51 Jahre GastarbeiterInnen – Auswirkungen und Herausforderungen

51 Jahre GastarbeiterInnen – Auswirkungen und Herausforderungen

Mai 13, 2015

Factbox

  • 540.500 in Österreich lebende Personen wurden in Ex-Jugoslawen oder Türkei geboren
  • GastarbeiterInnen der ersten Generation rücken zunehmend in das Pensionsalter vor
  • Altersarmut bei Ex-JugoslawInnen drei, bei TürkInnen acht Mal höher
  • Mangel an Angeboten interkultureller Altenpflege
  • Über 258.000 türkische und ex-jugoslawische MigrantInnen der zweiten Generation

 

Am 15. Mai 1964 wurde das Anwerbeabkommen zwischen Österreich und der Türkei unterschrieben, das den Zuzug von türkischen Arbeitskräften nach Österreich regelte. Zwei Jahre später folgte das Anwerbeabkommen mit dem damaligen Jugoslawien. Heute sind diese ArbeitsmigrantInnen als GastarbeiterInnen bekannt.

 

51 Jahre nach der Unterzeichnung des ersten Anwerbeabkommens rückt die GastarbeiterInnen-Generation zunehmend ins Pensionsalter vor. Sie stößt auf Probleme bezüglich der Pensionsansprüche und begegnet einer Altenpflege, die nicht auf eine interkulturelle Bevölkerung ausgerichtet ist. Gleichzeitig verläuft der soziale Aufstieg der zweiten MigrantInnen-Generation eher schleppend. Zu diesen Ergebnissen kommt Andreas Weigl, der in der Publikation der Arbeiterkammer Wien „Wiener Herausforderungen – Arbeitsmarkt, Bildung, Wohnung und Einkommen“ die Gastarbeiter-Wanderung nach Wien resümiert.

 

540.500 Personen wurden in einem der Gastarbeiter-Länder geboren

Weigl definiert die Zeit der Gastarbeiter-Bewegung von Mitte der 1960er Jahre bis Mitte der 1990er Jahre. Neben der tatsächlichen Zuwanderung von ArbeitsmigrantInnen fällt somit auch der spätere Zuzug von Familienangehörigen in diese Zeit. Dabei stieg der Anteil der AusländerInnen in Österreich vor allem bis Mitte der 1970er Jahre. Während im Jahr 1961 etwa 100.000 ausländische StaatsbürgerInnen in Österreich lebten, waren es 1974 rund 311.700.

 

Zu Beginn des Jahres 2014 lebten insgesamt 421.188 Personen mit einer ex-jugoslawischen oder türkischen Staatsangehörigkeit hierzulande. 306.448 davon stammten aus dem ehemaligen Jugoslawien*, 114.740 aus der Türkei. Nach Geburtsland unterschieden, wurden 380.597 in Österreich lebende Personen in Ex-Jugoslawien geboren, 159.958 in der Türkei.

 

Mehr als die Hälfte der GastarbeiterInnen lebt in Wien

Etwas mehr als die Hälfte jener, die in einem der Gastarbeiter-Länder geboren wurden, wohnte 2014 in Wien; in absoluten Zahlen waren das 225.824 Personen (Ex-Jugoslawien: 158.738, Türkei: 67.086). Darunter zählen natürlich Personen, die in den vergangenen Jahrzehnten zugewandert sind.

 

Wie eine 2011 durchgeführte AK-Studie zur Beschäftigungssituation von Menschen mit Migrationshintergrund in Wien zeigt, wanderten etwa 25 bis 30 Prozent der damals befragten ex-jugoslawischen und türkischen MigrantInnen vor 1990 zu. Auch ein Vergleich der Zahlen in den vergangenen Jahrzehnten lässt Schlüsse auf die Zeit der Migration zu. Weigl vergleicht hierzu die Zahlen der Volkszählung 2001 und der Registerzählung 2011. Wie folgende Tabelle zeigt, sind in dieser Zeit etwa 30.000 Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Österreich zugewandert und ca. 20.000 Personen aus der Türkei.

 

Wien GastarbeiterInnenQuelle: AK Wien – „Wiener Herausforderungen“

 

GastarbeiterInnen rücken zunehmend ins Pensionsalter vor

Die GastarbeiterInnen, die zwischen den 1960er und 1970er Jahre nach Österreich kamen, rücken zunehmend ins Pensionsalter vor. Zu Beginn des Jahres 2013 lebten österreichweit knapp 50.000 über 65Jährige, die in einem der Gastarbeiter-Länder geboren wurden.

 

 

 Insgesamt

0 – 5 Jahre

6 – 14 Jahre

15 – 24 Jahre

25 – 49 Jahre

50 – 64 Jahre

65 und älter

Türkei

 159.185

418

 4.277

 18.192

 95.391

32.192

 8.715

Ex-Jugolsawien (ohne Slowenien)

 373.009

1.470

 9.034

35.692

 186.985

98.619

 41.209

Altersstruktur der Bevölkerung in Österreich, die in der Türkei oder Ex-Jugolsawien geboren wurde (Stichtag: 1.1.2013), Quelle: Statistik Austria, eigene Darstellung.

 

Die in Wien durchgeführte Studie „Senior Plus“ aus dem Jahr 1999 in Wien zeigte, dass damals knapp jede/r zweite Befragte, die/der dauerhaft in Österreich bleiben wollte, diese Entscheidung auch später beibehielt. Nur ein Drittel plante zurückzukehren. Der Großteil (79 Prozent) jener MigrantInnen, die sich dafür entschieden in Österreich zu bleiben, zog dabei eine positive Bilanz. Gleichzeitig gaben nur 27 Prozent an, die ursprünglichen Ziele erreicht zu haben. 84 Prozent nahmen eine Verbesserung ihres Lebensstandards in Österreich wahr, 72 Prozent konnten ihre Familie im Herkunftsland unterstützen.

 

GastarbeiterInnen stärker von Altersarmut betroffen

Viele der GastarbeiterInnen arbeiteten in prekären Arbeitsverhältnissen. Laut Weigl waren diese von Unsicherheit, einem hohen Langzeit- und Altersarbeitslosigkeitsrisiko sowie von überdurchschnittlicher körperlicher Belastung geprägt. Laut der Studie Senior Plus gingen MigrantInnen dementsprechend häufiger vorzeitig in Pension als autochthone ÖsterreicherInnen: So erhielten 38 Prozent der MigrantInnen und zwölf Prozent der autochthonen ÖsterreicherInnen eine vorzeitige Alterspension.

 

Eine Folge der schwierigen Arbeitsverhältnisse und frühzeitigen Pensionierung ist unter anderem eine stärkere Armutsgefährdung im Alter, wie die empirische Studie „Migrantische Armutslagen“ aus dem Jahr 2006 zeigt: Bei Ex-JugoslawInnen war die Armutsgefährdung drei Mal, bei TürkInnen sogar acht Mal höher als bei den älteren ÖsterreicherInnen. Eine weitere Studie („Leben in Wien II“) zeigt, dass 37 Prozent der über 50-jährigen TürkInnen und 60 Prozent der Ex-JugoslawInnen ihr Haushaltseinkommen als zu niedrig empfanden. 46 Prozent der über 50-jährigen ArbeitsmigrantInnen fühlten sich zudem psychosozial belastet, während dies bei den gleichaltrigen ÖsterreicherInnen 26 Prozent waren.

 

Interkultureller Altenpflege fehlt

Da das Gastarbeiterkonzept auf Rotation und Rückkehr angelegt war, wurde das Alter weder von den Aufnahmeländern noch von den ArbeitsmigrantInnen selbst eingeplant. Dies macht sich u.a. beim Thema Altenpflege bemerkbar: Trotz zunehmendem Alter der GastarbeiterInnen wurde dem Thema interkulturelle Altenpflege laut Weigl bis jetzt nur wenig Beachtung geschenkt.

 

Dies zeigt auch die 2005 durchgeführte Studie „Integrationsservice von und für ältere MigrantInnen“. Demnach nahmen nur sechs Prozent der befragten MigrantInnen die Unterstützung des sozialen Dienstes in Anspruch. Der Grund hierfür sei vor allem das Fehlen von muttersprachlichen Informations-, Beratungs- und Betreuungsangeboten. Die Studie ergab, dass 47 Prozent der befragten MigrantInnen im Bedarfsfall muttersprachliche Beratung, Betreuung und/oder Pflege benötigen, für 73 Prozent nehmen die Bereitstellung muttersprachlicher Beratungsstellen als wichtig wahr und 68 Prozent sprachen sich für muttersprachliches Informationsmaterial aus.

 

Über 258.000 MigrantInnen zweiter Generation

Als eine weitere aktuelle Herausforderung nach der GastarbeiterInnen-Bewegung definiert Weigl den Umgang mit der zweiten und dritten Generation, den Kindern und Enkelkinder der GastarbeiterInnen. In Österreich lebten im Jahresdurchschnitt 2014 rund 152.700 MigrantInnen der zweiten Generation, deren Eltern im ehemaligen Jugoslawien geboren wurden und 105.500 türkische MigrantInnen der zweiten Generation.

 

Weigl kritisiert, dass der berufliche Aufstieg der zweiten Generation nur langsam verläuft. Laut der AK-Studie zur Beschfäftigungssituation von Menschen mit Migrationshintergrund arbeiteten 64 Prozent der ersten Generation in Hilfs- oder angelernten Tätigkeiten, bei den Befragten der zweiten Generation waren es immer noch 47 Prozent. Ein Drittel der zweiten Generation war der Facharbeiterschicht zuzuordnen. Deutliche Unterschiede würden sich je nach Herkunftsland der Eltern zeigen: So seien vor allem MigrantInnen der zweiten Generation mit türkischem Hintergrund mit etwa 2/3 in Hilfs-/ angelernten Tätigkeiten beschäftigt.

 

Weitere Informationen und Kontakte:

* In diesem Artikel ist Jugoslawien durchgehend ohne Slowenien gemeint.

 

Publikation der AK Wien:  „Wiener Herausforderungen- Arbeitsmarkt, Bildung, Wohnung und Einkommen“ 

 

Presseabteilung der AK Wien: ute.boesinger@akwien.at

 

MSNÖ-Artikel: GastarbeiterInnen bedeutend für österreichische Wirtschaft

 

MSNÖ-Artikel: Soziale Situation der GastarbeiterInnen – heute

 

MSNÖ-Artikel: Soziale Situation der GastarbeiterInnen – damals

 

MSNÖ-Artikel: GastarbeiterInnen und ihre schwierige soziale Lage

 

MSNÖ-Artikel: Geschichte der Zuwanderung von GastarbeiterInnen

 

www.pdf24.org    Sende Artikel als PDF   

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.