Medizinische Versorgung von Flüchtlingen in Österreich

Medizinische Versorgung von Flüchtlingen in Österreich

Apr 7, 2016

Factbox

  • Ehrenamtliche Arbeit von medizinischem Personal unverzichtbar
  • Flüchtlinge sind größtenteils krankenversichert
  • Aufenthaltstitel entscheidet über Zugang zum Gesundheitssystem
  • Psychosoziale Betreuung für Flüchtlinge unzureichend: über ein Jahr Wartezeit
  • Sprach-, Informations- und Kommunikationsproblem im Gesundheitssystem

 

Flüchtlinge, die in Österreich ankommen und sich als AsylwerberInnen registrieren, sind krankenversichert. Somit stehen ihnen dieselben Kassenleistungen zu wie ÖsterreicherInnen, zusätzlich sind sie rezeptgebührenbefreit. Sie erhalten eine E-Card – nur in Salzburg, Tirol und Vorarlberg wird statt der E-Card die Sozialversicherungsnummer zur Prüfung des Leistungsanspruchs verwendet.

 

Die ehrenamtliche Arbeit von medizinischem Personal scheint jedenfalls unverzichtbar. Nicht gut sieht es im Bereich der psychosozialen Betreuung von Flüchtlingen aus. Die Wartezeiten für einen Therapieplatz betragen bis zu einem Jahr. ExpertInnen sehen beim Zugang und bei der Nutzung des Gesundheitssystems noch immer zu viele Barrieren.  Wie funktioniert also das Gesundheitssystem für Flüchtlinge in der Praxis? Die Medien-Servicestelle Neue ÖsterreicherInnen (MSNÖ) hat nachgefragt.

 

Ehrenamtliche Arbeit unverzichtbar

Ambulant-medizinische Versorgung, soziale Betreuung und Medikamentenhilfe für Menschen ohne Versicherungsschutz bietet „AmberMed“, eine Einrichtung des Diakonie Flüchtlingsdienstes. Mariella Hudetz von „AmberMed“ beschreibt im MSNÖ-Gespräch die medizinische Versorgung der Flüchtlinge im Herbst 2015 als unorganisiert und nicht ausreichend für die Menge der Ankommenden. Zu dieser Zeit war die Arbeit von ehrenamtlichem medizinischem Personal unverzichtbar.

 

Als Beispiel nennt sie das Flüchtlingsquartier in der Vorderen Zollamtsstraße, wo im Herbst 2015 rund 1.500 Flüchtlinge untergebracht waren: „Dort war es kaum möglich, sich um die Bedürfnisse der Menschen angemessen zu kümmern. Es gab keine psychosoziale Versorgung für traumatisierte und depressive Menschen. Zu viele waren plötzlich da, es war wichtig, zuerst die medizinische Erstversorgung zu sichern“.

 

„Team Österreich“ ist eine weitere Einrichtung, die ehrenamtliche Arbeit organisiert. Die von „Hitradio Ö3“ & „Rotes Kreuz“ betriebene Initiative organisierte in Notzeiten freiwilliges psychotherapeutisches Personal und DolmetscherInnen für die Flüchtlingsquartiere und half mit Lebensmittelspenden und Deutschkursen.

 

Im November 2015 berichtete  die Initiative „Medical Aid for Refugees“ in Zusammenarbeit mit „Ärzte ohne Grenzen“ von 1.782 Stunden medizinischer Versorgung in über 378 Einsätzen durch 237 freiwillige Ärzte und Ärztinnen in Österreich im Zeitraum von 25. September bis 12. November 2016.

 

Aufenthaltstitel entscheidet

Für Flüchtlinge ist der Zugang zum österreichischen Gesundheitssystem an den Aufenthaltstitel gekoppelt. Laut „Medizin Medien Austria“ darf aber ärztliche Hilfe auch nicht versicherten Personen nicht verweigert werden und es bestehe keine Meldepflicht gegenüber den Behörden. Die Leistung solle über ein Privathonorar abgerechnet werden bzw. es wird auf kostenfreie medizinische Versorgung verwiesen. Abgeschoben werden können Personen ohne rechtmäßigen Aufenthaltstitel wie Flüchtlinge mit negativ beschiedenem Asylantrag. Wenn allerdings die Krankheit einer Person im Herkunftsland nicht behandelt werden kann, darf sie nicht abgeschoben werden. 

 

Flüchtlinge inzwischen meist krankenversichert

Laut Hudetz gibt es momentan kaum mehr nicht registrierte und demzufolge nicht versicherte Flüchtlinge: „Die medizinische Versorgung in den Flüchtlingsquartieren funktioniert inzwischen gut, wir bekommen positives Feedback. Durch den Ärztefunkdienst werden PatientInnen betreut, Ärzte und Dolmetscher sind nicht mehr nur Ehrenamtliche“.

 

Der Ärztefunkdienst der Wiener Ärztekammer bietet einen hausärztlichen Service im Rahmen des AsylwerberInnen-Versorgungsprojekts. Seit 10. Februar 2016 werden im Ausmaß von 60 Wochenstunden die Flüchtlingsquartiere betreut. Auch nachts und an Wochenenden steht der Ärztefunkdienst zur Verfügung.

 

Die Pressestelle der Wiener Ärztekammer verweist im MSNÖ-Gespräch bezüglich der Sprachbarrieren in der medizinischen Betreuung darauf, dass einige Ärzte die Sprachen der Flüchtlinge sprechen. Auch gäbe es im Ärztefunkdienst-Team „psychosozial geschulte MitarbeiterInnen, die mit Ausnahmesituationen und schwierigen Fällen umgehen können. In Absprache mit den Unterkünften stehen auch Dolmetscher bereit“.

 

Psychosoziale Betreuung fehlt

Laut Cecilia Heiss, Geschäftsführerin von Hemayat, dem Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende, steht es um die psychosoziale Betreuung von Flüchtlingen schlecht: Die Wartezeiten für einen Therapieplatz betragen bis zu einem Jahr. Bei Hemayat sind derzeit 321 Menschen, darunter 78 Kinder und Jugendliche, in Therapie. Auf der Warteliste stehen über 400 Menschen, darunter 85 Kinder und Jugendliche.

 

„Von Tag zu Tag werden es mehr“, heißt es in einer Pressemitteilung Mitte März. „Ohne Behandlung wandeln sich schwere psychische Verletzungen aber in chronische psychische und somatische Erkrankungen.“ Die Zuweisungen von Schulen und Kindergärten vermehrten sich seit Schulanfang im Herbst 2015. Heiss appelliert an die Behörden von Stadt und Land um Unterstützung von derzeit benötigten 300.000 Euro, weil „der Bedarf an therapeutischer Unterstützung für Menschen aus Kriegsgebieten oder mit Foltererfahrungen spürbar größer wird“. Im Jahr 2015 wurden 753 Menschen – darunter 122 Minderjährige – aus 48 Ländern bei Hemayat betreut.

 

Re-Traumatisierung in Österreich

Herbert Langthaler von asylkoordination Österreich weist im Gespräch mit der MSNÖ auf eine „eklatante Unterversorgung im psychotherapeutischen Bereich“ und eine „prinzipielle Unterversorgung in der Kinderpsychiatrie“ hin. „Die Verhältnisse, in denen die AsylwerberInnen leben, machen krank. Das zu lange Warten auf den Asylbescheid – bei SyrerInnen geht es schneller, aber AfghanInnen warten teilweise ein Jahr – und die Ungewissheit bringt die Flüchtlinge in eine Verzweiflung, die große psychische Probleme bringt. Auch kann bereits Verarbeitetes oder Verdrängtes neu aufflammen.“

 

Altersfeststellung von UMF

Ein zusätzliches Problem bringt die Altersfeststellung bei Jugendlichen mit sich, vor allem bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen (UMF). Hierzu werden laut Langthaler umstrittene Methoden verwendet. Das Handwurzel-Röntgen wurde eingeführt, um die Entwicklung von Heranwachsenden zu beurteilen, nun wird diese Methode zur Altersfeststellung angewendet. „Das ist problematisch“, so Langthaler, „weil dies wissenschaftlich nicht fundiert ist und die Konsequenzen teilweise für die UMF schwerwiegend sind“.

 

Wird ein Alter von über 18 Jahren festgestellt, kommt ein junger Flüchtling um die betreuungstechnischen Erleichterungen, die einem UMF in Österreich zustehen. Das erschwere sein/ihr weiteres Fortkommen im Verfahren und betrifft auch die Bereiche Bildungschancen und Gesundheitsversorgung. 

 

Flüchtlinge im österreichischen Gesundheitssystem

Bei Zugang und Nutzung des österreichischen Gesundheitssystems wird noch immer über Barrieren geklagt, vor allem was Information, Kommunikation und Sprache betrifft. Das erklärt geegnüber der MSNÖ Silvia Jirsa, Chefredakteurin von „Medizin Medien Austria“: „Die Kommunikation funktioniert nicht ausreichend gut. Die PatientInnen wissen oft nicht, wohin sie sich mit welchem Problem wenden müssen. In den Herkunftsländern gehen sie öfter ins Spital als zu niedergelassenen Ärzten. Die Sprache ist auch ein großes Problem, das Video-Dolmetschen ist kostenpflichtig und gibt es nur bei niedergelassen Ärzten“.

 

Auch „AmberMed“ weist auf überlaufene Spitalsambulanzen hin und beschreibt neben dem Informations- ebenso das Sprachproblem: „Für Flüchtlinge ist es kaum möglich, einen Termin beim Arzt zu vereinbaren. In Spitälern wird oft eine Person gefunden, die zufällig die Sprache des Patienten spricht, aber es ist nicht der Idealfall. Bei Diagnosen und Therapieempfehlungen kann es zu Missverständnissen kommen“.

 

Schulungen zur Gesundheitskompetenz

Von „AmberMed“ werden Schulungen zur Gesundheitskompetenz veranstaltet – unter anderem um Zugewanderte darauf hinzuweisen, dass es in Österreich üblich ist, zuerst den Hausarzt/die Hausärztin aufzusuchen. In verschiedenen Modulen wird über E-Card, Mutter-Kind-Pass, vorgeschriebene Untersuchungen, Rezepte, Antibiotika-Anwendung usw. informiert.

 

Weitere Informationen und Kontakte:

 

Ärzte-Initiative „Medical Aid for Refugees“

 

AmberMed: Ambulant-medizinische Versorgung, soziale Betreuung und Medikamentenhilfe für Menschen ohne Versicherungsschutz

 

Medizinmedien Austria 09/2015: Infofolder Brennpunkt Flüchtlinge

 

Medizin Medien Austria, Chefredakteurin Silvia Jirsa, Tel. 01/54600-620

 

Pressestelle Wiener Ärztekammer: Tel. 01/51406-0

 

Hemayat: Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende

 

Team Österreich: Hitradio Ö3 & Rotes Kreuz organisieren ehrenamtliche Arbeit

 

asylkoordination Österreich; Herr Langthaler 01/53212 91 – 12

 

MSNÖ-Artikel: „Gesundheit: MigrantInnen fühlen sich schlechter“

 

MSNÖ-Artikel: „Flüchtlinge und ihre psychische Befindlichkeit“

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