WIFO-Studie: AsylwerberInnen am Arbeitsmarkt

WIFO-Studie: AsylwerberInnen am Arbeitsmarkt

Jul 23, 2015

Factbox

  • Im ersten Halbjahr 2015 wurden 28.158 Asylanträge gestellt
  • Zwei Drittel der Asylsuchenden sind Männer im erwerbsfähigem Alter
  • Über 70% haben mittleres bis hohes Ausbildungsniveau
  • Arbeitsmarkt für AsylwerberInnen seit 2004 stark eingeschränkt
  • Arbeitsmarktzugang-Lockerung hätte marginale Auswirkung auf Löhne/Arbeitslosigkeit

 

Im ersten Halbjahr 2015 wurden 28.158 Asylanträge in Österreich gestellt. Diese Zahl übersteigt die Antragszahl für das gesamte Jahr 2014. Aufgrund der zunehmenden Flüchtlingszahlen wurde das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) vom Sozialministerium mit der Studie „Auswirkungen einer Erleichterung des Arbeitsmarktzuganges für Asylsuchende in Österreich“ beauftragt. Die Ergebnisse zeigen, dass Personen, die aus Asylgründen nach Österreich gekommen sind, trotz guter Ausbildung tendenziell schlecht am österreichischen Arbeitsmarkt integriert sind.

 

Eine Lockerung des Arbeitsmarktzuganges würde laut WIFO nur marginale Auswirkungen auf den heimischen Arbeitsmarkt zur Folge haben. Die Medienservicestelle Neue Österreicher/innen (MSNÖ) warf einen genaueren Blick auf die Studie.

 

28.158 Asylanträge bis Juni 2015 gestellt

Laut den aktuellen Daten des Innenministeriums wurden im ersten Halbjahr 2015 bereits mehr Asylanträge gestellt als im gesamten vergangenen Jahr. Während im Zeitraum von Jänner bis Juni 2014 insgesamt 9.047 Asylanträge in Österreich eingingen, waren es im Vergleichszeitraum Jänner bis Juni 2015 um 211 Prozent mehr (28.158). Vergleicht man nur die Monate Juni ist ein Anstieg der Asylanträge um 326 Prozent zu verzeichnen. So wurden im Juni 2015 7.538 Anträge gestellt, im Juni 2014 1.768.

 

Asylanträge 2002 bis Juni 2015Quelle: Bundesministerium für Inneres

 

Großteil der Asylsuchenden sind Männer im erwerbsfähigem Alter

Seit dem Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1997 liegt der Männeranteil der AsylwerberInnen zwischen etwa 70 und 75 Prozent. Daten von Eurostat zeigen zudem, dass etwa zwei Drittel der offenen Asylanträge von Männern im erwerbsfähigem Alter gestellt werden. Hier sticht insbesondere die Altersklasse zwischen 18 und 34 Jahren hervor. In absoluten Zahlen stellten zwischen 2008 und 2013 pro Jahr etwa 10.000 Personen im erwerbsfähigen Alter einen Asylantrag in Österreich, im Jahr 2013 waren es rund 15.000.

 

Asylanträge nach Alter und GeschlechtQuelle: WIFO

 

2/3 der anerkannten Flüchtlinge haben gutes Ausbildungsniveau

Aufbauend auf den 2008 erhobenen Zahlen des Mikrozensus Ad-hoc Modul zur „Arbeitsmigration von Migrantinnen und Migranten in Österreich“ berechnete das WIFO die höchste abgeschlossene Ausbildung nach Zuwanderungsgrund. Demnach haben 73 Prozent aller aus Asylgründen nach Österreich Zugewanderten eine mittlere bis höhere Ausbildung. Zum Vergleich: Bei den Zuwanderungsgründen Arbeit, Familie und als Kind migriert bewegt sich dieser Wert zwischen 58 Prozent und 60 Prozent.

 

Bildung nach Zuwanderungsgrund

Höchste abgeschlossene Ausbildung nach Zuwanderungsgrund; Quelle: WIFO, eigene Darstellung

 

Weibliche Flüchtlinge mit geringerer Beschäftigungsquote

Die Mikrozensus-Daten zeigen gleichzeitig, dass Personen die als Zuwanderungsgrund Asyl angaben, weniger häufig beschäftigt sind als ArbeitsmigrantInnen. Dieser Unterschied erklärt sich in erster Linie durch die niedrige Beschäftigungsquote bei Frauen: Während bei Männern kaum Unterschiede auszumachen sind (Asyl: 74,7 Prozent versus Arbeit: 75,6 Prozent), zeigt sich bei weiblichen Zugewanderten ein deutlicher Unterschied von etwa 14 Prozentpunkten zwischen Arbeitsmigrantinnen und Frauen, die aus Asylgründen nach Österreich kamen (Asyl: 60,7 Prozent versus Arbeit: 74 Prozent). Noch niedriger ist die Beschäftigungsquote bei Frauen, die auf Grund der Familie (53,6 Prozent) bzw. bereits als Kind (54,1 Prozent) nach Österreich zugewandert sind.

 

 

Beschäftigungsquote

Arbeitslosenquote

Asyl

70,5 %

(7,1 %)

Arbeit

74,4 %

4,6 %

Weiterbildung

64,3 %

(x)

Familie

61,1 %

7,9 %

Als Kind

63,6 %

11,6 %

Beschäftigungs- und Arbeitslosenquote nach Zuwanderungsgrund; Quelle: WIFO, eigene Darstellung

 

¼ der aus Asylgründen Zugewanderten sind überqualifiziert

Insgesamt ist ein Viertel derjenigen, die aus Asylgründen nach Österreich gekommen sind, in einem Beruf tätig, dessen Anforderungen unter ihren Qualifikationen liegt. Verglichen mit den anderen Zuwanderungsgründen ist dies der höchste Wert. Erneut sind Frauen dabei deutlich stärker betroffen als Männer. Das Gleiche gilt für diejenigen, die einer Arbeit nachgehen, die nicht ihrer Qualifikation entspricht. So trifft das auf 44 Prozent der aus Asylgründen Zugewanderten zu, bei Frauen arbeitet jede Zweite in einem Beruf, der nicht ihrer eigentlichen Qualifikation entspricht.

 

 

Asyl

Arbeit

Weiterbildung

Familie

Als Kind

Überqualifiziert

Insgesamt

24,0 %

21,9 %

(19,4 %)

20,9 %

9,4 %

Männer

20.1 %

20,9 %

(22,8 %)

12,9 %

16,7 %

Frauen

33,4 %

23,4 %

(x)

25,2 %

21,8 %

Unterqualifiziert

Insgesamt

19,1 %

21,5 %

(19,6 %)

25,5 %

26,2 %

Männer

20,9 %

25.3 %

(x)

31, 7 %

27,5 %

Frauen

(x)

15,3 %

(24,4 %)

22,2 %

24,5 %

Arbeit entspricht nicht der Qualifikation

Insgesamt

44,0 %

25,2 %

40,8 %

33,4 %

29,8 %

Männer

41,7 %

22,7 %

47,8 %

23,5 %

26,6 %

Frauen

49,6 %

29,3 %

(33,5 %)

38,7 %

33,5 %

Über- und Unterqualifikation nach Zuwanderungsgrund; Quelle: WIFO, eigene Darstellung

 

Sieht man sich die Arbeitsbedingungen von MigrantInnen an, zeigt sich dass Personen, die aus Asylgründen zugewandert sind, tendenziell in stabileren Arbeitsverhältnissen beschäftigt sind als der Durchschnitt der MigrantInnen: So arbeiten 86,9 Prozent Vollzeit und 91, 5 Prozent sind in einem unbefristeten Dienstverhältnis beschäftigt: Durchschnittlich sind nur 76,2 Prozent der MigrantInnen Vollzeit und 90,4 Prozent in einem unbefristeten Dienstverhältnis beschäftigt.

 

Das WIFO schlussfolgert, dass es unter Einbeziehung verschiedener Einflussfaktoren für Personen, die aus Asylgründen nach Österreich gekommen sind, um 12 Prozentpunkte unwahrscheinlicher ist, erwerbstätig zu sein als bei Personen, die Arbeit als Zuwanderungsgrund angaben. Bei weiblichen Flüchtlingen ist die Wahrscheinlichkeit noch geringer (20 Prozentpunkte niedriger als bei Arbeitsmigrantinnen).

 

Arbeitsmarktzugang für AsylwerberInnen stark eingeschränkt

Das Ausländerbeschäftigungsgesetz sieht derzeit vor, dass AsylwerberInnen, die seit drei Monaten zum Asylverfahren zugelassen sind, auch einen Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt haben. Dieser Zugang ist jedoch stark eingeschränkt: So erhalten AsylwerberInnen nur einen Zugang, wenn offene Stellen nicht mit autochthonen ÖsterreicherInnen oder bereits integrierten Arbeitskräften besetzt werden können. Zudem ist der Zugang seit 2004 durch den „Bartenstein-Erlass“ auf Kontingentbewilligung für Saison- und Erntearbeit beschränkt.

 

Die Analyse des WIFO zeigt, dass in den Jahren von 2006 bis 2014 nur 2.840 Personen insgesamt 5.340 Kontingentbewilligungen bekommen haben. Der Spitzenwert wurde 2008 erreicht: Damals haben 904 AsylwerberInnen 1.084 Kontingentbewilligungen erhalten. Im Vergleich zu den jährlich gestellten Asylanträgen schlussfolgert das WIFO, dass es sich um sehr geringe Zahlen handelt und wirft die Frage auf, ob sich diese Regelung mit der EU-Richtlinie 2013/33/EU, welche einen effektiven Arbeitsmarktzugang für AsylwerberInnen vorsieht, vereinbaren lässt.

 

Kontingentbewilligungen für AsylwerberInnenQuelle: WIFO

 

Die im Rahmen einer Kontingentbewilligung erteilten Beschäftigungsbewilligungen waren dabei zeitlich stark beschränkt: Sowohl im saisonalen Fremdenverkehr als auch in der Land- und Forstwirtschaft dauerte das Beschäftigungsverhältnis durchschnittlich etwas weniger als 120 Tage.

 

Dauer der KontingentbewilligungenQuelle: WIFO

 

Marginale Auswirkungen auf österreichischen Arbeitsmarkt

Wie würde sich eine potentielle Lockerung des Arbeitsmarktzugangs für AsylwerberInnen auf die Beschäftigung, die Arbeitslosigkeit und Löhne auswirken?. Die WIFO-Berechnungen zeigen, dass es nur sehr geringe Auswirkungen geben würde: So wären durch das zusätzliche Arbeitskräfteangebot allenfalls zwischen 0,04 Prozent und 0,08 Prozent geringere Löhne zu erwarten. Eine Verringerung des Zugangs für Beschäftigte würde sich ebenfalls bei 0,04 Prozent bewegen – wobei hier vor allem einzelne Branchen wie Landwirtschaft, Handel, Information und Kommunikation sowie das Finanz- und Gesundheitswesen betroffen wären.

 

Die Arbeitslosigkeit würde sich kurzfristig (nach sechs bzw. neun Monaten nach der Lockerung) um 0,1 bis maximal 0,2 Prozentpunkte erhöhen. Längerfristig würde die Arbeitslosigkeit wieder langsam zurückgehen. Generell stellt das WIFO für alle berechneten Szenarien fest, dass die durchschnittliche Verfahrensdauer einen zentral Einfluss haben: Je kürzer die durchschnittliche Verfahrensdauer, desto geringer wirkt sich eine Lockerung des Arbeitsmarktzugangs für AsylwerberInnen auf den österreichischen Arbeitsmarkt aus.

 

Weiterführende Informationen und Kontakte:

Anmerkung zu den Tabellen: Werte unter 6.000 sind stark zufallsbestimmt und wurden mit () markiert. Werte unter 3.000 sind nicht interpretierbar und wurden mit (x) markiert.

 

* International Standard Classifikation of Education:

ISCED 0 – 2: Bildung bis zur Unter-/ Mittelstufe

ISCED 3 / 4: Oberstufe, berufsbildende, technische Oberschulen

ISCED 5 / 6: tertiärer Bildungsweg bis zum Bachelor oder einem Äquivalent

 

WIFO-Studie „Auswirkungen einer Erleichterung des Arbeitsmarktzuganges für Asylsuchende in Österreich“

 

Kontakt zu den AutorInnen der Studie: Julia.Bock-Schappelwein@wifo.ac.at, Peter.Huber@wifo.ac.at

 

Die Studie wurde vom Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz in Auftrag gegeben,

 

Pressesprecher des Sozialministeriums: Norbert Schnurrer, Tel.: 01/71100 – 2246; norbert.schnurrer@bmask.gv.at

 

Pressesprecher des Innenministeriums: Karl-Heinz Grundböck, Tel.: 01/ 53126 – 2490 Karl-Heinz.Grundboeck@bmi.gv.at

 

Modul der Arbeitskräfteerhebung „Arbeits- und Lebenssituation von Migrantinnen und Migranten in Österreich ist in der IBibliothek abrufbar.

 

MSNÖ-Artikel: Situation von MigrantInnen am Arbeitsmarkt

 

MSNÖ-Artikel: 2015: Über 20.000 Asylanträge bis Mai

 

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