Migration in Schulbüchern: Problem und Gefahr

Migration in Schulbüchern: Problem und Gefahr

Sep 1, 2014

Factbox

  • Migration wird in vielen Schulbüchern als Problem beschrieben
  • Begriffe wie „Schwarzafrika“ oder „Rasse“ nach wie vor verwendet
  • Kritische Definitionen von Migration und Integration fehlen häufig
  • Bilder von MigrantInnen bedienen gängige Klischees
  • Wichtige Elemente der österreichischen Migrationsgeschichte nicht behandelt
  • MigrantInnen kommen in Schulbüchern kaum zu Wort

 

1,6 Millionen Menschen in Österreich haben Migrationshintergrund. Die österreichische Gesellschaft und Geschichte sind stark geprägt von MigrantInnen. 20 Prozent der SchülerInnen haben eine andere Umgangssprache als Deutsch (siehe MSNÖ-Artikel hier). In Schulbüchern wird diesen Tatsachen jedoch kaum Beachtung geschenkt, im Gegenteil: Migration wird in vielen Fällen noch immer als Problem gesehen. Zu dem Ergebnis kam eine Untersuchung des Ludwig Boltzmann Instituts für Europäische Geschichte und Öffentlichkeit.

 

Das Sparkling Science Projekt, bei dem WissenschafterInnen gemeinsam mit SchülerInnen und LehrerInnen aktuelle Schulbücher analysiert haben, wurde in den Jahren 2011 bis 2013 durchgeführt. Neben einer Analyse von 50 Schulbüchern veranstalteten Projektleiterin Christiane Hintermann und die beiden Projektmitarbeiterinnen Christa Markom und Heidi Weinhäupl Workshops in Klassen unterschiedlicher Schulstufen und –typen in Wien und Salzburg.

 

Untersucht wurde einerseits, wie und ob das Thema Migration sowie österreichische und europäische Migrationsgeschichte in Schulbüchern dargestellt wird. Andererseits wurde ermittelt, wie und ob Menschen mit Migrationshintergrund präsent sind.

 

Migration als Problem

Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung: Migration wird häufig als problembehaftet beschrieben. Entweder wird das Thema an sich als ein Problem gesehen oder es ist davon die Rede, dass MigrantInnen mit Problemen konfrontiert sind. Migration wird laut den Projektmitarbeiterinnen in einigen Büchern sogar als Bedrohung oder Gefahr dargestellt. Herausforderungen seien viel häufiger ein Thema als positive Auswirkungen, wie etwa Mehrsprachigkeit oder kulturelle Vielfalt.

 

In einem Buch wird Migration unter dem Überbegriff „Gesellschaftliche Herausforderungen des 21. Jahrhunderts“ in einer Reihe mit den Themen Terrorismus und Rechtsextremismus behandelt.

 

Problematische Begriffe

Wie ein Bericht zum Projekt zeigt, kommen in Biologe-, Geschichte- und Geografiebüchern gelegentlich noch Begriffe wie „Schwarzafrika“ oder „Rasse“ vor. Diese Begriffe würden aber kaum oder zumindest nicht ausreichend hinterfragt. Bezeichnungen wie „Zigeuner“ oder „Farbige“ seien in manchen Büchern kritisiert worden. Für die SchülerInnen sei aber aufgrund mangelnder historischer Erklärungen nicht klar, warum diese Begriffe problematisch sind.

 

Die Zusammenarbeit mit den SchülerInnen habe gezeigt, dass sie sich häufig nicht sicher sind, welche Begriffe sie im Alltag verwenden können. Markom und Weinhäupl schreiben, dass sich SchülerInnen differenziertere Darstellungen in ihren Schulbüchern und mehr Zeit zur Diskussion im Unterricht wünschen.

 

Die Themen Migration und Integration seien in den wenigsten Schulbüchern ausreichend definiert. Viele der Bücher würden außerdem den Anspruch stellen, Wahrheiten vermitteln zu wollen und hinterfragen Begriffe nicht. Lediglich zwei Bücher hätten Definitionen und sogar wissenschaftlichen Ansätze gegenübergestellt.

 

Bilder bedienen Klischees

Die Untersuchung hat gezeigt, dass Bilder von MigrantInnen in Schulbüchern oft gängige Klischees bedienen. So würden etwa Frauen mit Kopftüchern dargestellt oder türkische Familien im Park. Ein immer wieder verwendetes und sehr problematisches Bild sei z.B. das überfüllte Boot, das im Kontext globaler Wanderungen von ärmeren in reichere Regionen verwendet wird.

 

Geht es in einem Kapitel nicht dezidiert um das Thema Migration, sind MigrantInnen kaum auf Bildern zu sehen, wird in der Untersuchung festgestellt. Die Abbildungen entsprechen jedenfalls nicht der realen Zusammensetzung der Bevölkerung.

 

Migrationsgeschichte

Während manche Themen ausführlicher behandelt werden, kommen andere kaum oder gar nicht vor. Ein mehr oder weniger ausführlicher behandeltes Thema ist die Ungarn-Krise und die Flucht zigtausender Menschen 1956. Hier stünde aber nicht nur das Ereignis an sich im Vordergrund, sondern vor allem die Hilfe, die Österreich damals geleistet hat.

 

Zur Geschichte der GastarbeiterInnen in Österreich würden sich kaum Informationen in Geschichtsbüchern finden. MigrantInnen würden allerdings durchaus als notwendige (Billig-)Arbeitskräfte und SteuerzahlerInnen beschrieben.

 

MigrantInnen kommen kaum zu Wort

Der Projektbericht kritisiert, dass Menschen mit Migrationshintergrund in Schulbüchern kaum zu Wort kommen. Wäre dies anders, könnten für die SchülerInnen Identifikationsmöglichkeiten entstehen und Solidarisierungen gefördert werden. Nur in wenigen Fällen würden positive Lebensgeschichten von MigrantInnen erzählt.

 

Die Organisatorinnen des Projekts arbeiten derzeit an einem Leitfaden für die Abteilung Schulbuch im Bundesministerium. Dieser soll Verlagen und SchulbuchautorInnen in Zukunft als Vorlage dienen.

 

Weiterführende Informationen und Kontakte:

Die Homepage des Projekts: http://www.migrationen-im-schulbuch.at

 

Problematisierung und Sprachkritik in Schulbuch und Schule von Christa Markom und Heidemarie Weinhäupl, in: „Wenn KSA zur Schule geht: Kultur und Sozialanthropolog_innen im Bildungsbereich zwischen Forschung und Praxis“

 

Zwischenbericht des Projektes „Migration(en) im Schulbuch“

 

www.pdf24.org    Sende Artikel als PDF   

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