42 Sprachen im Psychotherapieangebot – Großer Bedarf

Factbox

  • Schätzungen: 150-200 Erstsprachen in Österreich
  • ExpertInnen: Hoher Bedarf an transkultureller Psychotherapie
  • Ausdruck in Erstsprache erleichtert Zugang zu Emotionalem
  • Unterschiedliche Krankheitsbilder bei Erster, Zweiter und Dritter Generation

 

Bei insgesamt 150 bis 200 Erstsprachen in Österreich besteht in 42 Sprachen die Möglichkeit, Psychotherapie in Anspruch zu nehmen. Das ergaben Recherchen der Medienservicestelle Neue Österreicher/innen (MSNÖ). Laut ExpertInnen erleichtert eine Anwendung der Erstsprache bei interkultureller bzw. transkultureller Psychotherapie den Zugang zu emotionalen Themen erheblich. In Folge sei die Wahrscheinlichkeit eines Therapieerfolgs um ein Vielfaches höher.  

 

Hoher Bedarf an fremdsprachiger und mulitilingualer Psychotherapie

PsychotherapeutInnen machen allesamt auf den hohen Bedarf der transkulturellen Psychotherapie und dem damit einhergehen Gebrauch von Fremdsprachen oder mehreren Sprachen in Österreich aufmerksam. Die angehende Psycholanalytikerin Özlem Akpinar, die Therapie auf Türkisch und Deutsch anbietet, bemängelt außerdem den hohen Grad an fehlender inter- bzw. transkultureller Kompetenz sowohl im österreichischen Gesundheitswesen, als auch in der psychotherapeutischen Arbeit mit MigrantInnen.

 

Laut der Systemikerin Zora Nikolic trägt der Mangel im multilingualen und/oder fremdsprachigen Angebot dazu bei, dass ihre KlientInnen auch weite Wege auf sich nehmen, um Psychotherapie in ihrer Erstsprache in Anspruch nehmen zu können. Nikolic bietet Bosnisch, Serbisch, Kroatisch, Vlachisch (auch Walachisch; balkanromanische Sprache, Anm.) und Deutsch als Therapiesprachen an. Durch den Migrationshintergrund von Nikolic und Akpinar schreiben ihre KlientInnen ihnen ein transkulturelles Verständnis zu, dass jene zuvor während der Behandlung bei autochthonen österreichischen PsychotherapeutInnen vermisst hätten.

 

Interkulturelle bzw. transkulturelle Psychotherapie und Multilingualität beugt Missverständnissen und Fehldiagnosen vor, betont auch Thomas Stompe, Leiter der Spezialambulanz „Transkulturelle Psychiatrie und migrationsbedingte psychische Störungen“ an der Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am AKH-Wien.

 

Auf der Internetplattform von eingetragenen PsychotherapeutInnen psyonline.at kann Psychotherapie in Österreich in 41 Sprachen in Anspruch genommen werden. An der Internationalen Ambulanz der Sigmund Freud Privatuniversität (SFU) wird in insgesamt 13 Sprachen therapiert, die alle bis auf Japanisch auch auf psyonline.at angeboten werden.

 

Erstsprache vereinfacht Zugang zu eigener Emotion

ExpertInnen der interkulturellen bzw. transkulturellen Psychotherapie sind sich über die Vereinfachung des Zugangs zu den eigenen Emotionen bei KlientInnen durch das Anwenden der Erstsprache einig. Teils werden Behandlungen aber nicht nur in einer Sprache abgehalten, ein Abwechseln zwischen Deutsch und Erstsprache ist je nach Bedürfnis der Klientin/des Klienten situationsbedingt möglich.

 

Zusätzlich dazu kann der jeweilige Migrationshintergrund der KlientInnen zu einer höheren Hemmschwelle bezüglich psychotherapeutischer Angebote führen. Insofern ist zum Teil eine angepasste Terminologie vonseiten der PsychotherapeutInnen gefragt. Akpinar hat bei der Erstellung ihrer Webseite beispielsweise darauf geachtet, die deutsche Variante und die türkische Variante nicht wörtlich, sondern sinngemäß und angepasst an die jeweilige Zielgruppe zu formulieren.

 

Verschiedene Generationen und Migrationsformen: Unterschiedliche Krankheitsbilder

Akpinar und Nikolic teilen ihre KlientInnen jeweils in verschiedene Kategorien ein: Flüchtlinge, BildungsmigrantInnen und ArbeitsmigrantInnen. Zu den jeweiligen Kategorien müsse zusätzlich die Generation (erste, zweite und dritte) des Klienten/der Klientin mit Migrationshintergrund berücksichtigt werden, da dies bei der Art der psychischen Erkrankung ein bestimmender Faktor sei.

 

Während Flüchtlinge und Studierende tendenziell unter Posttraumatischen Belastungsstörungen leiden, sind Depression bei der Gastarbeitergeneration ein großes Thema. Flüchtlinge leiden häufig unter Angststörungen und Panikattacken (s.a. MSNÖ-Artikel „Flüchtlinge und ihre psychische Befindlichkeit“), Studierenden hingegen werden oftmals gegen Ende des Studiums mit plötzlichen Existenzängsten konfrontiert. Die ehemaligen GastarbeiterInnen, die durch psychische Erkrankungen betroffen sind, leiden häufiger unter Depressionen, psychosomatischen Beschwerden, Angststörungen oder Schizophrenie.

 

Zu den Generationenunterschieden: Der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter thematisiert in seinem Buch „Eltern, Kind und Neurose“ das Übertragen von Ängsten und Neurosen der Eltern auf ihre Kinder – laut Akpinar ein häufiges Thema bei der Therapie von MigrantInnen der Zweiten Generation.

 

Weitere Themen von Bedeutung für die Zweite und Dritte Generation sind laut den beiden Psychotherapeutinnen Identitätskonflikte und Werte- bzw. Weltanschauungskonflikte. Akpinar kritisiert eine oftmalige Verkennung der bereits etablierten Subkultur der Betroffenen aus Zweiter und Dritter Generation. Sie spricht sich für eine multiprofessionelle Betrachtung dieser Themen aus, die Soziologie, Kulturanthropologie und Psychologie miteinander verknüpft.

 

Weiterführende Informationen und Kontakte:

Rudolf de Cillia, Linguist an der Universität Wien und Experte in der österreichischen Sprachforschung; rudolf.de-cillia@univie.ac.at

 

Ulrich Pichler, Österreichisches Sprachen-Kompetenz-Zentrum; Tel.: (0)316/824150; Mail: office@oesz.at

 

Özlem Akpinar, Psychoanalytikerin; Website auf Türkisch: http://www.psikoterapi.at/; Website auf Deutsch: http://www.psychotherapie-akpinar.at/

 

Zora Nikolic, Systemikerin

 

Thomas Stompe, Leiter der Spezialambulanz „Transkulturelle Psychiatrie und migrationsbedingte psychische Störungen“ an der Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, AKH-Wien; Tel.: 01/40400-3547; Mail: thomas.stompe@meduniwien.ac.at

 

Rechercheplattform zu PsychotherapeutInnen in Österreich: www.psyonline.at

 

Sigmund Freud Privatuniversität (SFU): www.sfu.ac.at

 

Studie: Thomas Stompe/Kristina Ritter: „Psychisch kranke Migranten. Die Versorgungssituation in Österreich.“ (Wien, facultas.wuv, 2010)

 

Horst-Eberhard Richter: „Eltern, Kind und Neurose: Psychoanalyse der kindlichen Rolle“ (rororo, 2012, ISBN 978-3-499-16082-0)

 

Statistik Austriapresse@statistik.gv.at, Tel: 01/711 28/7777

 

GTP – Gesellschaft für türkischsprachige Psychotherapie und psychosoziale Beratung e.V.

 

DTPPP – Dachverband der transkulturellen Psychatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im deutschsprachigen Raum e.V.

 

 

 

 

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