Flüchtlinge – Stimmung in Gemeinden verbessert sich durch Aufnahme

Flüchtlinge – Stimmung in Gemeinden verbessert sich durch Aufnahme

Jun 17, 2016

Factbox

  • In 2/3 aller österreichischen Gemeinden sind AsylwerberInnen untergebracht
  • Einstellung zu Flüchtlingen verbessert sich durch Aufnahme von AsylwerberInnen
  • 34 % der BürgermeisterInnen begrüßen Bevölkerungszuwachs durch Flüchtlinge
  • Viele Gemeinden sehen Probleme durch mediale Berichterstattung
  • Großteil der Bevölkerung engagiert sich freiwillig bei Flüchtlingsversorgung

 

In vielen österreichischen Gemeinden sind AsylwerberInnen mittlerweile untergebracht. Und: Wenn AsylwerberInnen in einer Gemeinde aufgenommen werden, verbessert sich oftmals die Einstellung und die Stimmung gegenüber Flüchtlingen innerhalb der Gemeinde. Unterschiede sind dabei je nach Gemeindegröße und Bundesland erkennbar.

 

Das sind zentrale Ergebnisse der Studie „Flüchtlinge – Chance für Gemeinden“, die im Auftrag des Flüchtlingskoordinators Christian Konrad und des Gemeindebund-Präsidenten Helmut Mödlhammer von GfK Austria durchgeführt und am 17. Juni 2016 präsentiert wurde. BürgermeisterInnen von mehr als 900 Gemeinden wurden über ihre Wahrnehmungen zum Thema Flüchtlinge im April 2016 befragt.

 

Der von SORA durchgeführte und vom Städtebund in Auftrag gegebene Städtebarometer zeigt zudem, dass mehr als die Hälfte der österreichischen Bevölkerung die Flüchtlingsaufnahme in der eigenen Gemeinde als positiv bewertet. Die Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen (MSNÖ) fasst anhand der Umfragen die Stimmungslage in Österreich zusammen.

 

2/3 aller Gemeinden haben Flüchtlinge untergebracht

Seit Sommer 2015 wurden laut Mödlhammer mehr als 50.000 neue Unterbringungs-Plätze für AsylwerberInnen geschaffen. In rund zwei Drittel der österreichischen Gemeinden sind Flüchtlinge untergebracht. Derzeit ist kein Quartiernotstand zu beobachten, 8.000 bis 9.000 Plätze stehen mehr zur Verfügung, als tatsächlich gebraucht werden.

 

Asyl ist laut der Studie „Flüchtlinge – Chance für Gemeinden“ für die befragten BürgermeisterInnen nur eines von mehreren wichtigen Themen. Demnach stellen derzeit Sozialkosten, Kinder- und Altenbetreuung, Arbeitsmarkt sowie Bildung die größten Probleme und Herausforderungen dar. Das Thema Integration anerkannter Flüchtlinge liegt bei den künftigen Herausforderungen der Gemeinden auf Platz sieben, die Betreuung von AsylwerberInnen auf Platz zehn.

 

Einstellung zu Flüchtlingen verändert sich durch Aufnahme

26 Prozent der befragten BürgermeisterInnen geben an, dass die Bevölkerung zum Zeitpunkt der Aufnahme von Flüchtlingen diesen sehr oder eher positiv gegenüberstehen. 31 Prozent nehmen eine sehr oder eher negative Einstellung in der Bevölkerung wahr. Mit 44 Prozent zeigte sich der Großteil neutral.

 

Durch die Aufnahme von AsylwerberInnen hat sich die Einstellung zu Flüchtlingen in 39 Prozent der Gemeinden verbessert. Nur in 18 Prozent der Gemeinden verschlechterte sich die Einstellung. „Wer Flüchtlinge in der Gemeinde aufgenommen hat, ist gelassener, pragmatischer und lösungsorientierter. Viele Gemeinden haben neues Potential an freiwilligem Engagement entdeckt und erhoffen sich durch Zuzug sogar neue Chancen“, schlussfolgern Mödlhammer und Konrad.

 

Dabei zeigen sich Unterschiede je nach Größe der Gemeinde: In Orten mit bis zu 5.000 EinwohnerInnen verbesserte sich die Einstellung zu Flüchtlingen eher. Je größer die Gemeinde, desto stärker nimmt auch die negative Einstellung gegenüber Flüchtlingen zu.

 

Veränderung der Einstellung nach Aufnahme der Flüchtlinge

Quelle: GfK Austria

 

Gleichzeitig haben größere Gemeinden deutlich mehr Erfahrungen mit Asylsuchenden als kleinere. So haben 77 Prozent der Gemeinden mit mehr als 10.000 EinwohnerInnen bereits vor 2015 Flüchtlinge aufgenommen, bei Gemeinden zwischen 5.000 und 10.000 EinwohnerInnen waren es 65 Prozent. 61 Prozent der Gemeinden mit bis zu 1.000 EinwohnerInnen haben erst 2015 Flüchtlinge aufgenommen.

 

Deutliche Differenzen bei Bundesländern

Eine Mehrheit (55 Prozent) der befragten BürgermeisterInnen kann bei der Frage, ob die Vor- oder Nachteile bei der Flüchtlingsaufnahme überwiegen, keine Angabe machen. 23 Prozent geben an, dass Vorteile und Chancen überwiegen, für 22 Prozent überwiegen Nachteile und Risiken.

 

Unterschieden nach Bundesland gibt es dabei deutliche Differenzen: In Vorarlberg nehmen überdurchschnittlich viele Gemeinden die Flüchtlingsaufnahme als positiv wahr, während in Kärnten, der Steiermark und in Salzburg die negative Wahrnehmung überwiegt.

 

Vorteile versus Nachteile Aufnahme von Flüchtlinge

Quelle: GfK Austria

 

Mehr als 50 %: Flüchtlingsaufnahme funktioniert

Im Rahmen des Städtebarometers 2016 befragte SORA die österreichische Bevölkerung, wie die Aufnahme von Flüchtlingen in der eigenen Gemeinde beurteilt wird. 30 Prozent der befragten ÖsterreicherInnen geben an, dass diese wenig oder gar nicht gut funktionierte. Mehr als die Hälfte (53 Prozent) ist der Meinung, dass die Aufnahme von Flüchtlingen gut oder sehr gut funktionierte.

 

Vor allem Personen mit einem höheren Bildungsniveau, Frauen und Personen in ländlichen Gebieten berichteten von einer gut funktionierenden Aufnahme. Zudem beurteilen Personen mit sicheren Arbeitsplätzen und Personen, die mit ihrem Einkommen gut auskommen, die Flüchtlingsaufnahme positiv.

 

Beurteilung der Flüchtlingsaufnahme Städtebarometer

Quelle: SORA

 

Jene Personen, die die Flüchtlingsaufnahme negativ beurteilen, nennen als Gründe unter anderem: „zu viele, nur Männer“ (20 Prozent), „wenige Integration/unwillig“ (19 Prozent) und „zu wenig Arbeits- und Ausbildungsplätze, teuer, ungerecht“ (17 Prozent).

 

Erwartung nach Asylgewährung

Mit 54 Prozent glaubt mehr als die Hälfte der von GfK befragten BürgermeisterInnen, dass die Flüchtlinge nach einem positiven Asylbescheid die Gemeinde verlassen. Nur 15 Prozent schätzen, dass AsylwerberInnen nach der Gewährung von Asyl in der Gemeinde bleiben werden.

 

Gleichzeitig begrüßen 34 Prozent einen möglichen Bevölkerungszuwachs durch das Bleiben der AsylwerberInnen nach einem positiven Bescheid. 20 Prozent stehen einem längerfristigen Aufenthalt skeptisch gegenüber.

 

Schwierigkeiten: Unterschiede zwischen Gemeinden mit und ohne Flüchtlinge

Konkret nach Problemen und Schwierigkeiten in Bezug auf Flüchtlinge befragt, zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen jenen Gemeinde-VertreterInnen, die bereits Flüchtlinge in ihrem Ort aufgenommen haben und jenen, die noch keine aufgenommen haben: So geben 84 Prozent der Gemeinden, die keine Flüchtlinge aufgenommen haben, an, dass es Probleme mit der Unterbringung und Beschaffung des Wohnraums gibt. Bei Gemeinden mit Flüchtlingen betrachten dies 41 Prozent der BürgermeisterInnen als Problem.

 

Schwierigkeiten, die aufgrund der medialen Berichterstattung über Flüchtlinge hervorgerufen werden, nehmen Gemeinde-VertreterInnen mit Flüchtlingen stark wahr (59 Prozent). Bei Gemeinden ohne Flüchtlinge liegt dieser Wert bei 42 Prozent. „Gemeinden mit Flüchtlingen sind deutlich sensibilisiert in der Diskussion. Schlagzeilen und bruchstückhafte Berichterstattung halten zwar meist dem Realitätscheck durch die Erfahrungen in der jeweiligen Gemeinde nicht Stand, lösen aber energieraubende ‚Rechtfertigungsdiskussionen‘ aus“, erklärt Konrad dieses Ergebnis.

 

Derzeit wahrgenomme Schwierigkeiten in Gemeinden mit Flüchtlingen

Derzeit wahrgenommene Schwierigkeiten und Sorgen in Gemeinden mit Flüchtlingen, Quelle: GfK Austria, eigene Darstellung

 

Erwartete Schwierigkeiten in Gemeinden ohne Flüchtlinge

Erwartete Schwierigkeiten in Gemeinden ohne Flüchtlinge, Quelle: GfK Austria, eigene Darstellung

 

Bei der Frage nach der Angemessenheit von Sozialleistungen, welche die Flüchtlinge erhalten, zeigt sich, dass bei den Gemeinden mit Flüchtlingen 37 Prozent die Sozialleistungen als zu hoch empfinden, 42 Prozent als angemessen und zwei Prozent als zu niedrig. Bei Gemeinden ohne Flüchtlinge geben 43 Prozent an, dass die Sozialleistungen zu hoch seien.

 

Zuversicht und Besorgnis

Der Städtebarometer 2016 fragte die österreichische Bevölkerung, welche Emotionen mit der aktuellen Flüchtlingssituation verbunden werden. Ergebnis: 34 Prozent sind zuversichtlich, ebenso viele sind besorgt, 25 Prozent sind verärgert.

 

Eine optimistischere Stimmung zeigt sich hinsichtlich der Flüchtlingshilfe sowie der Integration von Flüchtlingen. Die Hälfte der Befragten zeigt sich zuversichtlich, wenn es um die Flüchtlingshilfe geht. Bei der Integration ist man auf die eigene Gemeinde (52 Prozent) bezogen zuversichtlicher als für gesamt Österreich (41 Prozent).

 

Mit Flüchtlingssituation verbundene Emotionen

Quelle: SORA

 

Positive Einstellungen überwiegen

Zudem sind laut Städtebarometer fast sieben von zehn befragten ÖsterreicherInnen sehr oder ziemlich schockiert über den Hass, den Flüchtlingen von manchen Menschen entgegengebracht wird. 51 Prozent sehen „Vielfalt an Menschen als Bereicherung“, 41 Prozent sind der Meinung, dass Österreich „sich zuerst um die Probleme im eigenen Land kümmern“ sollte.

 

Einstellungen und Meinungen Städtebarometer

Quelle: SORA

 

Großteil der Bevölkerung engagiert sich freiwillig in Flüchtlingsversorgung

Ehrenamtliches Engagement ist in den österreichischen Gemeinden zentral: Nahezu in allen Gemeinden hilft die Bevölkerung bei der ehrenamtlichen Versorgung von Flüchtlingen mit. Nur drei Prozent geben an, dass ausschließlich Hilfsorganisationen tätig sind. In 47 Prozent der Gemeinden wird eine große Mitarbeit und Unterstützung wahrgenommen, in 48 Prozent eine punktuelle Mitarbeit.

 

Laut einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens marketagent.com hat sich bereits im Oktober 2015 jede/r vierte ÖsterreicherIn in der Flüchtlingshilfe engagiert (23 Prozent). Von jenen, die sich noch nicht engagiert haben, können sich 21 Prozent vorstellen, künftig in der Flüchtlingshilfe aktiv zu werden (siehe MSNÖ-Artikel: „Freiwilliges Engagement in Österreich“).

 

Auch in puncto Integrationsmaßnahmen spielt die Bevölkerung laut Gfk-Studie eine zentrale Rolle. So geben 81 Prozent der BürgermeisterInnen an, dass Integration durch die ansässige Bevölkerung erfolgt. Ebenfalls wichtig sind Sprachkurse (80 Prozent), die Schule (77 Prozent) sowie Kindergärten (74 Prozent).

 

Integrationsmaßnahmen in Gemeinden

Integrationsmaßnahmen in der Gemeinde, Quelle: GfK Austria

 

Hürden bei Einsatz von Flüchtlingen für gemeinnützige Tätigkeiten

Zudem befürworten 74 Prozent der von GfK befragten BürgermeisterInnen den Einsatz von Flüchtlingen für gemeinnützige Tätigkeiten. Gleichzeitig werden von den GemeindevertreterInnen bürokratische Hürden beim Einsatz von AsylwerberInnen zu gemeinnütziger Arbeit genannt: Insbesondere die Entlohnungsgrenzen, Versicherungen oder andere gesetzliche Vorgaben. Acht Prozent geben an, dass es keine bürokratischen Herausforderungen gebe.

 

Bürokratische Hürden beim Einsatz von Flüchtlingen in gemeinnütziger Tätigkeit

Bürokratische Herausforderungen beim Einsatz von AsylwerberInnen zu gemeinnütziger Arbeit, Quelle: GfK

 

Weiterführende Informationen und Kontakte:

 

Die Studie „Flüchtlinge – Chance für Gemeinden“ ist in der IBibliothek abrufbar.

 

Peter Wesely, Pressesprecher des Flüchtlingskoordinators Chrsitian Konrad, Tel.: 01 9094300, peter.wesely@oesterreich-hilfsbereit.at

 

Daniel Kosak, Pressesprecher des Österreichischen Gemeindebunds, Tel.: 01 / 512 14 80/18, Mobil: 0676 / 53 09 362, daniel.kosak@gemeindebund.gv.at

 

Gfk Austria, Paul Unterhuber, Tel.: 01 71710 219, paul.unterhuber@gfk.com

 

Der Städtebarometer 2016 ist hier downloadbar.

 

Saskia Sautner, Pressesprecherin des Österreichischen Städtebunds, Tel.: 01 4000-89990, Mobil: 0676 8118 89990, saskia.sautner@staedtebund.gv.at

 

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