Situation von Flüchtlingen am Arbeitsmarkt

Situation von Flüchtlingen am Arbeitsmarkt

Apr 27, 2016

Factbox

  • 76 % der Unternehmen stehen Einstellung von Flüchtlingen positiv gegenüber
  • „Mangelnde Deutschkenntnisse“ und Bürokratieaufwand als zentrale Hürden
  • Arbeitsmarktzugang für AsylwerberInnen stark eingeschränkt
  • 5,2 % aller Arbeitslosen sind Asylberechtigte oder subsidiär Schutzberechtigte
  • OECD-Empfehlung: Rascher Zugang zum Arbeitsmarkt

 

Für AsylwerberInnen ist der österreichische Arbeitsmarkt stark eingeschränkt, Asylberechtigte hingegen haben theoretisch einen freien Arbeitsmarktzugang. Laut ExpertInnen sind Asylberechtigte immer wieder mit Hürden konfronitert, welche die Einstellung erschweren.

 

Eine repräsentative Studie des Prüfungs- und Beratungsunternehmen „EY“ zeigt, dass 76 Prozent der befragten österreichischen Mittelstandsunternehmen Flüchtlinge (eher) einstellen würden. Bei der Frage nach etwaigen Hürden für die Einstellung liegen „mangelnde Deutschkenntnisse“ an der Spitze. Die Medienservice-Stelle Neue Österreicher/innen fasst wichtige Fakten und Daten zur Arbeitsmarktintegration für Flüchtlinge in Österreich zusammen.

 

Unternehmen sehen Einstellung von Flüchtlingen positiv

Die repräsentative Studie „Mittelstandsbarometer: Flüchtlinge am Arbeitsmarkt“ wollte von österreichischen Unternehmen wissen, ob sie Flüchtlinge in ihrem Betrieb einstellen würden. Das Ergebnis: 41 Prozent gaben an, Flüchtlinge ohne Vorbehalte einzustellen, weitere 35 Prozent beantworteten die Frage mit „eher ja“, 24 Prozent mit „nein“ oder „eher nein“.

 

Wirft man einen Blick auf die einzelnen Bundesländer, liegt Oberösterreich mit einem Anteil von 84 Prozent jener, die Flüchtlinge einstellen oder „eher“ einstellen würden, an der Spitze. Knapp dahinter folgen Vorarlberg (83 Prozent) und Wien (79 Prozent). Auch die weiteren Bundesländer weisen einen Wert von mehr als 70 Prozent auf. Allein im Burgenland gibt es einen deutlich niedrigeren Wert (61 Prozent).

 

EY-Mittelstandsbarometer 1

„Würden Sie Flüchtlingen Arbeit in Ihrem Betrieb geben?“, Quelle: Mittelstandsbarometer EY, Jänner 2016

 

Hürden für die Einstellung: Mangelnde Deutschkenntnisse

Eine deutliche Mehrheit von 76 Prozent gab an, dass das größte Einstellungshindernis „mangelnde Deutschkenntnisse“ sind. Zudem wurden der mit der Einstellung verbundene Bürokratieaufwand (47 Prozent), die unsichere Gesetzeslage während dem laufenden Asylverfahren und die Planungsunsicherheit durch drohende Abschiebungen oder Ausweisungen sowie „mangelnde Qualifikationen der Flüchtlinge“ (jeweils 45 Prozent) als Hürden genannt.

 

Laut Alexander Höpfner, der „Interkulturelle Assessments“ in Deutschland durchführt, können manche der von den Unternehmen genannten Hürden gelöst werden: So könnten Sprachbarrieren durch den Ausbau von Mehrsprachigkeit in Unternehmen geöffnet und den Flüchtlingen ein „learning by doing“ ermöglicht werden. In puncto Qualifikationen erachtet es Höpfner als sinnvoll, die Fachkompetenz durch praktischen Arbeitsproben zu überprüfen. Zudem brauche es Schulungen – sowohl innerhalb der Unternehmen als auch von staatlichen Institutionen.

 

Mittelstandsbarometer EY Hürden

„Was sind ihrer Meinung nach die größten Hürden bei der Eisntellung von Flüchtlingen?“ Quelle: Mittelstandsbarometer EY, Jänner 2016

 

Rechtlicher Rahmen: Arbeitsmarktzugang für AsylwerberInnen

AsylwerberInnen, die sich noch im laufenden Verfahren befinden, erhalten frühestens drei Monaten nach der Zulassung zum Asylverfahren einen Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt. Dieser ist jedoch stark eingeschränkt: Seit 2004 ist der Arbeitsmarktzugang für AsylwerberInnen durch den „Bartenstein-Erlass“ auf Kontingentbewilligung für Saison- und Erntearbeit (im den Branchen Tourismus und Landwirtschaft) beschränkt.

 

Weitere Möglichkeiten, als AsylwerberIn einer Beschäftigung nachzugehen, ist in Form einer Lehre – allerdings nur für Personen bis zur Vollendung des 25. Lebensjahr und in den ausgeschriebenen Mangelberufen. Trotz dem unsicheren Aufenthaltsstatus von geflüchteten Personen gibt es Interesse von Unternehmen, erklärt Dominik Beron von der Plattform „Refugeeswork.at“: „Wir haben Unternehmenskunden, die sich besonders für die Beschäftigung von AsylwerberInnen im Rahmen von Lehren interessieren. Faktisch ist es auch so, dass geflüchtete Menschen aus bestimmten Ländern, insbesondere aus Syrien, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hier bleiben werden“.

 

Zudem können Asylsuchende Tätigkeiten gemäß des Bundesbetreuungsgesetzes verrichten; dazu zählen gemeinnützige Tätigkeiten für Bund, Land oder Gemeinde sowie Hilfstätigkeiten in der Unterbringungsstelle.

 

Weiters haben AsylwerberInnen die Möglichkeit, Volontariate bei Unternehmen und NGOs zu absolvieren. Diese sind auf eine Dauer von maximal drei Monaten pro ArbeitgeberIn beschränkt, dürfen weder durch Geld- oder Sachleistungen entlohnt werden und müssen als Ausbildungsverhältnis im Zusammenhang mit der bereits absolvierten Ausbildung der Asylsuchenden in Verbindng stehen.

 

22.674 arbeitslose Asylberechtigte und subsidiär Schutzberechtigte

Konventionsflüchtlinge und subsidiär Schutzberechtigte haben theoretisch einen freien Zugang zum Arbeitsmarkt. Praktisch kommen aber auch hier sprachliche und kulturelle Barrieren hinzu, erklärt Beron. Hier würden Informationsveranstaltungen und Workshops helfen, die sowohl Unternehmen als auch Flüchtlinge „gut auf die Zusammenarbeit vorbereitet“. Auf der Plattform refugeeswork.at sind derzeit rund 1.400 arbeitssuchende AsylwerberInnen, Konventionsflüchtlinge und subsidiär Schutzberechtigte sowie 180 Unternehmen registriert.

 

Die Zahlen des Arbeitsmarktservice (AMS) zeigen, dass im März 2016 insgesamt 22.674 Konventionsflüchtlinge und subsidiär Schutzberechtigte als arbeitslos vorgemerkt (14.821) waren oder sich in Schulung (7.853) befanden. Damit machen Asylberechtigte 5,2 Prozent aller arbeitslosen Personen aus. 72 Prozent davon sind SyrerInnen (7.946), AfghanInnen (4.860) oder RussInnen (3.520). Unterschieden nach Aufenthaltsstatus sind knapp 18.500 davon Konventionsflüchtlinge und etwas mehr als 4.000 subsidiär Schutzberechtigte.

 

OECD-Empfehlung: Rascher Zugang zum Arbeitsmarkt

Im Bericht „Erfolgreiche Integration: Flüchtlinge und sonstige Schutzbedürftige“ werden auf Basis der Erfahrungen von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zehn wichtige Integrationsmaßnahmen herausgearbeitet – unter anderem zum Arbeitsmarktzugang für AsylwerberInnen und Asylberechtigte.

 

Da laut OECD ein rascher Arbeitsmarktzugang die Integration positiv beeinflusst, empfiehlt der Bericht den Arbeitsmarkt für Asylsuchende mit hoher Bleibeperspektive zu erleichtern. Zudem sollten AsylwerberInnen nicht nur nach dem zur Verfügung stehenden Wohnraum, sondern auch nach den Beschäftigungsmöglichkeiten im Land verteilt werden.

 

Derzeit konzentrieren sich jene OECD-Länder, in denen Flüchtlinge verteilt werden, auf Kriterien wie das Angebot von Wohnraum oder das Entgegensteuern von hohen MigrantInnen-Konzentrationen. Dänemark, Estland, Finnland, Neuseeland, Portugal und Schweden entwickelten bereits gezielte Maßnahmen, um Flüchtlinge in Hinblick auf die Arbeitsmarktsituation zu verteilen. In Österreich werden AsylwerberInnen nach Quoten und Größe der Kommunen in den einzelnen Bundesländern verteilt. (siehe MSNÖ-Artikel: „OECD-Bericht: 10 Punkte für die erfolgreiche Integration“).

 

Anerkennung ausländischer Qualifikationen als wichtiger Faktor

Ein weiterer zentraler Punkt, der die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen beeinflusst, ist die Anerkennung von ausländischen Qualifikationen. Allein im Jahr 2015 wurden 5.579 Bewertungen ausländischer Hochschulqualifikationen vorgenommen, 5.221 davon wurden positiv entschieden. Zudem gab es 876 Gleichhaltungsverfahren im Rahmen des Berufsausbildungsgesetzes, die sich wie folgt aufteilen:

 

  • Gleichhaltungen einer ausländischen Qualifikation, die mit der österreichischen Lehrabschlussprüfung vergleichbar ist
  • Zulassung zu einer Ergänzungsprüfung (bei fehlender Praxis oder fehlenden Kenntnissen österreichischer Standards – bspw. Sicherheitsvorschriften)
  • Bescheinigung aufgrund eines Berufsbildungsabkommens (mit Deutschland, Ungarn und Südtirol)
  • Negative Bescheide bzw. zurückgezogene Anträge (u.a. mit Verweis auf zweiten Bildungsweg)

 

Gleichhaltungen 2015Quelle: BMWFW, eigene Darstellung

 

Um die Verfahren der Anerkennung zu erleichtern, beschloss der Ministerrat am 12. April 2016 ein neues Anerkennungs- und Bewertungsgesetz für ausländische Qualifikationen von ZuwanderInnen und Flüchtlingen. Eckpunkte des neuen Gesetzes sind die Errichtung eines Anerkennungsportals als „single point of contact“, die raschere Anerkennung mitgebrachter Qualifikationen, Ausbau von Informationsstellen, spezielle Verfahren für Flüchtlinge, die über keine formalen Nachweise ihrer Qualifikation verfügen.

 

Weitere Informationen und Kontakte:

 

EY-Mittelstandsbarometer, Helmut Maukner, Tel.: 01 211 70 1070, Helmut.Maukner@at.ey.com

 

AMS Österreich; Pressesprecherin Beate Sprenger, Tel.: 0664 441 51 48, beate.sprenger@ams.at

 

refugeeswork.at, Dominik Beron, Tel.: 0699 180 214 16, dominik@refugeeswork.at

 

Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft, Pressesprecher Felix Lamesans-Salins, Tel.: 01 1 711 00-5128, felix.lamezan-salins@bmwfw.gv.at

 

Leiter der Abteilung für Internationale Migration bei der OECD, Thomas Liebig, Thomas.Liebig@oecd.org, Tel.: +33 1 45 24 90 68 

 

Alexander Höpfner, ICUnet.AG, Tel.: +49 851 988666 0, Alexander.Hoepfner@icunet.ag

 

 

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