Viele DolmetscherInnen haben Migrationshintergrund

Viele DolmetscherInnen haben Migrationshintergrund

Sep 29, 2016

Factbox

  • Expertin: Mehr als die Hälfte der DolmetscherInnen hat Migrationshintergrund
  • Lösungsstrategien bei Sprachbarrieren: Oft Laien-DolmetscherInnen
  • Mehr Qualifizierungsmaßnahmen für DolmetscherInnen
  • Videodolmetschen: Großer Bedarf
  • Pilotprojekt Videodolmetschen im Gesundheitsbereich

 

Am 30. September wird der „Internationale Übersetzertag“ gefeiert. Die Berufe DolmetscherIn und ÜbersetzerIn erfreuen sich vielseitiger Einsatzgebiete und großer Nachfrage. Viele DolmetscherInnen haben Migrationshintergrund. Beim Videodolmetsch-Dienst SAVD sind derzeit ca. 750 DolmetscherInnen beschäftigt und es werden ständig mehr. Vor allem steigt der Bedarf nach den aktuell in Österreich gängigen Sprachen der Flüchtlinge. Ein Pilotprojekt hat ergeben, dass 72 Prozent der Berufstätigen im Gesundheitsbereich das Videodolmetsch-Angebot als hilfreich empfinden.

 

Expertin: Mehr als die Hälfte der DolmetscherInnen hat Migrationshintergrund

Genaue Zahlen zum Migrationshintergrund von in Österreich tätigen DolmetscherInnen lassen sich nur sehr schwer ermitteln. „Dolmetschen findet in so vielen Bereichen und Ebenen statt, unterschiedliche Personen dolmetschen, teilweise bezahlt, teilweise unbezahlt, nicht alle sind als DolmetscherInnen ausgebildet. Es gibt den großen Graubereich der Laien-DolmetscherInnen, die im Bedarfsfall herangezogen werden“, erklärt Sonja Pöllabauer vom Grazer Institut für Translationswissenschaft gegenüber der MSNÖ.

 

Sie vermutet, dass mehr als die Hälfte der DolmetscherInnen Migrationshintergrund hat. Durch die Flüchtlingssituation sei diese Zahl gestiegen: „Generell arbeiten seit letztem Jahr noch mehr als früher DolmetscherInnen mit Migrationshintergrund, allerdings hat es das schon vorher gegeben. Momentan kommen sie oft aus den Ländern, aus denen die Flüchtlinge herkommen“.

 

Lösungsstrategien bei Sprachbarrieren: Oft Laien-DolmetscherInnen

Die Plattform Patientensicherheit und die Universität Wien haben 2015 ein vom Gesundheitsministerium gefördertes Pilotprojekt durchgeführt, das im Zuge der Qualitätssicherung die Versorgung nicht-deutschsprachiger PatientInnen untersucht hat.

 

Die Analyse ergab, dass im Fall von Sprachbarrieren unterschiedliche Lösungen gewählt werden: 95 Prozent der Befragten gaben an, schon einmal Dritte als SprachmittlerInnen herangezogen zu haben. Das Kommunizieren mit Händen und Füßen geschieht zu 60 Prozent und das Aufzeichnen von Informationen zu 40 Prozent.

 

 Bisherige Lösungsstrategien zur Überwindung von Sprachbarrieren

Quelle: Plattform Patientensicherheit & Universität Wien: Bisherige Lösungsstrategien zur Überwindung von Sprachbarrieren

 

Mehr Qualifizierungsmaßnahmen für DolmetscherInnen

Laut Pöllabauer fehlt im Dolmetsch-Bereich das Bewusstsein für qualifiziertes Dolmetschen. Dass jemand die Sprache kann, reiche nicht immer aus, es könne zu negativen Konsequenzen kommen. Laien-DolmetscherInnen haben aber nicht immer die Möglichkeit zur Ausbildung, teils fehlen universitäre Voraussetzungen oder finanzielle Möglichkeiten.

 

Derzeit laufende Qualifizierungsmaßnahmen sollen diese Lücke füllen. In Graz gibt es einen Universitätslehrgang für DolmetscherInnen, in Wien starten Kurse für Behörden- und Gerichts-Dolmetschen, auch in Innsbruck laufen Kurse auf universitärem Niveau. NGO’s wie die Caritas veranstalten hausinterne Schulungen und Wien bietet spezifische Schulungen für muttersprachliche BeraterInnen, zählt Pöllabauer auf. 

 

Das UNHCR hat 2015 im Rahmen des Projekts „Qualitätsvolles Dolmetschen im Asylverfahren – QUADA“ in Zusammenarbeit mit dem Innenministerium das „Trainingshandbuch für DolmetscherInnen im Asylverfahren“ veröffentlicht. Darin werden Themen wie Asyl und Flüchtlingsschutz, Einvernahme im Asylverfahren, grundlegende Aspekte des Dolmetschens, die Rolle von DolmetscherInnen im Asylverfahren, berufsethische Anforderungen und qualitätsvolle Dolmetschung und Dolmetschtechniken behandelt.

 

Videodolmetschen: Großer Bedarf

Beim Videodolmetsch-Service SAVD sind derzeit ca. 750 DolmetscherInnen beschäftigt, Tendenz steigend. Vor allem steigt der Bedarf nach den aktuell in Österreich gängigen Sprachen der Flüchtlinge. Durch die Flüchtlingssituation habe sich alles verändert, berichtet Ute Hübler vom SAVD.

 

Vor dem Sommer 2015 seien noch Türkisch, BKS (Bosnisch/Kroatisch/Serbisch) und Russisch die am meisten angewählten Sprachen gewesen, jetzt seien es mit Abstand Sprachen wie Arabisch, Farsi (Afghanistan, Iran), Pashtu (Afghanistan), Kurdisch (Irak) oder Dari (Iran). „Und damals eher noch ‚ausgefallenere‘ Sprachen wie z.B. Somali und Tigrinya (Eritrea) stehen heute bei uns auf der Tagesordnung.“

 

Laut Hübler haben viele der bei SAVD tätigen DolmetscherInnen Migrationshintergrund. Einige seien hierzulande aufgewachsene Kinder von nach Österreich migrierten Eltern, während andere DolmetscherInnen für Sprachen wie z.B. Rumänisch, Polnisch, Bulgarisch, Tschechisch in ihrem Herkunftsland arbeiten und manchmal deutsche Wurzeln in ihrer Familienstruktur haben.

 

Friedrich Wieser aus der Gruppenpraxis Medico Chirurgicum nutzt das Videodolmetsch-System seit einem Jahr und ist sehr zufrieden. Für ihn sei es besonders hilfreich, da er viele türkischssprachige PatientInnen habe. Online stehen ca. 200 DolmetscherInnen zur Verfügung. Nach der Verbindung „ist es so, als ob der Dolmetscher mit mir und meinem Patienten im Zimmer sitzt, alle können einander sehen. Die Dolmetscher sind sehr gut ausgebildet, die Übersetzungen sind verlässlich“, erzählt der Arzt.

 

Er bedauert jedoch, dass die Kosten nicht von den Krankenkassen übernommen werden und dass somit das Videodolmetsch-System kaum finanzierbar sei. „15 Minuten Video-Dolmetsch kosten 30 Euro, das muss der Patient selber bezahlen, oder es wird bei mir abgezogen. Beides ist so kein Dauerzustand, weil es finanziell nicht machbar ist.“

 

Pilotprojekt Videodolmetschen im Gesundheitsbereich

Das Pilotprojekt der Plattform Patientensicherheit und der Universität Wien hat das Videodolmetschen im Gesundheitsbereich analysiert: 71 Prozent der im Gesundheitsbereich tätigen Personen gaben an, dass es zwei bis drei Mal pro Woche bis zu täglich Sprachbarrieren im PatientInnen-Kontakt gibt.

 

Häufigkeit Sprachbarrieren Quelle: Plattform Patientensicherheit & Universität Wien: Häufigkeit Sprachbarrieren

 

Die Analyse des Pilotprojekts ergab, dass vor allem die schnelle Verfügbarkeit (79 Prozent), der Verlass auf die Verschwiegenheit (76 Prozent), das perfekte Beherrschen beider Sprachen (70 Prozent), das neutrale Verhalten beim Dolmetschen (67 Prozent), das umfangreiche Fachvokabular (62 Prozent) und auch Kultursensibilität und -verständnis der dolmetschenden Person als wichtig erachtet werden.

 

Die physische Anwesenheit wurde weniger wichtig eingestuft, etwas höher aber die Tatsache, dass die dolmetschende Person trotz Nichtanwesenheit gesehen wird. Auch die rechtliche Absicherung durch professionelle Dolmetschdienste wird als erleichternd für die Behandlung von PatientInnen empfunden.

 

72 Prozent der befragten Berufstätigen im Gesundheitsbereich gaben an, das Videodolmetsch-Angebot als hilfreich empfunden zu haben.

 Haben Sie das VD-Angebot als hilfreich empfunden?

Quelle: Plattform Patientensicherheit & Universität Wien: Haben Sie das VD-Angebot als hilfreich empfunden?

 

Auch von PatentInnenseite wurde das Videodolmetschen zu 57 Prozent als sehr hilfreich empfunden, 73 Prozent würden es wieder verwenden. Skepsis bzw. Einwände auf PatientInnenseite als auch bei in Gesundheitsberufen tätigen Personen gegenüber dem Videodolmetsch-Dienst betreffen vor allem Veränderungen von gewohnten Verhaltensweisen sowie Unwissen über rechtliche Hintergründe und Haftungsrisiken beim Einsatz von Laien-DolmetscherInnen.

 

ÜbersetzerInnentag wird gebührend gefeiert

Die österreichischen Verbände der ÜbersetzerInnen und DolmetscherInnen feiern den Internationalen Tag der Übersetzung und „ihre Rolle als MittlerInnen zwischen den Welten“. Im Rahmen dieser Festlichkeit wird der Elisabeth-Markstein-Preis verliehen und junge Menschen, die in Österreich Zuflucht vor Krieg und Verfolgung gefunden haben, stellen ihre Lieblingslektüre vor.

 

An den Instituten für Translationswissenschaft der Universitäten Graz, Salzburg und Wien wird heuer am 12. Oktober mit verschiedenen Aktivitäten gefeiert: es gibt Vorträge, selbst erstellte Poster und Workshops zu unterschiedlichen Themen im Translationsbereich.

 

Weiterführende Informationen und Kontakte:

 

Österreichische Verbände der DolmetscherInnen und ÜbersetzerInnen, Translationsplattform

 

Mitglieder: AIIC-Region Österreich, ÖGSDV, ÖVGD, Übersetzergemeinschaft, UNIVERSITAS Austria

 

SAVD Videodolmetschen GmbH, Geiselbergstr. 17, 1110 Wien, Leitung Sales DACH-Raum & Qualitätsmanagement, Ute Hübler, u.huebler@videodolmetschen.com Mobil: + 43 660 6550504

 

Medico Chirurgicum Gruppenpraxis für Chirurgie, Anton-Baumgartner-Straße 44, 1230 Wien, Dr. Friedrich Wieser Tel.: 01/8137934

 

UNHCR: Trainingshandbuch für DolmetscherInnen im Asylverfahren 2015

 

Plattform Patientensicherheit & Universität Wien: Endbericht Pilotprojekt 2015 „Qualitätssicherung in der Versorgung nicht-deutschsprachiger PatientInnen. Videodolmetschen im Gesundheitsbereich“

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