Gesundheit von Frauen mit Flucht- und Migrationshintergrund

Gesundheit von Frauen mit Flucht- und Migrationshintergrund

Mai 25, 2016

Factbox

  • 2015: 31 Prozent AusländerInnen meldeten sich bei FEM Süd
  • Großteil stammt aus Deutschland, Serbien, Polen und Türkei
  • Hoher Bedarf an Beratung und Behandlung
  • Psychische Beschwerden durch Traumatisierung sind oft Beratungsthemen
  • Bildung und Kompetenz im Gesundheitswesen wird gefördert

 

Frauen mit Migrations- und Fluchthintergrund haben teilweise spezielle gesundheitliche Anliegen. Nicht nur die Sprache, sondern auch der kulturelle Hintergrund sowie die besondere Reise- und Ankunftssituation von Frauen braucht bedarfsorientierte Beratung und Behandlung.

 

Im Wiener Gesundheitszentrum für Frauen, Eltern und Mädchen „FEM Süd“ meldeten sich im Jahr 2015 31 Prozent Frauen mit nicht-österreichischer Staatsbürgerschaft. Im Vergleich zum Jahr zuvor stieg der Anteil damit um acht Prozentpunkte, wie der Tätigkeitsbericht von FEM Süd zeigt. Anlässlich des Internationalen Tages der Frauengesundheit am 28. Mai wirft die Medienservice-Stelle Neue Österreicher/innen (MSNÖ) einen Blick auf den Tätigkeitsbericht und spricht mit ExpertInnen auf dem Gebiet der Frauengesundheit.

 

Anstieg der Ausländerinnen bei FEM Süd

Im Jahr 2014 meldeten sich 23 Prozent nicht-österreichische Frauen bei FEM Süd zur Beratung und Behandlung, im Jahr darauf stieg diese Zahl auf 31 Prozent. Laut Tätigkeitsbericht 2015 von FEM Süd kommen 38 Prozent der ausländischen Frauen aus Deutschland, gefolgt von Serbien (30 Prozent), Polen (23 Prozent) und der Türkei (21 Prozent).

 

Von 1.786 Beratungen im Jahr 2015 fand der überwiegende Teil in nicht-deutscher Sprache statt. Laut FEM Süd kamen 492 Frauen aus der Türkei, 231 Frauen aus den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens, 247 Frauen aus Afrika bzw. aus dem Nahen und Mittleren Osten.

 

Alter der Patientinnen nach Erstsparche FEM SüdAlter der beratenen Patientinnen nach Erstsprachen Deutsch und anderen Erstsprachen, Quelle: FEM Süd Tätigkeitsbericht 2015

 

Türkisch war die am häufigsten genannte Erstsprache der behandelten Frauen und Mädchen (655 Frauen), gefolgt von Deutsch (345 Nennungen), 306 Frauen sprechen Bosnisch, Kroatisch oder Serbisch, 139 Frauen haben Arabisch bzw. eine afrikanische Sprache als Erstsprache angegeben.

 Sprache der KlientinnenSprache der Klientinnen, Quelle: FEM Süd Tätigkeitsbericht 2015

 

Hoher Bedarf an Beratung und Behandlung

Laut dem Tätigkeitsbericht erhielten Frauen mit nicht-deutscher Erstsprache zu einem großen Teil Unterstützung bei behördlichen Schriftstücken. Auch im Bereich der medizinischen Versorgungsangebote sind Frauen mit nicht-deutscher Erstsprache stark vertreten.

 

Interventionen nach Beratungen nach Erstsprachen Deutsch und anderen Erstsprachen

Interventionen nach Beratungen nach Erstsprachen Deutsch und anderen Erstsprachen, Quelle: FEM Süd Tätigkeitsbericht 2015

 

Oft psychische Probleme

450 der im Jahr 2015 bei FEM Süd beratenen Frauen gaben psychische Beschwerden an. Dabei handelte es sich zum überwiegenden Teil um Frauen mit Migrationshintergrund. „Im Vordergrund stehen hier depressive Zustandsbilder sowie Angsterkrankungen, gefolgt von Traumafolgestörungen sowie Anpassungsstörungen – meist resultierend aus Erlebnissen im Herkunftsland bzw. aufgrund der Flucht“, heißt es im Tätigkeitsbericht.

 

fem.sued.2Beratungsthemen psychische Störungen nach Erstsprachen Deutsch und anderen Erstsprachen, Quelle: FEM Süd Tätigkeitsbericht 2015

 

Bildung und Kompetenzförderung im Gesundheitswesen

Medizinische Versorgungsprobleme von ZuwandererInnen finden ihre Ursache zum Teil in der fehlenden Gesundheitskompetenz. Hierzu bietet FEM Süd einen Workshop an, der sich im allgemeinen an Frauen in Wien, aber auch speziell an zugewanderte Frauen wendet. Inhalte und Schwerpunkte sind „Basiswissen Gesundheit“, „Kompetent bei Arzt und Ärztin“ und „Kritische Gesundheitskompetenz“. Auch eine speziell für Frauen mit Migrationserfahrung entwickelte Gesundheitsberatung soll die Situation von zugewanderten Frauen verbessern.

 

Eines der FEM Süd-Projekte wendet sich insbesondere an Frauen aus afrikanischen Ländern sowie Regionen des Nahen und Mittleren Ostens mit dem Schwerpunkt weibliche Genitalverstümmelung.

 

Themen der GesundheitsbefragungThemen der Gesundheitsberatung, Quelle: FEM Süd Tätigkeitsbericht 2015

 

Mehrfachdiskriminierung und Gewalt bei weiblichen Flüchtlingen

Ein ExpertInnen-Team bezüglich Betreuung bei psychischen Beschwerden von ZuwandererInnen in Wien ist das psychosoziale Zentrum ESRA. Der Verein bietet den Menschen Angebote in den Bereichen Medizin, Psychiatrie, Psychotherapie, Psychologie, Pflege und Sozialer Arbeit.

 

Gerda Netopil von ESRA erzählt im Gespräch mit der MSNÖ, dass „weibliche Flüchtlinge besonderen Formen geschlechtsspezifischer Verfolgung ausgesetzt sind. Sie erfahren Mehrfachdiskriminierung und sind stärker Gewalt ausgesetzt. Sie werden oft Opfer sexueller und geschlechtsbezogener Gewalt sowohl in den Herkunftsländern als auch auf der Flucht. Frauen und Mädchen müssen aus Staaten fliehen, in denen Frauen nicht gleichberechtigt sind und in denen Gewalt und Missbrauch toleriert wird, häusliche Gewalt und Zwangsverheiratung Teil der alltäglichen Diskriminierung von Frauen darstellt“.

 

Weitere migrationsspezifische Probleme von Frauen sind laut ESRA „Konflikte durch patriarchalische Strukturen und Rollenzuschreibungen, durch Alleinverantwortung für Kinder und damit Überlastung, in der Benachteiligung beim Besuch von Deutschkursen und Bildungsmaßnahmen (keine Kinderbetreuung), durch schwierige sozioökonomische Verhältnisse (finanzielle Situation, Wohnsituation) und durch rechtliche Abhängigkeitssituationen“.

 

In Kooperation mit HEMAYAT, dem Betreuungszentrum für psychosoziale Behandlung von Menschen mit traumatischen Erfahrungen durch Verfolgung, Bedrohung, Folter und Flucht, arbeitet ESRA an der Versorgung der betroffenen Frauen. ESRA gibt an, dass „aktuell diese Menschen, die Unerträgliches erlebt haben, u.a. aus Gebieten Syriens, Afghanistans und des Irak kommen“.

 

Weitere Informationen und Kontakte:

 

FEM Süd Tätigkeitsbericht 2015

 

Kathleen Löschke-Yaldiz, stellv. Leitung Frauengesundheitszentrum FEM Süd, Tel: 01 60191 5207, kathleen.loeschke@wienkav.at

 

Gerda Netopil, Leiterin Soziale Arbeit, ESRA Psychosoziales Zentrum, Email: g.netopil@esra.at

 

Sabine Hofireck, Magistratsabteilung 24 – Gesundheits- und Sozialplanung, Büro für Frauengesundheit und Gesundheitsziele; Tel: +43 1 4000 84184 Email: sabine.hofireck@wien.gv.at

 

MSNÖ-Artikel: Medizinische Versorgung von Flüchtlingen in Österreich

 

MSNÖ-Artikel: Gesundheit: MigrantInnen fühlen sich schlechter

 

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