Situation älterer MigrantInnen: Später in Pension

Situation älterer MigrantInnen: Später in Pension

Okt 1, 2013

Factbox

  • Deutsche, ungarische, italienische und tschechische MigrantInnen im Schnitt älter
  • Vergleichsweise jung sind Personen aus Ex-Jugoslawien, Türkei, Afrika, Russland
  • MigrantInnen gehen häufig aus finanziellen Gründen deutlich später in Pension
  • Ältere MigrantInnen leiden öfter unter gesundheitlichen Problemen…
  • …und besuchen seltener Facharztordinationen

Personen mit Migrationshintergrund verbringen ihren Lebensabend zunehmend in ihrer neuen Heimat anstatt in die jeweiligen Herkunftsländer zurückzugehen. Sie weisen im Vergleich zur autochthonen Bevölkerung eine schlechtere ökonomische Situation auf, ihre Lebensqualität ist in einigen Bereichen schlechter, sie gehen zum Teil viel später in Pension. Am 1. Oktober wird der „Internationale Tag der älteren Generationen“ begangen. Die Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen (MSNÖ) hat sich aus diesem Anlass die Situation älterer MigrantInnen in Österreich angesehen (siehe auch MSNÖ-Artikel „Ältere MigrantInnen: Mehrheit bleibt in Österreich„)

Staatsangehörigkeit: Rund 6,0 Prozent ausländische PensionistInnen

Im Jahr 2012 haben etwa 1,4 Millionen österreichische StaatsbürgerInnen im Alter von 65 oder mehr Jahren in Österreich gelebt. Rund 19 Prozent der österreichischen StaatsbürgerInnen sind damit PensionistInnen. Ausländische Staatsangehörige gab es voriges Jahr 970.541. 57.485 oder 5,9 Prozent von diesen waren über 65 (nicht eingerechnet sind hier MigrantInnen; siehe auch MSNÖ-Artikel „Zahlen und Fakten zu migrantischen PensionistInnen„.

 

Heterogene Altersstruktur

Während Personen ausländischer Herkunft mit 40,5 Jahren im Schnitt etwas jünger sind (Stand 1.1.2012, Statistisches Jahrbuch migration & integration) als die in Österreich geborenen inländischen Staatsangehörigen (42,2 Jahre), zeigt die Altersstruktur der in Österreich lebenden Personen mit Migrationshintergrundein äußerst heterogenes Bild. Das Durchschnittsalter von Personen deutscher (43,7), ungarischer (43,3), italienischer (51,6) oder tschechischer (62,6) Herkunft liegt zum Teil deutlich über dem österreichischen Durchschnittsalter. Hingegen sind Zugewanderte aus der Türkei (36,2) und Ex-Jugoslawien (40,3) vergleichsweise jünger als Personen ohne Migrationshintergrund. Am jüngsten sind MigrantInnen aus Afrika und Russland.

Die Altersstruktur der Bevölkerung mit österreichischer und nicht-österreichischer Herkunft, aufgeteilt in Frauen und Männer:

Quelle: integration & migration 2012

 

In Bezug auf die erwartete Lebensdauer liegen zugewanderte Personen leicht über der im Inland geborenen österreichischen Bevölkerung: Männliche Personen ausländischer Herkunft erreichen im Schnitt ein Alter von 78,9 Jahren, Migrantinnen 83,3 Jahre. Im Vergleich dazu werden Männer österreichischer Herkunft durchschnittlich 78,0 Jahre alt, Frauen 83,4 (Stand 2011, migration & integration 2012).

 

MigrantInnen gehen später in Pension

50 Prozent der Männer ohne Migrationshintergrund gehen vor ihrem 65. Geburtstag in Pension – bei männlichen Migranten der ersten Generation trifft dies auf knapp über 20 Prozent zu. Dies geht aus einer im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsum von der Johannes Kepler Universität (JKU) durchgeführten Studie hervor (SHARE – Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe, 50+ in Europe).

40 Prozent der Männer aus Osteuropa, Russland, Ex-Jugoslawien und der Türkei sind mit über 50 Jahren noch erwerbstätig. Für die im Inland geborene Bevölkerung (laut Stichprobe der Studie) trifft dies nur auf 23 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen zu. Von den Migrantinnen aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien sind noch 30 Prozent berufstätig.

Berufliche Situation nach Migrationshintergrund und Geschlecht (50- bis 64-Jährige):

 

Quelle: SHARE, JKU/bmask 2013

Die Studie hält fest, dass etwa 40 Prozent der Männer aus „typischen Gastarbeiterländern“ (Türkei und Ex-Jugoslawien) auch nach dem 50. Lebensjahr noch berufstätig sind. Bei männlichen Migranten aus den sonstigen Herkunftsländern (v.a. Asien, Afrika, Naher Osten) beträgt die Erwerbsquote in diesem Alterssegment sogar 69 Prozent (im Vergleich dazu: bei österreichischen Männern beträgt die Quote 23 Prozent, bei Frauen 20 Prozent).

ExpertInnen führen diese Faktoren auf den Umstand zurück, dass viele MigrantInnen aus finanziellen Gründen später in den Ruhestand gehen. Laut dem Migrations- und Sozialforscher Christoph Reinprecht bleiben MigrantInnen aus existentiellen Gründen sowie aufgrund kürzerer oder ungenügender Versicherungszeiten möglichst lange erwerbstätig, „sofern es nicht zu einem Ausscheiden aus dem Arbeitsmarkt aufgrund von Langzeitarbeitslosigkeit, Erkrankung oder Invalidität kommt“. Das tun sie obwohl gesundheitliche Belastungen den Alterungsprozess beschleunigen und die Risiken von Arbeitslosigkeit in der Spätphase des Erwerbslebens groß sind.

Beschäftigungsquote der Bevölkerung über 50 nach Geburtsland und Geschlecht:

Quelle: SHARE, JKU/bmask 2013

Gesundheitliche Situation schlechter

Sowohl in der Selbsteinschätzung als auch nach empirischen Analysen ist der Gesundheitszustand von MigrantInnen in Österreich schlechter  als von Personen ohne Migrationshintergrund. Ältere MigrantInnen aus Osteuropa und Russland, der Türkei sowie dem ehemaligen Jugoslawien fallen durch eine besonders negative Selbsteinschätzung der Gesundheit auf.

Objektiv-empirisch lässt sich feststellen, dass bei älteren Personen mit Migrationshintergrund die Wahrscheinlich mehr als doppelt so groß ist, gewisse Krankheitsdiagnosen (wie Bluthochdruck, hoher Cholesterinspiegel, Diabetes, Lungenkrankheiten und Krebs) zu erhalten. Die Häufigkeit psychischer Beschwerden (insbesondere depressive Symptome) ist unter Personen mit Migrationshintergrund ebenfalls deutlich erhöht. Häufige Probleme im Bewegungsapparat werden darauf zurückgeführt, dass viele MigrantInnen Berufen mit schweren körperlichen Tätigkeiten nachgehen (siehe auch MSNÖ-Artikel „MigrantInnen: Schlechtere gesundheitliche Situation„)

Ein verbesserter Zugang von MigrantInnen zum österreichischen Gesundheits- und Sozialsystem wird als Grundvoraussetzung für eine Verbesserung der allgemeinen und insbesondere der gesundheitlichen Situation im Alter genannt. Bei der Zahl der Arztbesuche zeigen sich für gewisse MigrantInnengruppen deutlich geringere Werte (v.a. bei Fachärzten). Die durchschnittliche Nächtigungsanzahl bei stationären Krankenhausaufenthalten ist ebenfalls deutlich geringer als bei Personen ohne Migrationshintergrund.

Geringere Lebenszufriedenheit

Die Lebenszufriedenheit älterer MigrantInnen (50+) ist im Vergleich zu derjenigen einheimischer SeniorInnen deutlich geringer, was unter anderem auf die schwierigere wirtschaftliche Situation zurückgeführt werden kann. Auch die persönlichen Zukunftsaussichten werden von älteren Menschen mit Migrationshintergrund negativer eingeschätzt als von autochthonen ÖsterreicherInnen dieses Alterssegments. Besonders schlecht sind die Zufriedenheitswerte bei Personen aus Ex-Jugoslawien sowie sonstigen Regionen (z.B. Asien, Afrika).

Zufriedenheit mit dem eigenen Leben nach Geburtsland:

 

Quelle: SHARE, JKU/bmask 2013

Weiterführende Informationen und Kontakte:

 

Manuela Angerer (2011): „Altern in der Fremde – Die Lebenssituation und Lebensplanung älterer Arbeitsmigrant/innen in Oberösterreich„, Dossier Nr. 19 des Österreichischen Integrationsfonds.

 

Statistik Austria: migration & integration 2012. zahlen.daten.indikatoren

 

Herta Ziegelwanger (2008): „Zur pflegerischen Versorgung älterer Migranten in Österreich„, Diplomarbeit Universität Wien.

 

MSNÖ-Artikel „Ältere MigrantInnen als vergessene Gruppe

 

MSNÖ-Artikel „Zahlen und Fakten zu migrantischen PensionistInnen

 

MSNÖ-Artikel „Ältere MigrantInnen: Mehrheit bleibt in Österreich

 

MSNÖ-Artikel „MigrantInnen: Schlechtere gesundheitliche Situation

 

Aktiv ins Alter: Forschungsbericht zum WHO-Projekt ‚Investition in die Gesundheit älterer Menschen‘ „, Institut für Soziologie der Universität Wien (2005)

 

SHARE-Studie der JKU Linz im Auftrag des BMASK (März 2013): „Gekommen um zu bleiben. Konturen von alternden Migrantinnen und Migranten in Österreich

 

Petra Dachs, MiMi – Von Migranten für Migranten: Gesundheitlotsen für MigrantInnen in Wien (Volkshilfe Wien), E-Mail: petra.dachs@volkshilfe-wien.at, Tel.: 01 33 44 739

 

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