Irakische Community von Vielfalt geprägt

Irakische Community von Vielfalt geprägt

Apr 29, 2014

Factbox

  • Schätzung: Rund 10.000 Personen mit irakischen Wurzeln
  • Community geprägt von religiöser, politischer und sozioökonomischer Vielfalt
  • Migrationsgeschichte eng mit politische Krisen des Irak verknüpft
  • Wanderungssaldo zuletzt wieder gestiegen
  • Zahl der Einbürgerungen seit 2004 gesunken

 

5.627 Personen irakischer Herkunft leben laut Statistik Austria (Bevölkerungsstand 1.1.2014*) derzeit in Österreich. Im Irak wird am 30. April ein neues Parlament gewählt. Hier ansässige IrakerInnen hatten laut der irakischen Botschaft am 27. und 28. April die Möglichkeit, ihre Stimme im irakischen Wahllokal in Wien per Briefwahl abzugeben.

 

Insgesamt gaben 5.559 Personen den Irak als ihr Geburtsland an, 3.228 Personen besitzen die irakische Staatsangehörigkeit. 491 Asylanträge wurden im Jahr 2012 von IrakerInnen gestellt, von denen 28 Prozent positiv und 64 Prozent negativ beschieden wurden.

 

Der gebürtige Iraker Salem Hassan, Repräsentant des „Irakischen Islamischen Höheren Rats“ in Österreich, schätzt die Zahl der Personen mit irakischem Migrationshintergrund auf rund 10.000 Personen.

 

Mit insgesamt 3.267 Personen lebt in Österreich die überwiegende Mehrheit der IrakerInnen in Wien, auf Platz zwei liegt Oberösterreich mit 991, gefolgt von Niederösterreich mit 393 Personen.

 

Stichtag: 01.01.2014*

 Österreich 

 Bgld 

 Ktn 

 NÖ

 ÖÖ

 Slb 

 Stmk 

 Tirol 

 Vlb 

 Wien 

Irakische Herkunft

5.627

41

108

393

991

286

245

213

83

3.267

Geburtsort im Irak

5.559

44

96

396

939

270

247

206

81

3.280

Irakische StaatsbürgerInnen

3.228

30

71

177

643

221

108

182

54

1.742

Quelle: Statistik Austria; eigene Darstellung

 

Kontinuierliche Abnahme des Wanderungssaldos zwischen 2007-2010

Der Wanderungssaldo sank zwischen 2007 und 2010 von 338 auf 194 kontinuierlich ab. 2011 und 2012 stieg der Saldo wieder an und lag bei 270 bzw. 290. Zuletzt ist sowohl die Zahl der Zuzüge (461) als auch jene der Wegzüge (171) gestiegen.

 

 

 2007 

 2008 

 2009 

 2010 

 2011 

 2012 

 Zuzüge 

 448 

 433 

 384 

 330 

 399 

 461 

 Wegzüge 

 110 

 111 

 109 

 136 

 129 

 171 

Saldo

 338 

 322 

 275 

 194 

 270 

 290 

Quelle: Statistik Austria (Wanderungsstatistik 2007-2012)

 

Einbürgerungen seit 2004 gesunken

Von 2002 bis 2004 stieg die Zahl der Einbürgerungen von 168 bis 183 Personen an. Seither sank die Gesamtzahl der jährlichen Einbürgerungen kontinuierlich auf zuletzt 79 Personen im Jahr 2013. Ausnahmen stellten bei der steten Verringerung vor allem die vorhergehenden drei Jahre 2010 (37), 2011 (74) und 2012 (49) dar.

 

Jahr 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013
Einbürgerungen 168 175 183 153 80 11 29 26 37 74 49 79

Quelle: Statistik Austria (Einbürgerungen 2002-2013)

 

Wenige irakische Studierende

Insgesamt 80 Personen irakischer Herkunft studierten im Jahr 2013 an öffentlichen österreichischen Universitäten. Davon waren 43 Personen männlich (61,8 Prozent) und 37 Personen weiblich (38,2 Prozent). An den Privatuniversitäten war im Jahr 2012 eine Irakerin inskribiert. Insgesamt acht IrakerInnen besuchten  im Jahr 2013 Fachhochschulen.

 

  2008 2009 2010 2011 2012 2013
Öffentliche Universität 67 78 79 89 89 80
Private Universität 1 1 1 2 1 n/a
Fachhochschule 2 4 3 5 6 8

Irakische Studierende in Österreich zum Wintersemester des jeweiligen Jahres, Quelle: BMWFW, eigene Darstellung

 

Community von ethnischer und religiöser Vielfalt geprägt

Laut Hassan, auf dessen Initiative die Gründung der Islamisch-schiitischen Bekenntnisgemeinschaft in Österreich (Erwerb der Rechtspersönlichkeit mit 1. März 2013) zurückgeht, wird in der irakischen Community die ethnische und religiöse Vielfalt der Herkunftsgesellschaft widergespiegelt. Aufgrund unterschiedlicher Selbstbezeichnungen ist es nicht möglich, die verschiedenen Gruppen klar voneinander abzugrenzen.

 

Vertreten sind KurdInnen, AraberInnen, AssyrerInnen, YezidInnen, Fayli-KurdInnen, Schabaak, MandäerInnen/SabäerInnen, TurkmenInnen, Juden/Jüdinnen und Kakai, bestätigen Hassan, der gebürtige Iraker Safah Algader vom Verein Juvivo und der Politologe Thomas Schmidinger.

 

In der Mehrheit der oben angeführten Gruppierungen ist jeweils nicht nur eine Religionszugehörigkeit vertreten. So gibt es unter den AraberInnen etwa SunnitInnen, SchiitInnen und ChristInnen.

 

Zahlreiche Vereine und Ableger von irakischen Parteien

Auch die Vereins- und Organisationsstrukturen der Community sind sehr vielfältig und unterscheiden sich in ihrer Ausrichtung. Vorhanden sind kulturelle, politische und religiöse Vereinigungen.

 

Bei den kurdischen IrakerInnen gibt es das „Kurdische Zentrum“, den „Kurdischen Verein für Kultur, politische Bildung und Integration“, die „Österreichisch-kurdische Gesellschaft“, den Verein „Mala Ezidiya – Verein der Yeziden in Österreich“ und die Vertretung der “Regionalregierung Kurdistan-Irak” (s.a. MSNÖ-Artikel zu KurdInnen in Österreich).

 

Abgesehen davon haben laut Hassan und Schmidinger sämtliche kurdische Parteien Ableger in Österreich (z.B. die kurdisch-kommunistische Partei, die kurdisch-demokratische Partei und die kurdisch-islamische Partei).

 

Zusätzlich dazu gibt es etwa den „Österreichisch-irakischen Freundschaftverein Iraquna“, den Verein „Humanic Relief“, die „Irakische Gemeinde“, die Parteivertretung des „Irakischen Islamischen Höheren Rats“ (ISCI; schiitisch) und den Verein „Stern des Ostens“ für irakische ChristInnen.

 

1950er-70er brachten Studierende, danach vorwiegend Flüchtlinge

Die Migrations-Geschichte der IrakerInnen in Österreich ist eng verflochten mit innenpolitischen Krisen und Kriegen im Irak während der vergangenen vier Jahrzehnte.

 

Laut Hassan, Algader und dem ebenfalls gebürtigen Iraker Fawzi Peters kamen in den 1940er, 50er und 60er Jahren vorwiegend Studierende aus der irakischen urbanen Mittel- und Oberschicht für ihre Studien nach Österreich, ab den 1970er Jahren vermehrt Flüchtlinge. Unter jenen befanden und befinden sich bis heute Personen aus ruralen sowie urbanen Gebieten.

 

Während der 1970er Jahre emigrierten vorwiegend KurdInnen, in den beiden Jahrzehnten danach flüchteten viele IrakerInnen aufgrund des Ersten Golfkriegs (1980-1988) und des Zweiten Golfkriegs (1990-1991). Aufgrund des Irak-Krieges im Jahr 2003 und seinen Folgewirkungen – etwa der instabilen Sicherheitslage und ethnischen Konflikten – flüchteten neuerlich zahlreiche IrakerInnen aus ihrem Herkunftsland. Während all dieser Phasen befand sich auch Österreich unter den Zielländern der Flüchtlinge und Auswandernden.

 

Weiterführende Informationen und Kontakte:

 

Der Artikel wurde am 17. April 2013 erstmals veröffentlicht und anlässlich der Parlamentswahl im Irak aktualisiert.

 

* Dies sind die vorläufigen Zahlen der Statistik Austria. Bei der Bevölkerung nach Staatsbürgerschaft ist mit einer Abweichung von +/- 100 Personen zu rechnen, da es sein kann, dass sich manche Personen, die mit dem 1. Jänner 2014 erfasst wurden, nur wenige Monate in Österreich aufhalten. Im Mai dieses Jahres liegen dann die endgültigen Ergebnisse vor. 

 

Salem Hassan, Repräsentant des “Irakischen Islamischen Höheren Rats“ in Österreich, Mail: salem.hassan@chello.at

 

Safah Algader , Einrichtungsleiter „Jugend über 15“ bei Verein Juvivo , Trainer fürInterkulturalität, Trainer im Lehrgang „Interkulturelle Kompetenzen“; Mail: 15@juvivo.at

 

Thomas Schmidinger, Politologe und Nahost-Experte; Mail:thomas.schmidinger@univie.ac.at

 

Fawzi Peters, ehemaliger Obmann des Vereins „Stern des Ostens“ für irakische ChristInnen und derzeit Obmann der Vereinigung irakischer AkademikerInnen; Mail:fawzi.peters@hotmail.com

 

Irakische Botschaft in Wien Tel.: 01/713 81 9501/713 81 95; Mail: office@iraqembassy.at

 

Iraquna

 

 Humanic Relief 

 

Irakische Gemeinde in Österreich

  

Statistik Austria: presse@statistik.gv.at; Tel.: 01/ 71128-776701/ 71128-7767

 

BMI Asylstatistik

 

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