Höheres Armutsrisko für AusländerInnen

Höheres Armutsrisko für AusländerInnen

Okt 14, 2014

Factbox

  • Ausländische Staatsangehörige sind öfters von Armut betroffen…
  • … jedoch nicht, wenn der Bildungsstand berücksichtig wird
  • Kinder in armutsgefährdeten MigrantInnen-Familien haben es besonders schwer
  • Haushalte mit nicht-österreichischen Mitgliedern leiden stärker unter Teilhabemangel
  • Dequalifizierung und schlechte Beschäftigungssituationen verstärken Armutsrisiko

 

Am 17. Oktober ist Internationaler Tag für die Beseitigung der Armut. 35 Prozent der hier lebenden nicht-österreichischen Staatsangehörigen sind armuts- und ausgrenzungsgefährdet. Damit sind mehr als doppelt so viele AusländerInnen betroffen als ÖsterreicherInnen (16 Prozent). Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund, die an der Armutsgrenze leben, haben es besonders schwer. Armut trifft Kinder aus Zuwandererfamilien viel häufiger als österreichische Kinder. Zudem sehen ihre Bildungspersektiven schlechter aus.

 

Seit mehr als 20 Jahren wird den ärmsten Menschen weltweit am Internationalen Tag für die Beseitigung der Armut Gehör verschafft. Hierzulande waren 2012* laut Statistik Austria etwa 1,5 Millionen Menschen armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Das sind rund 18,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Zu den Risikogruppen gehören – neben Ein-Eltern-Haushalten und alleinlebenden Frauen – Menschen ohne österreichischen Pass.

 

Besonders betroffen: Menschen ohne österreichischen Pass

Etwa fünf Prozent der Bevölkerung (411.000), die armuts- und ausgrenzungsgefährdet sind, befinden sich in besonders prekären Lebenslagen. Diese Haushalte kämpfen beispielsweise mit einer sehr geringen Erwerbsintensität und bereits erheblichen materiellen Mängeln. Damit sind sie mehrfach ausgrenzungsgefährdet. Insbesondere nicht-österreichische StaatsbürgerInnen fallen in diese Risikogruppe: 35 Prozent von ihnen sind armuts- und ausgrenzungsgefährdet – davon 38 Prozent mehrfach. Nur die Ein-Personen-Haushalte trifft es schlimmer mit 39 Prozent Armuts-/Ausgrenzungsgefährdung – davon 46 Prozent Mehrfachgefährdung.

 

Die Staatsbürgerschaft alleine ist jedenfalls nicht ausschlaggebend für soziale Gefährdungslagen. Eine größere Rolle spielt beispielsweise der Bildungsstand, denn nicht-österreichische Staatsangehörige mit höherer Bildung tragen ein unterdurchschnittliches Risiko, von Armut oder Ausgrenzung betroffen zu sein.

 

Soziale Zusammensetzung der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten:

Merkmale

Nicht-Armuts- oder Ausgrenzungs- 
gefährdete

Armuts- oder Ausgrenzungs- 
gefährdete

darunter:  
Mehrfach Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdete 
(100% = Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdete insgesamt)

in 1.000

Quote in %

in 1.000

Quote in %

in 1.000

Quote in %

Österreich

6.179

84

1.207

16

283

23

Nicht Österreich

623

65

335

35

128

38

Alleinlebende Frauen ohne Pension

297

64

166

36

48

29

Ein-Eltern-Haushalt

175

61

111

39

51

46

Quelle: Statistik Austria, EU-SILC 2012

 

Laut der Armutskonferenz, einem Netzwerk gegen Armut und soziale Ausgrenzung, ist das höhere Armutskrisiko bei ausländischen Staatsangehörigen sowie MigrantInnen-Familien auf eine Vielzahl von Faktoren zurückzuführen. Die gängigsten Faktoren sind: niedriger Bildungsgrad, eingeschränkter Zugang zum Arbeitsmarkt, geringeres Einkommen, Dequalifizierung am Arbeitsmarkt, Benachteiligung am Wohnungsmarkt sowie diskriminierende rechtliche Bestimmungen.

 

Tatsächlich haben es ausländische StaatsbürgerInnen sowie Menschen mit Migrationshintergrund deutlich schwerer am Arbeitsmarkt als die Mehrheitsbevölkerung – etwa, weil sie nicht ihren Qualifikationen entsprechend angestellt und/oder bezahlt werden (siehe dazu MSNÖ-Artikel „Dequalifizierung von MigrantInnen am Arbeitsmarkt„).

 

Teilhabemangel größer als Einkommensmangel

Haushalte mit ausländischen Mitgliedern gehören zu den Risikogruppen der Armutsgefährdeten. Nur etwas mehr als die Hälfte (55 Prozent) aller Haushalte mit ausländischen Mitgliedern weisen keine Mängel auf, zwölf Prozent leiden unter Einkommensmangel. 13 Prozent sind von manifester Armut betroffen – das heißt, sie können sich aus finanziellen Gründen Grundbedürfnisse wie Heizungskosten, Miete, neue Kleidung oder Fleisch und Fisch nicht leisten. Der größte Mangel, unter dem Haushalte mit ausländischen Mitgliedern leiden, ist der Teilhabemangel. Etwa 19 Prozent dieser Haushalte fehlt es an sozialer, materieller und/oder kultureller Teilhabe an der Gesellschaft.

 

Haushalte mit ausländischen Mitgliedern kommen auf dasselbe Äquivalenzeinkommen (16.057) wie Haushalte mit Mitgliedern, die von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen sind. Weniger Geld steht nur noch Menschen in Haushalten mit überwiegend Sozialleistungen zur Verfügung (13.705).

 

In Haushalten mit bereits eingebürgerten Mitgliedern hat ein deutlich größerer Anteil keine Mängel (63 Prozent). Dennoch gehören sie mit einem Äquivalenzeinkommen von rund 17.400 Euro im Jahr zu den Risikogruppen. Elf Prozent von diesen Haushalten leiden an Einkommensmangel – also nur ein Prozent weniger als bei den Haushalten mit ausländischen Mitgliedern. Jedoch leiden Haushalte mit eingebürgerten Mitgliedern um etwa fünf Prozent weniger an Teilhabemängeln –  14 Prozent gegenüber 19 Prozent von Haushalten mit ausländischen Mitgliedern. Und sie sind ebenso weniger (11 Prozent) von absoluter Armut betroffen als die Haushalte ohne eingebürgerte Mitglieder (13 Prozent).

 

Armutslagen und mittleres Äquivalenzeinkommen von Risikogruppen:

Merkmale

Gesamt
in 1.000

Kein Mangel

Einkommensmangel

Teilhabemangel

Manifeste Armut

Median
in EUR

 in 1.000

in %

 in 1.000

in %

 in 1.000

in %

 in 1.000

in %

Insgesamt

8.344

6.409

77

776

9

734

9

426

5

21.807

Risikogruppen (1):

Haushalte mit

                   

ausländischem Mitglied

959

527

55

120

12

185

19

127

13

16.057

Eingebürgerten

333

211

63

38

11

47

14

38

11

17.411

Behinderung

865

553

64

78

9

151

17

82

10

18.839

Langzeitarbeitslosigkeit

358

142

40

35

10

80

22

100

28

16.057

hauptsächl. Sozialleistungen

703

288

41

189

27

93

13

134

19

13.705

Risikogruppen (2)

                   

Alleinlebende Frauen mit Pension

310

192

62

44

14

44

14

30

10

18.233

Alleinlebende Frauen ohne Pension

464

281

61

83

18

50

11

49

11

18.050

Ein-Eltern-Haushalt

285

141

49

40

14

60

21

45

16

16.798

HH mit jüngstem Kind 4-6 Jahre

538

394

73

64

12

55

10

25

5

19.259

Mehrpersonenhaushalt 3+Kinder

697

431

62

85

12

92

13

89

13

16.917

 Quelle: Statistik Austria, EU-SILC 2012

 

Betroffene Kinder wachsen unter sehr schwierigen Verhältnissen auf

Einer Studie des Instituts für Kinderrechte und Elternbildung zufolge (2008) trifft Armut in Österreich besonders Kinder aus MigrantInnen-Familien schwer. Diese hätten auch weitaus schlechtere Bildungschancen als Kinder aus Familien ohne Migrationshintergrund. Das schlägt sich in weiterer Folge auf die Gesundheit der Kinder nieder, denn sozial benachteiligte Kinder sind im Schnitt weniger gesund als Kinder aus mittleren oder hohen Gesellschaftsschichten. Grund dafür ist nicht zuletzt die Mangelernährung. 

 

In Österreich waren 2012 etwa 19 Prozent der bis 15-jährigen Kinder und Jugendlichen ausgrenzungsgefährdet. Kinder mit nicht-österreichischer Staatsbürgerschaft waren mit 42 Prozent doppelt so häufig gefährdet. Und während 15 Prozent der österreichischen Kinder und Jugendlichen 2012 armutsgefährdet waren, traf dies zweieinhalb mal so oft (38 Prozent) auf nicht-österreichische Kinder und Jugendliche zu.

 

Laut dem Kinderrechteinstitut macht jedes dritte Kind aus einer MigrantInnen-Familie in seinem Umfeld Erfahrung mit Armut. Bei den Kindern mit österreichischer Staatsbürgerschaft trifft das nur auf jedes zehnte Kind zu. Im Rahmen einer Studie (2008) des Kinderrechteinstituts gaben 38 Prozent der Kinder aus MigrantInnen-Familien an, dass sie im Armutsfall zuhause weniger zu essen hätten. Von den Kindern aus Familien ohne Migrationshintergrund war dies für deutlich weniger (neun Prozent) das Worst-Case-Szenario.

 

Lösungswege: Chancengleichheit und Fairness am Arbeitsmarkt

Um die Armuts-Situation für Familien und Menschen mit Migrationshintergrund und ausländischer Staatsangehörigkeit in Österreich zu verbessern, gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten. So fordern die Territorialen Beschäftigungspakte (TEPs) in Österreich Chancengleichheit am Arbeitsmarkt durch eine verbesserte Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen. Zudem wäre es ebenfalls wichtig, die Bildungschancen von sozial benachteiligten Gruppen zu verbessern.

 

Laut Armutskonferenz wäre zuerst eine Politik notwendig, die sich für konkrete Maßnahmen zur Förderung von Chancengleichheit, Respekt und Toleranz stark macht.

 

Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung hierzulande unter EU-Durchschnitt

2012 betrug der EU-weite Durchschnitt von Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung rund 24,8 Prozent (124.500.000). Damit befindet sich Österreich mit 18,5 Prozent klar unter dem EU-Durschnitt. Alle Werte innerhalb der EU-Länder wurden auf Basis gleicher Grundlagen errechnet. Die anteilsmäßig wenigsten Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten weisen die Niederlande und Tschechien auf (jeweils etwa 15 Prozent).

 

Staats- und Regierungschefs der Europäischen Kommission haben sich 2010 im Rahmen der „Europa 2020“-Strategie vorgenommen, Armut und soziale Ausgrenzung innerhalb der EU bis zum Jahr 2020 um mindestens 20 Millionen Menschen zu reduzieren. Von 2011 (24,3 Prozent) auf 2012 (24,8 Prozent) war innerhalb der EU jedenfalls noch ein steigender Trend erkennbar.

 

Weiterführende Informationen und Kontakte:

 

* Aktuellere Daten aus dem Jahr 2013 werden laut Statistik voraussichtlich am 22. Oktober veröffentlicht.

 

Statistik Austria, Tel.: +43 (1)71128-7070, E-Mail: info@statistik.gv.at

 

Die Armutskonferenz

 

Die Studie des Kinderrechteinstituts in der iBib

 

Website der Territorialen Beschäftigungspakte (TEP) in Österreich

 

Aktionen und Veranstaltungen der Volkshilfe anlässlich des Interantionalen Tages für die Beseitigung der Armut

 

Europa-2020-Ziele

 

Die Millenniumsentwicklungsziele (Vereinigte Nationen) zur weltweiten Beseitigung von Armut

 

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