Schwarze: Ungleichbehandlung und Rassismus

Schwarze: Ungleichbehandlung und Rassismus

Aug 20, 2014

Factbox

  • Ein Drittel der Schwarzen fühlt sich von Behörden respektlos behandelt
  • 65 Prozent glauben nicht an Gleichheit im österreichischen Rechtssystem
  • Ein Viertel klagt über Verständigungsprobleme in der Gesundheitsversorgung
  • Am Arbeitsplatz sehen sich 40 Prozent rassistischen Belästigungen ausgesetzt
  • 13 Prozent wurden Opfer rassistischer Übergriffe im öffentlichen Raum
  • 60 Prozent empfinden öffentlich vermitteltes Bild von Schwarzen als abwertend

 

Für viele in Österreich lebende Menschen mit schwarzer Hautfarbe existiert Gleichheit und Gleichstellung vor den österreichischen Verwaltungs- und Justizinstitutionen, im Gesundheitssystem und im öffentlichen Raum nicht. Eine Vielzahl von Schwarzen kritisiert das Fehlen einer angemessenen Teilhabe am Arbeitsmarkt und im öffentlichen Raum. Gleichbehandlung und Chancengleichheit sind in den Lebensbereichen Recht, Gesundheit, Arbeit und öffentlicher Raum für Menschen mit schwarzer Hautfarbe unzureichend verwirklicht.

 

Das ist das Fazit der Studie „Lebenssituationen von ‚New Minorities‘ in Österreich und deren Implikationen für nationale, regionale und lokale Menschenrechtspolitiken am Beispiel von Menschen mit dunkler Hautfarbe in ausgewählten österreichischen urbanen Zentren (NEUMIN)“ des Europäisches Trainings- und Forschungszentrum für Menschenrechte und Demokratie (ETC) in Graz. Im Rahmen dieser Studie wurden insgesamt 717 Personen befragt. Zielpersonen waren Menschen schwarzer Hautfarbe mit Lebensmittelpunkt in Österreich.

 

Staatliche Sphäre, Gerichte und Behörden

Private Beratungseinrichtungen schnitten bei der Frage nach respektvoller Behandlung vor Gerichten, Behörden und Beratungseinrichtungen mit über 90 Prozent Zustimmung am besten ab. Öffentliche Beratungseinrichtungen und DolmetscherInnen folgten mit knapp 90 Prozent, AnwältInnen mit 20 Prozent. Das Verhalten von BehördenvertreterInnen wurde mit 30 Prozent als eher respektlos oder respektlos beurteilt.

 

Am schlechtesten wurden Gerichte bewertet: 17 Prozent der Befragten fühlten sich respektlos behandelt, 23 Prozent bewerteten die Behandlung als eher respektlos. Zwei Drittel der StudienteilnehmerInnen, die sich vor Ämtern und Behörden respektlos behandelt fühlten, haben sich darüber nicht beschwert.

 

„Im österreichischen Rechtssystem werden alle gleich behandelt, unabhängig von der Hautfarbe“ – dieser Aussage stimmten nur 19 Prozent voll, 16 Prozent eher zu. Somit zweifeln ca. 65 Prozent der Befragten an dem Gleichheitsgebot vor Behörden und Gerichten in Österreich. Auffallend ist hierbei, dass befragte Personen, die noch keine Erfahrung mit dem österreichischen Rechtssystem gemacht haben, eher (50 Prozent) an eine Gleichbehandlung im Rechtssystem glauben als jene, die über Erfahrungen verfügen (28 Prozent). 

 

Abb6_Rechtssystem

Quelle: Lebenssituation von „Schwarzen“ in urbanen Zentren Österreichs; ETC Graz

 

Gesundheitssystem: Verständnisprobleme und Misstrauen

Bei gesundheitlichen Beschwerden suchen 97 Prozent der befragten Personen einen Arzt oder eine Ärztin, 16 Prozent Verwandte, Freunde oder Bekannte auf. Zehn Prozent gaben an, sich selbst zu behandeln, neun Prozent wenden sich an ihre Glaubensgemeinschaft.

 

25 Prozent der befragten Personen räumten in Zusammenhang mit der Inanspruchnahme medizinischer Versorgung ein, nicht oder nicht alles verstanden zu haben, was ihnen mitgeteilt wurde. Etwa 60 Prozent hatten keinerlei Verständnisprobleme. 16 Prozent fühlten sich nicht oder eher nicht respektvoll behandelt. 84 Prozent waren mit dem Umgang des medizinischen Personals zufrieden. 85 Prozent hatten den Eindruck, dass ihre Anliegen ernst genommen wurden, bei 15 Prozent war dies nicht der Fall.

 

Als Angehörige eines Patienten/einer Patientin fühlten sich 83 Prozent der Befragten respektvoll behandelt, 17 Prozent hatten das Gefühl, nicht angemessen respektvoll behandelt zu werden. Sechs Prozent gaben an, rassistische Äußerungen vonseiten des Personals gehört zu haben; zwei Prozent gaben an, derartige Äußerungen zumindest so verstanden zu haben. 90 Prozent der Befragten führten an, rassistische Äußerungen nie gehört zu haben.

 

Etwa ein Drittel stimmte der Aussage „Schwarze Menschen erhalten in Österreich eine gleich gute medizinische Betreuung wie Weiße“ eher nicht oder nicht zu (18 Prozent bzw. 16 Prozent). 

 

 

Abb8_medizinischeBehandlung

Quelle: Lebenssituation von „Schwarzen“ in urbanen Zentren Österreichs; ETC Graz

 

Hindernisse bei Arbeitssuche

69 Prozent der befragten Personen waren zum Zeitpunkt der Befragung erwerbstätig, etwa 19 Prozent waren als arbeitslos gemeldet. Ein Drittel der StudienteilnehmerInnen war noch nie in Österreich beschäftigt. Von den in Österreich Erwerbstätigen (oder die es zumindest einmal waren) erhielten 48 Prozent ihren Arbeitsplatz durch Eigenbewerbung oder Vermittlung von Freunden, Bekannten oder Verwandten. Nur 19 Prozent führten an, durch das AMS vermittelt worden zu sein. 23 Prozent wurden über Personaldienstleistungsunternehmen an ihren gegenwärtigen Arbeitsplatz vermittelt.

 

Von den Befragten hatten 43 Prozent Schwierigkeiten bei der Arbeitsuche, 58 Prozent hatten keine Probleme. Als Hindernisse gaben 42 Prozent der Befragten an, dass ihnen mangelnde Deutschkenntnisse vorgehalten wurden. 43 Prozent sagten aus, dass sie abgelehnt wurden, da sie AusländerInnen sind oder das Gefühl hatten, aufgrund ihrer Hautfarbe nicht angestellt zu werden (41 Prozent). Die meisten Probleme bei der Jobsuche hatten jene Personen, die nur über einen Pflichtschulabschluss in Österreich verfügen (53 Prozent). Ebenfalls schwierig war es für 48 Prozent jener Personen, die keine Ausbildung in Österreich absolviert haben sowie für jene, die ein Studium in Österreich absolvierten (45 Prozent).

 

Fast die Hälfte fühlt sich überqualifiziert

Etwas mehr als die Hälfte der Befragten (52 Prozent) absolvierte hierzulande keine Ausbildung. Zehn Prozent gaben an, ein Studium bzw. eine Lehre in Österreich abgeschlossen zu haben. 19 Prozent absolvierten ein Studium im Herkunftsland, 32 Prozent maturierten dort und 24 Prozent schlossen die Pflichtschule als höchste Ausbildung ab. 22 Prozent der StudienteilnehmerInnen ließen sich ihre im Herkunftsland erworbene Ausbildung in Österreich anrechnen.

 

Auffällig ist der hohe Anteil an ArbeiterInnen (63 Prozent) sowie der niedrige Anteil an Angestellten (zehn Prozent). Der Anteil der selbständig Beschäftigten ist mit acht Prozent dem Anteil der insgesamt selbständig Erwerbstätigen in Österreich ähnlich (neun Prozent).

 

48 Prozent empfanden sich bezüglich ihrer derzeitigen Arbeit als überqualifiziert. 67 Prozent sind mit ihrer Arbeit sehr oder einigermaßen zufrieden. Etwa ein Drittel der Befragten ist unzufrieden. 53 Prozent der befragten Erwerbstätigen beurteilen die Entwicklung ihrer Berufsbiographie in Österreich positiv, ein Drittel schätzt die derzeitige Stelle als gleichwertig gegenüber ihrer ersten Arbeit in Österreich ein, 14 Prozent erachten ihre gegenwärtige Stelle im Vergleich zur ersten als schlechter.

 

Rassistische Äußerungen mehrheitlich von ArbteitskollegInnen

66 Prozent der Befragten sahen sich in den vergangenen drei Jahren nie einer Benachteiligung gegenüber KollegInnen ausgesetzt. 25 Prozent führten an, ein bis drei Mal benachteiligt worden zu sein. Neun Prozent der Befragten gaben eine noch häufigere Benachteiligung an. Etwa 39 Prozent der StudienteilnehmerInnen erlebten oder wurden ZeugInnen von rassistischen Äußerungen im Laufe ihres Arbeitslebens. Zum Großteil kamen diese von KollegInnen (rund 74 Prozent), gefolgt von KundInnen (23 Prozent) und Vorgesetzten (21 Prozent). 19 Prozent der Befragten berichteten von rassistischen Übergriffen gegen sie persönlich, zumeist durch KollegInnen (71 Prozent).

 

 

Abb12_Arbeit

Quelle: Lebenssituation von „Schwarzen“ in urbanen Zentren Österreichs; ETC Graz

 

 

Diskriminierung im öffentlichen Raum*

Rund 52 Prozent der Befragten gaben an, mindestens ein Mal in den vergangenen zwölf Monaten in öffentlichen Verkehrsmitteln wegen ihrer Hautfarbe oder Herkunft rassistisch beschimpft oder belästigt worden zu sein. Mit 47 Prozent ist dies auf offener Straße fast ebenso häufig der Fall. Etwa 13 Prozent der Befragten wurden im selben Zeitraum auf offener Straße tätlich angegriffen. Rund 53 Prozent der StudienteilnehmerInnen wurden mindestens ein Mal von der Polizei aufgefordert, sich auszuweisen. Davon waren 51 Prozent der Ansicht, dass die Amtshandlung nicht korrekt verlaufen sei.

 

 

Abb14_Diskriminierung_letzte12Monate

Quelle: Lebenssituation von „Schwarzen“ in urbanen Zentren Österreichs; ETC Graz

 

Einlassverweigerung oft rassistisch motiviert

Die StudienteilnehmerInnen wurden außerdem gefragt, ob sie schon einmal Beschränkungen im Zugang zu Gastgewerben ausgesetzt waren. Annähernd 40 Prozent führten an, diese Erfahrung mindestens einmal in den vergangenen sechs Monaten gemacht zu haben. 50 Prozent der Befragten sagten aus, wohl eingelassen worden zu sein, sich aber nicht willkommen gefühlt zu haben.

 

Negatives Bild von Schwarzen in der Öffentlichkeit

Fast 60 Prozent der Befragten beurteilten die Darstellung von Schwarzen in der Öffentlichkeit und in den Medien überwiegend als abwertend. Lediglich sieben Prozent der UmfrageteilnehmerInnen waren der Ansicht, dass die Darstellung von Schwarzen weitgehend positiv ist. 14 Prozent nehmen die Darstellung als neutral wahr, rund 20 Prozent waren der Meinung, dass es sowohl positive als auch abwertende Darstellungen gibt. 

 

Abb18_Bild_vonSchwarzen_inÖffentlichkeit

Quelle: Lebenssituation von „Schwarzen“ in urbanen Zentren Österreichs; ETC Graz

 

Schwarzen Bevölkerung als „Fremde“ wahrgenommen

Auf die Frage: „Werden Schwarze in Österreich als fremd wahrgenommen?“ antwortete der Großteil (61 Prozent) mit ja. Nur acht Prozent der befragten Menschen beantworteten die Frage mit eher nein oder nein und führten weiters an, dass Schwarze mittlerweile Teil der Gesellschaft geworden seien. 26 Prozent sind der Ansicht, dass dies eher der Fall sei.

 

Bei der Umfrage wurde zudem ermittelt, ob das Gefühl als fremd wahrgenommen zu werden, die eigene Lebensqualität beschränkt. 43 Prozent der Befragten, die sich in Österreich als fremd wahrgenommen fühlen, empfinden sich in ihrer Lebensqualität stark beeinträchtigt, 33 Prozent fühlen ihre Lebensqualität dadurch zumindest etwas beeinträchtigt. Lediglich zehn Prozent gaben an, dass die Wahrnehmung durch die Nicht-Schwarze Bevölkerung ihre Lebensqualität nicht beeinflusse.

 

Abb19_Beeinträchtigung_Lebensqualität

Quelle: Lebenssituation von „Schwarzen“ in urbanen Zentren Österreichs; ETC Graz

 

 

Weiterführende Informationen und Kontakte:

 

* Die Bezeichnung Öffentlicher Raum wird in dieser Studie als jeder Ort verstanden, der grundsätzlich für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Das schließt Straßen und öffentliche Plätze, Veranstaltungsräume, Gastronomiebetriebe etc., aber auch die öffentliche Meinung, die in der Öffentlichkeit repräsentativen Bilder und die politische Teilhabe mit ein.

 

Die Studie „Lebenssituationen von ‚New Minorities‘ in Österreich und deren Implikationen für nationale, regionale und lokale Menschenrechtspolitiken am Beispiel von Menschen mit dunkler Hautfarbe in ausgewählten österreichischen urbanen Zentren (NEUMIN)“ wurde vom Zukunftsfonds Österreich, der Integrationsplattform des Landes Steiermark, der Stadt Graz, der Universität Graz sowie vom ETC Graz finanziert. Die Umfrage mittels Fragebogen in den Städten Graz, Linz, Salzburg und Innsbruck erfolgte zwischen März und Oktober 2012.

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