Österreich ohne Zuwanderung: Daten und Fakten

Österreich ohne Zuwanderung: Daten und Fakten

Apr 25, 2014

 

Factbox

  • Bevölkerung würde schrumpfen und altern
  • In vielen Branchen gäbe es Arbeitskräftemangel
  • Österreichs Fußball wäre noch schwächer
  • Kunst- und Kulturszene wäre ärmer  
  • Auf viele kulinarische Spezialitäten müsste verzichtet werden

 

Wie würde Österreichs ohne Migration aussehen? Wie würde sich die Bevölkerungsstruktur ohne Zuwanderung verändern? Welche Auswirkungen gäbe es in wichtigen Bereichen wie Gesellschaft, Arbeitsmarkt, Wirtschaft, Sport, Kultur? Die Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen (MSNÖ) wirft einen näheren Blick auf einige wichtige Aspekte.

 

Eine Bevölkerung ohne Zuwanderung würde sich auf den österreichischen Sozialstaat jedenfalls äußerst negativ auswirken. Auf dem Arbeitsmarkt müsste mit vielen Problemen gerechnet werden, wie z.B. einem Personalmangel in wichtigen Branchen (etwa Tourismus, Bau, Pflege). Die österreichische Wirtschaft wäre von einem großen Fachkräftemangel betroffen, es würde noch weniger (hoch)qualifizierte Arbeitskräfte geben als es ohnehin bereits mit Zuwanderung der Fall ist. Zu viele PensionistInnen kämen auf zu wenige Erwerbstätige. Große Lücken gäbe es im Sport, in der Kunst und Kultur usw.

 

Bevölkerung schrumpft und altert

Würde es keine MigrantInnen in Österreich geben, hätte das Land zu diesem Zeitpunkt nur rund 6,9 Millionen Einwohner – denn etwa 1,6 Millionen Menschen haben Migrationshintergrund (etwa 19 Prozent)*. Die Bevölkerung schrumpft aber noch weiter. Der Grund dafür: Es wandern stetig österreichische Staatsangehörige ab und niemand mehr zu. Seit 2013 sind 0,10 Prozent aller österreichischen Staatsangehörigen ausgewandert.

 

Prognosen zeigen: Ohne Zuwanderung von Personen mit ausländischem Geburtsort wird die österreichische Bevölkerung stark schrumpfen. Wenn es ab 2014 keine Zuwanderung mehr gäbe, würden 2075 in diesem Land nur rund 6,2 Millionen Menschen leben. Zählt man die bis dahin noch rund 316.000 im Ausland Geborenen weg, die nicht verstorben oder weggezogen sind, wären es sogar unter sechs Millionen.

 

Bevölkerung zum Jahresanfang nach dem Geburtsland 2013 bis 2076:

 

Im Inland geboren

Im Ausland geboren

2013

7.087.089

1.364.771

2014

7.098.374

1.355.084

2020

7.150.434

1.294.569

2030

7.153.757

1.180.179

2040

7.016.776

1.038.210

2050

6.782.469

865.611

2060

6.446.899

660.818

2075

5.921.568

316.446

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quelle: Statistik Austria; Hauptszenario ohne Zuwanderung

 

Ohne Zuwanderung würde zudem die Bevölkerung stark altern. Im Jahr 2075 würde es voraussichtlich mehr als doppelt so viele Über-75-Jährige als Unter-14-Jährige geben. Nur rund 1,6 Millionen ÖsterreicherInnen wären jünger als 30 Jahre – zum Vergleich: mit Zuwanderung wären es etwa 2,8 Millionen.

 

Bevölkerung zum Jahresanfang 2075 nach Alter:

 

mit Zuwanderung

ohne Zuwanderung

bis 14 Jahre

1.304.677

731.387

15 bis 29 Jahre

1.486.510

844.291

30 bis 44 Jahre

1.661.403

921.402

45 bis 59 Jahre

1.714.142

1.092.268

60 bis 74 Jahre

1.593.692

1.138.711

75 Jahre und älter

1.665.968

1.509.955

Quelle: Statistik Austria, Hauptszenario mit bzw. ohne Zuwanderung; eigene Darstellung

 

Arbeitskräftemangel in vielen Branchen

Ohne ZuwanderInnen würde es einen starken Arbeitskräftemangel in vielen Berufsbranchen geben, etwa in den Branchen Sachgütererzeugung, Handel, Bauwirtschaft, Tourismus, Gesundheit. Im Jahr 2012 waren laut Statistik Austria 13 Prozent der Beschäftigten in Österreich ausländische Staatsangehörige. Der Großteil davon, nämlich fünf Prozent, stammte aus den 26 übrigen EU-Staaten sowie aus Ex-Jugoslawien (ebenfalls fünf Prozent) und der Türkei (zwei Prozent). 764.300 Erwerbstätige (18 Prozent) hatten Migrationshintergrund.

 

Die Sachgütererzeugung ist jene Branche, in der am meisten MigrantInnen beschäftigt sind: 16,3 Prozent der erwerbstätigen Personen mit Migrationshintergrund waren 2012 in dieser Branche tätig (rund 124.580 Personen), bei den erwerbstätigen Personen ohne Migrationshintergrund waren es 15,7 Prozent (536.861 Personen).

 

15,1 Prozent der Erwerbstätigen mit Migrationshintergrund waren 2012 im Handel tätig (115.409 Personen). Mit 24,6 Prozent ist der Anteil von MigrantInnen zweiter Generation besonders hoch. Eine Studie der Arbeiterkammer (2014) zeigt, dass MigrantInnen, die im Einzelhandel arbeiten, einen doppelt so hohen Anteil an Matura- und Hochschulabschlüssen aufweisen wie Personen ohne Migrationshintergrund (Quote bei MigrantInnen 23 Prozent, bei Nicht-MigrantInnen elf Prozent). Die Studie ergab zudem: MigrantInnen im Handel sind gleich häufig in qualifizierten und leitenden Angestelltenpositionen tätig wie Personen ohne Migrationshintergrund.

 

In der Bauwirtschaft arbeiteten 2012 12,2 Prozent der Erwerbstätigen mit Migrationshintergrund – bei Personen ohne Migrationshintergrund waren es 8,4 Prozent. Auch im Tourismus sind Erwerbstätige mit Migrationshintergrund sehr stark vertreten: Während 2012 nur 5,1 Prozent der erwerbstätigen ÖsterreicherInnen in der Beherbergung und Gastronomie tätig waren, waren 11,9 Prozent aller Erwerbstätigen mit Migrationshintergrund in dieser Branche beschäftigt. In der Branche Gesundheit und Soziales arbeiten 9,5 Prozent der Erwerbstätigen mit Migrationshintergrund, also rund 72.600 Personen. 

 

  Insgesamt Sachgütererzeugung Handel Bauwesen Tourismus Gesundheit & Soziales
Ohne Migrationshintergrund

3.419.500

100 %

536.861

15,7 %

509.505

14,9 %

287.238

8,4 %

174.394

5,1 %

321.433

9,4 %

Mit Migrationshintergrund

764.300

100 %

124.580

16,3 %

115.409

15,1 %

93.244

12,2 %

90.951

11,9 %

72.608

9,5 %

Davon erste Generation

652.800

100 %

108.364

16,6 %

88.128

13,5 %

82.252

12,6 %

84.211

12,9 %

62.016

9,5 %

Davon zweite Generation

111.600

100 %

16.405

14,7 %

27.453

24,6 %

11.160

10,0 %

7.142

6,4 %

10.490

9,4 %

Erwerbstätige 2012 nach Branche, Migrationshintergrund und Migrationsgeneration, Quelle: Statistik Austria; eigene Darstellung

 

Rückgang im Gesundheitswesen 

Die fehlende Migration würde sich negativ auf das österreichische Gesundheitssystem auswirken: Laut Statistik Austria hatten im Jahr 2011 53.200 der Erwerbstätigen im Gesundheitsbereich Migrationshintergrund (18 Prozent).*

 

39.300 ÄrztInnen (Fach- und AllgemeinmedizinerInnen) arbeiteten 2011 in Österreich. Davon hatten 6.300 Personen (16 Prozent) Migrationshintergrund. Die Österreichische Ärztekammer hat für die MNSÖ eine Auswertung der niedergelassenen ÄrztInnen und SpitalsärztInnen nach nicht-österreichischer Staatsbürgerschaft vorgenommen: Laut ÖÄK sind in Österreich insgesamt 2.353 ausländische Ärzte aus 68 Nationen tätig (Stand Frühjahr 2012). Neben den dominierenden deutschen ÄrztInnen (1.357) sind italienische (Italien plus Südtirol, das bei der ÖÄK gesondert geführt wird, kommen auf 297 ÄrztInnen) und ungarische StaatsbürgerInnen (178).

 

Unter den im Jahr 2011 90.300 aktiven Gesundheits- und KrankenpflegerInnen hatten laut Statistik Austria 16.300 (rund 18 Prozent) Migrationshintergrund. 75.900 Personen haben Betreuungsberufe im Gesundheitswesen ausgeübt, waren also z.B. PflegehelferInnen. 19.800 davon hatten Migrationshintergrund (siehe dazu MSNÖ-Artikel: Gesundheit: Über 53.000 MigrantInnen beschäftigt).

 

Weniger kulinarische Spezialitäten

Pizza, Cevapcici, Kebab, chinesische Nudeln, orientalische Gewürze: Ohne ZuwanderInnen müsste auf viele kulinarische Spezialitäten verzichtet werden. Beispiel Eis: 2013 gab es laut dem Österreichischen Fachverband für Gastronomie der WKO 330 Eissalons in Österreich, davon 145 allein in Wien. Etwa 80 Eissalons, rund ein Viertel, werden von Personen mit italienischer Herkunft betrieben, so Silvio Molin-Pradel, Obmann vom Berufsgruppenausschuss der Eissalons und Obmann der Vereinigung Italienischer Eiserzeuger Österreichs (A.G.I.A.).

 

Oder Kebab: Allein in Wien gibt es laut der MA 59 (Wiener Marktamt) 197 Gastgewerbestände. Laut Alexander Hengl von der MA 59 sind 124 der 197 Wiener Gastgewerbestände Würstlstände und 73 Stände anderer Art. Der Großteil davon seien Kebabstände, aber auch Stände, die chinesisches, japanisches oder indisches Essen verkaufen.*** Auch Liebhaber des asiatischen Essens wären nicht erfreut. Weit über 1.000 von Chinesen betriebene Restaurants gibt es in Österreich. Der Österreichische Integrationsfonds (ÖIF) zählte im Jahr 2010 insgesamt 1.168 chinesische Restaurants, davon 508 in Wien und 660 in den anderen Bundesländern. 

 

  Österr. Bgld. Ktn. Salzb. Stmk. Tirol Vlb. Wien
Eissalons 330 8 10 52 46 11 28 13 17 145
Würstelstände & Kebab 2.744 0 15 1.146 11 330 679 48 26 489

Berechtigungen für Eissalons und Würstel- und Kebabstände im Jahr 2013 (Stichtag: 31.12.2013), Quelle: Gastverband Gastronomie der WKO; eigene Darstellung.

 

Hochschulen: Privatunis besonders betroffen

Gäbe es keine ausländischen Studierenden an den österreichischen Hochschulen, hätte es im Wintersemester 2013 rund 27 Prozent (80.076) weniger Studierende an den öffentlichen Unis gegeben. Bei den Privatuniversitäten wären es rund 39 Prozent weniger gewesen (2.873), bei den Fachhochschulen insgesamt 15 Prozent (6.688). Das zeigen die Zahlen des Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft. Nicht mit einberechnet ist, wie viel weniger Studierende es hierzulande gäbe, wenn Menschen mit Migrationshintergrund ebenfalls nicht mehr in Österreich studieren würden.

 

Mindestens zehn Prozent weniger Kinder in Schulen

Bezieht man sich nur auf die Kinder ohne österreichischen Pass, wären im Schuljahr 2012/13 rund 120.000 Sitzbänke (10,5 Prozent) an den heimischen Schulen leer geblieben. Die Zahl wäre noch viel höher, würde man hier auch die SchülerInnen mit Migrationshintergrund berücksichtigen. Zudem würde einiges an Sprachenvielfalt in Österreich verloren gehen. Immerhin sind mit ihnen ca. 80 unterschiedliche Umgangssprachen vertreten. Insgesamt 20 Prozent der SchülerInnen in Österreich beherrschen eine andere Umgangssprache als Deutsch (siehe MSNÖ-Artikel „20 Prozent der SchülerInnen haben nicht-deutsche Umgangssprache„)

 

Sprachenarmut in Österreich

Mehrsprachigkeit ist für einen Wirtschaftsstandort wie Österreich von großer Bedeutung. Ohne Zuwanderung würde in Österreich jedoch weit weniger Sprachenvielfalt herrschen. Eine Studie ergab: MigrantInnen in Wien beherrschen durchschnittlich 2,9 Sprachen. Der Wert bei Nicht-MigrantInnen liegt bei 2,4 Sprachen (siehe MSNÖ-Artikel „Wiener MigrantInnen: Hohe Sprachkompetenz„). Spitzenreiter bei der Anzahl an gesprochenen Sprachen sind Personen mit russischem oder ukrainischem Migrationshintergrund mit 3,5 Sprachen, gefolgt von Personen aus Afghanistan, Bangladesch, Indien, Pakistan und dem Iran, die durchschnittlich 3,4 Sprachen beherrschen.

 

Österreichs Fußball schwächer

Der derzeitige Kader der österreichischen Nationalmannschaft würde ohne Spieler mit Migrationshintergrund quantitativ und qualitativ um einiges schrumpfen. Neun Spieler (36 Prozent der Mannschaft) würden abgehen: György Garics (Ungarn), Zlatko Junuzovic (Serbien) und Martin Harnik (Deutschland) wurden im Ausland geboren. Ramazan Özcan, Veli Kavlak (beide Türkei), Aleksandar Dragovic (Serbien) und David Alaba (Mutter von den Phlippinen, Vater aus Nigeria) haben Migrationshintergrund. Marko Arnautovic hat ebenso einen Vater, der aus Serbien stammt und Christoph Leitgebs Vater kommt aus Kroatien.

 

Und im Nachwuchs sähe es schlecht aus, denn in den österreichischen Bundesliga-Vereinen haben rund 30 Prozent aller Jugendkicker Migrationshintergrund (siehe dazu MSNÖ-Artikel „Jeder dritte Bundesliga-Nachwuchskicker ist Migrant„).

 

Weniger Kunst und Kultur

Gäbe es keine Migration, hätten von insgesamt 584 Orchester-MusikerInnen (ohne Mozarteum Orchester) mindestens 30 Prozent (177) gefehlt. 85 MusikerInnen kamen nämlich im Ausland auf die Welt (14,6 Prozent), 92 haben eine ausländische Staatsbürgerschaft (15,8 Prozent; siehe dazu MSNÖ-Artikel „Kultur & Kunst: Deutsche Primgeiger„). Die österreichischen Bundes-, Landes- und Stadttheater müssten auf viele SchauspielerInnen, TänzerInnen und MusikerInnen verzichten, denn etwa 56 Prozent (1.038) der KünstlerInnen haben eine ausländische Staatsbürgerschaft.

 

 

Weiterführende Informationen und Kontakte:

* Noch nicht mit eingerechnet in diese Prozentzahl sind Personen der zweiten Generation, von denen nur ein Elternteil im Ausland geboren wurde – beispielsweise eine Person mit einem Vater, der in Österreich, und einer Mutter, die in Ägypten geboren wurde.

 

** Zu beachten ist, dass es sich hierbei um eine Stichprobenerhebung handelt, in denen Menschen mit Migrationshintergrund tendenziell unterrepräsentiert sind, worauf ExpertInnen wie die Wissenschafterin Anna Faustmann von der Donau Uni Krems hinweisen.

 

*** Laut WKO gab es 2013 sogar 2.744 Würstel- und Kebabstände in Österreich, wobei 1.146 ihren Standort in Niederösterreich und 489 in Wien hatten. Dass sich diese Zahl von jener der MA 59 unterschiedet, liegt laut Alexander Hengl daran, dass das Marktamt für transportable Stände zuständig ist, während sich die Zahlen der WKO auf Bauwerke bezieht.

 

Statistik Austria, Tel.: +43 (1)71128-7070, E-Mail: info@statistik.gv.at

 

Studie der Arbeiterkammer (2014): „Beschäftigung im Handel

 

A.G.I.A. – Vereinigung der Italienischen Eiserzeuger Österreichs, Obmann Silvio Molin-Pradel, Tel.: 0043 1 533 19 96, E-Mail: agia@agia.at

 

Berufsgruppenausschuss der Eissalons, Mitglied des Fachverbands für Gastronomie der WKO

 

MA 59 – Marktamt, Alexander Hengl, Tel.: 01 4000 95255, E-Mail: alexander.hengl@wien.gv.at

 

Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft

 

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