Integration von ZuwanderInnen und Flüchtlingen – Österreich im internationalen Vergleich

Integration von ZuwanderInnen und Flüchtlingen – Österreich im internationalen Vergleich

Mrz 16, 2016

Factbox

  • Vor zunehmender Flüchtlingsmigration: 80 % der NeuzuwanderInnen aus EU-Staaten
  • Anteil der MigrantInnen an Gesamtbevölkerung häufig überschätzt
  • Benachteiligung von ZuwanderInnen-Kinder in Bereichen Bildung und Arbeitsmarkt
  • 2014 lag Erwerbstätigenquote von Flüchtlingen bei 60 Prozent in Österreich
  • Zweite Generation fühlt sich stärker diskriminiert als erste Generation

 

Die Medienservice-Stelle Neue Österreicher/innen (MSNÖ) startete am 15. März 2016 eine lose Reihe von Hintergrundgesprächen im Presseclub Concordia. Mit dem Ziel, JournalistInnen einen noch tieferen Einblick in wichtige Zusammenhänge aus den Themenkomplexen Migration, Integration und Asyl zu geben, wurde als erster Gesprächspartner Thomas Liebig eingeladen. Liebig ist leitender Ökonom in der Abteilung für Internationale Migration der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris. Zehn JournalistInnen von österreichischen Mainstream-Medien  waren zu Gast.

 

Jede vierte Person hat Migrationshintergrund in Österreich

In Österreich hatte 2013 jede vierte Person Migrationshintergrund. Damit lag Österreich auf Platz zehn der OECD-Länder und über dem OECD-Durchschnitt. Vor der stärkeren Flüchtlingsmigration kam mit einem Anteil von knapp 80 Prozent eine deutliche Mehrheit aller dauerhaften NeuzuwanderInnen aus einem EU-Staat. Österreich lag dabei auf Platz eins innerhalb der OECD-Staaten.

 

Zusammensetzung der dauerhaften Zuwanderung 2012/13 nach Kategorien

Zusammensetzung der dauerhaften Zuwanderung 2012/13 nach Kategorien, Quelle: OECD

 

Umgerechnet auf die Bevölkerungsanzahl entspricht das einem Pro-Kopf-Zufluss von etwa 0,8 Prozent. Damit befindet sich Österreich im oberen Mittelfeld innerhalb der OECD-Staaten. Die Zahlen machen deutlich, dass noch Luft nach oben sei, erklärt Liebig: „Würden wir davon ausgehen, dass von den 2015 in Österreich ankommenden Flüchtlingen etwa 40.000 bis 50.000 anerkannt werden, würden wir uns auf dem Level befinden, wo sich die Schweiz und Norwegen schon seit Jahren befinden – auch wenn betont werden muss, dass es sich in diesen Ländern zu einem großen Teil um EU-Binnenmigration handelt“.

 

Permanente Zuflüsse 2012-13, Jahresdurchschnittswerte in Prozent der GesamtbevölkerungPermanente Zuflüsse 2012-13, Jahresdurchschnittswerte in Prozent der Gesamtbevölkerung, Quelle: OECD

 

Anzahl der MigrantInnen häufig überschätzt

Eine aktuelle Studie des britischen Marktforschungsunternehmen Ipsos MORI zeigt, dass die Anzahl der im jeweiligen Land lebenden MigrantInnen von vielen überschätzt wird. Am stärksten lagen ItalienerInnen bei der Schätzung des Migrationsanteils daneben: Durchschnittlich schätzten ItalienerInnen, dass 30 Prozent MigrantInnen in Italien leben, tatsächlich sind es sieben Prozent. Zahlen für Österreich stehen keine zur Verfügung.

 

Ipsos MORI Studie

 

Laut einer weiteren Studie beeinflusst die Überschätzung des MigrantInnen-Anteils die öffentliche Meinung. In vielen Ländern sind vor allem jene Personen, die den MigrantInnen-Anteil überschätzen, der Meinung dass es zu viele MigrantInnen im jeweiligen Land gäbe.

 

Öffentliche Meinung, Einschätzung der FlüchtlingeQuelle: Transatlantic Trends 2014

 

Kinder von ZuwanderInnen oft niedrig-qualifiziert

Wirft man einen Blick auf den Integrationsfaktor Bildung, zeigt sich, dass Kinder von ZuwanderInnen nach wie vor stark benachteiligt sind: So stieg ihre Pisa-Lesekompetenz zwischen 2003 und 2012 um über 20 Punkte. Dennoch sind Kinder von ZuwanderInnen immer noch jene, die in der NEET-Gruppe deutlich überrepräsentiert sind, so Liebig: „In Österreich sind Kinder von Zuwanderern so groß benachteiligt wie kaum in einem anderen OECD-Land. Die Zahlen stammen zwar aus 2013, aber es dürfte sich kaum zum Besseren gewandelt haben“.

 

Jugendliche (15-34), die ein niedriges Bildungsniveau besitzen und sich nicht in Beschäftigung oder Ausbildung befinden (NEET-Gruppe)Jugendliche (15-34), die ein niedriges Bildungsniveau besitzen und sich nicht in Beschäftigung oder Ausbildung befinden (NEET-Gruppe) 2013, Quelle: OECD

 

Arbeitsmarktzugang verschlechtert

Eine Schlechterstellung von ZuwanderInnen-Kindern zeigt sich auch in puncto Arbeitsmarkt: Während im Bildungsbereich ein Aufwärtstrend in den vergangenen Jahren erkennbar war, hat sich die Situation beim Arbeitsmarktzugang, insbesondere seit der Wirtschaftskrise, verschlechtert: Die Beschäftigtenquote der 15-34-jährigen sank bei den im Inland geborenen Kindern von ZuwanderInnen um etwa sechs Prozentpunkte von 2006/07 bis 20012/13.

 

Entwicklung der Beschäftigtenquote 15 – 34 Jähriger zwischen 2006/07 und 2012/13Entwicklung der Beschäftigtenquote 15 – 34 Jähriger zwischen 2006/07 und 2012/13, Quelle: OECD

 

2014: 60 Prozent Erwerbstätigenquote von Flüchtlingen

Wirft man einen Blick auf die Erwerbstätigenquote von Flüchtlingen, zeigt sich, dass Österreich im OECD-Vergleich auf Platz drei liegt. 2014 lag die Erwerbstätigenquote bei 60 Prozent, höher war sie nur in Italien und der Schweiz.

 

Erwerbstätigenquote von Flüchtlingen und anderen Schutzbedürftigen 2014

Erwerbstätigenquote von Flüchtlingen und anderen Schutzbedürftigen 2014, Quelle: Europäische Arbeitskräfteerhebung, Berechnung: OECD

 

Liebig betont jedoch, dass auch „alteingesessene Flüchtlinge“ in diese Daten miteinbezogen wurden: „Unterscheidet man zwischen den alteingesessenen und den neuen Flüchtlingen, ist die Erwerbstätigenquote bei den neueren Flüchtlinge sehr gering. Der Grund dafür kann einerseits an der anderen Zusammensetzung der neu ankommenden Flüchtlingen liegen, andererseits daran, dass die Integration in den Arbeitsmarkt lang dauert“. Auf Grund der schlechten Datenlage sei laut Liebig jedoch unklar, wie die Integration in den österreichischen Arbeitsmarkt über die Zeit verläuft.

 

Daten der Europäischen Arbeitsmarkterhebung aus dem Jahr 2008 zeigen jedoch, dass die Integration in den Arbeitsmarkt insbesondere bei niedrigqualifizierten ZuwanderInnen Zeit braucht. Vor allem bei niedrig-qualifizierten Flüchtlingen ist ein deutlicher Unterschied sichtbar: So liegt die Beschäftigungsquote dieser Gruppe in den ersten vier Jahren bei rund elf Prozent, nach fünf bis sieben Jahren bei 40 Prozent und erst nach 15 bis 19 Jahren Aufenthalt in einem europäischen OECD-Land bei über 60 Prozent.

 

Beschäftigungsquote von Flüchtlingen und ZuwanderInnen in europäischen OECD Ländern

Beschäftigungsquote von Flüchtlingen und ZuwanderInnen in europäischen OECD Ländern, Quelle: Europäische Arbeitsmarkterhebung, Darstellung: OECD

 

Um notwendige Mindestvoraussetzungen für eine Beschäftigung zu erwerben, könne es mehrere Jahre dauern, erläutert Liebig. Entsprechende Investitionen würden sich langfristig jedoch auszahlen, wie Best-Practice-Beispiele aus Australien, Norwegen und Schweden zeigen.

 

Zweite Generation fühlt sich stärker diskriminiert als erste Generation

Ein nicht zu unterschätzender Faktor, wenn es um die Integration und so auch den sozialen Zusammenhalt geht, ist die Diskriminierung, erklärt Liebig. Spannend sei hier, dass Österreich zu einem jener Länder gehört, in dem sich die zweite Zuwanderungsgeneration stärker diskriminiert fühlt als im Ausland geborene ZuwanderInnen:

 

Personen, die angeben aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit, Nationalität oder Hautfarbe diskriminiert zu werden 2002 – 2012

Personen, die angeben aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit, Nationalität oder Hautfarbe diskriminiert zu werden 2002 – 2012, Quelle: OECD

 

Wie Teststudien zeigen, spielt die Diskriminierung auch in den Arbeitsmarktzugang hinein – vor allem im Bezug auf die Religion. Eine Studie aus Frankreich aus dem Jahr 2015 zeigt, dass Männer bei Angaben gleicher Charakteristika und Herkunft, die ihre muslimische Religion angeben, bis zu vier Mal weniger zu Vorstellungsgesprächen eingeladen wurden als Christen.

 

OECD: 10 Punkte Empfehlungen zur erfolgreichen Integration

Auf Basis des Ende Jänner 2016 veröffentlichten OECD-Berichts „Erfolgreiche Integration: Flüchtlinge und sonstige Schutzbedürftige“ benennt Liebig zum Schluss wichtige Integrationsmaßnahmen. Dazu zählen unter anderem, dass Arbeitsmöglichkeiten bei der Unterbringung von Flüchtlingen berücksichtigt werden sollen, Integrationsleistungen müssten dementsprechend im ganzen Land zur Verfügung stehen. Zudem empfiehlt Liebig den Arbeitsmarktzugang bereits für Asylsuchende mit hoher Bleibeperspektive zu ermöglichen. Weitere Punkte fasste die MSNÖ bereits zusammen: „OECD-Bericht: 10 Punkte für erfolgreiche Integration“

 

Liebig betont, dass insbesondere eine rasche Integration in den Arbeitsmarkt und in das Bildungssystem zentrale Punkte sind, die auch eine langfristige Integration ermöglichen. Bei der Umsetzung von Maßnahmen solle zudem nicht vergessen werden, dass auch restriktive Maßnahmen, wie zum Beispiel Verschärfungen des Familiennachzugs, Kosten haben. „Hier müssen schwierige Abwägungen getroffen werden. Differenzierung ist dabei das Gebot der Stunde“, streicht der Migrations-Experte hervor.

 

Weitere Informationen und Kontakte:

Leitender Ökonom der Abteilung für Internationale Migration der OECD, Thomas Liebig, Thomas.Liebig@oecd.org 

 

MSNÖ-Artikel: Flucht: Über 111.500 Einreisen in Österreich seit Anfang 2016

 

MSNÖ-Artikel: Österreichs Bevölkerung wächst weiter: 14,6 % sind AusländerInnen

 

MSNÖ-Artikel: Kompetenzcheck: Hohes Qualifikationsniveau von Asylberechtigten

 

MSNÖ-Artikel: Migration nach Österreich – Großteil dafür

 

MSNÖ-Artikel: Der 50-Punkte-Integrationsplan für Österreich 

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