GastarbeiterInnen bedeutend für österreichische Wirtschaft

GastarbeiterInnen bedeutend für österreichische Wirtschaft

Sep 2, 2014

Factbox

  • Gastarbeiter glichen Arbeitskräftemangel aus
  • Stärkten Konjunktur in den 1970er Jahren
  • 2.073 UnternehmerInnen in Wien stammen aus Türkei
  • 983 davon führen Arbeitgeberbetireb und schaffen dadurch Arbeitsplätze
  • Konsumpotenzial von Türkischstämmigen beträgt rund vier Milliarden Euro pro Jahr

 

GastarbeiterInnen haben in den 1960ern und 1970er Jahren wesentlich zum Wirtschaftsaufschwung in Österreich beigetragen. Auch heute sind Menschen türkischer und ex-jugoslawischer Herkunft ein wichtiger Faktor in der österreichischen Wirtschaft.

 

50 Jahre nach dem Anwerbeabkommen mit der Türkei lädt die Stadt Wien am 3. September zu einem großen Festakt mit Bundespräsident Heinz Fischer, Bürgermeister Michael Häupl und Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger ins Rathaus. Rund 1.000 GastarbeiterInnen werden erwartet.

 

GastarbeiterInnen sollten Arbeitsräftemangel ausgleichen

Aufgrund der wirtschaftlichen Situation Österreichs wurden – aufbauend auf das Raab-Olah-Abkommen von 1961 – die Anwerbe-Abkommen mit der Türkei (1964) und Jugoslawien (1966) unterzeichnet. Denn während in den Staaten des Mittelmeerraums ein Arbeitskräfteüberschuss herrschte, gab es in den Staaten Zentraleuropas einen Arbeitskräftemangel. Verschärft wurde diese Situation noch von den über 100.000 ÖsterreicherInnen, die motiviert von besseren Verdienstmöglichkeiten in der Nachkriegszeit emigrierten. Um dem Arbeitskräftemangel in Zeiten der Hochkonjunktur entgegenzuwirken, wurden Arbeitskräfte aus anderen Ländern angeworben (siehe auch MSNÖ-Artikel „Anwerbeabkommen mit Türkei – geschichtlicher Hintergrund„).

 

Wie stark die zentraleuropäischen Nationalökonomien von GastarbeiterInnen abhängig waren, zeigt der Ausländer-Anteil unter unselbstständigen Beschäftigten. In Österreich erreichte die Gastarbeiterbeschäftigung 1973 mit 8,7 Prozent einen Höchststand. Nur in der damaligen BRD (10,8 Prozent) und der Schweiz (26,1 Prozent) waren die Werte noch höher.

 

  Belgien BRD Dänemark Frankreich1) Niederlande Österreich Schweden Schweiz
1965 6,5% 5,7% 0,8% 6,3% 1,8% 1,6% 4,6% 23,7%
1973 6,8% 10,8% 1,9% 7,3% 3,1% 8,7% 6,3% 26,1%

Ausländeranteil an unselbstständigen Beschäftigten (1 Daten stammen aus 1968 und 1975), Quelle: Ausländische Arbeitnehmer in Österreich, Forschungsberichte aus Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, 1985, eigene Darstellung.

 

GastarbeiterInnen verlängern Wirtschaftsaufschwung

Die Auswirkungen der Gastarbeiterbeschäftigung auf die Konjunktur schätzt Ewald Walterskirchen im 1985 vom damaligen Sozialministerium herausgegebenen Band “Ausländische Arbeitnehmer in Österreich” durchwegs positiv ein. So hätten die GastarbeiterInnen wesentlich dazu beigetragen, den Konjunkturaufschwung in der ersten Hälfte der 1970er Jahre zu verlängern. Denn ohne ausländische ArbeitnehmerInnen wäre es zu einem Kapazitätsengpass in der Produktion gekommen.

 

In den Rezessionsjahren Mitte der 1970er Jahre dienten die GastarbeiterInnen hingegen als “Konjunkturpuffer”: AusländerInnen wurden vor ÖsterreicherInnen entlassen und federten so die Folgen der schlechten Wirtschaftslage für InländerInnen ab. Der Großteil der Entlassenen ging in die Heimat. Von den 1975 entlassenen 33.000 AusländerInnen meldeten sich nur 3.500 in Österreich arbeitslos (siehe hierzu MSNÖ-Artikel “GastarbeiterInnen als Wirtschaftsfaktor”).

 

“Typische” Berufe entstehen

In Österreich kam es wie in anderen zentraleuropäischen Staaten zur Ausbildung von „typischen“ Gastarbeiter-Berufskategorien. In diesen Branchen lösten AusländerInnen InländerInnen ab, die zu qualifizierteren Tätigkeiten wechselten. Dies führte wiederum dazu, dass gewisse Branchen wie Bauwesen, Textilverarbeitung, Gastgewerbe ohne ausländische ArbeitnehmerInnen nicht länger existieren konnten. So entstand eine strukturelle Abhängigkeit von der Gastarbeiterbeschäftigung, weshalb diese in einigen Sektoren auch in Zeiten schwachen Wirtschaftswachstums nur leicht zurückging, erklärt die Wissenschafterin Gudrun Biffl in der Studie “Ausländische Arbeitnehmer in Österreich”.

 

Jahr Bauwesen Textilerzeugung Lederverarbeitung Hotelerie und Gastronomie
1973 22,5% 27,4% 31,3% 17,4%
1983 5,9% 20,5% 14,9% 16,3%

Anteil von GastarbeiterInnen in ausgewählten Wirtschaftsbranchen, Quelle: Ausländische Arbeitnehmer in Österreich, Forschungsberichte aus Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, 1985, eigene Darstellung.

 

Arbeiterberufe auch heute auf Platz eins

Personen mit Migrationshintergrund arbeiten laut Arbeitskräfteerhebung der Statistik Austria weit häufiger in Hilsfsarbeiterberufen als ÖsterreicherInnen. 38,2 Prozent der MigrantInnen üben Arbeiterberufe mit Hilfs- bis mittleren Tätigkeiten aus. Bei den ÖsterreicherInnen sind es nur 12,1 Prozent. Aus dem Bericht “Migration & Integration” ergibt sich, dass die Arbeiteranteile bei Personen aus der Türkei (65 Prozent) sowie Ex-Jugoslawien (63 Prozent) besonders hoch sind.

  

Unternehmensdienstleistungen war 2009 die Branche, in der die meisten Personen mit Migrationshintergrund anzutreffen waren (37 Prozent). Auf Platz zwei liegt der Tourismus mit 38 Prozent Männern und 30 Prozent Frauen. Überdurchschnittlich oft sind Männer mit Migrationshintergrund im Bauwesen (22 Prozent) und Frauen in der Sachgüterzeugung (20 Prozent) tätig. Branchen mit einem geringen MigrantInnenanteil sind das Finanz- und Versicherungswesen (9,0 Prozent), die öffentliche Verwaltung und Verteidigung (6,0 Prozent) sowie die Land- und Forstwirtschaft (3,0 Prozent).

 

14 Prozent der österreichischen Bevölkerung waren im Jahr 2009 selbstständig. Bei Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien waren es 3,4 Prozent, bei Menschen mit türkischem Hintergrund 6,0 Prozent.

 

2.073 UnternehmerInnen in Wien stammen aus Türkei

Eine Studie von Wolfgang Alteneder und Michael Wagner-Pinter aus dem Jahr 2013 zeigt, dass ethnische Ökonomien für die Wiener Wirtschaft von elementarer Bedeutung sind. „37 Prozent der Wiener Wirtschaft hat Migrationshintergrund“, heißt es in der Studie. Insgesamt sind 37.600 in Wien wohnende Personen mit Migrationsbezug (*Definition siehe unten in der „Kontaktbox“) selbstständig. Sie stammen aus mehr als 130 verschiedenen Nationen. Die meisten UnternehmerInnen, nämlich 4.329 Personen (18,6 Prozent), kommen aus der Slowakei. Aus dem ehemaligen Jugoslawien sind 2.225 Personen (9,5 Prozent) selbstständig. 2.073 UnternehmerInnen (8,9 Prozent) stammen aus der Türkei. Damit liegt die Türkei hier nach der Slowakei, Polen, Ex-Jugolsawien und Rumänien auf dem fünften Platz.

 

Gastronomie (3.900 Personen), Handel (3.700 Personen) und Bau (2.900 Personen) sind jene Branchen, in denen am meisten selbstständige Erwerbstätige mit Migrationsbezug beschäftigt sind. Ein wichtiges Berufsfeld – insbesondere für den großen Kreis hochqualifizierter Selbstständiger mit Migrationsbezug – stellen die freiberuflichen, wissenschaftlich/technischen Dienstleistungen dar (1.500 Personen/6,0 Prozent).

 

UnternehmerInnen mit Migrationsbezug sind für Wiens Wirtschaft unter anderem wichtig, weil sie Abreitsplätze schaffen. 18,5 Prozent (4.310 Personen) UnternehmerInnen mit Migrationsbezug führen einen Arbeitgeberbetrieb und beschäftigen insgesamt 20.039 MitarbeiterInnen. Im Jahr 2011 wurde dadurch eine Wertschöpfung in Höhe von rund 640 Mio. Euro erwirtschaftet. 983 UnternehmerInnen aus der Türkei führen in Wien einen Arbeitgeberbetrieb. Damit liegt die Türkei auf dem ersten Platz und noch vor Deutschland und Ex-Jugoslawien. Aus diesen beiden Ländern stammten jeweils 487 bzw. 366 UnternehmerInnen, die einen Arbeitgeberbetrieb führen.

 

Konsumverhalten damals: Viel Zeit für Kaufentscheidungen

GastarbeiterInnen dienen Österreichs Wirtschaft nicht nur als Arbeitskräfte, sondern auch als Konsumenten. Ein Studienbericht des Arbeitskreises für Ökonomische und Soziologische Studien aus dem Jahr 1973 geht auf das damalige Konsumverhalten der Gastarbeiter ein: Sie waren nach ihrer Ankunft häufig desillusioniert, denn sie hatten genaue Vorstellungen vom sparsamen Leben, konnten dies in Österreich jedoch nicht weiterführen, da Produkte wie Obst, Fisch, Frischgemüse, aber auch Gebrauchsgüter und Wohnungen viel teurer waren, als sie es aus ihrer Heimat kannten.

 

Bald übernahmen die GastarbeiterInnen deshalb einen an Österreich angepassten Lebensstil. Die ersten Anschaffungen waren häufig Geschirr und Haushaltsgegenstände sowie Kleidung und Elektrogeräte. Letztere wurden sowohl gekauft, um Komfort und Prestige zu steigern, als auch um sie als Geldanlage in die Heimat mitzunehmen. GastarbeiterInnen nahmen sich viel Zeit, um eine Kaufentscheidung zu treffen und fuhren oft weit, wenn ihnen ein Geschäft empfohlen wurde. Aufgrund ihrer Situation nahmen sie oft Teilzahlungsmöglichkeiten in Anspruch. Dafür musste allerdings ein österreichischer Bürge/eine österreichische Bürgin gefunden werden – hier sprangen oft ArbeitskollegInnen ein.

 

Ein Sektor des Konsumverhaltens stellte lange den größten Unterschied zum Konsumverhalten der ÖsterreicherInnen dar: Die Urlaubsreise. GastarbeiterInnen besuchten im Urlaub häufig die Heimat und verzichteten auf Formen wie Bade-, Ski- oder Wanderurlaub.

 

Konsumverhalten heute: Qualität steht über Preis

Das Konsumpotenzial von Personen mit türkischem Migrationshintergrund beträgt rund vier Milliarden Euro pro Jahr. Das geht aus einer Studie der GfK Austria (2013) heraus. Die Studie bezieht sich rein auf die türkischstämmige Bevölkerung als eine der größten Communites in Österreich.

 

Trotz eines knapperen Budgets steht für Türkischstämmige die Qualität über dem Preis. KonsumentInnen mit türkischen Wurzeln sind überwiegend jung, markenbewusst und offen für Neues. Vor allem bei Körperpflege und Kosmetik sowie bei Telefon und Mobilfunk achten Personen türkischer Herkunft auf Markenqualität. 67 Prozent der türkischstämmige MigrantInnen besitzen ein Smartphone. Zum Vergleich: Bei der österreichischen Gesamtbevölkerung sind es 58 Prozent.

 

Ein besonders hohes Potenzial der türkischstämmigen Bevölkerung wird im Finanz- und Immobiliensektor gesehen. Noch legen türkische MigrantInnen ihr Geld vielfach kurzfristig an. Oft fehlt ihnen die richtige Ansprechperson. Personen mit türkischem Migrationshintergrund haben ihre Bankprodukte (Konten, Sparbücher, Aktien, etc.) vorwiegend bei österreichischen Banken. In den kommenden Jahren planen 17 Prozent der Befragten den Kauf eines Einfamilienhauses. Laut Mikrozensus-Erhebung der Statistik Austria lebten 2012 nur 15 Prozent der Bevölkerung mit türkischem Migrationshintergrund in ihren eigenen vier Wänden, 83 Prozent lebten in Mietwohnungen. Das Potenzial wäre hier also sehr groß.

 

Weiterführende Informationen und Kontakte:

Unter Personen mit Migrationsbezug werden in der Studie Personen bezeichnet, die eine andere Staatsbürgerschaft als die österreichische besitzen, oder – wenn sie in der Zwischenzeit die österreichische Staatsbürgerschaft erworben haben – zwischen 1972 und 2011 eine andere Staatsbürgerschaft hatten.

 

MSNÖ-Artikel: “GastarbeiterInnen als Wirtschaftsfaktor

 

MSNÖ-Artikel: „Soziale Situation der GastarbeiterInnen – damals

 

MSNÖ-Artikel: „Soziale Situation der GastarbeiterInnen – heute

 

Übersicht der Studie: “Konsumverhalten türkischstämmiger MigrantInnen in Österreich” von Rudolf Bretschneider und Doris Kostera,GfK Austria, 2013.

 

Studie „Ethnische Ökonomien in Wien“ von Wolfgang Alteneder und Michael Wagner-Pinter, Synthesis Forschung, Wien 2013. Abrufbar in der iBibliothek.

 

Bundesministerium für Soziale Verwaltung: „Ausländische Arbeitnehmer in Österreich“; Forschungsberichte aus Sozial- und Arbeitsmarktpolitik Nr.9; 1985

 

Auswirkungen von qualifizierter Zuwanderung, Studie der Migrationsforscherin Gudrun Biffl in der iBibliothek

 

Statistik Austria, Tel.: 01/ 71128-7767, E-Mail: presse@statistik.gv.at

 

Studienbericht “Gastarbeiter: wirtschaftliche und soziale Herausforderung”, herausgegeben vom Arbeitskreis für Ökonomische uns Soziologische Studien aus dem Jahr 1973

 

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