Undokumentiert Arbeitende in Österreich

Undokumentiert Arbeitende in Österreich

Dez 3, 2014

Factbox

  • Etwa 80 Anfragen bei UNDOK seit März
  • Mehr Männer als Frauen suchen um Hilfe an
  • Asylwerbende und Studierende aus Drittstaaten arbeiten oft in prekären Verhältnissen
  • Angst vor Verlust der Aufenthaltsbewilligung wird von ArbeitgeberInnen ausgenutzt
  • Viele undokumentierte Arbeitende aus dem ehemaligen Jugoslawien

 

In Österreich gibt es derzeit 28 unterschiedliche Aufenthaltstitel, die den Zugang zum Arbeitsmarkt für Zugewanderte einschränken oder verwehren – etwa für Asylsuchende, Studierende aus Drittstaaten, Rot-Weiß-Rot-KartenbesitzerInnen oder SaisonarbeiterInnen. Undokumentierte Arbeiter und Arbeiterinnen in Österreich haben Rechte, von denen sie oft nichts wissen. Ihnen stehen beispielsweise Unfall-, Pensions- und Krankenversicherung zu.

Zu den Branchen, in denen viele undokumentierte ArbeitnehmerInnen unter schwierigen Bedingungen tätig sind, gehören die Raumpflege, die Kinderbetreuung und die Altenpflege in privaten Haushalten, die Ernte in der Landwirtschaft, der Bau, die Gastronomie sowie die Sexarbeit.

Seit März dieses Jahres beratet die Anlaufstelle zur Gewerkschaftlichen Unterstützung undokumentiert Arbeitender (kurz: UNDOK) undokumentierte ArbeitnehmerInnen. Etwa 80 Personen – und damit mehr als erwartet – haben im ersten halben Jahr um Hilfe angesucht. Ein Großteil der undokumentiert Arbeitenden ist männlich und stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien.

 

Rechte unabhängig von Aufenthalts- oder Arbeitsbewilligung

Menschen, die ohne Aufenthalts- und/oder Arbeitsbewilligung Lohnarbeit verrichten, gelten als undokumentierte ArbeitnehmerInnen. Sie arbeiten häufig in sehr prekären Verhältnissen. Exzessiv lange Arbeitszeiten, sehr niedrige Löhne, keine soziale Absicherung, starke psychische und physische Belastungen – das sind Probleme, mit denen ArbeitnehmerInnen ohne Papiere kämpfen müssen. UNDOK beratet und unterstützt Betroffene, die oftmals nicht wissen, welche Rechte ihnen tatsächlich zustehen.

Dabei sollen nicht nur Betroffene, sondern auch die breite Masse für das Thema sensibilisiert werden. Laut UNDOK werden ArbeitnehmerInnen ohne Papiere mit Lohndumping und Sozialbetrug in Verbindung gebracht. Menschen ohne Arbeits- und/oder Aufenthaltsbewilligung leben unter sehr unsicheren Verhältnissen, ihre Angst und Hilflosigkeit werden oft von ArbeitgeberInnen ausgenutzt. Die Folgen davon sind nicht selten schlechte Wohnsituationen, gesundheitliche Probleme, unzureichende oder sehr teure medizinische Versorgung sowie ein generell sehr niedriger Lebensstandard.

Rechtsdurchsetzung nicht immer unproblematisch

Hierzulande gibt es 28 unterschiedliche Aufenthaltstitel, die MigrantInnen am regulären Arbeitsmarktzugang hindern. Um nicht am Rande der Armut zu leben, bleibt diesen Menschen nichts anderes übrig als im informellen Bereich tätig zu sein. Das macht sie gegenüber ArbeitgeberInnen leichter erpressbar und ausbeutbar. Die Menschen müssen um ihren Aufenthaltsstatus fürchten.

Laut der Broschüre „Arbeit ohne Papiere, … aber nicht ohne Rechte!“ vom UNDOK-Verband und der Arbeiterkammer (AK) Wien besteht in manchem Fällen ein Risiko auf Verlust des Aufenthaltsrechtes, wenn undokumentierte ArbeitnehmerInnen ihre Rechte geltend machen. So etwa bei Rot-Weiß-Rot-KartenbesitzerInnen, die ihre Ansprüche nicht aus ihrer RWR-Karten-Tätigkeit geltend machen (für weitere Infos zur RWR-Karte siehe MSNÖ-Artikel „Österreich bekommt neues Zuwanderungssystem“).

Bei Asylsuchenden sollte die Geltendmachung von rechtlichen Ansprüchen wiederum keine Auswirkungen auf die Gewährung  von Asyl oder subsidiären Schutz haben. Es gibt hier folglich keine allgemein gültigen Regeln und man muss sich jeden Fall entsprechend dem Aufenthaltstitel und der jeweiligen Situation anschauen.

Häufig betroffen: Asylwerbende und Studierende

Laut Sandra Stern von der UNDOK-Beratungsstelle sind seriöse Schätzungen zur Gesamtzahl undokumentierter ArbeitnehmerInnen schwierig. Höchstens was die einzelnen Aufenthaltstitel angeht, wären vage Schätzungen möglich.

Im konkreten Fall etwa könnte die Zahl von saisonal tätigen Asylwerbenden von der Gesamtzahl an Asylwerbenden in Österreich abgezogen werden, um ein ungefähres Bild zu bekommen. Alleine von der Grundversorgung können Asylwerbende hierzulande nicht leben. Dennoch könnte diese Schätzung weit weg von der Realität sein, denn es gibt noch andere Faktoren, die zu beachten sind (beispielsweise der Anteil von Frauen, die „legal“ in der Sexarbeit tätig sind).

Stern zufolge sind Asylsuchende sowie Studierende aus Drittstaaten sehr häufig dazu genötigt, ohne Papiere zu arbeiten.

Mehr Männer als Frauen suchen Unterstützung

Von den rund 80 Menschen, die sich bisher an die UNDOK-Anlaufstelle gewandt haben, waren drei Viertel Männer. Das liegt laut Stern daran, dass Männer vermehrt im sichtbaren Bereich draußen tätig sind – wie am Bau, im Autohandel, in der Saisonarbeit (Ernte) oder als Gärtner. Frauen arbeiten hingegen vermehrt in isolierten, privaten Haushalten, wo sie schwer erreichbar sind – beispielsweise in der Pflege oder Kinderbetreuung. Zudem finden ihre Arbeitszeiten häufig vor oder nach Geschäftsbeginn statt – etwa bei der Raumpflege.

Ein weiterer Trend ist, dass sich überwiegend Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien (außer Slowenien) an UNDOK wenden.

Eigene Dokumentationen wichtig

Damit undokumentierte ArbeitnehmerInnen ihre Rechte und Ansprüche geltend machen können, sollten sie möglichst gut festhalten, wann, wo, was, wie viel für wen gearbeitet wurde. Eigene handschriftliche Arbeitsaufzeichnungen, Aussagen von KollegInnen, FreundInnen oder Bekannten können dabei große Stützen sein. Beweismaterial wie Fotos vom Arbeitnehmer/von der Arbeitnehmerin am Arbeitsplatz oder SMS von ArbeitgeberInnen sind ebenso von großem Vorteil.

Eine Checkliste von Erfordernissen und wichtigem Beweismaterial hat UNDOK in der Broschüre für undokumentierte Arbeitende zusammengefasst.

Anliegen von UNDOK: Arbeitsrecht für Asylsuchende

Zukünftig plant die Anlaufstelle UNDOK mehr städtische AkteurInnen für das Thema „undokumentierte ArbeitnehmerInnen“ zu sensibilisieren.  Denn diese Thematik beschränkt sich lange nicht nur auf Wien. Obwohl es auch wichtig wäre, betroffene Menschen im ländlichen Bereich und besonders in der Landwirtschaft  zu erreichen, ist das mit fixen Anlaufstellen nicht möglich. Eine Lösung dafür wären laut Stern mobile Anlaufstellen.

Ein weiteres Anliegen von UNDOK ist das Arbeitsrecht von Asylsuchenden, das es in Österreich nicht gibt. Damit würde sich der gesamte Lebensstandard für eine Vielzahl von Menschen deutlich verbessern.

Die Anlaufstelle UNDOK ist eine Initiative von mehreren Fachgewerkschaften, der Arbeiterkammer Wien, von NGOs, der Bundesvertretung der Österreichischen Hochschülerschaft sowie von MigrantInnenorganisationen und antirassistischen AktivistInnen. Die Anlaufstelle wird vom UNDOK-Verband getragen.

 

Weiterführende Informationen und Kontakte:

 

Sandra Stern (UNDOK), E-Mail: s.stern@undok.at

 

UNDOK, Anlaufstelle zur gewerkschaftlichen Unterstützung Undokumentierter Arbeitender

 

Rechtsbroschüre „Arbeit ohne Papiere, … aber nicht ohne Rechte!“ in der iBib

 

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