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Über 800.000 Flüchtlinge kamen 2015 nach Europa

Über 800.000 Flüchtlinge kamen 2015 nach Europa

Nov 18, 2015

Factbox

  • Rund 670.000 Personen flüchteten über das Mittelmeer
  • Knapp 67.000 Asylanträge bis Ende Oktober in Österreich gestellt
  • Anteil der weiblichen Flüchtlinge nimmt zu
  • 2015 insgesamt 95.000 Flüchtlinge erwartet
  • Rund 90 Prozent der Asylanträge kommen von Top-10-Herkunftsländern
  • Österreich plant Verschärfung des Asylgesetzes

 

2015 sind nach Angaben des UN-Flüchtlingshochkommissariats (UNHCR) über 800.000 Schutzsuchende über den See- und Landweg nach Europa gekommen (Stichtag: 17. November 2015). 673.916 Personen kamen über die Mittelmeerroute nach Griechenland. Mehr als die Hälfte davon erreichten Europa über die Insel Lesbos, allein im Oktober waren es 135.000 Personen. Trotz rauer See kommen rund 3.300 Menschen täglich auf der Insel an. Weitere 143.500 Flüchtlinge erreichten Europa über Italien, 2.797 über Spanien.

Das UNHCR betont, dass es sich dabei um Schätzungen handelt. Da sich viele der Flüchtlinge nicht registrieren lassen, wird die Zahl höher geschätzt.

 

UNHCR Flüchtlinge MittelmeerQuelle: UNHCR

 

Das UNHCR schätzt, dass  heuer bisher 3.485 Menschen auf der Flucht im Mittelmeer gestorben sind bzw. als vermisst gemeldet wurden. Das sind nahezu gleich viele Personen wie im gesamten Jahr 2014 (3.500) und um 2.885 Personen mehr als 2013. Das UNHCR geht davon aus, dass die Zahl in den kommenden Monaten noch steigen wird, da die Flucht über das Mittelmeer in der kalten Jahreszeit noch gefährlicher ist.

 

Knapp 67.000 Asylanträge in Österreich

Laut den vorläufigen Zahlen des Innenministeriums (BM.I) stellten 2015 bis einschließlich Oktober dieses Jahres 66.981 Personen einen Asylantrag in Österreich. Während die Antragszahlen zu Beginn des Jahres noch leicht rückläufig waren, nehmen diese seit März 2015 kontinuierlich zu. Allein in den Monaten September und Oktober stellten über 20.800 Schutzsuchende einen Antrag in Österreich – mehr als im gesamten Zeitraum Jänner bis Oktober 2014.

 

Asylanträge im Monatsvergleich 2014 und 2015

Quelle: BM.I; vorläufige Daten für September und Oktober 2015 (Stichtag 05.11), eigene Darstellung

 

Erwartungen für 2015: Insgesamt 95.000 Asylanträgen

Der Leiter des Bundesamts für Asyl und Fremdenrecht, Wolfgang Taucher, geht von 95.000 Asylanträgen für das Gesamtjahr 2015 aus. Wie ein Blick auf die Jahresantragszahlen der vergangenen 35 Jahre zeigt, wurden seit den statistischen Aufzeichnungen des Innenressorts (seit 1980) noch nie annähernd 95.000 Asylanträge gestellt.

 

Asylanträge seit 1999

Quelle: BM.I, eigene Darstellung

 

Mehr Flüchtlinge als für heuer erwartet kamen lediglich 1968 und Mitte der 1950er nach Österreich: 1956/1957 flüchteten rund 180.000 Personen aus Ungarn nach Österreich, nachdem der ungarische Volksaufstand von der Sowjetunion niedergeschlagen wurde. Im Jahr 1968 nahm Österreich etwa 162.000 Flüchtlinge aus der damaligen Tschechoslowakei auf, nachdem Truppen des „Warschauer Pakts“ dort einmarschierten.

 

Frauenanteil nimmt zu

Im September war in diesem Jahr rund ein Drittel (31,9 Prozent) aller AntragsstellerInnen weiblich. Insgesamt stellten bis September dieses Jahres 42.720 (75,8 Prozent) Männer und 13.636 Frauen (24,2 Prozent) einen Asylantrag. Auch im Vorjahr betrug der Frauenanteil in keinem Monat mehr als 30 Prozent. Insgesamt waren 21.258 (75,8 Prozent) der AntragsstellerInnen 2014 männlich und 6.769 (24,0 Prozent) weiblich.

 

Asylanträge nach GeschlechtQuelle: BM.I

 

Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge nimmt ab

Bis September stammten 6.175 der 2015 eingegangenen Asylanträge von unter 18-jährigen, die ohne ihre Familie nach Österreich kamen. Dies entspricht einem Anteil aller Anträge von elf Prozent. 5.975 davon sind zwischen 14 und 18 Jahre alt, 380 sind unter 14. Am höchsten war der Anteil der unbegleitet minderjährigen Flüchtlinge mit 13,6 Prozent im Juli. Seitdem nimmt die Anzahl jener Minderjährigen, die alleine nach Österreich flüchteten, ab: So waren es im September 576.

 

Asylanträge UMFQuelle: BM.I

 

Laut Katharina Glawischnig, Leiterin der „Arbeitsgruppe unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ der Asylkoordination Österreich, sind derzeit rund 5.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Österreich aufhältig. Aufgrund fehlender Betreuungskapazitäten der Bundesländer wohnt etwa die Hälfte davon nach wie vor in den Erstaufnahmenstellen beziehungsweise in der Bundesbetreuung.

 

1/3 aller Asylanträge von SyrerInnen

Nach wie vor kommen die meisten Asylanträge, die in Österreich gestellt werden, von SyrerInnen (16.595 Anträge). Dies entspricht einem Anteil von 29,5 Prozent. Platz zwei der antragsstärksten Herkunftsländer stellt Afghanistan mit 12.687 Anträgen, gefolgt vom Irak mit 9.025 Anträgen. Insgesamt stammen knapp 90 Prozent aller Asylanträge aus den zehn antragsstärksten Herkunftsländern.

 

Top 10 HerkunftsländerQuelle: BM.I, eigene Darstellung

 

Wirft man einen Blick auf die vergangenen Monate zeigt sich, dass Asylanträge von IrakerInnen am stärksten zunehmen. So waren es im März noch 309 Personen, die aus dem Irak flüchteten, um in Österreich Asyl zu beantragen, während es im September 2.607 waren. Dies entspricht einer Zunahme von 744 Prozent. Im gleichem Zeitraum verzeichneten die Asylanträge von SyrerInnen einen Anstieg von 336 Prozent, AfghanInnen beantragten um 278 Prozent öfter Asyl.

 

Top drei HerkunftsländerQuelle: BM.I, eigene Darstellung

 

Österreich: Verschärfung des Asylgesetzes

Anfang November wurde ein Begutachtungsentwurf vorgelegt, der zwei zentralen Änderungen des Asylgesetzes beinhaltet. So soll das Konzept „Asyl auf Zeit“ umgesetzt werden, das heißt Asyl soll für eine Zeit von maximal drei Jahren gewährt werden. Nach Ablauf dieser Zeit wird geprüft, ob die Asylgründe nach wie vor bestehen. Hat sich die Situation im Herkunftsland der Betroffenen verbessert, müssen diese Österreich verlassen.

 

Der zweite Punkt bezieht sich auf die Verschärfung der Familienzusammenführung: Subsidiär Schutzberechtigte sollen demnach ihre Familien erst nach drei Jahren nachholen dürfen und gleichzeitig bestimmte wirtschaftliche Bedingungen erfüllen (Nachweis einer geeigneten Unterkunft und eines bestimmten Einkommens).

 

Das UNHCR kritisiert die neuen Regelungen der Familienzusammenführung, da befürchtet wird, dass vor allem Frauen und Kinder dadurch vermehrt gefährliche Fluchtwege auf sich nehmen müssen. Zudem schlussfolgerte die MIPEX-Studie 2015 („Migrant Integration Policy Index“), dass Österreich in puncto Familienzusammenführung schon vor diesem verschärften Gesetzesentwurf Nachholbedarf hätte und zu einem der restriktivsten Ländern in Europa zähle. 2013 wurden 5.916 Familienmitglieder von Drittstaatsangehörigen zusammengeführt. Österreich befand sich damit auf Rang 31. Da Personen, die den Aufenthaltstitel „Familienangehörige“ erhalten wollen, seit 2011 bereits vor ihrer Einreise Deutschkenntisse nachweisen müssen, sank diese Zahl um 20 Prozent von 7.000-8.000 in den Jahren 2008-2011 auf unter 6.000 in den Jahren 2012 und 2013.

 

Mipex FamilienzusammenfuehrungQuelle: MIPEX

 

Weitere Informationen und Kontakte:

 

Asylstatistiken des BM.I

 

Karl-Heinz Grundböck, Sprecher des Bundesministeriums für Inneres; karl-heinz.grundboeck@bmi.gv.at; Tel: 01 53126 – 2490

 

UNHCR-Daten zur Fluchtroute über das Mittelmeer

 

Ruth Schöffl; Sprecherin von UNHCR Österreich; schoeffl@unhcr.org; Tel: 01 26060 5307

 

Alle MIPEX 2015 Ergebnisse, Kontakt:  mipex2015@cidob.org

 

Alle Studienergebnisse zu Österreich

 

MSNÖ-Artikel: Über 400.000 Asylanträge in EU im ersten Halbjahr 2015

 

MSNÖ-Artikel: MIPEX: Reformen bei Einbürgerung und Partizipation notwendig

 

www.pdf24.org    Sende Artikel als PDF   

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