Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung: 485.000 AusländerInnen betroffen

Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung: 485.000 AusländerInnen betroffen

Okt 17, 2016

Factbox

  • 43 Prozent der AusländerInnen sind armuts- oder ausgrenzungsgefährdet
  • Vor allem Personen mit Staatsangehörigkeit aus Nicht-EU betroffen
  • Rund die Hälfte der AusländerInnen unter 25 armutsgefährdet
  • 14 Prozent der AusländerInnen sind mehrfach gefährdet
  • AusländerInnen im Vergleich zu ÖsterreicherInnen deutlich länger betroffen

 

1,5 Millionen Menschen bzw. 18,3 Prozent der Gesamtbevölkerung sind in Österreich von Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung betroffen. Noch schlimmer ist die Situation bei ausländischen StaatsbürgerInnen: So gelten laut der EU-SILC-Erhebung (Statistics on Income and Living Conditions) 43 Prozent der AusländerInnen als armuts- oder ausgrenzungsgefährdet, insbesondere Personen aus Nicht-EU- oder EFTA-Staaten sind dabei betroffen.

 

1992 erklärte die UN-Generalversammlung den 17. Oktober zum Internationalen Tag für die Beseitigung der Armut. Aus diesem Anlass wirft die Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen (MSNÖ) einen Blick auf die Armutsgefährdung von AusländerInnen in Österreich.

 

43 Prozent der AusländerInnen armuts- oder ausgrenzungsgefährdet

2015 waren 1,5 Millionen Menschen in Österreich armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Das entspricht einem Anteil an der Gesamtbevölkerung von 18,3 Prozent. Neben Langzeitarbeitslosen, Ein-Eltern-Haushalte, gering qualifizierten Personen oder kinderreichen Famillien zählen Personen mit ausländischer Staatsbürgerschaft zu den besonders gefährdeten Personengruppen.

 

Im Jahr 2015 galten 485.000 Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit als armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Das entspricht einem prozentuellen Anteil von 43 Prozent an allen in Österreich lebenden AusländerInnen. Dabei sind vor allem AusländerInnen aus Nicht-EU/EFTA Staaten (287.000 Personen bzw. 46 Prozent) betroffen. Ein Wert, der deutlich höher ist als der Anteil der Armutsgefährdeten mit österreichischer Staatsbürgerschaft: 2015 waren 1.066.000 ÖsterreicherInnen bzw. 14 Prozent aller ÖsterreicherInnen von Armut oder Ausgrenzung gefährdet.

 

Gia Carla Balestra (zeigt den Film “Clitorissima” und macht einen Workshop zu Clitoris Awareness im Schikaneder)   Mohamed Nour (zeigt den Film “My Refugee Story” und setzt sich mit LGBTI Rechte in der MENA Region auseinander)  Maria Binder (zeigt den Film “Trans X Istanbul” über die Rechte von und Gewalt gegenüber Trans*personen in Istanbul)

Armutsgefährdung in Prozent und nach Staatsangehörigkeit, Quelle: Statistik Austria / EU-SILC, eigene Darstellung

 

Mehr als die Hälfte der AusländerInnen unter 25 armutsgefährdet

Dabei sind nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 24 Jahre armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Österreichweit waren 2015 509.000 unter 25-Jährige mit Armut oder sozialer Ausgrenzung konfrontiert. Das entspricht einem Anteil von 22 Prozent.

 

Prozentuell betrachtet sind Kinder und junge Erwachsene mit einem ausländischem Pass deutlich stärker von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht. Während 17 Prozent der österreichischen unter 25-Jährigen als armuts- oder ausgrenzungsgefährdet gelten, lag der Anteil bei ausländischen Personen bei 51 Prozent.

 

 

0 – 24 Jahre

Staatsangehörigkeit

in 1.000

in %

Gesamtbevölkerung

509

22 %

ÖsterreicherInnen

339

17 %

AusländerInnen

169

51 %

Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach Staatsangehörigkeit 2015, Quelle: Statistik Austria / EU-SILC, eigene Darstellung

 

Vor allem AusländerInnen aus Nicht-EU–Staaten betroffen

Die Statistik Austria definiert Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung entlang der Sozialzielgruppe, welche von der Europa 2020-Strategie zur Armutsreduktion benannt wurde. Demnach sind Personen von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, wenn sie mindestens eine von folgenden drei Merkmalen aufweisen: Armutsgefährdung, erhebliche materielle Deprivation oder wenn sie in Haushalten mit geringer oder keiner Erwerbsintensität leben.

 

Am weitaus öftesten trat das Merkmal Armutsgefährdung auf: 14 Prozent (1.178.000 Personen) der Gesamtbevölkerung waren davon betroffen, bei den AusländerInnen waren es 37 Prozent (415.000 Personen). Von keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität waren acht Prozent der Gesamtbevölkerung (526.000 Personen) und 15 Prozent der AusländerInnen (147.000) betroffen. Eine erhebliche materielle Deprivation wurde bei vier Prozent (302.000 Personen) der Gesamtbevölkerung und bei zehn Prozent der AusländerInnen (113.000) festgestellt.

 

Zum Vergleich: Personen, die eine österreichische Staatsangehörigkeit besitzen, liegen in allen drei Bereichen leicht unter dem Gesamtdurchschnitt. Zehn Prozent (763.000) sind von Armutsgefährdung betroffen, drei Prozent (189.000) von erheblicher matiereller Deprivation und sieben Prozent (378.000) hatten keine oder nur eine sehr niedrige Erwerbsintensität.

 

 

Armuts-gefährdung

Haushalt mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität

Erhebliche materielle Deprivation

Staats-angehörigkeit

in 1.000

in %

in 1.000

in %

in 1.000

in %

Gesamt-bevölkerung

1.178

14 %

526

8 %

302

4 %

ÖsterreicherInnen

763

10 %

378

7 %

189

3 %

Eingebürgerte ÖsterreicherInnen

59

21 %

25

10 %

20

7 %

AusländerInnen

415

37 %

147

15 %

113

10 %

EU-/EFTA Ausland

165

33 %

46

10 %

43

9 %

Sonstiges Ausland

251

41 %

102

18 %

70

11 %

Zusammensetzung der von Armut oder Ausgrenzung gefährdeten Personen nach Staatsangehörigkeit 2015, Quelle: Statistik Austria / EU-SILC, eigene Darstellung

 

14 Prozent der AusländerInnen von Mehrfach-Gefährdung betroffen

385.000 Personen sind von mindestens zwei der drei genannten Gefährdungen betroffen. Das entspricht einem Anteil von fünf Prozent. Deutlich höher liegt der Anteil erneut bei AusländerInnen: 158.000 ausländische Personen bzw. 14 Prozent aller AusländerInnen sind von einer Mehrfach-Ausgrenzung gefährdet, bei AusländerInnen außerhalb der EU bzw. dem EFTA-Raum sind es sogar 17 Prozent.

 

 

Mehrfach-Ausgrenzungsgefährdung

(mindestens zwei von drei Merkmale)

Staatsangehörigkeit

in 1.000

in %

Gesamtbevölkerung

385

5 %

ÖsterreicherInnen

227

3 %

Eingebürgerte ÖsterreicherInnen

25

9 %

AusländerInnen

158

14 %

EU-/EFTA Ausland

53

10 %

Sonstiges Ausland

105

17 %

Mehrfach-Ausgrenzungsgefährdung (in mindestens zwei von drei Bereichen) nach Staatsangehörigkeit 2015, Quelle: Statistik Austria / EU-SILC, eigene Darstellung

 

AusländerInnen länger von Armut gefährdet

Eine Auswertung der Armutsgefährdung zwischen 2012 und 2015 gibt zudem Aufschluss über die Dauerhaftigkeit der Gefährdung. Neun Prozent der Gesamtbevölkerung sowie sieben Prozent der ÖsterreicherInnen waren dauerhaft – also sowohl 2015 als auch in mindestens zwei vorangegangenen Jahren – mit Armut konfrotiert. Demgegenüber stehen 20 Prozent der AusländerInnen, die dauerhaft gefährdet waren oder sind.

 

Dauerhaftigkeit von Armutsgefährdung 2012 – 2015

Dauerhaftigkeit von Armutsgefährdung 2012 – 2015, *mindestens ein Jahr mit Armutsgefährdung, aber nicht dauerhaft; **2015 und in mindestes zwei vorangegangenen Jahren armutsgefährdet. Quelle: Statistik Austria / EU-SILC, eigene Darstellung

 

Risikogruppen haben erschwerte Lebensbedingungen

Armutsgefährdung und soziale Ausgrenzung wirken sich auf verschiedene Bereiche des Alltags aus und erschweren Teilhabemöglichkeiten in der Gesellschaft. Dies zeigt die Auswertung von Haushalten mit Mitgliedern einer Risikogruppe. So geben 31 Prozent (307.000) der Haushalte mit einem ausländischem Mitglied an, keinen Urlaub machen zu können; sogar die Hälfte kann keine unerwarteten Ausgaben tätigen.

 

Kann sich nicht leisten…

Lebensbedingungen für Risikohaushalte 2015

Lebensbedingungen für Risikohaushalte 2015, Quelle: Statistik Austria / EU-SILC, eigene Darstellung

 

Subjektive Lebenszufriedenheit im Durchschnitt positiv

Trotz der großen Unterschiede bezüglich der Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung zwischen Personen mit österreichischem und ausländischem Pass zeigen die EU-SILC Daten, dass die subjektive Zufriedenheit mit dem Leben allgemein annähernd ähnlich bewertet wird. Auf einer Skala von 0 (= überhaupt nicht zufrieden) bis 10 (= vollkommen zufrieden) gaben AusländerInnen durchschnittlich eine Zufriedenheit von 7,4 an, bei ÖsterreicherInnen lag die Zufriedenheit durchschnittlich bei 8,0.

 

Bei der genaueren Betrachtung einzelner Lebensbereiche werden die Unterschiede größer: Der niedriegste Durchschnitts-Wert zeigt sich im Bereich „Finanzielle Situation des Haushalts“. AusländerInnen geben eine durschnittliche Zufriedenheit mit der finanziellen Situation von 5,9 an, ÖsterreicherInnen liegen bei 7,2.

 

Zufriedenheit mit verschiedenen Lebensbereichen nach Staatsangehörigkeit 2015 (arithmetische Mittelwerte)

Zufriedenheit mit verschiedenen Lebensbereichen nach Staatsangehörigkeit 2015 (arithmetische Mittelwerte), Quelle: Statistik Austria / EU-SILC, eigene Darstellung

 

 

Weiterführende Informationen und Kontakte:

 

Überblick über die Ergebnisse der EU-SILC Erhebung

 

Statistik Austria, presse@statistik.gv.at, Tel: 01/711 28/7777 

 

Die Armutskonferenz ist ein Netzwerk von mehr als 40 Vereinen mit dem Ziel die Armut in Österreich zu bekämpfen. Tel.: 1-402 69 44-12, office@armutskonferenz.at

 

MSNÖ-Artikel: Wohnsituation von MigrantInnen und AusländerInnen

 

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