Betteln in Österreich – eine Notstrategie

Betteln in Österreich – eine Notstrategie

Dez 10, 2014

Factbox

  • Gründe für die Migration: Arbeitslosigkeit, fehlendes Einkommen
  • Betteln als Notstrategie, Einnahmen: 0-30 Euro pro Tag
  • Studien: keine Hinweise auf kriminelle Netzwerke, organisierte Ausbeutung
  • Zu wenig zielgruppengerechte Einrichtungen in Österreich
  • Internationale Studien: ähnliche Ergebnisse

 

BettelerInnen sind extrem von Armut und Perspektivlosigkeit betroffen, sie verdienen in Österreich im Schnitt meist zehn Euro pro Tag und es gibt keine Hinweise auf eine organisierte Ausbeutung oder Kriminalität. Dies sind zentrale Ergebnisse der bisher vorliegenden wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema BettlerInnen aus Zentral- und Osteuropa in Österreich.

 

Daten und Faktenwissen über so genannte Bettelmigration nach Österreich gibt es bisher kaum. Einige qualitative, sozialwissenschaftliche Studien sind in den vergangenen Jahren erschienen. Darin wurden u.a. die sozialen Hintergründe von BettlerInnen und ArmutsmigrantInnen ermittelt. Die Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen (MSNÖ) hat die bisher erschienenen Studien zusammengefasst.

 

Betteln als Notstrategie 

Menschen, die in Österreich betteln, stellen eine heterogene Gruppe dar. Gemeinsam haben die Befragten, dass sie von Armut und Perspektivlosigkeit betroffen sind. Die Migration und das Betteln stellen eine Strategie in einer persönlichen Notlage dar. Wenn andere Erwerbsmöglichkeiten wegfallen und staatliche Unterstützungen nicht vorhanden sind oder nicht ausreichen, nimmt für manche das Betteln um Geld (oder geldwerte Sachen) die Rolle einer temporären Überlebensstrategie ein.

 

„Bettelmigration“ statistisch schlecht erfassbar

Über die Anzahl der ArmutsmigrantInnen, die in Österreich betteln, gibt es lediglich Schätzungen. Erschwert wird eine statistische Erfassung dadurch, dass viele sich nur temporär in Österreich aufhalten und in dieser Zeit oft nicht hier gemeldet sind.

 

Eine quantitative Erhebung von im öffentlichen Raum sichtbaren ArmutsmigrantInnen wurde bisher nur im Rahmen einer Studie in Salzburg unternommen. Im Februar/März 2013 wurden im Stadtraum Salzburg 120 BürgerInnen südosteuropäischer Staaten angetroffen, die bettelten oder kleine Tätigkeiten ausführten (Straßenzeitungsverkauf u.a.). Drei Monate später wurden weit weniger und andere Personen angetroffen, die Fluktuation war hoch (Schoibl 2013).


In den Studien befragte BettlerInnen kamen aus Rumänien, Bulgarien, der Slowakei, Ungarn, Polen, Tschechien und aus dem ehemaligen Jugoslawien. Auffallend häufig wurden Herkunftsorte in Rumänien und in der Slowakei genannt, in denen eine ungarischsprachige Minderheit lebt. Eine darüber hinausgehende Konzentration auf Regionen war studienübergreifend nicht erkennbar.

 

Gründe für Migration

Die Armutsmigration aus zentral- und osteuropäischen Staaten ist durch so genannte Push-Faktoren bestimmt, das heißt durch die schlechten Verhältnisse in den Herkunftsregionen (Schoibl 2013). Die befragten ArmutsmigrantInnen leiden unter absoluter Armut, das heißt unter einem Mangel an überlebensnotwendigen Gütern, außerdem unter manifester, das heißt langandauernder und oft generationenübergreifender Armut ohne Ausstiegsperspektiven.

 

Entsprechend wurden in allen Studien Geldnot und Mangel an Gütern (Lebensmittel, Medikamente, Schulsachen der Kinder etc.), Arbeitslosigkeit, fehlende oder zu geringe Einkommen aus Transferleistungen und fehlende Perspektiven als Gründe für die Migration nach Österreich angegeben. Viele gaben an, ihre Familien mit versorgen zu müssen.

 

Andere genannte Gründe für die Migration waren eine schlechte Wohnsituation, schlechte soziale Infrastruktur und medizinische Versorgung im Herkunftsort, Ausgrenzungserfahrungen sowie Unglücksfälle (z.B. Hochwasser in den Donau-Überschwemmungsgebieten oder Tod eines Familienmitglieds).

 

Keine Perspektiven am Arbeitsmarkt

Alle Befragten sind in ihren Herkunftsländern von Erwerbslosigkeit betroffen, die oft schon viele Jahre besteht. Viele haben ihren Arbeitsplatz mit der Transformation Anfang der 1990er verloren. Mit der Wirtschaftskrise 2008 hat sich die Arbeitsmarktsituation nochmals verschlechtert.

 

Eine zusätzliche Benachteiligung am Arbeitsmarkt in den Herkunftsländern besteht für Frauen, für Menschen mit Behinderungen und für Angehörige ethnischer Minderheiten. Auch Angehörige der Volksgruppe der Roma sind in den Herkunftsländern oft vielfältigen Diskriminierungen ausgesetzt. Nach der Transformation fanden sie in strukturschwachen Regionen kaum Beschäftigungsmöglichkeiten. Befragte berichten von ansteigenden Diskriminierungserfahrungen auf den Arbeitsmärkten (Benedik/ Tiefenbacher/Zettelbauer 2013).

 

0-30 Euro am Tag

Die Tätigkeit des Bettelns beschreiben fast alle Befragten als (temporäre) Notstrategie, um zu einem Einkommen zu gelangen. Sie äußern den Wunsch nach geregelter Erwerbsarbeit. Meist wird dies aber von den Befragten selbst als unrealistisch angesehen (fehlende Sprachkenntnisse/Bildung/Dokumente).

 

Durch Betteln und Gelegenheitsarbeiten werden 0-30, meist 10 Euro pro Tag eingenommen (studienübergreifende Spanne). Das Geld, das durch Betteln und/oder Gelegenheitsarbeiten eingenommen wird, verwenden die Befragten für ihren täglichen Bedarf (Lebensmittel, Hygieneartikel, z.T. Miete in Österreich) und für ihre Reisekosten.

 

Soweit möglich, sparen sie Geld für unerwartete Ausgaben (Medikamente, Operationen u.a.) oder Anschaffungen (Möbelkauf, Wiederaufbau von Häusern im Herkunftsort) und für die Versorgung der Familie im Herkunftsort bzw. in Österreich. Insbesondere wird Geld für die Bildung der eigenen Kinder gespart (Schulmaterial, Transportkosten u.a.).

 

Keine Hinweise auf organisierte Ausbeutung

Eine erzwungene Abgabe des Geldes an Dritte wurde in keiner Studie festgestellt. Durch das Betteln können kaum mehr als die eigenen Lebenshaltungskosten gedeckt werden. Einige Befragte geben an, sich das Geld für die Reise von Verwandten oder Bekannten geliehen zu haben und es zurückzahlen zu müssen. Hinweise darauf, dass dies ausgenutzt wird, um an den SchuldnerInnen zu verdienen oder sie zu bestimmten Tätigkeiten zu zwingen, gab es jedoch keine (Schoibl 2013).

 

Die Studien gehen von einer Verletzungsoffenheit der Befragten aus: Armut, fehlende Sprachkenntnisse oder Analphabetismus können zu einer Abhängigkeit von Dritten führen. In keiner Studie gab es jedoch Hinweise auf organisierte Ausbeutung oder Zwang durch eine kriminelle Vereinigung oder Gruppe, auf Menschenhandel oder Begleitkriminalität in Zusammenhang mit Betteln und Armutsmigration aus Osteuropa.

 

Die Organisation der Reise und der Tätigkeiten in Österreich erfolgt teils individuell, teils in kleineren Gruppen von Verwandten oder Bekannten. Die meisten Befragten reisen in kleinen Gruppen von Verwandten/Bekannten an (3-6 Personen), mit denen sie hier meist auch zusammen wohnen/arbeiten. Soziale Kontakte bestehen vor allem innerhalb der eigenen Sprachgemeinschaft.

 

Weiteres Ergebnis: Die Befragten zahlen zum Teil überhöhte Mieten an österreichische VermieterInnen für überfüllte oder heruntergekommene Unterkünfte. Dies zeigt die Verletzungsoffenheit der Befragten, deren Situation von Dritten ausgenutzt werden kann.

 

Zu wenig zielgruppengerechte Einrichtungen in Österreich

Alle Studien stellen einen Mangel an zielgruppengerechten sozialen Einrichtungen fest. Gefordert werden eine bessere Basisversorgung (medizinisch, Unterkunft/Hygiene, Kinderbetreuung), Information und Schaffen von Perspektiven (z.B. ein noch besseres Angebot von Deutschkursen). Viele Befragte leiden unter Krankheiten, finden aber keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Oft fehlt ihnen auch das Wissen über Angebote und Unterstützungsansprüche (Schoibl 2013).

 

Internationale Vergleichsstudien: ähnliche Ergebnisse

Zum europaweit wenig erforschten Thema der Bettelmigration erschien 2014 eine Studie aus der Schweiz (Universität Lausanne und Fachhochschule Westschweiz). Die Ergebnisse decken sich mit den Studien aus Österreich:

 

Die Befragten stammen aus Rumänien, vereinzelt aus Ungarn und der Slowakei. Gründe für die Migration sind Arbeitslosigkeit, fehlende oder ungenügende Transferleistungen, fehlende Perspektiven und soziale Ausgrenzungserfahrungen. Die Anreise in die Schweiz erfolgt in kleinen Gruppen von NachbarInnen und Verwandten. Hinweise auf eine größere Organisation oder auf Menschenhandel gab es nicht. Betteln wird als vorübergehende Notmaßnahme beschrieben. Eingenommen werden 10 bis 20 Franken pro Tag (Tabin 2014).

 

Mit der Höhe der Einnahmen, die durch das Betteln erzielt werden können, beschäftigte sich außerdem eine aufwendige quantitative Studie aus Brüssel (2009). Es wurden ca. 270 BettlerInnen befragt, systematische Beobachtungen und Selbstversuche angestellt. Befragte bzw. beobachtete männliche Bettler mit belgischer Muttersprache verdienten im Durchschnitt etwa 10 Euro pro Stunde, bettelnde Roma-Migrantinnen knapp 4 Euro pro Stunde. Das durchschnittliches Einkommen der MigrantInnen lag damit weit unterhalb der Armutslinie, bei „einheimischen“ Bettlern lag es knapp darunter.

 

Weiterführende Links und Informationen:

Adriaenssens, Stef; Hendrickx, Jef (2011): Street-level Informal Economis Activities: Estimating the Yield of Begging in Brussels. In: Urban Studies 48 /1

 

Benedik, Stefan; Tiefenbacher, Barbara; Zettelbauer, Heidrun (2013): ´Die imaginierte Bettlerflut´. Temporäre Migrationen von Roma/ Romnija – Konstrukte und Positionen. Klagenfurt/Wien: Drava

 

Karausz, Daniel; Opitz, Jan; Ringhofer, Hannah; Scholz, Valentin; Wurm, Florian (2011): Bettelnde Menschen in Wien. Eine sozialarbeiterische Grundlagenforschung. Bachelorarbeit. Fachhochschule Campus Wien

 

Schoibl, Heinz (2013): ´Solange es mir hier, auf der Straße, besser geht als Zuhause, werde ich herkommen und betteln´. Notreisende und BettelmigrantInnen in Salzburg. Erhebung der Lebens- und Bedarfslagen. Hier der Link zur Studie

 

Schulteß, Franziska (2014): Armut als Problem öffentlicher Sicherheit? – Diskussionen zu Bettelverboten in Wien. Diplomarbeit. Universität Wien

 

Tabin, Jean-Pierre (2014): ´Bettelnde Roma´? Forschungsergebnisse aus Lausanne. In: Schär, Bernhard C.; Ziegler, Beatrice (Hg): Antiziganismus in der Schweiz und in Europa. Geschichte, Kontinuitäten und Reflexionen. Zürich: Chronos

 

Thuswald, Marion (2008): Betteln als Beruf? Wissensaneignung und Kompetenzerwerb von Bettlerinnen in Wien. Diplomarbeit. Universität Wien

 

Tiefenbacher, Barbara (2014): „Es springt so hin und her“ – Verhandlungen um ethnische Zugehörigkeiten in post-/migrantischen Romani Communities in Österreich. Dissertation. Österreichische Akademie der Wissenschaften. Unveröffentlichtes Manuskript

 

Wailzer, Teresa (2014): Merk. Würdig. Arm. Betteln aus unterschiedlichen Perspektiven. Über Stereotype, Vorurteile und Selbstbilder rumänischsprachiger Bettler_innen in Wien. Diplomarbeit. Universität Wien

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