Soziale Situation der GastarbeiterInnen – heute

Soziale Situation der GastarbeiterInnen – heute

Mai 12, 2014

Factbox

  • 161.500 TürkInnen erster Generation in Österreich
  • 45,6 Prozent der GastarbeiterInnen verdienen weniger als 1.000 Euro pro Monat
  • Wohnqualität deutlich schlechter als bei autochthonen ÖsterreicherInnen
  • Verfügen über stark ausgeprägtes familiäres und soziales Netzwerk
  • Letzte Ruhe: Rund 330 Überführungen in die Türkei im Jahr 2012

 

Die Anwerbe-Abkommen mit der Türkei (1964) und Jugoslawien (1966) hatten die Zuwanderung hunderttausender GastarbeiterInnen nach Österreich zur Folge. Der Großteil ist in Österreich geblieben. Wie die heutige soziale Situation der ehemaligen GastarbeiterInnen aussieht, hat sich die Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen (MSNÖ) genauer angesehen. 

 

161.500 TürkInnen erster Generation in Österreich

274.700 Personen mit türkischen Wurzeln lebten laut Statistik Austria (2012) in Österreich. Davon waren 161.500 TürkInnen der ersten Generation (Personen, die in der Türkei geboren wurden) und rund 113.200 TürkInnen der zweiten Generation (Personen, deren Eltern in der Türkei geboren wurden). Einer Schätzung der Türkischen Gemeinde Österreich zufolge leben zwischen 250.000 und 300.000 Menschen mit türkischen Wurzeln in Österreich (siehe auch MSNÖ-Artikel „Türkische Community – drittgrößte MigrantInnen-Gruppe„). Aus dem ehemaligen Jugoslawien stammten offiziell 511.800 Personen, wobei 354.500 der ersten Generation und 157.300 der zweiten Generation zugerechnet werden.

 

GastarbeiterInnen rücken zunehmend in Pensionsalter vor

Jene GastarbeiterInnen, die Anfang der 1960er Jahre nach Österreich kamen, rücken nun zunehmend ins Pensionsalter vor. Das Alter war weder von den Aufnahmeländern noch von den ArbeitsmigrantInnen selbst eingeplant – die Regelungssysteme des Gastarbeiterkonzepts waren auf Rotation, Exklusion und Rückkehr angelegt (vgl. Reinprecht 2007: 211f).

 

Dennoch ist der Anteil der über-65-Jährigen, die in der Türkei oder in Ex-Jugoslawien geboren wurden, verhältnismäßig gering. Dies liegt unter anderem daran, dass die Geburtenrate bei Frauen aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien  vergleichsweise hoch ist.*

 

   Insgesamt 0 – 5 Jahre 6 – 14 Jahre 15 – 24 Jahre 25 – 49 Jahre 50 – 64 Jahre 65 und älter
Türkei  159.185 418  4.277  18.192  95.391 32.192  8.715
Ex-Jugolsawien (ohne Slowenien)  373.009 1.470  9.034 35.692  186.985 98.619  41.209

Altersstruktur der Bevölkerung in Österreich, die in der Türkei oder Ex-Jugolsawien geboren wurde (Stichtag: 1.1.2013), Quelle: Statistik Austria, eigene Darstellung.

 

 

4.700 Erwerbstätige aus der Türkei sind zwischen 55 und 64 Jahre alt

Im Jahr 2012 waren laut Statistik Austria 80.800 Personen, die in der Türkei geboren wurden, erwerbstätig. Die Zahl der erwerbstätigen Personen, die im ehemaligen Jugoslawien geboren wurden, belief sich auf 212.000. GastarbeiterInnen, die in den 1960ern und 1970ern nach Österreich gekommen sind, dürften großteils in die Altersklassen “55 bis 64” sowie “65 und älter” fallen. 22.400 erwerbstätige Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien sind zwischen 55 und 64 Jahre alt. Bei den Personen aus der Türkei waren 4.700 Erwerbstätige zwischen 55 und 64 Jahre alt. Die Altersklasse “65 und älter” konnte statistisch nicht interpretiert werden.

 

  Insgesamt 15-64  15-19 20-24 25-29 30-54 55-64 65 und älter
Türkei 80.800 80.800 (x) (5.900) 10.800 58.200 (4.700) (x)
Ex-Jugolsawien (ohne Slowenien) 212.000 210.700 (4.200) 17.700 24.000 142.400 22.400 (x)

Erwerbstätige nach Geburtsland und Alter im Jahresdurchschnitt 2012, Quelle: Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung 2012, eigene Darstellung. Anmerkung: (x) bezieht sich auf Werte mit weniger als 3.000 Personen (statistisch nicht interpretierbar). ( ) bezieht sich auf Werte mit weniger als hochgerechnet 6.000 Personen (sehr stark zufallsbehaftet). 

 

Niedriges Einkommen

Personen aus der Türkei und Ex-Jugoslawien sind statistisch gesehen öfter in schlecht bezahlten Berufen tätig, als ÖsterreicherInnen. Laut Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung der Statistik Austria aus dem Jahr 2010 sind fast vier von zehn Personen mit Migrationshintergrund (38,2 Prozent) in Arbeiterberufen mit Hilfs- bis mittleren Tätigkeiten anzutreffen. Bei den ÖsterreicherInnen ist es nur jede/r Achte (12,1 Prozent). 40,9 Prozent der Angehörigen der Ersten Generation und 17,3 Prozent der MigrantInnen der Zweiten Generation verrichten Hilfsarbeitertätigkeiten.

 

In einer Diplomarbeit über Erfahrungen (ehemaliger) GastarbeiterInnen** (2006) befragte David Reichel diese zu ihrer Beschäftigungssituation und ihrem Einkommen. Insgesamt verdienen 45,6 Prozent der berufstätigen Befragten unter 1.000 Euro pro Monat, 31,6 Prozent 1.000 bis 1.500 Euro und 22,8 Prozent über 1.500. Inklusive arbeitslosen und pensionierten GastarbeiterInnen liegt bei 57,3 Prozent der Befragten das monatliche Einkommen unter 1.000 Euro im Monat.

 

Schlechte Wohnqualität

MigrantInnen leben häufig in Wohnungen, die für ÖsterreicherInnen unattraktiv sind. Laut David Reichel ist die große Mehrheit der MigrantInnen auf den privaten Wohnungsmarkt angewiesen. 1998 hatte ein Drittel der ÖsterreicherInnen einen Mietvertrag. Zur selben Zeit waren jedoch 82 Prozent der Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien und 92 Prozent der Personen aus der Türkei auf einen privaten Mietvertrag angewiesen. Auch Wohnbauförderung und Wohnbeihilfe waren für MigrantInnen lange Zeit nicht zugänglich.

 

David Reichel führt außerdem eine Erhebung aus dem Jahr 1992 an, die zeigt, dass 1990 nur 40 Prozent aller ex-jugoslawischen und 50 Prozent aller türkischen Haushalte zufriedenstellend mit Sanitäranlagen ausgestattet waren. Bei österreichischen Haushalten waren es 90 Prozent. Jeder siebente der türkischen und ex-jugoslawischen Haushalte hatte kein fließendes Wasser und 80 bis 90 Prozent waren überbelegt.

 

Die Ergebnisse der Volks-, Gebäude- und Wohnungszählung 2001 bestätigen diese Trends. Personen aus dem neuen Jugoslawien leben zu 55,2 Prozent in Wohnungen der Kategorie A, Personen aus der Türkei zu 61,5 Prozent. Jedoch leben diese Personengruppen zu 26,8 bzw. 18,4 Prozent in Substandard-Wohnungen (Kategorie D).***

 

Auch bei der zur Verfügung stehenden Nutzfläche in Wohnungen gibt es große Unterschiede. Bei TürkInnen ist die Nutzfläche generell niedriger als bei ÖsterreicherInnen.

Gastarbeiter Bild

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quelle: Statistik Austria; Volks-, Gebäude- und Wohnungszählung 2001, eigene Darstellung

 

 

Gesundheit: Weniger Vorsorgeuntersuchungen

Laut Statistik Austria hatten in Österreich 2011 insgesamt 42 Prozent der Personen im Erwerbsalter (15- bis 64-Jährige) mindestens ein dauerhaftes Gesundheitsproblem. Zugewanderte aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien sind überdurchschnittlich stark betroffen: 51 Prozent der aus Ex-Jugoslawien und 48 Prozent der aus der Türkei Zugewanderten wiesen eine dauerhafte gesundheitliche Beeinträchtigung auf.

 

Personen, die aus der Türkei oder dem ehemaligen Jugoslawien stammen, nehmen auch seltener präventive Gesundheitsleistungen in Anspruch als ÖsterreicherInnen: Während sich 76 Prozent der Österreicherinnen im Alter von 40 und mehr Jahren in den letzten drei Jahren einer Mammographie (Brustkrebsvorsorge) unterzogen haben, waren es nur 55 Prozent der Migrantinnen. Bei den Männern ab 40 Jahren ließen 52 Prozent der Österreicher, aber lediglich 30 Prozent der Männer türkischer oder ex-jugoslawischer Herkunft einen PSA-Test (Prostata-Früherekennung) durchführen.

 

Stark ausgeprägtes familiäres und soziales Netzwerk

Dass Personen aus der Türkei und Ex-Jugoslawien seltener Ärzte aufsuchen, liegt laut dem Sozialwissenschaftler Christoph Reinprecht unter anderem am ausgeprägten sozialen Netzwerk der MigrantInnen: Im Vergleich zu einheimischen SeniorInnen verfügen ältere MigrantInnen über mehr Menschen, die sie regelmäßig treffen, ins Vertrauen ziehen und mit denen sie sich austauschen. Das familiäre und soziale Netzwerk stellt laut Reinprecht für viele ältere MigrantInnen die wichtigste Ressource für die Bewältigung schwieriger Lebenslagen dar, wie etwa Pensionierung oder Krankheit, Hilfs- und Pflegebedürftigkeit.

 

Wenig Akzeptanz in der Bevölkerung

Diskriminierung erleben (ehemalige) GastarbeiterInnen häufig. Aus David Reichels Diplomarbeit geht hervor, dass sich fast 30 Prozent der türkischen WienerInnen mit fremdenfeindlichen Äußerungen konfrontiert sehen, vier Prozent erleben sogar tätliche Übergriffe. 79,4 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass in Österreich ein negatives Denken gegenüber MigrantInnen vorherrscht.

 

Eine in der Diplomarbeit erwähnte Umfrage aus dem Jahr 1985 zeigt, dass 53,3 Prozent der TürkInnen und 39,8 Prozent der Ex-JugoslawInnen nur Landsleute zu ihrem Freundes- und Bekanntenkreis zählten. Lediglich jeweils zehn Prozent gaben an, gleich viel österreichische und türkische bzw. ex-jugoslawische FreundInnen und Bekannte zu haben. Die Herausgeber der Untersuchung stellten jedoch fest, dass dies nicht auf eine “Abschottung” der GastarbeiterInnen zurückzuführen ist, sondern auf ablehnendes und distanziertes Verhalten der ÖsterreicherInnen. Denn die ex-jugoslawischen und türkischen Befragten wünschten sich mehr österreichische FreundInnen.

 

Österreich bleibt nach Ruhestand meist Lebensmittelpunkt

Trotz der geringen Akzeptanz in der österreichischen Bevölkerung bleibt für viele GastarbeiterInnen Österreich auch nach dem Eintritt in den Ruhestand der Lebensmittelpunkt. Dafür gibt es mehrere Gründe, etwa familiäre Verankerung im Migrationsland, gesundheitliche Aspekte oder knappe materielle Ressourcen. Auch Entfremdung vom Herkunftsland und eine unsichere ökonomische und politische Situation in der alten Heimat sind Gründe dafür, dass GastarbeiterInnen in Österreich bleiben.

 

Letzte Ruhe: Rund 330 Überführungen in die Türkei

TürkInnen lassen sich eher in ihr Heimatland überführen, als in Österreich bestattet zu werden: 2013 wurden 17 türkische StaatsbürgerInnen auf dem islamischen Friedhof in Wien beerdigt. Auf dem islamischen Friedhof in Altach erfolgten 2013 acht Bestattungen, wobei laut Klaus Ender, Leiter des Melde- und Standesamts der Gemeinde Altach, keine Unterscheidung nach Herkunft oder Nationalität vorgenommen wird. Eine genaue Zahl, wieviele TürkInnen in Österreich bestattet wurden, ist nicht bekannt.

 

2012 wurden nach einer Schätzung der türkischen Botschaft etwa 330 Überführungen in die Türkei bewilligt. 216 Überführungen wurden im Wiener Konsulat genehmigt, etwa 80 in Salzburg und 32 in Vorarlberg. Während das Wiener Konsulat im Gegensatz zu 2011 einen leichten Rückgang bei den Überführungen verzeichnet (-44), wurden im Salzburg (+15) und in Vorarlberg (+17) mehr Leichenpässe ausgestellt (siehe hierzu auch MSNÖ-Artikel “Mehrheit der AusländerInnen in alter Heimat beerdigt”).

 

Weiterführende Informationen und Kontakte:

* Im Durchschnitt bekamen ÖsterreicherInnen im Jahr 2012 1,34 Kinder. TürkInnen brachten im Schnitt 2,08 und Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien 1,94 Kinder zur Welt.

** Die Befragten waren zwischen 27 und 68 Jahre alt. Es handelt sich also sowohl um GastarbeiterInnen, die in den 1960ern und 1970ern nach Österreich gekommen sind, als auch um ArbeitsmigrantInnen, die vor wenigen Jahren zugewandert sind.

*** Wohnungskategorien:Austattungskategorie A: zeitgemäßer Standard, Warmwasser, Küche, Badezimmer, mindestens 30m², HeizungAusttattungskategorie B: zeitgemäßer Standard, Küche, Badezimmer, HeizungAusstattungskategorie C: Wasserentnahmestelle und WC im InnerenAusstattungskategorie D: keine Wasserentnahmestelle oder keine WC im Inneren

 

MSNÖ-Artikel “Soziale Situation der GastarbeiterInnen – damals

 

MSNÖ-Artikel “Mehrheit der AusländerInnen in alter Heimat beerdigt”)

 

Aufsatz von Christoph Reinprecht: “Zur Lebenssituation älterer Migrantinnen und Migranten in Österreich”, erschienen in: Österreichischer Migrations- und Integrationsbericht, Klagenfurt: 2003.

 

Statistik Austria, Tel.:01/ 71128-7767, E-Mail: presse@statistik.gv.at

 

Islamischer Friedhof Wien, Tel.: 0676 47 06 920, E-Mail: islamischer.friedhof@gmx.at

 

Islamischer Friedhof Altach, Tel.: +43 664 4355927, E-Mail: sila.alican@hotmail.com

 

Diplomarbeit „‚Er hat alles vergessen, er hat einfach sein Leben gelebt’. Arbeitsmigration und Alter am Beispiel ehemaliger türkischer ‚Gastarbeiter’ und ‚Gastarbeiterinnen’“ von Silvia Herburger, Universität Wien 2010.

 

Diplomarbeit ‘Die Erfahrungen der ehemaligen „GastarbeiterInnen“ mit dem österreichischen Fremdenrecht und deren Einfluss auf die subjektive Integration’ von David Reichel, Universität Wien 2006.

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