Pflege: Bedarf an ausländischen Schlüsselkräften

Factbox

  • 2030 könnten 630.000 Menschen über 80 Jahre alt sein
  • 2011 hatten rund 18 Prozent der PflegerInnen Migrationshintergrund
  • Studie: 8,0 Prozent der privaten PflegerInnen sind „migrantisch“
  • Projekt „migrants care“ soll MigrantInnen an Pflege-Sektor heranführen
  • Früher kamen viele aus Philippinen – heute vor allem aus Nachbarländern

 

Der Bedarf an Pflegekräften steigt. Im Jahr 2010 waren laut Statistik Austria 23 Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre alt, 2020 werden es nach diesen Prognosen 26 Prozent, 2030 30 Prozent sein. 2030 werden demnach 630.000 Menschen über 80 Jahre alt sein (2010 waren es 400.000).

1992 waren rund 500.000 Personen betreuungsbedürftig. WissenschafterInnen schätzen, dass es im Jahr 2030 zwischen 650.000 und 1.000.000 pflegebedürftigen Personen geben wird. Das Sozialministerium geht aktuell von 17.000 zusätzlich benötigten Pflegekräften bis zum Jahr 2020 aus.

Auch die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund im Pensions-Alter steigt (siehe auch MSNÖ-Artikel „Zahlen und Fakten zu migrantischen Pensionistinnen„). Auf der anderen Seite sind MigrantInnen ein gewichtiger Faktor bei den Erwerbstätigen im Gesundheitsbereich:

18 Prozent der PflegerInnen haben Migrationshintergrund

Von 294.500 Menschen, die 2011 im Gesundheitsbereich arbeiteten und einen Wohnsitz in Österreich haben, hatten laut Statistik Austria (Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung 2011) rund 53.000 Migrationshintergrund. Davon waren 16.300 PflegerInnen. 8.700 Pflegekräfte besaßen eine nicht-österreichischer Staatsbürgerschaft. 16.100 PflegerInnen wurden nicht in Österreich geboren und 16.300 (rund 18 Prozent) hatten Migrationshintergrund.

75.900 Personen haben 2011 Betreuungsberufe im Gesundheitswesen ausgeübt, waren also z.B. PflegehelferInnen. 10.300 davon hatten nicht die österreichische Staatsbürgerschaft, 18.300 wurden im Ausland geboren und 19.800 hatten Migrationshintergrund.

Die Ergebnisse der Stichprobenerhebung mit Hervorhebung der Zahlen für die Gesundheits- und Krankenpflege:

Erwerbstätige

Gesundheitsb.

Ärzte Andere

Krankenpflege/

Geburtshilfe*

Gesundheits-

/Krankenpflege

Assistenz-

berufe

 Betreuung**
Gesamt  294.500  39.300  32.400  90.300  56.500  75.900
Staatsbgsch. Ö  265.700  37.000  27.900  81.500  53.700  65.600
Staatsbgsch. ausl.  28.700  X  (4.500)  8.700  X  10.300
Geburtsland Ö  244.000  34.000  27.400  74.200  50.800  57.600
Geburtsland ausl.  50.400  (5.300)  (5.000)  16.100  (5.700)  18.300
Kein Migrationshintergr.  241.200  32.900  26.500  74.000  51.600  56.200
Migrationshintergrund  53.200 6.300  (5.900)  16.300  (4.900)  19.800

Erwerbstätige in Gesundheitsberufen 2011 nach Staatsbürgerschaft, Geburtsland und Migrationshintergrund. Quelle: Statistik Austria, Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung 2011 (erfasst sind Personen mit gemeldeten Wohnsitz in Österreich; X = statisch nicht interpretierbar, Werte in Klammer stark zufallsbehaftet; *beispielsweise PhysiotherapeutInnen oder ApothekerInnen; **z.B. PflegehelferInnen, Rückfragen zu den Berufsgruppen am besten an die Statistik Austria).

Studie: Österreich braucht ausländische Schlüsselkräfte 

In der Studie „Deckung des Arbeitskräftebedarfs durch Migration in Österreich“ der Donau Uni Krems betont die Wissenschafterin Gudrun Biffl, dass der Pflege-Sektor zu den Hauptberufsgruppen ausländischer Erwerbstätiger gehört. Laut der Studie der Migrationsforscherin waren im Jahr 2009 8,0 Prozent der privaten PflegerInnen MigrantInnen, die sich gleichmäßig auf verschiedene Herkunftsländer aufteilten. Dabei handelt es laut Biffl vor allem um Frauen.

Österreich wirke dem Arbeitskräftemangel im Pflegebereich mit Schlüsselkräften aus dem Ausland entgegen, so die Studie. Dabei müssen diese MigrantInnen nicht über höhere Bildungsabschlüsse verfügen, sondern lediglich in Bezug auf ihr Kompetenzniveau gleichwohl hochqualifiziert sein. Besonders trifft das auf den mobilen Heimpflegebereich zu. Die Behörden würden dabei die Selbstständigkeit bevorzugen.

Selbstständigkeit: Schlechte Arbeitsbedingungen

Mit Selbstständigkeit sind aber in diesen Fällen oft niedrige Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen verbunden. In der 24-Stunden-Pflege sind ausländische Pflegekräfte oft als „Selbstständige PersonenbetreuerInnen“ tätig.

Weil die Pflegeberufe in Österreich nicht Teil des höheren Bildungswesens sind, also hier die Matura und folglich ein Studium keine Bedingungen darstellen, schlägt sich das im Gehalt, den Aufstiegsmöglichkeiten, den Arbeitsbedingungen und dem sozialen Status nieder, heißt es in der Studie weiter.

Neue Initiativen

Initiativen wie das Wiener Projekt „migrants care“ sollen helfen, Menschen mit ausländischen Wurzeln für Pflege-Berufe zu begeistern. „migrants care“ fokussiert auf Menschen mit nicht-deutscher Muttersprache. Es wird vom Innenministerium gefördert. Operative Partner sind die Bundesgemeinschaft Freie Wohlfahrt (BAG), die Volkshilfe, das Hilfswerk und das Rote Kreuz.

Im ersten Durchlauf (Mitte bis Ende 2012) waren 18 TeilnehmerInnen aus 15 Herkunftsländer dabei. Ziel des Projekts ist eine Heranführung an den Pflege-Bereich und die Vermindung von Dequalifizierungsprozessen.

Pflege-Berufe: Traditionell hohe Mobilität

International gesehen ist die Mobilität in Gesundheitsberufen, und dabei vor allem in der Pflege, hoch. In Österreich haben PflegerInnen mit ausländischen Wurzeln in Österreich Tradition: Laut der Ökonomin Maureen Lenhart fanden erste dokumentierte Migrationsbewegungen von PflegerInnen 1967 aus Serbien statt. Sieben Jahre später kamen laut Lenhart 700 Krankenschwestern/-pflegerInnen von den Philippinen nach Wien.

Die Philippinen sind seit damals traditionell ein Herkunftsgebiet von Pflegekräften, nicht nur in Österreich. Die philippinische Regierung unterstützte diese Migration aktiv, um die oft angespannte Arbeitsmarktpolitik im eigenen Land zu entschärfen.

Heute vor allem aus Nachbarländern

2001 stammten allerdings einem Eurostat-Survey zu Folge nur noch 5,2 Prozent des Pflegekräftepersonals von den Phillipinen, die große Mehrheit (84 Prozent) aus dem ex-jugoslawischen Gebiet (ohne Slowenien), Tschechien, Slowakei, Rumänien, Polen und Finnland.

Im Ausland als Pflegekraft zu arbeiten, heißt nicht unbedingt immer dort zu bleiben: Laut dem International Centre on Nurse Migration ist die Rückkehrrate von PflegerInnen höher als etwa bei ÄrztInnen. Generell liege die Rückkehrrate bei Fachkräften bei rund 50 Prozent.

Fokus: Slowakische Pflegerinnen

Das Sozialinstitut der Slowakischen Akademie der Wissenschaften (SAV) präsentierte Anfang 2012 eine Studie zu den slowakischen Pflegerinnen in Österreich. Demnach betreuen 16.000 von ihnen alte Menschen in Österreich. Ihre Anzahl hält sich damit seit 2009 relativ konstant. Zwei Drittel sind zwischen 40 und 49 Jahre alt und sind damit im Durchschnitt älter als andere MigrantInnen.

Die meisten Pflegerinnen sind aus den Regionen Kosice, Presov, Banska Bystrica und Zilina. Mehr als 70 Prozent haben die Matura, 18 Prozent haben Mittelschulausbildungen und jede Zehnte hat ein Studium abgeschlossen. Ein Prozent verfügt nur über eine Grundschulausbildung. Mehr als die Hälfte der Frauen ist verheiratet, fast drei Viertel haben Kinder, die wiederum meist erwachsen sind.

In der Umfrage der Studie stellt sich heraus, dass 7,o Prozent der Befragten illegal in Österreich arbeiten. 78 Prozent sagen, sie wären mit ihrer Arbeit in Österreich zufrieden und sehen dadurch eine Verbesserung ihrer Lebenssituation. Trotzdem möchten sich 88 Prozent nicht dauerhaft in Österreich niederlassen.

MigrantInnen als Pflegebedürftige

Bei Menschen mit Migrationshintergrund als Pflegebedürftige ist zu beachten, dass PflegerInnen je nach Herkunft einige unterschiedliche Aspekte beachten müssen: So haben Krankenhausbesuche für viele MuslimInnen einen anderen Stellenwert. Besuche sind besonders wichtig. In manchen Kulturen wird die Betonung von Schmerzen, gerade vor eigenen Familienangehörigen, nicht als negatives „Jammern“ betrachtet.

Der Österreichische Gesundheits- und Krankenpflege-Verband weist darauf hin, dass es mehrere wissenschaftliche Arbeiten sowie Fachempfehlungen für den Berufsalltag zu Migration & Pflege gibt (siehe Box unten).

 

Weiterführende Information und Kontakte:

 

Statistik Austria; Pressestelle, Tel.: 01/71128-7777 und -7767, presse@statistik.gv.at

 

Uni Krems, Zentrum für Gesundheit und Migration, Leiterin ist Gudrun Biffl, Tel.:  +43 (0)2732 893-2413 oder 2332, gudrun.biffl@donau-uni.ac.at

 

Österreichischer Gesundheits- und Krankenpflege-Verband

 

Projekt „migrants care“

 

Maureen Lenharts Studie ist in der iBibliothek abrufbar.

 

Die Studie „Deckung des Arbeitskräftebedarfs durch Migration in Österreich“ in der iBibliothek

 

Daten, Zahlen und Fakten auf der Website des International Centre on Nurse Migration

 

Beispiel einer Fachempfehlung zu Transkultureller Pflege

 

MSNÖ-Artikel: Gesundheit: Über 53.000 MigrantInnen beschäftigt

 

MSNÖ-Artikel: MigrantInnen: Schlechtere gesundheitliche Situation

www.pdf24.org    Sende Artikel als PDF   

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.