Ramadan: Über 570.000 MuslimInnen in Österreich

Ramadan: Über 570.000 MuslimInnen in Österreich

Jun 11, 2015

Factbox

  • Zahl der in Österreich lebenden MuslimInnen stieg seit 2001 um 69 Prozent
  • Großteil der Menschen islamischen Glaubens sind TürkInnen und BosniakInnen
  • Islam ist seit 1912 als Religionsgemeinschaft in Österreich anerkannt
  • Österreichweit gibt es über 400 muslimische Verbände und Vereine

 

Am 17. Juni beginnt der islamische Fastenmonat Ramadan. Dieser für den Islam wichtige Monat spielt auch für einen Teil der österreichischen Bevölkerung eine bedeutende Rolle.

 

Wurden bei der Volkszählung 2001 noch 338.988 MuslimInnen hierzulande gezählt, schätzt die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), dass mittlerweile etwa 560.000 Menschen islamischen Glaubens in Österreich leben. Eine statistische Hochrechnung des Instituts für Islamische Studien an der Universität Wien ging im Jahr 2012 von über 570.000 in Österreich lebenden MuslimInnen aus. Die Medienservicestelle Neue Österreicher/innen (MSNÖ) fasst wesentliche Zahlen und Daten zu Menschen muslimischen Glaubens in Österreich zusammen.

 

Demographische Entwicklungen

Die letzten statistischen Erhebungen gehen auf die Volkszählung im Jahr 2001 zurück. Damals lebten 338.988 Menschen islamischen Glaubens in Österreich. 2009 führte der Österreichische Integrationsfonds (ÖIF) eine statistische Hochrechnung durch. Die Hochrechnung basiert auf den Daten der Volkszählung. Mit Hinblick auf die Nettomigration aus islamischen Ländern nach Österreich sowie auf die Geburtenrate der muslimischen Bevölkerung wurden die Daten der Volkszählung fortgeschrieben. Mit dem Stichtag 1.1.2009 ging der ÖIF damals von 515.914 MuslimInnen aus. Etwa die Hälfte davon (49 Prozent) hatte die österreichische Staatsbürgerschaft. Dies traf bei der Volkszählung 2001 nur auf 28 Prozent zu.

 

Eine weitere statistische Hochrechnung wurde im Jahr 2012 im Rahmen des Projektes „Muslimische Alltagspraxis in Österreich“ vom Institut für Islamische Studien an der Universität Wien durchgeführt. Demnach lebten 2012 573.876 MuslimInnen in Österreich, was einen Anteil von 6,8 Prozent an der österreichischen Gesamtbevölkerung entsprach. Damit liegt Österreich deutlich über den EU-Durchschnitt von 3,5 Prozent, wie die Projektgruppe auch in einer aktuellen Publikation „Imame und Integration“ betont.

 

Staatsan-gehörigkeit

Volkszählung 2001

Hochrechnung des

ÖIF 2009

Hochrechnung des Instituts für Islamische Studien 2012

 

MuslimInnen

In %

MuslimInnen

In %

MuslimInnen

In %

Insgesamt

338.988

4,2 %

515.914

6,2 %

573.876

6,8%

Österreich

97.721

1,3 %

252.845

3,4 %

202.901

2,7 %

Ausland

248.185

34,9 %

263.069

30,2 %

370.975

39 %

Quelle: Statistik Austria (Volkszählung 2001), ÖIF (Hochrechnung 2009), Institut für Islamische Studien (Hochrechnung 2012); eigene Darstellung

 

Gemäß den statistischen Hochrechnungen gab es von 2001 bis 2012 eine Zuwachs von Menschen islamischen Glaubens um 69,3 Prozent. Im Vergleich zu den Schätzungen aus dem Jahr 2009 lebten 2012 57.953 mehr MuslimInnen in Österreich. Allein in Wien lebten damals 216.345 MuslimInnen, die zweitmeisten wohnten in Oberösterreich (97.555), gefolgt von Niederösterreich (75.695).

 

zuwachs_islam_2001_2012

Quelle: Quelle: „Muslimische Alltagspraxis in Österreich“, Institut für Islamische Studien, Universität Wien

 

Großteil der MuslimInnen aus Bosnien-Herzegowina und Türkei

Statistische Hochrechnungen zeigen, dass die meisten MuslimInnen hierzulande aus der Türkei stammen. Die zweitgrößte Gruppe stellen BosniakInnen (muslimische BosnierInnen).

 

So gehörte mit der Okkupation Bosnien-Herzegowinas im Jahr 1878 erstmals eine große muslimische Bevölkerungsgruppe zu Österreich-Ungarn. Ab den 1960er Jahren kamen sowohl BosnierInnen als auch TürkInnen vermehrt durch die Arbeitsmigration im Rahmen der „Gastarbeiter-Bewegung“ nach Österreich. Zudem flüchteten während des Bürgerkrieges in Ex-Jugoslawien (1991-1995) etwa 90.000 BosnierInnen nach Österreich, wovon 60.000 hier eine neue Heimat fanden. Zahlen, wie viele davon BosniakInnen, SerbInnen oder KroatInnen sind, gibt es nicht.

 

Im Jahr 2012 lebten etwa 114.119 muslimische TürkInnen und 50.995 BosniakInnen in Österreich. Weitere Communities finden sich im arabischem Raum, in Tschetschenien sowie in weiteren Teile Ex-Jugoslawiens.

 

Muslimische Bevoelkerung in Oesterreich 2012

Quelle: „Muslimische Alltagspraxis in Österreich“, Institut für Islamische Studien, Universität Wien – Anmerkungen: Ex-Jugoslawien: Montenegro, Serbien, Kosovo; Naher Osten: Kuwait, Oman, Katar, Jemen, Jordanien, Syrien, Palästina, Ägypten, Sudan, Libyen, Marokko, Algerien, Tunesien, Saudi-Arabien, teilweise Libanon und Irak; Zentralasien: Afghanistan, Pakistan, Bangladesch Schiitische Länder: Iran, Aserbaidschan, Bahrain, teilweise Libanon und Irak; Russische Föderation: Tschetschenien.

 

1912: Anerkennung des Islam als Religionsgemeinschaft

Die Okkupation Bosnien-Herzegowinas von Österreich-Ungarn hatte – etwas verspätet – zur Folge, dass der Islam als Religionsgemeinschaft anerkannt wurde. Im Februar 1909 nahm eine Arbeitsgruppe unter dem Vorsitz des späteren Unterrichtsminister Max von Hussarek ihre Arbeit auf. Am 15. Juli 1912 trat das “Gesetz betreffend die Anerkennung der Anhänger des Islam nach hanefitischem Ritus als Religionsgesellschaft” in Geltung. Die Beschränkung auf die hanefitische Schule fiel 1987.

 

Eine besondere Stellung kommt den AlevitInnen zu. Laut den AutorInnen des 2012 erschienenen Buches “Muslime in Österreich”, Susanne Heine, Rüdiger Lohlker und Richard Potz, wurzelt die alevitische Strömung zwar im Islam, hat sich aber seit dem Mittelalter von den islamischen Hauptrichtungen und den damit verbundenen Lehren gelöst. Die AutorInnen schätzen, dass etwa 60.000 AlevitInnen in Österreich leben. Die AnhängerInnen der „Islamischen Alevitischen Glaubensgemeinschaft” (ALEVI) wurde nach jahrelangen Bemühungen am 22. Mai 2013 als eigenständige Religionsgemeinschaft anerkannt.

 

Mit der “Islamisch-schiitischen Bekenntnisgemeinschaft” (Erwerb der Rechtspersönlichkeit mit 1. März 2013) hat auch ein Teil der SchiitInnen in Österreich nach jahrelangen Bemühungen ihr Ziel erreicht.

 

Offizielle Vertretung der MuslimInnen in Österreich

Im Jahr 1962 erfolgte auf Initiative des österreichischen Islamwissenschafters Smail Balić die Gründung des „Moslemischen Sozialdienstes“. Laut den AutorInnen des Buches „Imame und Integration“ war dies die Basis für die Entwicklung einer offiziellen Vertretung. So konstituierte sich 1979 die „Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich“ (IGGiÖ), die sich als Bindeglied zwischen staatlichen Institutionen und zivilen Einrichtungen versteht.

 

Unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit werden vom Staat alle MuslimInnen in Österreich als Mitglieder der IGGiÖ verstanden. Die Hauptfunktionen der Glaubensgemseinschaft ist die Organisation des Islam-Unterrichts an Schulen und des Studiengangs für das Lehramt für islamische Religion in Wien. Die IGGiÖ fungiert auch als Servicestelle für administrative Angelegenheiten für MuslimInnen wie Eheschließungen, Beerdigungen oder die Ausstellung von Bescheinigungen.

 

2011 wurde Fuat Sanac zum Präsidenten der IGGiÖ gewählt. Laut Angaben der Glaubensgemeinschaft waren etwa 30.000 Menschen wahlberechtigt. Diese Zahl macht deutlich, dass das Leben der muslimischen Community weit über die Aktivitäten der IGGiÖ hinausgeht.

 

Vielzahl muslimischer Dachverbände und Vereine

Der wichtigste Dachverband für MuslimInnen in Österreich ist die „Türkisch-Islamische Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit“ (ATIB). Gleichzeitig stellt die ATIB auch die meisten Delegierten in der IGGiÖ. Der zweitgrößte Dachverband ist die Islamische Föderation (IF), die mit der Milli-Görüs Bewegung verbunden ist. Der größte nicht türkische Verband für MuslimInnen ist der „Verband bosniakisch-islamischer Vereine in Österreich“ (IZBA).

 

Muslimische Verbaende in ÖsterreichQuelle: „Imame und Integration“ (Aslan, Akkilic, Kolb 2015)

 

Zusätzlich sah sich die MSNÖ mit Hilfe der interaktiven “Islam-Landkarte” die muslimische Vereinslandschaft in Österreich genauer an. Die Landkarte entstand 2011 im Rahmen eines Projekts der Islamischen Religionspädagogik am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien.

 

Die Karte, die laufend ergänzt und aktualisiert wird, verzeichnet momentan 409 islamische Vereine und Moscheen in Österreich. Die Plattform bietet Informationen über die geografische Lage aller verzeichneten Vereine in den jeweiligen Bundesländern sowie Kurzbeschreibungen und Angaben über Entstehung und Ziele der mitgliederstärksten Vereine.

 

Besonders viele islamische Vereine existieren demnach in Wien, Tirol, Niederösterreich, Oberösterreich und Vorarlberg:

 

Bundesland

Anzahl Vereine

Burgenland

1

Kärnten

16

Niederösterreich

52

Oberösterreich

51

Salzburg

21

Steiermark

23

Tirol

47

Vorarlberg

39

Wien

158

Gesamt

409

Islamische Vereine in Österreich nach Bundesländern; Quelle: Islam Landkarte; eigene Darstellung

 

Moscheen und Imame in Österreich – keine genauen Daten

Über die Zahl der Moschen und Imame in Österreich gibt es keine genauen Daten. Die WissenschafterInnen Heine, Lohlker und Potz sprechen von über 300 “Moscheen” (inkl. Gebetsräume). Auch Ednan Aslan, Herausgeber des Buches “Zwischen Moschee und Gesellschaft – Imame in Österreich”, beruft sich auf Schätzungen von insgesamt über 300 Moscheen (Ebenfalls inkl. Gebetsräumen).

 

Auch hinsichtlich der Anzahl von Imamen und SeelsorgerInnen gibt es keine genauen Daten. Die IGGiÖ führt keine Statistiken über die von ihr ausgestellten Bescheinigungen für Imame. Wie die Glaubensgemeinschaft auf Anfrage der MSNÖ mitteilte, schätzen sie die Zahl der Moscheen als auch die der Imame in Österreich auf jeweils 400.

 

MuslimInnen sehen Ramadan als Chance

Die österreichischen MuslimInnen nutzen die Zeit des Ramadan vermehrt dazu, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren und in einen Dialog mit der Mehrheitsbevölkerung zu treten: Während des Ramadan laden verschiedenste islamische Vereine und Organisationen zu Veranstaltungen und Festen ein. Insbesondere das “Fest des Fastenbrechens” ist als Veranstaltungstermin beliebt, da er einer der wichtigsten islamischen Feiertagen ist. Er beendet die Fastenzeit und fällt heuer auf den 17. Juli 2015.

 

Weiterführende Informationen und Kontakte:

Forschungsprojekt „Muslimische Milieus in Österreich“ des Instituts für Islamische Studien, Kontakt: Jonas Kolb, E-Mail: jonas.kolb@univie.ac.at Tel.: 01 4277 467 63

 

Zwischenbericht „Muslimische Alltagspraxis in Österreich. Ein Kompass zur religiösen Diversität“

 

Das Buch „Imame und Integration“ ist 2015 im Springer Verlag erschienen – Kurzzusammenfassung der Ergebnisse

 

Österreichischer Integrationsfonds, Pressestelle, Tel.: 01/710 12 03 – 134; pr@integrationsfonds.at

 

Die Publikation “Der Islam in Österreich” in der iBibliothek

 

Die interaktive Islam Landkarte

 

Das Buch „Muslime in Österreich – Geschichte, Lebenswelt, Religion – Grundlagen für den Dialog“ ist 2012 im Tyrolia Verlag erschienen

 

Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), Medienreferent ist Zekirija Sejdini, Tel.: 01/523 364 523; sejdini@derislam.at

 

Das „Islamgesetz“ im Wortlaut (Website der IGGiÖ)

 

ATIB UNION; Tel.: +43 1 334 62 80; office@atib.at

 

Islamische Föderation in Wien; info@ifwien.at

 

Union Islamischer Kulturzentren; Tel.: 01/983 12 95, office@uikz.at

 

Muslimische Jugend Österreichs (MJÖ), office@mjoe.at

 

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