Türkische Community: Von Vielfalt geprägt

Türkische Community: Von Vielfalt geprägt

Jul 25, 2016

Factbox

  • Türkei: Drittgrößte AusländerInnen-Gruppe in Österreich
  • Knapp 40 Prozent der TürkInnen in Wien ansässig
  • Über 270.000 Menschen haben türkische Migrationshintergrund
  • Einbürgerungszahlen sinken seit 2004 stark
  • Knapp 66.000 TürkInnen hierzulande erwerbstätig
  • Große und vielfältige Vereinslandschaft

 

Über 116.000 türkische StaatsbürgerInnen leben in Österreich. Mehr als 160.000 in Österreich lebende Personen wurden in der Türkei geboren. Die türkische Botschaft geht von rund 300.000 Menschen mit türkischen Wurzeln aus. Die Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen (MSNÖ) wirft einen Blick auf die türkische Community in Österreich.

 

39,2 Prozent der TürkInnen in Wien ansässig

Zu Beginn des Jahres 2016 lebten laut Statistik Austria über 116.000 türkische StaatsbürgerInnen in Österreich. Damit stellt die Türkei nach Deutschland und Serbien die drittgrößte Gruppe ausländischer StaatsbürgerInnen, wobei serbische (116.626) und türkische Staatsangehörige (116.026) nahezu gleichauf sind. Unterschieden nach Geburtsland leben 160.184 in der Türkei geborene Menschen hierzulande.

 

39,2 Prozent aller in Österreich lebenden türkischen Staatsangehörigen sind in Wien ansässig. Weitere 13,2 Prozent leben in Niederösterreich, 12,8 Prozent in Oberösterreich. Mit einem Anteil von jeweils 0,7 Prozent leben vergleichsweise wenige TürkInnen im Burgenland und in Kärnten.

 

Türkische StaatsbürgerInnen/Geburtsland Türkei nach Bundesland 2016

Türkische Staatsangehörige / Geburtsland Türkei nach Bundesland am 1.1.2016, Quelle: Statistik Austria, eigene Darstellung

 

Mehr als 270.000 türkische MigrantInnen

Insgesamt lebten im Jahresdurchschnitt 2015 273.000 Menschen mit türkischem Migrationshintergrund in Österreich. Die Statistik Austria rechnet 155.400 davon der ersten Generation und 117.700 der zweiten Generation (Personen, deren Eltern in der Türkei geboren sind) zu.

 

Zwischen 2008 und 2015 lebten zwischen 250.000 (2009) und 279.000 (2011) türkische MigrantInnen in Österreich. Seit dem Höhepunkt im Jahr 2011 sank die Zahl der hierzulande lebenden türkischen MigrantInnen. Erst von 2014 auf 2015 kam es zu einem Anstieg um 10.000 Personen.

 

Menschen mit türkischem Migrationshintergrund 2008 - 2016

Menschen mit türkischem Migrationshintergrund, Jahresdurchschnitte, Schwankungen möglich, Quelle: Statistik Austria, eigene Darstellung

 

Viel weniger Einbürgerungen als 2004

Im Jahr 2004 ließen sich – dem Gesamttrend entsprechend – noch deutlich mehr ehemalige TürkInnen einbürgern als heute. So waren es damals 13.024 Einbürgerungen. Diese Zahl sank in den nächsten Jahren kontinuierlich. 2014 wurde der zahlenmäßige Tiefpunkt der türkischen Einbürgerungen von 885 erreicht. 2015 stieg die Zahl wieder leicht auf 998 an.

 

Einbürgerungen Türkei 2004 bis 2015

Türkische Einbürgerungen 2004 bis 2015, Quelle: Statistik Austria, eigene Darstellung

 

Wanderungssaldo sinkt seit 2013

Im Jahr 2005 zogen noch 7.727 Personen aus der Türkei nach Österreich zu. Zwei Jahre später sank diese Zahl um 37 Prozent auf 4.867. Dementsprechend sank das Wanderungssaldo von 4.899 im Jahr 2005 auf 1.929 im Jahr 2006. 2011 wurde der Tiefpunkt des Wanderungssaldos mit 554 erreicht.

 

Während zwischen 2011 und 2013 die Zuwanderung aus der Türkei wieder leicht anstieg, kam es in den Jahren darauf zu einem Rückgang der Zuzüge und des Wanderungssaldos. 2015 wanderten 3.653 Personen von der Türkei nach Österreich zu, gleichzeitig migrierten 3.089 Personen von Österreich in die Türkei (Wanderungssaldo: 564).

 

Die Zahl der Wegzüge von Österreich in die Türkei war in den vergangenen zehn Jahren relativ konstant und bewegte sich zwischen 2.800 und 3.300.

 

Türkischer Wanderungssaldo 2004 bis 2015

Quelle: Statistik Austria, eigene Darstellung

 

Knapp 66.000 türkische Erwerbstätige

Im Jahresdurchschnitt 2015 waren laut Angaben des Sozialministeriums 65.955 TürkInnen in Österreich erwerbstätig. Mit 53.864 ArbeitnehmerInnen war dabei die überwiegende Mehrheit unselbstständig beschäftigt. Weitere 8.369 TürkInnen waren geringfügig beschäftigt und 3.595 selbstständig. Auf Basis eines freien Dienstvertrages arbeiteten nur 127 TürkInnen.

 

 

Beschäftigte Jahresdurchschnitt 2015

Unselbstständige Beschäftigte

53.864

Geringfügig Beschäftigte

8.369

Freie Dienstverträge

127

Selbstständig Beschäftigte

3.595

Gesamt

65.955

Quelle: BMASK, eigene Darstellung

 

Die Arbeitslosenquote der in Österreich lebenden TürkInnen war mit 19, 8 Prozent deutlich höher als die Arbeitslosenquote im österreichischen Gesamt-Durchschnitt (9,1 Prozent).

 

Zahl der türkischen Studierenden sinkt

Im Wintersemester 2015/16 studierten insgesamt 3.709 TürkInnen an einer heimischen Hochschule. Während die Zahl der türkischen Studierenden hierzulande bis zum Höhepunkt von 4.575 Studierenden im Jahr 2012 kontinuierlich stieg, ist seitdem insbesondere an öffentlichen Universitäten ein Rückgang bemerkbar.

 

 

2009

2010

2011

2012

2013

2014

2015

Öffentliche Universitäten

3.440

3.904

4.341

4.489

4.114

3.729

3.551

Fachhochschulen

44

53

47

61

87

102

119

Private Universitäten

15

18

26

25

29

35

39

Gesamt

3.499

3.975

4.414

4.575

4.230

3.866

3.709

Quelle: BM.WFW, eigene Darstellung

 

In Wien gibt es zwei aktive Vereine, die sich um die Anliegen türkischer Studierender bemühen: Dazu zählen der „Türkische Studentenverein Österreich“ (TSÖ) und die von Milli Görüs geführte „Interkulturelle Studentenvereinigung“ (ISV).

 

Großteil der TürkInnen sind MuslimInnen

Bis ins 20. Jahrhundert waren die meisten in Österreich lebenden TürkInnen christlich. Heute ist die überwiegende Mehrheit muslimisch. Vor einem Jahr schätzte die Islamische Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ), dass etwa 45 bis 50 Prozent der über 500.000 österreichischen MuslimInnen türkische Wurzeln haben. Auch derzeit stellen laut IGGiÖ TürkInnen die größten muslimischen Community hierzulande, gefolgt von BosniakInnen. Durch die Fluchtbewegungen 2015 und 2016 stieg der Anteil der in Österreich lebenden MuslimInnen aus Syrien.

 

An zweiter Stelle folgt das Alevitentum innerhalb der türkischen Community. Die AlevitInnen setzen sich laut Vorstandsmitglied des kurdisch-türkischen Vereins Feykom, Mevlüt Kücükyasar, ethnisch aus KurdInnen und TürkInnen zusammen.

 

Lange Tradition von kulturellem und wirtschaftlichem Austausch

Die ersten Händler kamen bereits in der Zeit vor der Habsburger-Monarchie aus dem Gebiet der heutigen Türkei in die Region des heutigen Österreich. Abseits von Kaffeehaus- und Kipferl-Klischees gab es während der Jahrhunderte der Nachbarschaft von Osmanischem Reich und Habsburger-Monarchie neben einer ausgeprägten Rivalität einen beachtlichen Kulturaustausch.

 

Vor allem türkische Literatur und türkisches Kunsthandwerk stießen auf Interesse. Im 16. Jahrhundert begann der Austausch wissenschaftlicher Vertreter der Osmanen und der Habsburger. 1754 gründete Maria Theresia die Kaiserlich-Königliche Akademie für Orientalische Sprachen (unterrichtet wurden u.a. Türkisch, Persisch und Arabisch), die sich vor allem an (angehende) Diplomaten wandte. Im 18. Jahrhundert kam Türkisches verstärkt in Mode und es entstand das Bild des „edlen Türken“, wie er etwa in Wolfgang Amadeus Mozarts (1756-1791) Oper „Die Entführung aus dem Serail“ (Uraufführung 1782 im Wiener Burgtheater) auftaucht.

 

Vielfältige Vereinslandschaft

Innerhalb der türkischen Community gibt es zahlreiche Verbände, Vereine und Gruppierungen. Zum Teil sind die Lager tief gespalten, denn das Spektrum reicht von laizistischen, säkularen bis hin zu islamisch-konservativen Organisationen.

 

Von insgesamt 409 muslimischen Vereinen bzw. Moscheen oder Vereinen, die sich mit Islam als Thema beschäftigen, haben laut Islam Landkarte 235 einen türkischen Hintergrund. Davon sind allein in Wien 66 Vereine angesiedelt.

 

Der 1990 gegründete Verein ATIB (Türkisch-Islamische Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit in Österreich) ist der größte muslimische Verband Österreichs. Weitere türkisch-islamische Verbände sind die als Österreich-Sektion der türkischen Milli-Görüs-Bewegung geltende “Islamische Föderation” (IF), die “Islamische Alevitische Glaubensgemeinschaft Österreich”, die “Türkische Föderation”, die “Vereinigung Islamischer Kulturzentren im österreichischen Alpenraum” (VIKZ) und die “Union Islamischer Kulturzentren” (UIKZ).

 

Zu den wichtigsten Kulturvereinen zählen der Verein “Sam-Der”, der von Menschen aus der türkischen Provinz Samsun gegründet wurde und seinen Standort im 10. Wiener Gemeindebezirk hat sowie der Kulturverein “Türkische Kulturgemeinde Österreich” und der streng säkulare Atatürk-Verein “Avusturya Atatürkcü Düsünce Dernegi” (Verein zur Förderung des Gedankenguts Atatürks in Österreich).

 

An Meisterschaften teilnehmende Sportvereine der türkischen Community sind vor allem im Fußball aktiv. Der „SKV Ankara 96“ wurde ursprünglich als „Fenerbahce Wien“ gegründet und 2013 umbenannt. Der “FC Besiktas Wien” wurde 2008 von Anhängern des Vereines Besiktas Istanbul gegründet. Außerhalb Wiens gibt es den 2010 gegründeten Verein “SV Salzburg Türkgücü”.

 

Fethullah-Gülen-Bewegung

Die Gülen-Bewegung wurde vom gleichnamigen muslimischen Prediger in den späten 1960er Jahren in der Türkei gegründet. Einerseits setzt die Bewegung durch interkulturellen Dialog und Bildung auf Integration, andererseits werfen Kritiker ihr vor, über ihr ausgebreitetes Schulnetzwerk in über 140 Ländern die türkisch-islamische Ideologie zu verbreiten und durch ihren wachsenden Einfluss auf Bildung und Erziehung in der Türkei das dortige säkulare Bildungssystem zu islamisieren.

 

Auch in Österreich gibt es Gülen-inspirierte Einrichtungen. Neben zwei „Friede“-Instituten in Wien und in Innsbruck, zählen das „Yunus Emre Kulturzentrum“ in Wien und das AKM Kulturzentrum für interkulturelle Aktivitäten („Anadolu Kültür Merkezi“) in Wien dazu. Zudem gilt das Phönix Realgymnasium und die gleichnamige Sprachschule in Wien als Gülen-orientiert. Die wöchentlich erscheinende Zeitschrift „Zaman“ deklariert sich offiziell nicht als Gülen-Einrichtung, ist laut den AutorInnen der Islam Landkarte jedoch auch Gülen-inspiriert.

 

Weiterführende Informationen und Kontakte:

 

Dieser Artikel wurde zuletzt am 28. Oktober 2015 veröffentlicht und nun aktualisiert und ergänzt.

 

Türkische Kulturgemeinde Österreich, Tel.:1 513 76 15-0, office@turkischegemeinde.at 

 

Union of European Turkish Democrats (UETD), office@uetd.at

 

Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), Medienreferentin  ist Carla Amina Baghajati; , Tel.: 01/523 364 523; baghajati@derislam.at

 

Türkischer Studentenverein Österreich (TSÖ), medien@tsoe.at, Tel.: 0699/179233110, 

 

Islamische Landkarte

 

Zaman Avasturya;  Tel.: (0) 1 958 00 21, zaman@zaman.co.at

 

Avusturya Atatürkcü Düsünce Dernegi (AADD), Homepage auf Türkisch, buro@ataturk.at

 

Interkulturelle Studentenvereinigung (ISV), info@isvwien.at

 

FEYKOMinfo@feykom.at

 

Kulturverein „Sam-Der“, Tel.: 0699/ 10 550 554, office@sam-der.at

 

Friede Institut, Tel.: 01 958 00 21, office@derfriede.org

 

Yunus Emre Institut, Tel.: 01 310 34 82, viyana@yee.org.tr

 

Phönix Realgymnasium, Tel.: 01-208-46-57, sekretariat@phoenixrealgymnasium.at

 

 

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