Berufseinstieg von AkademikerInnen mit Migrationshintergrund

Berufseinstieg von AkademikerInnen mit Migrationshintergrund

Okt 6, 2014

Factbox

  • Jobsuche dauert bei MigrantInnen länger als bei österreichischen AbsolventInnen
  • Personen aus Ex-Jugoslawien schreiben 33 Bewerbungen, bevor sie Job bekommen
  • 27,5 Prozent der MigrantInnen sind als hochqualifizierte Angestellte tätig
  • MigrantInnen sind mit Arbeitsbedingungen unzufriedener als ÖsterreicherInnen
  • Mehrsprachigkeit der MigrantInnen gilt als Schlüsselkompetenz am Arbeitsmarkt

 

Die Studie “Berufseinstiege von AkademikerInnen mit Migrationshintergrund” (2014) von Roland Verwiebe und Melek Hacioglu untersucht, wie sich die Berufseinstiege von AkademikerInnen mit Migrationshintergrund* im Vergleich zu österreichischen AkademikerInnen gestalten.

 

Zentrale Ergebnisse: MigrantInnen brauchen länger bei ihrer ersten Jobsuche und schreiben mehr Bewerbungen als ÖsterreicherInnen. Besonders langwierig ist der Einstieg für Personen mit ex-jugoslawischer Herkunft. AkademikerInnen mit Migrationshintergrund finden seltener eine unbefristete Tätigkeit und machen mehr Überstunden als AkademikerInnen ohne Migrationshintergrund. Bezüglich Entlohnung, Betriebsgröße und Ausbildungsadäquatheit gibt es keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden AkadermikerInnengruppen.**

 

Jobsuche dauert bei MigrantInnen länger

Etwa ein Fünftel beider AkademikerInnengruppen schaffen einen unmittelbaren Übergang zwischen Studium und Berufseinstieg. Die Differenzen zwischen österreichischen und migrantischen AkademikerInnen werden größer, je länger die Jobsuche dauert: In den ersten drei Monaten fanden 54 Prozent der ÖsterreicherInnen und 47,8 Prozent der MigrantInnen einen Job. 8,6 Prozent der befragten AbsolventInnen mit Migrationshintergrund fanden erst nach über einem Jahr einen Job, bei ÖsterreicherInnen waren es nur 1,6 Prozent.

 

Es zeigen sich Unterschiede bei der durchschnittlichen Suchdauer in Bezug auf die Herkunft der AkademikerInnen: AbsolventInnen mit ex-jugoslawischer Herkunft suchen mit durchschnittlich 5,4 Monaten am längsten nach einer Arbeitsstelle, AbsolventInnen mit türkischer Herkunft am kürzesten (2,8 Monate). Personen aus den EU-15 (ohne Österreich) weisen mit 3,3 Monaten eine ähnliche Suchdauer wie ÖsterreicherInnen auf (3 Monate).

Grafik1

 

 

 

 

 

 

Suchdauer nach Migrationshintergrund, Quelle: Studie „Berufseinstiege von AkademikerInnen mit Migrationshintergrund” (2014)

 

 

AbsolventInnen aus Ex-Jugolsawien schreiben im Schnitt 33 Bewerbungen

Die Intensität der Beschäftigungssuche wird in der Studie unter anderem durch die Anzahl der Bewerbungen ermittelt. Die befragten AbsolventInnen haben durchschnittlich 15 Bewerbungen geschrieben, bis sie eine Stelle angenommen haben. Auch hier zeigt sich wieder ein Unterschied zwischen migrantischen und österreichischen AkademikerInnen: Während ÖsterreicherInnen im Schnitt elf Bewerbungen schreiben, ist der Aufwand bei AbsolventInnen mit Migrationshintergrund mit durchschnittlich 19 Bewerbungen deutlich höher.

 

AkademikerInnen mit ex-jugoslawischer Herkunft betreiben einen besonders hohen Aufwand: Sie schreiben im Schnitt 33 Bewerbungen und werden zu fünf Vorstellungsgesprächen eingeladen. Sie müssen damit den höchsten Aufwand betreiben, um zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Zum Vergleich: Personen aus anderen EU-Staaten schreiben durchschnittlich 14 Bewerbungen und werden zu zwei Vorstellungsgesprächen eingeladen.

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Bewerbungsstatistik nach Migrationshintergrund, Quelle: Studie „Berufseinstiege von AkademikerInnen mit Migrationshintergrund” (2014)

 

Mehr Überstunden

In Bezug auf die Arbeitszeit gibt es zwischen österreichischen und migrantischen AbsolventInnen keine signifikanten Unterschiede: Die erste berufliche Tätigkeit nach Beendigung des Studium umfasst im Durchschnitt 31 Stunden pro Woche. Die tatsächliche Arbeitszeit (inklusive geleisteter Überstunden) beträgt im Schnitt 35 Stunden pro Woche. ÖsterreicherInnen haben eine geringere vertraglich vereinbarte Arbeitszeit und machen seltener Überstunden als MigrantInnen.

grafik3

 

 

 

 

 

 

 

 

Arbeitsstunden nach Migrationshintergrund, Quelle: Studie „Berufseinstiege von AkademikerInnen mit Migrationshintergrund” (2014)

 

Ähnliche berufliche Stellung

Die berufliche Stellung im ersten Job nach dem Studienabschluss ist bei AkademikerInnen mit und ohne Migrationshintergrund relativ ähnlich: 27,4 Prozent der authochthonen ÖsterreicherInnen und 27,5 Prozent der MigrantInnen sind als hochqualifizierte Angestellte tätig. Letztere arbeiten häufiger in Arbeiterberufen: 1,9 Prozent der befragten MigrantInnen üben einen Arbeiterberuf aus, bei den österreichischen AbsolventInnen sind es lediglich 0,6 Prozent. Einen deutlichen Unterschied gibt es beim Beschäftigungsverhältnis: Österreichische AkademikerInnen befinden sich häufiger in einem unbefristetem Arbeitsverhältnis (45,4 Prozent) als migrantische AkademikerInnen (37,8 Prozent).

 

Der durchschnittliche Brutto-Lohn bei der ersten Tätigkeit nach der Beendigung des Studiums beträgt circa 1.565 Euro. Die Entlohnung ist bei AbsolventInnen mit und ohne Migrationshintergrund sehr ähnlich.

 

grafik4

Berufliche Stellung nach Migrationshintergrund, Quelle: Studie „Berufseinstiege von AkademikerInnen mit Migrationshintergrund” (2014)

 

 

MigrantInnen unzufriedener mit Arbeitsbedingungen

Mehr als die Hälfte der Befragten gibt an, dass die berufliche Position und die fachlichen Anforderungen ihrer ersten Anstellung nach dem Studium voll und ganz ihrer Ausbildung entsprechen. Zwischen AbsolventInnen aus Österreich und AbsolventInnen mit Migrationshintergrund kann diesbezüglich kein Unterschied festgestellt werden.

 

Hinsichtlich der Zufriedenheit zeigen sich jedoch Unterschiede:  AkademikerInnen mit Migrationshintergrund sind seltener mit dem Umfang der Arbeitszeit und der verfügbaren Arbeitszeit zufrieden. Sie zeigen auch größere Probleme hinsichtlich der Vereinabarkeit von Beruf und Familie. Migrantische AkademikerInnen sind zudem seltener mit der Arbeitsplatzsicherheit sowie dem Arbeitsklima zufrieden. Was die Aufstiegsmöglichkeiten, das Einkommen und die Weiterbildungsmöglichkeiten betrifft, gibt es hingegen keine signifkikanten Unterschiede.

 

Mehrsprachigkeit als Schlüsselkompetenz

Die StudienautorInnen fragten die AkademikerInnen, welche Kompetenzen am Arbeitsmarkt ihrer Meinung nach am wichtigsten sind. Beide AkadmikerInnengruppen erachten soziale Kompetenzen als sehr wichtig. Migrantische AkademikerInnen halten – im Gegensatz zu österreichischen AkademikerInnen – auch wirtschaftliches Denken und Fremdsprachen für wichtige geforderte Kompetenzen im Beruf. Laut den StudienautorInnen liege das daran, dass gerade die Mehrsprachigkeit der MigrantInnen auf dem Arbeitsmarkt als besondere Kompetenz gefragt ist.

 

Weniger Unterstützung von Freunden und Familie

Soziale Netzwerke (Familie, Freunde, Kollegen) spielen beim Übergang vom Studium ins Berufsleben eine wichtige Rolle. Die Studie zeigt, dass familiäre Netzwerke und Freundschaftsnetzwerke vor allem Unterstützungen bei Umzügen und Wohnungsrenovierungen oder beim Besprechen von Problemen bieten. Wenn es darum geht, eine Stelle zu vermitteln, werden sowohl Familie, Freunde als auch ArbeitskollegInnen um Unterstützung gebeten.

 

Hier zeigen sich Unterschiede zwischen österreichischen und migrantischen AkademikerInnen: Letztere können weniger auf ihre Netzwerke zurückgreifen als AkademikerInnen ohne Migrationshintergrund.

 

Weiterführende Informationen und Kontakte:

* In der Studie werden Personen mit Migrationshintergrund als Personen definiert, die eine ausländische Staatsbürgerschaft besitzen, im Ausland geboren wurden oder mindestens ein Elternteil haben, der im Ausland geboren wurde.

 

** Es wurden 759 AbsolventInnen der Universität Wien im Zeitraum von September bis November 2012 befragt. 

 

Studie: „Berufseinstiege von AkademikerInnen mi Migrationshintergrund

 

Roland Verwiebe (Studienautor), E-Mail: roland.verwiebe@univie.ac.at, Tel.: +43(1)4277-49220

 

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