Personen nach Bosnien. Das Wanderungssaldo lag damit bei 530 Personen. 2015 migrierten ungefähr doppelt so viele BosnierInnen nach Österreich (5.193) und das Saldo lag durch die 2.483 Wegzüge bei 2.710 Personen. 

 

Wanderungssaldo Bosnien-Herzegowina bis 2015

Wanderungen mit Bosnien und Herzegowina 2006 bis 2015, Quelle: Statistik Austria, eigene Darstellung

 

Einbürgerungen: Bosnien-Herzegowina an erster Stelle

Im Jahr 2015 wurden laut Statistik Austria insgesamt 8.265 Personen in Österreich eingebürgert. Die meisten eingebürgerten Personen waren dabei ehemalige bosnische Staatsangehörige (1.128 Personen).

 

Dem allgemeinen Trend in Österreich folgend sank auch die Zahl der eingebürgerten BosnierInnen in den vergangenen Jahren stark. So wurden 2006 insgesamt noch 35.417 Personen in Österreich eingebürgert, 7.033 davon waren BosnierInnen. Die wenigsten bosnischen Einbürgerungen verzeichnete Österreich im Jahr 2013 (1.039), seitdem steigen die Einbürgerungen wieder leicht.

 

Einbürgerungen Bosnien bis 2015

Einbürgerungen ehemaliger BosnierInnen 2005 bis 2015, Quelle: Statistik Austria, eigene Darstellung

 

4.601 bosnische Studierende

Im Wintersemester 2015/16 studierten insgesamt 4.601 BosnierInnen an einer heimischen Hochschule. 94,6 Prozent davon waren an einer öffentlichen Universität inskribiert. Dementsprechend finden sich kaum bosnische Studierende an Fachhochschulen (226) oder an Privatuniversitäten (24).

 

 

Öffentliche Universitäten

Fach- hochschulen

Privatuniversitäten

Gesamt

2015/16

4.351

226

24

4.601

2014/15

3.802

207

31

4.040

2013/14

3.324

166

29

3.519

2012/13

3.189

118

23

3.330

2011/12

2.824

114

19

2.957

Bosnische Studierende an Österreichs Hochschulen, Quelle: BMWFW, eigene Darstellung

 

2015: 45.999 bosnische Beschäftigte

Laut Daten des Sozialministeriums waren im Jahresdurchschnitt 2015 45.599 BosnierInnen in Österreich beschäftigt. Die Mehrheit, nämlich 38.900 Personen, arbeitete in einem unselbstständigen Beschäftigungsverhältnis Weitere 4.727 waren geringfügig beschäftigt und 1.875 selbstständig. Nur 97 BosnierInnen arbeiteten auf Basis eines freien Dienstvertrages.  

 

 

Beschäftigte Jahresdurchschnitt 2015

Unselbstständige Beschäftigte

38.900

Geringfügig Beschäftigte

4.727

Freie Dienstverträge

97

Selbstständig Beschäftigte

1.875

Gesamt

45.599

Bosnische Beschäftigte im Jahresdurchschnitt 2015 und im Oktober 2016, Quelle: BMASK, eigene Darstellung

 

Unterschieden nach den Branchen arbeiteten die meisten unselbstständigen Beschäftigten mit bosnischer Staatsbürgerschaft in der Branche Herstellung von Waren (7.592), gefolgt von der Baubranche (5.979) und dem Handel (5.677).

 

Herstellung von Waren

7.592

Bau

5.979

Handel (inkl. Instandhaltung und Reparatur von KFZ)

5.677

Erbringung von sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen

5.550

Beherbergung und Gastronomie

3.667

TOP 5 Branche unselbstständiger Beschäftigte mit bosnischer Staatsangehörigkeit, Quelle: BMASK, eigene Darstellung

 

Turbulente und aktive Vereinsgeschichte

Als Grundstein des jugoslawischen Vereinswesens wird 1969 die Gründung des „Internationalen Vereins der jungen Jugoslawen“ in Wien genannt. Schnell folgten weitere, von GastarbeiterInnen gegründete Vereine, die vor allem sportliche und folkloristische Aktivitäten verfolgten.

 

Spätestens Anfang der 1990er Jahre spalteten sich mit Beginn des Jugoslawien-Krieges die einzelnen jugoslawischen Vereine voneinander ab. So entstanden auch viele neue bosnische Vereine, die u.a. humanitäre Hilfe leisteten und sich um Flüchtlinge und Vertriebene aus Bosnien kümmerten. Nach dem Krieg verloren viele dieser Vereine ihre Funktion und eine Phase der Umstrukturierung begann. Derzeit listet die bosnische Botschaft in Wien 51 bosnische Vereine und Verbände auf.

 

Zu den aktivsten Vereinen zählt das 2004 gegründete „Zentrum der zeitgemäßen Initiativen“ (ZZI) in Linz. Im Vordergrund steht dabei die Zusammenarbeit zwischen Österreich und Bosnien-Herzegowina im Bereich kultureller, wissenschaftlicher und sozialer Projekte. Weiters bemüht sich das ZZI durch verschieden mehrsprachige Projekte um Förderung des Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Volksgruppenzugehörigkeit.

 

Das 1993/94 gegründete „Collegium Bosniacum“ ist eine überkonfessionelle Vereinigung von bosnischen Studierenden in Wien mit Schwerpunkt Beratung und Integrationsarbeit. Vor allem während der Kriegsjahre bemühte sich der Verein, bosnischen Studierenden Stipendien zu vermitteln. Es wurden ebenfalls mehrere Projekte zur Rückkehr von AbsolventInnen nach Bosnien-Herzegowina realisiert.

 

Laut Islam-Landkarte gibt es österreichweit 53 bosnisch-islamische Vereine. Die meisten davon befinden sich in Oberösterreich (13), in Niederösterreich (9) sowie in Wien und Kärnten (jeweils 8).

 

Der Verband der bosniakischen islamischen Vereine in Österreich entstand 2012 durch den Zusammenschluss der beiden Dachverbände „Dachverband bosnisch Islamischer Vereine in Österreich“ und der „Union der bosnischen Sport-, Kultur und Religionsvereine Österreich“. Ziel des Verbandes ist es, verschiedene Moscheengemeinden zu vereinen.

 

Weiterführende Informationen und Kontakte:

 

Der Artikel zur bosnischen Community wurde erstmals am 11. Februar 2014 veröffentlicht und nun anlässlich der Wahlen in Bosnien-Herzegowina aktualisiert.

 

Botschaft der Republik Bosnien-Herzegowina, Tivoligasse 54, 1120 Wien, Tel: 01/ 811 8555 

 

Liste bosnischer Vereine in Österreich

 

Verein Zentrum für zeitgemäße Initiativen, Tel.: 0732302734, info@zzi.at

 

Verein Collegium Bosniakum, office@collegium-bosniacum.org

 

Islam-Landkarte

 

www.pdf24.org    Sende Artikel als PDF   

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