Flüchtlinge und ihre psychische Befindlichkeit

Factbox

  • Viele Asylwerbende sind Opfer von Folter und Gewalt
  • Bedarf an psychotherapeutischer Behandlung von Flüchtlingen besonders groß
  • Häufigste Leiden: Posttraumatische Belastungsstörungen und Depressionen
  • Angebot beliebt, aber Mangel an Betreuungsplätzen, Wartezeiten bis zu einem Jahr
  • Derzeit größter Behandlungsbedarf bei TschetschenInnen und AfghanInnen 

 

In Österreich leben Schätzungen zufolge zwischen 60.000 und 80.000 Personen mit Fluchthintergrund (Konventionsflüchtlinge, subsidiär Schutzberechtigte und Asylwerbende in laufenden Verfahren). Österreichweite Statistiken zu Asylwerbenden und Flüchtlingen mit psychischen Erkrankungen sind bis dato nicht vorhanden. Die einzelnen Organisationen oder Netzwerke, die in diesem Bereich arbeiten, verfügen über eigene Statistiken, zusammengeführt wurden diese bisher nicht. Die Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen (MSNÖ) hat sich die Situation genauer angesehen:

 

Viele Flüchtlinge sind Folteropfer, hoher Behandlungsbedarf

45 Prozent aller Asylwerbenden sind Opfer von Folter und Gewalt, schreibt Heinz Fronek in seinem Artikel zum Thema „Psychotherapeutische Versorgung für Flüchtlinge in Österreich“ (2010). Laut dem Wiener Verein Hemayat (Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende) liegt die Häufigkeit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) bei Folteropfern bei nahezu 100 Prozent.

 

Der Bedarf an psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung ist laut PsychologInnen und ExpertInnen bei Flüchtlingen also besonders hoch. Das Angebot an Therapiemöglichkeiten werde sehr gut angenommen. Insgesamt mangle es aber an Betreuungsmöglichkeiten angesichts der hohen Nachfrage: Wartezeiten für KlientInnen betragen bis zu einem Jahr, bevor sie die zumeist kostenlose Betreuung in Anspruch nehmen können.

 

Meisten KlientInnen aus Russland/Tschetschenien

Der in acht Bundesländern vertretene Flüchtlingsdienst der Diakonie verzeichnete im Kalenderjahr 2011 insgesamt 1.544 KlientInnen. Davon kam die größte Gruppe mit 570 Personen aus der Russischen Föderation und/oder der Republik Tschetschenien, gefolgt von China mit 171 Personen und Rumänien mit 165 Personen. Weiters unter den Top-15 befanden sich Personen aus Bulgarien (122), Serbien (92), Afghanistan (74), Nigeria (43), Georgien (42), Türkei (41), Armenien (35), Ukraine (24), Iran (22), Aserbaidschan (8), Irak (8), Kosovo (6). Insgesamt 219 Personen stammen aus anderen Herkunftsländern. Von den insgesamt 1.544 KlientInnen hatten mit 1.153 rund 75 Prozent der Personen Fluchthintergrund.

 

In den insgesamt acht Organisationen des Netzwerks für Interkulturelle Psychotherapie nach Extremtraumatisierungen (NIPE) haben rund 1.950 Personen im Jahr 2011 das Therapieangebot laut Marion Kremla von der Asylkoordination in Anspruch genommen. Alleine bei dem Verein Hemayat, der Teil von NIPE ist, werden laut Brigitte Heinrich zwischen 650-700 KlientInnen jährlich verzeichnet.

 

Insgesamt werden die Angebote von Männern und Frauen aller Altersklassen den Statistiken der Diakonie zufolge in Anspruch genommen, die am stärksten vertretene Altergruppe schloss die 33-50-Jährigen mit ein. Auch Kinder und Jugendliche greifen auf die Unterstützungsmaßnahmen zurück.

 

Häufigste Leiden: PTSD und Depressionen

An erster Stelle psychischer Erkrankungen von Flüchtlingen stehen laut Thomas Stompe, Leiter der Spezialambulanz „Transkulturelle Psychiatrie und migrationsbedingte psychische Störungen“ am AKH Wien, mit Abstand die sogenannten Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTSD) mit ihren Begleiterkrankungen. Diese schließen u.a. Angststörungen, Flashbacks, Depressionen, Suizidalität, Substanzmissbrauch und -sucht sowie Somatisierungsstörungen mit ein.

 

An zweiter Stelle stehen ExpertInnen wie Kremla und Heinrich zufolge Depressionen, die u.a. mit dem Verlust von Familienmitgliedern (etwa durch Tod oder Verschwinden), Verlust des Heimatlandes, diversen Traumata oder Angst in Verbindung stehen. Langjährige Asylverfahren und die Lebensbedingungen in Österreich für Betroffene können laut ExpertInnen zu einer Verschärfung von Depressionen beitragen. Die Betroffenen seien in der Verfahrensphase oftmals perspektivlos und fühlten sich durch die Unsicherheit, ob sie bleiben können oder zurückkehren müssen, gefährdet. Alle Arten und Stärkegrade von Depression seien vertreten.

 

Somatisierungen folgen laut Kremla vom Netzwerk NIPE an dritter Stelle. Hierbei handelt es sich um ein körperliches Unwohlsein ohne organische Befunde, welches höchstwahrscheinlich durch psychosoziale Belastungsstörungen ausgelöst wurde.

 

Höchster Bedarf bei Personen aus TschetschenInnen, Afghanistan und Pakistan

Auch hier sind sich die ExpertInnen einig: Die Personengruppen mit dem höchsten Bedarf, und/oder die die Therapieangebote am meisten in Anspruch nehmen, stammen aus Tschetschenien, Afghanistan und Pakistan. So leiden einer österreichischen Studie aus 2008 zufolge etwa 60 Prozent der asylwerbenden TschetschenInnen unter PTSD. Aktuellere Erhebungen zu dem Thema sind nicht vorhanden. ExpertInnen gehen davon aus, dass diese Zahlen nach wie vor zutreffen.

 

Insgesamt ist aber die Gruppe der sich in Behandlung befindlichen Flüchtlinge bunt gemischt: Laut Hemayat stammen die KlientInnen aus rund 40 verschiedenen Herkunftsländern.

 

Herausforderungen bei der Behandlung

Die Erfahrungen zeigen laut Fronek und Stompe, dass die psychiatrische und die psychotherapeutische Regelversorgung in Österreich bei traumatisierten Flüchtlingen an ihre Grenzen stoßen. Oftmals würden Symptome nicht erkannt oder in ihrer Bedeutung falsch bewertet und behandelt: So würde PTSD häufig nicht als Ursache erkannt, was zu chronischen Beschwerden führen kann.

 

Zudem zählen sprachliche Barrieren und die Gefahr kultureller Missverständnisse und Fehlinterpretationen zu den Herausforderungen der Psychotherapie mit Flüchtlingen. Wesentliche Faktoren zur Psychotherapie in diesem Bereich sind Trauma-spezifisches und interkulturelles Verständnis.

 

Einrichtungen in Österreich

Die Vereine Zebra in Graz und Hemayat in Wien haben in Österreich Pionierarbeit auf dem Gebiet der psychotherapeutischen Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen geleistet. Zebra hat seine Arbeit bereits 1987 aufgenommen, Hemayat öffnete 1994 seine Pforten.

 

Mittlerweile gibt es österreichweit Organisationen oder Vereine, die in diesem Bereich tätig sind. Während die transkulturelle Psychologie und Psychotherapie in einigen Bundesländern wie Wien und Tirol schon länger Tradition hat, steht sie in anderen noch ganz am Anfang – wie Beispielsweise in Vorarlberg. Laut Eva Grabherr von der Vorarlberger Projektstelle okay.zusammen leben sind die Unterschiede zwischen den Bundesländern „sehr spürbar“. Martin Fellacher von der Caritas Vorarlberg sagte auf Anfrage der MSNÖ, dass es zwar vereinzelt psychotherapeutische Angebote gebe – allerdings mit gravierenden finanziellen Hürden (z.B. Dolmetscherkosten).

 

Problematisch sind laut Fronek die finanzielle Abhängigkeit der Rehabilitationszentren und der Therapiemöglichkeiten sowie das damit einhergehende beschränkte Betreuungsangebot. Hauptförderer ist das Innenministerium, zum Teil leisten auch die Krankenkassen in den Bundesländern einen Beitrag.

 

Behandlungsmethoden und Therapieformen

Die spezifischen Behandlungsmethoden unterscheiden sich von Einrichtung zu Einrichtung, und durch die theoretische Ausrichtungen der einzelnen TherapeutInnen: So wird im Interkulturellen Psychotherapiezentrum Niederösterreich (IPN) etwa Klienten-zentrierte Psychotherapie, Psychodrama, Psychoanalyse, systemische Familientherapie und katathymes Bilderleben angeboten.

 

Bei Hemayat schließt das Angebot analytische Psychotherapie, Gesprächstherapie, Gestalttherapie und systemische Familientherapie mit ein. Einen weiteren Schwerpunkt setzt der Verein Zebra etwa mit Integrativer Traumatherapie oder Hypnotherapie. Zusätzlich dazu findet man bei anderen Vereinen auch nonverbale Therapieformen und Gruppentherapien.

 

 

Weiterführende Informationen und Kontakte:

Heinz Fronek, Experte für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (umF) & Koordinator von umf-Arbeitsgruppen bei der Asylkoordination; Tel.: 01/532129111; Mail: fronek@asyl.at

 

Marion Kremla, Konzeption und Durchführung der Fortbildungsseminare der asylkoordination Koordinatorin des Netzwerkes für interkulturelle Psychotherapie nach Extremtraumatisierung (NIPE) der Aylkoordination; Tel.: 01/532129113; Mail: kremla@asyl.at

 

Thomas Stompe, Leiter der Spezialambuanz „Transkulturelle Psychiatrie und migrationsbedingte psychische Störungen“ an der Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, AKH-Wien; Tel.: 01/40400-3547; Mail: thomas.stompe@meduniwien.ac.at

 

Birgit Heinrich, zuständig für Büroleitung und Aufnahme im Verein Hemayat; Tel.: 01/2164306; Mail: office@hemayat.org

 

Eva Grabherr, okay. zusammen leben – Projektstelle für Zuwanderung und Integration; Mail: eva.grabherr@okay-line.at

 

Martin Fellacher, Fachbereichsleiter Flüchtlings- und Migrantenhilfe Caritas Vorarlberg; Tel.: 05522/2001780;  Mail: martin.fellacher@caritas.at

 

Fronek, Heinz: „Psychotherapeutische Versorgung von Flüchtlingen in Österreich“ In: Stompe, Thomas/Ritter, Kristina: „Psychisch kranke Migranten. Die Versorgungssituation in Österreich.“ (Wien, facultas.wuv, 2010) S. 165-176.

 

Jahresbericht 2011 der Diakonie Flüchtlingsdienst

 

Asylsytatistik Dezember 2012; Österreichisches Bundesministerium für Inneres

 

Studie: Masmas Tanja N., Möller Eva, Buhmannr Caecilie, Bunch Viebeke, Jensen Jean H., Hansen Trine N., Jörgensen Lousie M., Kjaer Claes, Mannstaedt Maiken, Oxholm Annemette, Skau Jutta, Theilade Lotte, Worm Lise, Ekström Morten: „Asylum seekers in Denmark – a study of health status and grade of traumatization of newly arrived asylum seekers.“ In: „Torture“, 2008; 18(2):77-86; Medical Group (2008), Amnesty International, Copenhagen, Denmark.

 

Studie: Renner, Walter Renner/Salem, Ingrid/Ottomeyer, Klaus: „Cross-cultural validation of measures of traumatic symptoms in groups of asylum seekers from Chechnya, Afghanistan, and West Africa“  In: International Journal „Social Behaviour and Personality“, 2008; 35:1101-1114

 

Auswahl von Vereinen in Österreich:

Projekt Sintem im Familienzentrum Wien der Caritas; Tel.: 01/4815481; Mail: sintem@caritas-wien.at

 

Projekt Sotiria der Caritas Salzburg; Tel.: 0662/849373288; Mail: sotiria@caritas-salzburg.at

 

Diakonie Burgenland, Flüchtlingsdienst; Tel.:03352/3497912

 

Verein Menschen Leben, Burgenland; Tel.: 02252/508248; Mail: office@menschen-leben.at

 

Netzwerk für Interkulturelle Psychotherapie nach Extremtraumatisierung (NIPE):

Verein Zebra, Graz; Tel.: 0316/83563013; Kontakt Beratungs- und Rehabilitationszentrum: emina.kofrc@zebra.or.at

 

Verein Omega, Graz; Tel.: 0316/7735540; Mail: office@omega-graz.at

 

Verein Aspis, Klagenfurt; Tel.: 0463/2700/1673; Mail: aspis@uni-klu.ac.at

 

Ankyra – Zentrum für Interkulturelle Psychotherapie, Tirol (Diakonie Flüchtlingsdienst); Tel.: 0512/564129; Mail: ankyra@diakonie.at

 

Verein Hemayat, Wien; Tel.: 01/2164306; Mail: office@hemayat.org

 

Projekt Oasis, Linz (Volkshilfe Oberösterreich); Tel.: 0732/77075030; Mail: sandra.elsensohn@volkshilfe-ooe.at

 

Jefira – Interkulturelles Psychotherapiezentrum Niederösterreich (IPN), St. Pölten (Diakonie, Flüchtlingsdienst); Tel.: 02742/73176; Mail: jefira@diakonie.at

 

Projekt Oneros, Caritas Salzburg; Tel.: 0662/49373229; Mail: oneros@caritas-salzburg.at

 

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