Anwerbe-Abkommen mit Türkei – geschichtlicher Hintergrund

Anwerbe-Abkommen mit Türkei – geschichtlicher Hintergrund

Mai 7, 2014

Factbox

  • Das Anwerbe-Abkommen mit der Türkei wurde am 15. Mai 1964 unterzeichnet
  • Türkei unterstützte Arbeiterabwanderung wegen hoher heimischer Arbeitslosenquote
  • Offizieller Weg nach Österreich führte über Anwerbekommissionen
  • Anwerbung auch durch Mundpropaganda oder “Touristenbeschäftigung” 
  • 1973 stammten 11,8 Prozent der GastarbeiterInnen aus der Türkei

 

Am 15. Mai 1964 wurde das Anwerbe-Abkommen zwischen Österreich und der Türkei unterzeichnet. Es regelt die Anwerbung türkischer Arbeitskräfte und deren Beschäftigung in Österreich. Das Abkommen trat am 23. Juli 1964 in Kraft.

 

GastarbeiterInnen sollten den Arbeitskräftemangel in Österreich ausgleichen. Der türkische Staat seinerseits unterstützte diese Arbeitskräftewanderung aufgrund der hohen Arbeitslosenquote in der Türkei. Offiziell gelangten GastarbeiterInnen über Anwerbekommissionen nach Österreich, mit der Zeit wurden auch Mundpropaganda und die Vermittlung von Arbeitskräften durch schon ausgewanderte MigrantInnen im Auftrag von Firmen gängige Anwerbemethoden. 1973 waren 11,8 Prozent der GastarbeiterInnen in Österreich TürkInnen. Die Wirtschaftskrise Anfang der 1970er Jahre führte zum Anwerbestopp. 

 

Raab-Olah-Abkommen: Grundstein der Immigrationsgeschichte

Den Grundstein für den Zuzug von GastarbeiterInnen nach Österreich bildet das Raab-Olah-Abkommen, das 1961 von der Bundeswirtschaftskammer und dem Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB) ins Leben gerufen wurde. Benannt ist das Abkommen nach dem damaligen Präsidenten der Bundeswirtschaftskammer Julius Raab und dem Präsidenten des Gewerkschaftsbundes Franz Olah. Ziel war es, die Zulassung von ausländischen Arbeitskräften am Arbeitsmarkt zu erleichtern.

 

Aufbauend auf dem Raab-Olah-Abkommen wurden in den 1960er Jahren zwischenstaatliche Verträge geschlossen, um die Anwerbung von GastarbeiterInnen zu institutionalisieren und kontrollierbarer zu machen. Dem ersten – erfolglosen – Anwerbe-Abkommen mit Spanien im Jahr 1962 folgen die Abkommen mit der Türkei 1964 und Jugoslawien 1966.

 

Entstehung des Begriffs “Gastarbeiter”

Mit der Idee in den 1960er Jahren, ausländische Arbeitskräfte für einen gewissen Zeitraum anzuwerben, wurde der Begriff Gastarbeiter geprägt. Das Wort sollte klarstellen, dass sich die angeworbenen Arbeitskräfte aus der Türkei und anderen Staaten nur vorübergehend in Österreich aufhalten. Der Begriff löste die stark negativ konnotierte Bezeichnung Fremdarbeiter ab, welche zu Beginn des Zweiten Weltkriegs Menschen benannte, die zur Verrichtung von Arbeit zwangsverpflichtet wurden.

 

Gegen Ende der 1960er Jahre setzte sich der Begriff Gastarbeiter im öffentlichen Sprachgebrauch durch und verdrängte jenen des Fremdarbeiters. Der “Arbeitskreis für ökonomische und soziale Studien Wien” definierte GastarbeiterInnen 1973 als “überwiegend minder quailifizierte Arbeitnehmer (Arbeiter, vor allem Anlern- und Hilfsarbeiter, sowie Angestellte in den untersten rein manipulativen Tätigkeiten).”

 

GastarbeiterInnen sollten heimischen Arbeitskräftemangel ausgleichen

Grund für die Unterzeichnung des Anwerbe-Abkommens mit der Türkei 1964 war der wirtschaftliche Aufschwung Mitte der 1950er Jahre in Westeuropa, wodurch die Nachfrage an Arbeitskräften stieg. Zudem wanderten viele ÖsterreicherInnen wegen eines höheren Lohnniveaus ins Ausland ab und der Einsatz der ländlichen Bevölkerung in den Industriezweigen stagnierte. Um dem Arbeitskräftemangel in Zeiten der Hochkonjunktur entgegenzuwirken, wurden Arbeitskräfte aus anderen Ländern angeworben.

 

Der türkische Staat seinerseits unterstützte diese Arbeitskräftewanderung, weil man sich wegen eines rapiden Bevölkerungswachstums (2,7 Prozent im Jahr 1965) und einer hohen Arbeitslosenquote eine Entlastung des heimischen Arbeitsmarktes erhoffte. Erleichtert wurde die Auswanderung türkischer Arbeitskräfte durch die Ratifizierung der türkischen Verfassung 1961. Dadurch erhielten die türkischen StaatsbürgerInnen das Recht auf freie Ein- und Ausreise.

 

Anwerbung durch Kommission im Heimatland

Es gab verschiedene Vorgehensweisen, wie türkische GastarbeiterInnen nach Österreich kamen. Der offizielle Weg führte über Anwerbekommissionen in den Heimatländern der GastarbeiterInnen: Nach Unterzeichnung des Anwerbeabkommens zwischen Österreich und der Türkei 1964 nahm die österreichische Anwerbekommission in Istanbul ihre Arbeit auf. Ihre Aufgabe war es, in Zusammenarbeit mit den nationalen Arbeitsmarktbehörden türkische Arbeitskräfte für den österreichischen Arbeitsmarkt zu beschaffen. Der Sinn dahinter war, dass GastarbeiterInnen schon im Heimatland hinsichtlich ihrer Eignung ausgewählt werden (siehe hierzu MSNÖ-Artikel “Geschichte der Zuwanderung von GastarbeiterInnen”).

 

Die Anforderungen der österreichischen Wirtschaft wurden von der Anwerbekommission an die türkische Arbeitsvermittlungsanstalt weitergeleitet. Diese suchte aus den “Arbeitslosenlisten” jene Personen aus, die den Auswahlkriterien entsprachen und schickte sie zur Kommission, welche wiederum feststellte, ob die BewerberInnen die Voraussetzungen für eine Beschäftigung in Österreich erfüllten. Die wichtigste Voraussetzung war ein ärztliches Attest: GastarbeiterInnen mussten gesund sein. Um sie den Branchen in Österreich entsprechend aufzuteilen, mussten potenzielle GastarbeiterInnen auch Berufserfahrungen vorweisen. Die formale Bildung dagegen war kein Kriterium, wobei in manchen Stellen der Türkei zumindest ein Volksschulabschluss vorausgesetzt wurde.

 

Alternative Formen der Anwerbung

Neben der organisierten und planerisch erfassbaren Anwerbung türkischer GastarbeiterInnen existierten auch andere Vorgehensweisen. In den frühen 1960er Jahren versuchten österreichische Unternehmen direkt in den Heimatländern Arbeitskräfte anzuwerben. Zudem gab es auch “spontane Arbeitssuchende”, also TürkInnen, die ohne Zustimmung des heimatlichen Arbeitsamts ausreisten und in Österreich auf eigene Faust nach Arbeit suchten. Dies wurde erleichtert durch die Visafreiheit, die Österreich mit der Türkei schon 1955 vereinbart hatte. Dadurch konnten die MigrantInnen drei Monate lang in Österreich eine Arbeit suchen. Wenn sie eine Stelle gefunden hatten, bekamen sie in der Regel auch eine Aufenthaltsbewilligung. Diese Verfahren wurde unter der Bezeichnug “Touristenbeschäftigung” gängige Praxis (vgl. Studie “Migrationspolitik in Österreich” von August Gächter, 2008).

 

Die Vermittlung von Arbeitskräften durch schon ausgewanderte MigrantInnen im Auftrag von Firmen war eine weitere Form der Anwerbung. Sie verlor jedoch an Bedeutung, da bald Mundpropaganda, also informelle Vermittlung durch Verwandte und Bekannte, wichtiger wurde. ArbeitsmigrantInnen selbst wurden zu unabhängigen InformantInnen für Freunde und Familienangehörige in der alten Heimat.

 

Großteil stammte aus “wohlhabenden” Provinzen

Die türkischen GastarbeiterInnen in Österreich stammten vor allem aus den “wohlhabenden” Provinzen der Türkei: Zwischen 1963 und 1973 kam die Hälfte aller angeworbenen ArbeitnehmerInnen aus den acht wirtschaftlich am weitesten entwickelten Provinzen im Westen und Norden der Türkei. Hierzu gehören auch die drei größten Städte des Landes – Ankara, Izmir und Istanbul. Nur ein Prozent stammte hingegen aus den unterentwickelten Provinzen im Südosten der Türkei. Zu diesen Ergebnissen kommt Silvia Herburger in ihrer Diplomarbeit über Arbeitsmigration (2010).

 

1973 stammten 11,8 Prozent der GastarbeiterInnen aus der Türkei

Die Kontingenthöhe der Arbeitskräfte wurde jährlich seitens der Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretung festgelegt, jedoch war sie keine endgültige Größe, sondern wurde je nach Bedarf angepasst. Wie viele GastarbeiterInnen in Österreich arbeiten konnten, in welchen Branchen sowie die regionale Verteilung entschied sich in den „sozialpartnerschaftlichen Gremien der Verbändekooperation.“

 

Die Anwerbung von GastarbeiterInnen basierte auf dem “Rotationsprinzip”, also der Rotation temporärer Arbeitskräfte. Die Gastarbeiter – zunächst meist Männer ohne ihre Familien – sollten möglichst bald in ihre Heimatländer zurückkehren und bei Bedarf durch neue ausländische Arbeitskräfte ersetzt werden. Das Rotationsprinzip scheiterte jedoch: Einerseits holten GastarbeiterInnen ihre Familien nach und kehrten daher im Winter nicht mehr zurück. Andererseits waren viele Firmen nicht bereit, jedes Jahr neue Arbeitskräfte einzuschulen, weshalb dauerhafte Arbeitsverträge geschlossen wurden. 

 

Zwischen 1961 und 1974 wanderten etwa 265.000 Menschen nach Österreich ein, der größte Teil in der Zeit zwischen 1969 und 1973. Dies geht aus der Studie “Zuwanderung nach Österreich” (2008) von Werner Bauer hervor. Der Großteil der GastarbeiterInnen stammte aus dem ehemaligen Jugoslawien, ein geringer Teil aus der Türkei: 1973 waren 78,5 Prozent der GastarbeiterInnen jugoslawische StaatsbürgerInnen und 11,8 Prozent TürkInnen. 

 

Wirtschaftskrise führte zu Anwerbestopp

1973 erreichte die Zuwanderung mit rund 230.000 beschäftigten GastarbeiterInnen und einem Anteil von 8,7 Prozent an den Beschäftigten ihren vorläufigen Höhepunkt. Im selben Jahr änderte sich aber auch das politische Klima. Im Zuge der Erdölkrise und der darauf folgenden Rezession kam es zum Anwerbestopp. In den Rezessionsjahren 1974/75 wurden österreichweit rund 70.000 Arbeitsverträge nicht mehr verlängert. Kurzfristig kam es zu einem Rückgang der Zahl an AusländerInnen. Langfristig stieg diese jedoch konstant, da bereits niedergelassene GastarbeiterInnen immer häufiger ihre Familien nachholten.

 

Weiterführende Informationen und Kontakte:

 

MSNÖ-Artikel „Geschichte der Zuwanderung von GastarbeiterInnen“

 

MSNÖ-Artikel „GastarbeiterInnen als Wirtschaftsfaktor“

 

Studie „Zuwanderung nach Österreich“ von Werner T. Bauer, herausgegeben von der Österreichische Gesellschaft für Politikberatung und Politikentwicklung – ÖGPP, Wien 2008. 

 

Studie „Migrationspolitik in Österreich seit 1945“ von August Gächter, erschienen in: Arbeitspapiere Migration und soziale Mobilität Nr. 12, Wien 2008.

 

„Gastarbeiter: wirtschaftliche und soziale Herausforderung“ von Karl Alber, herausgegeben vom Arbeitskreis für ökonomische und soziologische Studien, Wien 1973.

 

Diplomarbeit „Integration: Schlagwort – Zauberwort – hohles Wort. Eine historische und begriffliche Auseinandersetzung im Kontext der österreichischen Immigrationsgeschichte (1970 -2005)“ von Stefanie Schmiderer, Universität Wien 2008.

 

Diplomarbeit „‚Er hat alles vergessen, er hat einfach sein Leben gelebt’. Arbeitsmigration und Alter am Beispiel ehemaliger türkischer ‚Gastarbeiter’ und ‚Gastarbeiterinnen’“ von Silvia Herburger, Universität Wien 2010.

 

ÖIF-Dossier „Türkische Migrant/innen in Österreich: Zahlen. Fakten. Einstellungen“

  

Konsolidierte Fassung des Anwerbe-Abkommens zwischen Österreich und der Türkei 

 

Forschungs- und Ausstellungsprojekt zum Anwerbe-Abkommen mit der Türkei vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck

www.pdf24.org    Sende Artikel als PDF   

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