Soziale Situation der GastarbeiterInnen – damals

Soziale Situation der GastarbeiterInnen – damals

Mai 12, 2014

Factbox

  • GastarbeiterInnen erhofften sich finanzielle Sicherheit
  • Verdienten deutlich weniger als ÖsterreicherInnen
  • Rund 41 Prozent waren als HilfsarbeiterInnen tätig
  • Zahlten im Schnitt doppelt so viel Miete wie ÖsterreicherInnen
  • Verständigungsschwierigkeiten führten oft zu sozialer Isolation

 

Durch die Anwerbe-Abkommen mit der Türkei (1964) und Jugoslawien (1966) kamen hunderttausende GastarbeiterInnen nach Österreich. Die soziale Lage der GastarbeiterInnen hierzulande war schlecht. Sie waren meist in Niedriglohn-Branchen wie im Bauwesen oder der Leder- und Textilindustrie tätig. Über zwei Drittel der GastarbeiterInnen lebten 1981 in Substandard-Wohnungen. Heimweh, Verständigungsschwierigkeiten und Stress prägten die soziale Situation der GastarbeiterInnen.

 

Hauptgründe für Arbeitsmigration

Die ersten GastarbeiterInnen erhofften sich durch ihren Aufenthalt in Österreich im Wesentlichen drei Dinge: Materielle Sicherheit und Wohlstand, die Möglichkeit, Grundlagen für eine bessere berufliche Zukunft zu schaffen sowie persönliche Unabhängigkeit und Freiheit.  In einer Studie der Staatlichen Planungsorganisation von 1963 wurden diese Aspekte detailliert erhoben und aufgeschlüsselt: 20 Prozent der Befragten wollten Geld sparen, 18,6 Prozent wollten die eigene und die Zukunft ihrer Familie sichern. 17,4 Prozent wollten Berufskenntnisse und Berufserfahrung sammeln und 14,8 hatten den Plan, ein Auto zu kaufen.

 

Studieren (9,3 Prozent), ein Haus bauen (6,7 Prozent), Deutsch lernen (3 Prozent) und Schulden begleichen (0,6 Prozent) waren weitere Gründe für die Arbeitsmigration. Die Ergebnisse der Studie wurden der Diplomarbeit über Arbeitsmigration von Silvia Herburger entnommen (siehe „Kontaktbox“ am Ende dieses Artikels).

 

Weniger Einkommen als ÖsterreicherInnen

Das durchschnittliche Einkommen eines männlichen Gastarbeiters lag laut Mikrozensus 1983 bei 8.578 Schilling (623 Euro), eine Gastarbeiterin verdiente 6.466 Schilling (470 Euro). Ein Österreicher bekam im Vergleichszeitraum durchschnittlich 10.020 Schilling (728 Euro), eine Österreicherin 7.690 Schilling (559 Euro). Dass die Einkommensunterschiede nicht noch deutlicher ausfallen, liegt daran, dass GastarbeiterInnen häufig Überstunden machten, an Sonn- und Feiertagen sowie in der Nacht arbeiteten (siehe dazu auch MSNÖ-Artikel „GastarbeiterInnen und ihre schwierige soziale Lage“).

 

Großteil in Niedriglohn-Branchen tätig

GastarbeiterInnen waren in Österreich vor allem in arbeitsintensiven Niedriglohn-Branchen (Bauwesen, Leder- und Textilindustrie, Gastgewerbe) tätig. Dort fanden sie zu einem Großteil Arbeit als ungelernte HilfsarbeiterInnen (40,9 Prozent) oder angelernte ArbeiterInnen (39,0 Prozent), nur zum kleineren Teil waren sie FacharbeiterInnen (18,8 Prozent). Besonders niedrig war der Facharbeiteranteil unter den Frauen (4,9 Prozent).

  jug. Frauen türk. Frauen gesamt jug. Männer türk. Männer gesamt
ungelernte HilfsarbeiterInnen 52,4% 76,6% 57,5% 39,0% 44,3% 40,9%
angelernte ArbeiterInnen 39,8% 21,3% 36,6% 39,0% 39,0% 39,0%
FacharbeiterInnen 5,4% 2,1% 4,9% 22,0% 13,3% 18,8%

Positionen von GastarbeiterInnen in den Betrieben, Quelle: Mikrozensus 1983, Statistik Austria, eigene Darstellung

 

Doppelte Miete für GastarbeiterInnen

Betriebe mussten laut Ausländerbeschäftigungsgesetz den GastarbeiterInnen „ortsübliche Unterkünfte“ zur Verfügung stellen. Kontrolliert wurde diese Vorgabe allerdings nur selten, meinen die Wissenschaftler Karl Alber und Ernst Gehmacher, die in Herburgers Diplomarbeit zitiert werden. Da an vielen Orten kein entsprechender Wohnraum vorhanden war, errichteten die Unternehmen Werksunterkünfte. Alleine in Wien lebten zuerst 41 Prozent der türkischen GastarbeiterInnen in Betriebswohnungn. 31 Prozent wohnten zur Untermiete, 13 Prozent lebten in Gemeinschaftswohnungen, drei Prozent übernahmen eine Wohnung in Hauptmiete und zwei Prozent eine Hausbesorgerwohnung, der Rest lebte bei Bekannten. Sie ließen sich meist in den gürtelnahen Bereichen des 15., 16. und 17. Bezirks sowie in Teilen des 2., 5., 10. und 20. Bezirks nieder. 

 

GastarbeiterInnen hatten laut Alber und Gehmacher zwei unterschiedliche Einstellungen zur Wohnsituation: Diejenigen, die ihre Familie im Heimatland gelassen hatten, wollten hier so wenig Geld wie möglich ausgeben und wohnten teilweise in schlechteren Verhältnissen als im Herkunftsland. Das Geld, das übrig blieb, wurde für die Rückkehr gespart bzw. an die Familie geschickt. Die zweite Gruppe der GastarbeiterInnen war bereit, mehr für ihre Wohnungen zu bezahlen, da sie ihre Familien bereits nach Österreich mitgebracht hatten. Dies waren meist ArbeiterInnen mit besserer Qualifikation und Bildung.

 

Laut der Häuser- und Wohnungszählung 1981 der Statistik Austria wohnten 64,3 Prozent der GastarbeiterInnen und 14,1 Prozent der ÖsterreicherInnen in Substandard-Wohnungen. 14,2m² standen den MigrantInnen durchschnittlich zur Verfügung. Das war gerade einmal die Hälfte des gesamtösterreichischen Durchschnittswerts von 28m². Fast doppelt so hoch war allerdings die Miete pro Quadratmeter, nämlich 47 Schilling im Gegensatz zu 24,50 (siehe dazu auch MSNÖ-Artikel „GastarbeiterInnen und ihre schwierige soziale Lage“).

 

Stress und ungewohnte Ernährung steigerten Krankheitsanfälligkeit

Die Krankheitsanfälligkeit ausländischer Arbeitskräfte war tendenziell höher als jene der ÖsterreicherInnen. Dies lag vor allem daran, dass GastarbeiterInnen deutlich mehr Stress ausgesetzt waren: Die Anpassung an die neuen Lebensumstände – auch an die Arbeit – brachten Stresserscheinungen mit sich, die sich in Symptomen wie Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Überreiztheit oder Müdigkeit äußerten. Dieser Stress konnte durch Faktoren wie Heimweh oder Vereinsamung noch verstärkt werden. Auch die Umstellung auf die ungewohnte Ernährung und das rauere Klima in Österreich beeinflussten die gesundheitliche Situation der GastarbeiterInnen. Zu diesen Ergebnissen kamen Alber und Gehmacher (1973).

 

Heimweh und soziale Isolation

Verschiedene Faktoren machten das Leben für die GastarbeiterInnen in Österreich schwierig. Weil viele mit Heimweh zu kämpfen hatten, wurden der Wiener Südbahnhof und der Bahnhof in Dornbirn zu wichtigen Treffpunkten, so Silvia Herburger. Sogar von weit her reisten die GastarbeiterInnen an, um sich an Wochenenden mit Bekannten und Freunden aus der Heimat auszutauschen.

 

Für einige der ArbeiterInnen waren auch die Speisevorschriften schwer einzuhalten. Obwohl es in manchen Werksküchen Sondermenüs gab, mussten die meisten türkischen GastarbeiterInnen für sich selbst kochen. Das Ausleben ihrer Religion war den GastarbeiterInnen kaum möglich, da nur wenige Betriebe Rücksicht auf die islamischen Feste oder das rituelle Gebet nahmen.

 

Die Sprach-, Verständigungs- und Ernährungsschwierigkeiten sowie die unterschiedlichen Verhaltensweisen und Normen führten bei manchen ArbeiterInnen zu gesellschaftlicher Isolation. Dabei waren häufiger Männer betroffen, denn Gastarbeiterinnen gingen statistisch gesehen häufiger Beziehungen mit Österreichern ein als umgekehrt. 

 

Wenig Akzeptanz in der österreichischen Bevölkerung

Laut einer Untersuchung des Arbeitskreises für ökonomische und soziologische Studien Wien aus dem Jahr 1973 kamen von 100 ÖsterreicherInnen, die mit GastarbeiterInnen zusammenarbeiteten, nur zehn auch in ihrer Freizeit regelmäßig mit GastarbeiterInnen zusammen. Von GastarbeiterInnen aus Ex-Jugoslawien, die sich bereits ein Jahr in Österreich aufhielten, bezeichneten nur 13 Prozent ihre österreichischen ArbeitskollegInnen als „ausgesprochen freundlich“, nach zwei bis drei Jahren waren es 23 Prozent.

 

Nur fünf Prozent der ÖsterreicherInnen traten laut der Untersuchung für die dauernde Eingliederung von GastarbeiterInnen in die heimische Bevölkerung ein, 90 Prozent lehnten sie entschieden ab und wünschten sich nur einen vorübergehenden Aufenthalt.

 

Mit einer Hochzeit der eigenen Kinder mit einem/einer GastarbeiterIn wären nur wenige ÖsterreicherInnen einverstanden gewesen. 13 Prozent hätten sich eine Hochzeit der eigenen Tochter mit einem Mann aus Ex-Jugoslawien vorstellen können, zehn Prozent mit einem Mann aus der Türkei. 16 Prozent hätten eine Ehe des Sohnes mit einer Frau aus dem ehemaligen Jugoslawien akzeptiert, 13 Prozent eine Hochzeit mit einer türkischen Frau.

 

Großteil wollte in Heimat zurückkehren

Besonders ab Anfang der 1980er Jahre zeigte sich das Scheitern des Rotationsprinzips, da immer mehr GastarbeiterInnen in Österreich blieben und ihre Familien nachholten. Der überwiegende Teil der GastarbeiterInnen wollte zwar in die Heimat zurückkehren, wusste jedoch nicht wann und verschob die Rückreise immer weiter nach hinten. Das zeigt ein Forschungsbericht (1985) über ausländische ArbeitnehmerInnen in Österreich.

 

71,6 Prozent der jugoslawischen und 41,7 Prozent der türkischen ArbeitsmigrantInnen gaben Anfang der 1980er Jahre an, schon länger in Österreich zu sein als geplant. Den längeren Verbleib in Österreich begründete der Großteil mit den besseren Verdienstmöglichkeiten (66,5 Prozent) hierzulande. 64,2 Prozent gaben an, noch nicht genug Geld gespart zu haben, 49,9 Prozent, in der Heimat nur schwer Arbeit finden zu können.

 

  jugoslawisch türkisch gesamt
besserer Verdienst 69,6% 54,8% 66,5%
zu wenig Geld gespart 61,9% 73,0% 64,2%
Arbeit in Heimat schwer zu finden 51,6% 43,5% 49,9%
Kinder in österr. Schule 19,1% 21,7% 19,6%
fühlen sich wohl in Ö. 8,1% 20,9% 10,7%
Kinder wollen nicht zurück 0,7% 7,8% 2,1%
politische Situation in der Heimat 0,7% 4,3% 1,4%

Motive für den Verbleib in Österreich, Mehrfachnennungen möglich; Quelle: Ausländische Arbeitnehmer in Österreich, Forschungsberichte aus Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, 1985, eigene Darstellung

 

Lediglich 3,3 Prozent sagten, gar nicht in die Heimat zurückkehren zu wollen. 30 Prozent wollten zurückkehren, wussten aber nicht wann. 20,6 Prozent wollten dies tun, sobald sie genügend Geld gespart hatten, 14,8 Prozent mit Erreichen des Pensionsalters. Dennoch merkten die AutorInnen der IHS-Studie an, dass keinesfalls mit einer Rückkehr von 97 Prozent der GastarbeiterInnen “in absehbarer Zeit” gerechnet werden kann. Vor allem weil sich die Rückkehrabsicht immer mehr in eine Rückkehrillusion verwandle. Grund hierfür waren unter anderem die in Österreich zur Schule gehenden Kindern, die stärker als ihre Eltern in der Gesellschaft verwurzelt waren (siehe hierzu auch MSNÖ-Artikel: „GastarbeiterInnen und ihre schwierige soziale Lage„).

 

Weiterführende Informationen und Kontakte:

MSNÖ-Artikel: “Soziale Situation der GastarbeiterInnen – heute

 

MSNÖ-Artikel: “GastarbeiterInnen und ihre schwierige soziale Lage

 

Mikrozensus 1983 “Personen- und Haushaltseinkommen von unselbstständig Beschäftigten”, erhältlich nur in Printversion

 

IHS-Studie “Ausländische Arbeitnehmer in Österreich” aus dem Jahr 1985. Aus der Reihe “Forschungsberichte aus Sozial- und Arbeitsmarktpolitik”, herausgegeben vom Bundesministerium für soziale Verwaltung

 

Diplomarbeit „‚Er hat alles vergessen, er hat einfach sein Leben gelebt’. Arbeitsmigration und Alter am Beispiel ehemaliger türkischer ‚Gastarbeiter’ und ‚Gastarbeiterinnen’“ von Silvia Herburger, Universität Wien 2010

 

Konsolidierte Fassung des Anwerbe-Abkommens zwischen Österreich und der Türkei

 

Studie “Gastarbeiter: wirtschaftliche und soziale Herausforderung” aus dem Jahr 1973, herausgegeben vom Arbeitskreis für Ökonomische und Soziologische Studien Wien

 

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