Gesundheit: MigrantInnen fühlen sich schlechter

Gesundheit: MigrantInnen fühlen sich schlechter

Apr 2, 2015

 Factbox

  • Ungesünder fühlen sich v.a. TürkInnen und Ex-JugoslawInnen
  • Lebensqualität und psychisches Wohlbefinden bei MigrantInnen geringer
  • Schwache sozioökonomische Lebenssituation wesentlicher Faktor
  • Diskriminierung kann auf die psychische Gesundheit schlagen
  • Sprach- und soziokulturelle Barrieren erschweren Zugang zum Gesundheitssystem

 

Menschen mit Migrationshintergrund fühlen sich in Österreich gesundheitlich schlechter, klagen öfters über Schmerzen und haben mehr psychische Probleme als Menschen ohne Migrationshintergrund. Die Gründe dafür sind sozioökonomische Ungleichheiten, die jeweiligen Rahmenbedingungen vor und während der Migration, aber auch Diskriminierungserfahrungen auf Grund der Herkunft. Hinzu kommen sprachliche, aber auch kulturelle Hindernisse beim Arztbesuch, die den Zugang zum Gesundheitssystem für MigrantInnen erschweren.

 

Dies zeigt eine ausführliche, vom Gesundheitsministerium und der Arbeiterkammer Wien (AK) herausgegebene Studie, die wiederum verschiedene Studien zum Thema Migration und Gesundheit der vergangenen Jahre zusammenführt. Die Medienservicestelle Neue ÖsterreicherInnen (MSNÖ) sah sich anlässlich des Weltgesundheitstages (7. April) die Ergebnisse bezüglich der gesundheitlichen Situation von MigrantInnen genauer an.

 

Gesundheitsempfinden bei TürkInnen und Ex-JugoslawInnen schlecht

Der Gesundheitszustand von MigrantInnen wurde zuletzt bei der Österreichischen Gesundheitsbefragung 2006/2007 der Statistik Austria in einer großangelegten Studie befragt. Zentrales Ergebnis: Vor allem MigrantInnen aus Ex-Jugoslawien und der Türkei fühlen sich gesundheitlich schlechter.

 

Demnach bezeichneten nur 67 % der Männer und 62 % der Frauen aus diesen Ländern ihren Gesundheitszustand als gut oder sehr gut. 13 % der Männer und 14 % der Frauen fühlen sich gesundheitlich schlecht oder sogar sehr schlecht. Hingegen gaben rund 80 % der Personen ohne Migrationshintergrund an, dass sie sich gut oder sehr gut fühlen (sehr guter/guter Gesundheitszustand nach Selbsteinschätzung in Österreich Befragter/in Prozent):

 

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Häufiger Schmerzen und chronische Erkrankungen

66 % der Männer mit Migrationshintergrund und 69 % der Frauen gaben zum Zeitpunkt der Befragung mindestens eine chronischen Krankheit an, die ihre Gesundheit beeinträchtigt. Bei Autochthonen sind es 59 % der Männer und 63 % der Frauen. Signifikante Unterscheide zeigen sich bei der Betrachtung ausgewählter Krankheiten: So leiden Männer mit Migrationshintergrund öfter unter Migräne, Wirbelsäulenbeschwerden, chronischen Angstzuständen und Depressionen. Auch die Risiken für Diabetes, Bluthochdruck, Arthrose, Arthritis,und Gelenksrheumatismus sind bei MigrantInnen höher.

 

MigrantInnen leiden zudem häufiger an Schmerzen. 41 % der Männer und 44 % der Frauen mit Migrationshintergrund klagten im Jahr vor der Befragung über erhebliche Schmerzen, bei Menschen ohne Migrationshintergrund sind es 34 % der Männer und 39 % der Frauen.

 

Psychisches Wohlbefinden und Lebensqualität niedriger

MigrantInnen bewerten ihre allgemeine Lebensqualität schlechter als Personen ohne Migrationshintergrund. Der größte Unterschied zeigt sich erneut zwischen MigrantInnen aus Ex-Jugoslawien oder der Türkei und Nicht-MigrantInnen. Die schlechtere Lebensqualität beeinflusst nicht nur das körperliche, sondern vor allem auch das psychische Wohlbefinden und die Vitalität im Alltag:

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Migrationsspezifische Faktoren beeinflussen Gesundheitssituation

Dieser schlechtere Gesundheitszustand wird von verschiedenen migrationsspezifischen Faktoren beeinflusst. So können die Bedingungen im Herkunftsland (andere Essgewohnheiten, Gewalt, Krieg, etc.), die Bedingungen während dem Migrationsprozess (psychosoziale Belastung, Gewalt, Rassismus/ Diskriminierung, Verlust sozialer Netzwerke) und die Bedingungen im Zielland eine schlechten Gesundheitszustand begünstigen. Zu letzteren zählen sozioökonomische Faktoren wie Bildung, Arbeits-, Einkommens- und Wohnverhältnisse.

 

So hatten laut EU-SILC-Studie aus dem Jahr 2012 60 % der HilfsarbeiterInnen eine nicht-österreichische Staatsbürgerschaft. Gleichzeitig geben 71 % der Personen mit einer niedrigen beruflichen Stellung (HilfsarbeiterInnen) einen sehr guten oder guten Gesundheitszustand an, während es bei Personen mit einer höheren beruflichen Stellung über 80 % sind.

 

MigrantInnen haben auch mehr mit belastenden Zuständen in ihrem Wohnraum zu kämpfen, als Personen ohne Migrationshintergrund. Gravierendes Problem für Personen ohne österreichische Staatsbürgerschaft ist dabei vor allem die Überbelegung des Wohnraumes mit 33 %, während dies bei Personen mit österreichischer Staatsbürgerschaft nur für 4,0 % ein Problem ist:

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Diskriminierung als gesundheitliche Belastung

Während zahlreiche Studien den Zusammenhang zwischen schwacher sozioökonomischer Lebenssituation und schlechter Gesundheit belegen, gibt es kaum Studien aus Österreich, die den Zusammenhang von Diskriminierungserfahrungen und Gesundheit thematisieren. Aus verschiedenen Studien weltweit ist jedoch ersichtlich, dass Diskriminierung vor allem auf die psychische Gesundheit schlägt. Ein geringes Selbstwertgefühl, Angst und Depressionen können die Folgen sein. Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen werden aber auch als chronischer Stressor empfunden, der sich negativ auf die körperliche Gesundheit auswirken kann.

 

Soziokulturelle Barrieren erschweren Zugang zum Gesundheitssystem

MigrantInnen in Österreich beanspruchen das Gesundheitssystem seltener als Menschen ohne Migrationshintergrund. Vor allem die Nutzung von Angeboten in den Bereichen Gesundheitsförderung und Prävention ist deutlich geringer bei Menschen mit Migrationshintergrund. Während 70 % der autochthonen Frauen im Alter von 40 eine Mammografie machen lassen, sind es bei Frauen mit Wurzeln in der Türkei oder Ex-Jugoslawien nur 52 %. Beim PSA-Test für Männer ist der Unterschied noch auffälliger: 51 % der Männer ab 40 ohne Migrationshintergrund unterziehen sich einen PSA-Test, während es bei Männer türkischer oder ex-jugoslawischer Herkunft nur 18 % sind.

 

Die häufigsten Hindernisse für MigrantInnen, die den Zugang zum Gesundheitssystem und den verschiedenen Behandlungsangeboten erschweren, sind Sprachbarrieren, das fehlende Wissen über die Strukturen des Gesundheitssystem, ein geringer Bildungsgrad, kulturelle Unterschiede sowie ein niedriger sozioökonomischer Status. Bei einer aktuellen EU-Studie, die in Österreich, Tschechien, Italien, Schweden und Großbritannien durchgeführt wurde, nannten MigrantInnen die Sprache als häufigste Barriere. Gleichzeitig stehen vor allem in Österreich, Tschechien und Italien kaum Dolmetschdienste zur Verfügung.

 

Verbesserung durch konkrete Angebote

Das Thema Gesundheit und Migration wird vermehrt von der Politik aufgenommen. So wurden im vergangenen Jahr die 10 Rahmen-Gesundheitsziele von der Regierung formuliert, welche auch auf die gesundheitliche Situation der MigrantInnen abzielen.

 

Zudem werden bereits verschiedene Projekte durchgeführt: Das Kaiser-Franz-Josef-Spital in Wien erprobt beispielsweise im Rahmen des EU-Projekts „migrant-friendly hospital“ wie mehr Diversität im Spital umgesetzt werden kann. Das Projekt „NACHBARINNEN“ versucht integrationsfördernde Maßnahmen in verschiedenen Bereichen zu schaffen. Unter anderem soll das Gesundheitsbewusstseins von Menschen mit Migrationshintergrund sowie die Selbsthilfekompetenz gestärkt werden. Das Projekt „MiMi – Mit MigrantInnen für MigrantInnen“ der Volkshilfe ist ein internationales Gesundheitsprogramm, das sich derzeit in Wien und Oberösterreich für die Gesundheitsförderung von MigrantInnen einsetzt. Dabei wird ein Lehrgang angeboten, welcher MigrantInnen als GesundheitslotsInnen ausbildet, um das Wissen in die Community zu tragen.

 

 

Weiterführende Informationen und Kontakte:

Gesamter Bericht zum Download verfügbar www.wien.arbeiterkammer.at/migrationundgesundheit

 

Presseabteilung der AK Wien: ute.boesinger@akwien.at

 

Die 10 Rahmen-Gesundheitsziele

 

EU-Projekt „migrant-friendly-hospital“ 

 

Österreichisches Projekt „NachbarInnen

 

MSNÖ Artikel „MigrantInnen: Schlechtere gesundheitliche Situation

 

MSNÖ Artikel „Migranten beim Arzt: Viele Missverständnisse

 

MSNÖ Artikel „Situtaion von Migranten ohne Papiere beim Arzt“

 

 

 

 

 

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