Kompetenzcheck: Hohes Qualifikationsniveau von Asylberechtigten

Kompetenzcheck: Hohes Qualifikationsniveau von Asylberechtigten

Jan 13, 2016

Factbox

  • Hälfte der AMS-TeilnehmerInnen verfügt über Matura oder Studienabschluss
  • Frauen weisen durchschnittlich höheres Qualifikationsniveau auf als Männer
  • Asylberechtigte aus Syrien, Iran, Irak haben hohes Bildungsniveau
  • TeilnehmerInnen aus Afghanistan sind am schlechtesten qualifiziert
  • 2016: Über 30.000 Neuzugänge von Asylberechtigten beim AMS erwartet
  • WIFO-Studie: Nur marginale Auswirkungen bei erleichtertem Arbeitsmarktzugang

 

Asylberechtigte in Österreich sind nach einem ersten Kompetenzcheck besser gebildet als erwartet. Die Hälfte der Asylberechtigten verfügt über Matura oder einen Studienabschluss. Große Unterschiede gibt es je nach Herkunftsländern:  Ein hohes Qualifikationsniveau weisen Flüchtlinge aus Syrien, dem Iran und Irak auf, ein geringeres Bildungsniveau haben Flüchtlinge aus Afghanistan. Das sind zentrale Ergebnisse des erstmals vom Wiener Arbeitsmarktservice (AMS) durchgeführten Kompetenzchecks.

 

Das AMS Wien startet im Herbst 2015 mit dem Pilotprojekt „Kompetenzcheck zur beruflichen Integration von Asylberechtigten“, um die Qualifikationen der in Wien als arbeitslos gemeldeten Asylberechtigten zu erheben. Insgesamt 898 Personen nahmen an den Kompetenzchecks teil. Die am 12. Jänner 2015 präsentierten Ergebnisse sind laut AMS-Vorstand Johannes Kopf optimistischer als erwartet. Gleichzeitig seien die Ergebnisse jedoch nicht repräsentativ, sondern zeigten lediglich eine Tendenz. Für 2016 will das AMS bis zu 68 Millionen Euro für die Arbeitsmarktintegration investieren, unter anderem sollen 13.500 Kompetenzchecks österreichweit durchgeführt werden.

 

Die Medienservicestelle Neue Österreicher/innen (MSNÖ) wirft einen Blick auf die Ergebnisse der Kompetenzchecks sowie auf weitere geplante Maßnahmen, um Asylberechtigte in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

 

32 Prozent haben Studienabschluss

898 Personen nahmen bei den fünfmonatigen Kompetenzchecks teil. 451 davon waren männlich, 447 weiblich. 21 Prozent der Kompetenzcheck-TeilnehmerInnen waren SyrerInnen, elf Prozent IranerInnen, 26 Prozent stammten aus Afghanistan, vier Prozent aus dem Irak und 38 Prozent wurden unter „sonstige Nationalitäten“ subsumiert.

 

Insgesamt sind die Zahlen laut Kopf „optimistischer als erwartet“. So gaben nur zehn Prozent aller Kompetenzcheck-TeilnehmerInnen an, gar keine Schulausbildung zu haben. 27 Prozent weisen als höchste abgeschlossene Ausbildung die Matura auf, weitere 23 Prozent haben einen Studienabschluss. Die Zahlen zeigen zudem, dass Frauen tendenziell besser ausgebildet sind als Männer: 32 Prozent aller weiblichen Teilnehmerinnen sind AkademikerInnen, während es bei den männlichen Teilnehmern 15 Prozent sind.

 

Ergebnisse Kompetenzchecks gesamtQuelle: AMS, eigene Darstellung

 

Hohe Qualifikation von Personen aus Syrien, Irak und Iran

Nicht nur in puncto Geschlecht unterscheiden sich die Ergebnisse, sondern auch je nach Herkunftsland: So sind es bei den SyrerInnen und IrakerInnen nur ein Prozent, die gar keine Schulbildung haben, bei den TeilnehmerInnen aus Afghanistan sind es 30 Prozent. Umgekehrt verfügen 55 Prozent der SyrerInnen und IrakerInnen über eine Matura oder einen akademischen Abschluss. Bei den iranischen TeilnehmerInnen sind es sogar 82 Prozent, während es bei den TeilnehmerInnen aus Afghanistan 24 Prozent sind.

 

Dass das Qualifikationsniveau der AfghanInnen deutlich schlechter ausfällt, hängt laut Kopf mit dem jahrzentelangen Krieg in Afghanistan zusammen. Daraus ergebe sich auch eine schlechte wirtschaftliche Lage, viele Berufserfahrungen der Menschen aus Afghanistan seien in Österreich kaum verwertbar.

 

Ergebinsse Kompetenzchecks nach NationalitätQuelle: AMS, eigene Darstellung

 

21.000 Asylberechtigte beim AMS gemeldet

2015 konnten rund 6.200 Asylberechtigte vom AMS in ein Beschäftigungsverhältnis vermittelt werden. Ende Dezember 2015 waren laut AMS 21.154 Asylberechtigte oder subsidiär Schutzberechtigte als arbeitslos vorgemerkt oder in Schulungen. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einer Steigerung von 53 Prozent. Allein 14.114 Personen davon waren in Wien vorgemerkt.

 

 

Dezember 2015

Österreich

21.154

Burgenland

108

Kärnten

432

Niederösterreich

1.777

Oberösterreich

1.925

Salzburg

584

Steiermark

1.179

Tirol

619

Vorarlberg

416

Wien

14.114

Quelle: AMS Österreich, eigene Darstellung

 

Entsprechend der in Österreich eingelangten Asylanträge, von denen 2015 über 20.000 von SyrerInnen stammten, waren die meisten arbeitssuchenden Asylberechtigten aus Syrien (6.621). Im Vergleich zu 2014 waren 4.870 weniger syrische Asylberechtigte als arbeitslos vorgemerkt.

 

Arbeitssuchende Asylberechtigte 2015Asylberechtigte arbeitslos vorgemerkt und in Schulungen, Dezember 2015/2014, Quelle: AMS Österreich, eigene Darstellung

 

2016: Zwischen 30.000 und 35.000 Neuzugänge bei AMS

Für das Jahr 2016 rechnen Kopf und der Sozialminister Rudolf Hundstorfer mit der „herausfordernden Zahl“ von 30.000 bis 35.000 Neuzugängen. Hundstorfer betonte, dass „Arbeit der beste Schlüssel für Integration ist“. Durch eine rasche Integration am Arbeitsmarkt würden die finanzielle Unabhängigkeit sowie ein selbstbestimmtes Leben in Österreich sichergestellt, so der Minister. Gleichzeitig könnten die Ausgaben für die Sozialleistungen – wie etwa Mindestsicherung – minimiert werden.

 

68 Millionen Euro für Arbeitsmarktintegration

Trotz der vorwiegend positiven Ergebnisse der Kompetenzchecks betont Kopf, dass die Integration der Asylberechtigten nach wie vor eine schwierige Aufgabe sei. Fehlende Deutschkenntnisse, die generell hohe Arbeitslosigkeit in Österreich sowie psychische Probleme auf Grund der Fluchterfahrungen erschweren die Arbeitsmarktingetration von anerkannten Flüchtlingen und subsidiär Schutzberechtigten.

 

2016 will das AMS daher bis zu 68 Millionen Euro für Integrationsmaßnahmen investieren. Damit sollen österreichweit weitere 13.500 Kompetenzchecks finanziert werden sowie der Ausbau von Beratungs- und Betreuungseinrichtungen und von Deutschkursen.

 

 

Geplante TeilnehmerInnen-Anzahl

Geplante Ausgaben (in Mio. €)

Deutschkurse

22.400

23,60

Kompetenzchecks

13.500

12,49

Beratungs- und Betreuungseinrichtungen

18.100

7,23

Aus- und Weiterbildung

5.700

15,82

Beschäftigung (bspw. Eingliederungsbeihilfen)

2.100

9,26

Förderfälle,Teilnahmen, Ausgaben gesamt

61.800

68,40

AMS-Maßnahmen zur Integration 2016, Quelle: AMS Österreich, eigene Darstellung

 

Arbeitsmarktzugang für AsylwerberInnen

Der Internationale Währungsfonds (IWF) sprach sich im Rahmen der Wirtschaftsprognosen 2016 für eine schnelle Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt aus. Dabei betonten die ExpertInnen, dass der Zugang bereits während dem Asylverfahren gewährleistet sein sollte. Eine rasche Arbeitsmarktintegration sei notwendig, um die Fähigkeiten und Qualifikationen der Flüchtlinge nicht abzubauen sowie die Arbeitsmotivation zu erhalten. Für den Sozialminister kommt ein genereller Zugang für AsylwerberInnen jedoch nicht in Frage.

 

Eine Studie des WIFO stellte im April 2015 die Frage, welche Auswirkungen eine potentielle Lockerung des Arbeitsmarktzugangs für AsylwerberInnen auf den österreichischen Arbeitsmarktsituation hätte. Das Ergebnis: Durch das zusätzliche Arbeitskräfteangebot wären allenfalls zwischen 0,04 Prozent und 0,08 Prozent geringere Löhne zu erwarten. Die Arbeitslosigkeit würde sich kurzfristig um bis zu maximal 0,2 Prozentpunkte erhöhen. Längerfristig würde die Arbeitslosigkeit wieder langsam zurückgehen (siehe MSNÖ-Artikel: „Wifo-Studie: AsylwerberInnen am Arbeitsmarkt“).

 

Berufsanerkennungen sollen erleichtert werden

Am 22. Dezember ging ein Gesetzesentwurf in eine mehrwöchige Begutachtungsphase, welche die Anerkennung von ausländischen Ausbildungen erleichtern soll. Geplant ist die Einrichtung eines Online-Portals auf der Website des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF). Das Portal soll als zentrale Anlaufstelle für die Anerkennungsanträge dienen. In einem zweiten Schritt werden die Anträge an die jeweils zuständigen Behörden weitergeleitet. Diese haben dann drei Monate Zeit für eine Entscheidung.

 

Können Asylberechtigte die erforderlichen Unterlagen nicht vorlegen, soll es künftig die Möglichkeit geben, Qualifikationen über praktische und theoretische Prüfungen, Arbeitsproben oder über Gutachten von Sachverständige zu ermitteln.

 

In einer Stellungnahme begrüßte AST (Anlaufstelle für Personen mit im Ausland erworbenen Qualifikationen) den Vorschlag eines Online-Portals, gibt jedoch zu bedenken, dass es durch das Fehlen persönlicher Beratungsgespräche vermehrt zu unvollständigen Anträgen kommen könnte. Dies wiederum führe zu einem erhöhten Verwaltungsaufwand. Da die geplante verkürzte Verfahrensfrist erst ab Einlangen der vollständigen Anträge gilt, würde sich auch an der Länge der Verfahren nicht viel ändern. Zudem kritisiert die Beratungsstelle AST, dass die Vereinheitlichung der unterschiedlichen Anerkennungsregelungen in Österreich verabsäumt worden sei.

 

Weitere Informationen und Kontakte:

 

AMS Österreich; Pressesprecherin Beate Sprenger, Tel.: 0664 / 441 51 48, beate.sprenger@ams.at

 

Pressesprecher des Sozialministeriums: Norbert Schnurrer, Tel.: 01/71100 – 2246; norbert.schnurrer@bmask.gv.at

 

WIFO-Studie “Auswirkungen einer Erleichterung des Arbeitsmarktzuganges für Asylsuchende in Österreich”

 

Kontakt zu den AutorInnen der Studie: Julia.Bock-Schappelwein@wifo.ac.at, Peter.Huber@wifo.ac.at

 

AST Wien; ast.wien@migrant.at

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