Migration & Integration 2012 – Rückblick

Factbox

  • 1.1.2012: Rund 1,3 Mio. im Ausland Geborene lebten in Österreich
  • Asylgipfel brachte Einigung bei Unterbringung von AsylwerberInnen
  • Wenige JournalistInnen mit türkischem und ex-jugoslawischem Migrationshintergrund
  • Ein Jahr Arbeitsmarktöffnung: 20.800 zusätzliche Beschäftigte
  • MuslimInnen feierten 100 Jahre Islamgesetz

 

Nachdem sich im Jahr 2011 in Österreich im Bereich Integration & Migration viel bewegt hat, gehörten diese Themen auch 2012 zur öffentlichen Debatte: Die Unterbringung von AsylwerberInnen war gegen Jahresende eines der größten Themen. Die Einführung der Rot-Weiß-Rot-Karte sowie die Arbeitsmarktöffnung für den Osten Europas jährten sich zum ersten Mal. Das Islamgesetz feierte heuer seinen 100. Geburtstag.

 

Die Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen (MSNÖ) lieferte 2012 wieder Daten, Zahlen und Fakten zu wichtigen gesellschaftlichen Bereichen: So wurde zu JournalistInnen mit Migrationshintergrund recherchiert und festgestellt, dass RedakteurInnen mit deutschen Wurzeln überrepräsentiert und jene mit Wurzeln im ex-jugoslawischen Raum unterrepräsentiert sind. Der Gesundheitsbereich wurde unter die Lupe genommen:  Über 53.000 Menschen mit Migrationshintergrund arbeiteten im vergangenen Jahr im Gesundheitsbereich, davon waren 6.300 ÄrztInnen und 16.300 PflegerInnen. 

 

Die MSNÖ recherchierte weiter zu wichtigen Communitys in Österreich. Mittlerweile sind auf der Webseite der MSNÖ Daten, Zahlen, Fakten & Hintergründe zu über 40 Communitys zu finden. Die MSNÖ erarbeitete zudem mit dem Integrations-Staatssekretariat ein Glossar, das vor allem JournalistInnen bei der Arbeit unterstützen soll.

 

Migration in Zahlen: 826.172 nicht-österreichische StaatsbürgerInnen

Mit Stichtag 1. Jänner 2012 lebten hierzulande 826.172 nicht-österreichische StaatsbürgerInnen und 1.349.006 im Ausland geborene Menschen. 1,57 Mio. Menschen mit Migrationshintergrund lebten im vergangenen Jahr laut Statistik Austria durchschnittlich in Österreich. Das entsprach etwa 18,86 Prozent der Gesamtbevölkerung. Im Vergleich zum Jahr davor blieben die Zahlen relativ konstant (1,54 Mio. Menschen bzw. 18,6 Prozent).

 

Asyldebatte: Einigung bei Unterbringung

Für viel Aufsehen sorgte gegen Jahresende das Thema Asyl: Der Grund dafür war die Überbelegung des Erstaufnahmezentrums in Traiskirchen (NÖ). Noch im Oktober hatten von den Bundesländern lediglich Wien und Niederösterreich die erforderliche Quote zur Unterbringung von AsylwerberInnen erfüllt.

 

Beim Asylgipfel am 23. Oktober einigten sich die Bund- und Ländervertreter 1.000 Asylsuchende aus Traiskirchen auf die Länder aufzuteilen. Alle Bundesländer sollten somit mindestens 88 Prozent ihrer Quote erfüllen. Mitte Dezember hatten das schließlich alle Bundesländer erreicht.

 

In Traiskirchen waren im Dezember nur mehr etwa 600 Personen untergebracht. Vor dem Gipfel im Oktober waren es noch etwa 1.500. Durch die Umsiedlung scheint damit Niederösterreich die 88-Prozent-Regelung nicht mehr zu erfüllen. Laut der offiziellen Statistik aus dem Betreuungsinformationssystem lag Niederösterreich im Dezember bei 85,78 Prozent. Im Innenministerium wies man das allerdings zurück. Das Bundesland halte bei 88 Prozent, so ein Sprecher.

 

Hintergrund: Das Unterbringungssystem

In Österreich ankommende Asylsuchende landen zuerst in einer der zwei Erstaufnahmezentren Traiskirchen (NÖ) oder Thalham (OÖ). Werden sie zum Asylverfahren zugelassen, werden sie in Unterbringungsmöglichkeiten in den österreichischen Bundesländern aufgeteilt.

 

Menschen, die um Asyl ansuchen, haben das Recht auf eine gewisse vorübergehende Basis-Versorgung: Seit 2004 gibt es die sogenannte Grundversorgung, die als Vereinbarung zwischen Bund und Ländern das System der Bundesbetreuung ersetzt hat.  Zuständig sind die Bundesländer, in denen sich die Wohnsitze der AsylwerberInnen befinden (siehe auch MSNÖ-Artikel: Zahlen & Fakten zu aktuellen Asyl-Themen).

 

JournalistInnen mit Migrationshintergrund: Deutsche gefragt

Die MSNÖ startete einen Rundruf bei den österreichischen Mainstream-Medien und erhob so Daten zu 37 Medienhäusern und rund 1.700 JournalistInnen. Dabei zeigte sich, dass JournalistInnen mit türkischem und ex-jugoslawischem Migrationshintergrund unterrepräsentiert sind. Nur jeweils rund 0,1 der erfassten JournalistInnen haben eine entsprechende Herkunft.

 

RedakteurInnen mit deutschem Background sind hingegen überrepräsentiert: Mehr als die Hälfte der befragten Redaktionen beschäftigt mindestens eine Person mit deutschen Wurzeln. Knapp 227.000 Menschen oder 2,7 Prozent der österreichischen Gesamtbevölkerung sind deutscher Herkunft (deutscher Geburtsort und/oder deutsche Staatsbürgerschaft). Bei den JournalistInnen sind es rund drei Prozent (weitere Details siehe: JournalistInnen mit Migrationshintergrund: Neue Zahlen).

 

Gesundheit: MigrantInnen und Ausländer als MedizinerInnen und PatientInnen

Die MSNÖ nahm zudem die Situation im Gesundheitsbereich unter die Lupe: Über 53.000 Menschen mit Migrationshintergrund sind in diesem Sektor beschäftigt. 2011 hatten 6.300 ÄrztInnen Migrationshintergrund. Auch hier sind viele Personen mit deutschen Wurzeln tätig. (Alle detaillierten Ergebnisse, auch auf Bundesländerebene: Gesundheit: Über 53.000 MigrantInnen beschäftigt).

 

Bei der Bestandsaufnahme zur Situation migrantischer PatientInnen der MSNÖ wurde deutlich, dass Menschen mit Wurzeln in der Türkei oder Ex-Jugoslawien sich in schlechterer gesundheitlicher Verfassung befinden als Autochthone und Personen aus anderen EU-Ländern. Nur 62 Prozent von ihnen geben einen guten oder sehr guten Gesundheitszustand an. ExpertInnen sprechen von einem “migrationsbedingten Gesundheitsrisiko” (siehe auch: MigrantInnen: Schlechtere gesundheitliche Situation).

 

Fußball-EM: Irland am „internationalsten“

Im Vorfeld der Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine untersuchte die MSNÖ, welche Nationalmannschaft am „internationalsten“ ist: 36 Spieler, die bei der EM antraten, sind nicht in dem Land geboren, für das sie das Trikot trugen. Acht irische Nationalspieler wurden nicht in Irland geboren. Das ist der höchste Wert aller Nationalmannschaften bei der EM 2012 (siehe Artikel EM 2012: Internationale Wurzeln der Fußballer)

 

Integrationsglossar veröffentlicht, Journalistenpreis vergeben

Im Rahmen der Medientage wurde heuer erstmals ein Journalistenpreis für Integration verliehen. Die Auszeichnung wurde vom Österreichischen Integrationsfonds, vom unabhängigen Expertenrat für Integration und vom Staatssekretariat für Integration initiiert. Zur unabhängigen Jury gehörte auch die MSNÖ. Erste Preisträger waren der ORF-Journalist Christoph Feurstein in der Kategorie „Elektronische Medien“ und Monika Raschhofer (OÖ Nachrichten)  in der Kategorie „Printmedien“.

 

Gemeinsam mit dem Staatssekratariat für Integration veröffentlichte die Medien-Servicstelle Neue Österreicher/innen 2012 ein Integrationsglossar, das die wichtigsten Begriffe rund um Integration kompakt definiert (Download hier). Im Rahmen der Medientage fand zum fünften Mal die „Medien.Messe.Migration“ statt (siehe auch Artikel: 115 Medien berichten über Integration & Migration).

 

Die Pressure Group SOS Mitmensch gründete einen „alternativen“ Integrationsrat für Migrations-, Integrations- und Gleichstellungsfragen. Der 24-köpfige Rat aus ExpertInnen und PraktikerInnen soll unabhängig von den Vorgaben des „Nationalen Aktionsplans für Integration“ des Staatssekratariats für Integration konkrete Lösungen vorstellen.

 

Zweiter Wiener Integrationsmonitor: Herausforderung Wahlrecht

Der zweite Wiener Integrations- und Diversitätsmonitor zeigt Entwicklungen und Herausforderungen für Gesellschaft, Verwaltung und Politik der Bundeshauptstadt: So ist laut dem Bericht der Anteil der 15- bis 24-jährigen Menschen mit Migrationshintergrund im Bereich Bildung gestiegen.

 

Ein Problem wird bei der politischen Partizipation deutlich: Durch die steigende Zahl an nicht-österreichischen StaatsbürgerInnen sind immer mehr in Wien wohnende Personen vom Wahlrecht ausgeschlossen. Durchschnittlich 21 Prozent der Menschen im wahlfähigen Alter dürfen laut Integrations- und Diversitätsmonitor nicht wählen. (Der zweite Wiener Integrations- und Diversitätsmonitor der Stadt Wien ist in der iBibliothek abrufbar.)

 

Ein Jahr Arbeitsmarktöffnung: „Ansturm“ blieb aus

In Folge der Arbeitsmarkt-Liberalisierung ab 1. Mai 2011 waren durchschnittlich rund 20.800 zusätzliche ArbeitnehmerInnen aus den osteuropäischen EU-Ländern (außer Bulgarien und Rumänien) in Österreich beschäftigt. Wohnhaft in Österreich waren davon 57,59 Prozent (knapp 12.000). Der Große „Ansturm“ blieb somit aus. Die meisten Beschäftigten kamen aus Ungarn (dazu weitere Infos im MSNÖ-Artikel: Arbeitsmarktöffnung: Großer „Run“ blieb aus).

 

1.815 Rot-Weiß-Rot-Karten im ersten Jahr beantragt

Seit 1. Juli 2011 gibt es die Rot-Weiß-Rot-Karte. Im ersten Jahr nach der Einführung gab es 1.815 Anträge. Das Arbeitsmarktservice (AMS) erstellte 1.431 positive Gutachten, 384 Anträge wurden negativ beurteilt. Die meisten positiven Gutachten gab es in der Kategorie “Sonstige Schlüsselkräfte”(1.058), gefolgt von StudienabsolventInnen (179) und “Besonders Hochqualifizierten” (94). Die Top-3-Herkunftsländer waren Russland, Bosnien-Herzegowina und die USA.

 

Die Rot-Weiß-Rot-Karte ist Teil des neuen Zuwanderungssystems und regelt die Einwanderung von Menschen aus Drittstaaten. Potenzielle MigrantInnen müssen nun gewisse Kriterien erfüllen, um in Österreich arbeiten zu können. Die wichtigsten Kriterien sind: Qualifikation, Berufserfahrung, Alter, Sprachkenntnisse, ein adäquates Arbeitsplatzangebot und Mindestentlohnung. Insgesamt wurden drei neue Aufenthaltstitel geschaffen: “Rot-Weiß-Rot-Karte”, “Rot-Weiß-Rot-Karte plus” und “Blaue Karte-EU” (siehe auch Ein Jahr Rot-Weiß-Rot-Karte: Bisher 1.815 Anträge).

 

100 Jahre Islamgesetz

Im Juli feierte die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) 100 Jahre offizielle staatliche Anerkennung des Islams in Österreich. 1912 wurde das Islamgesetz erstmals beschlossen. Als Hauptmotiv gilt, dass Bosnien damals unter der Herrschaft der Habsburgermonarchie stand.

 

Über 500.000 Menschen bekennen sich heute in Österreich zum Islam. Knapp die Hälfte besitzt die österreichische Staatsbürgerschaft. Exakte Zahlen existieren nicht: Bei der Volkszählung 2001 wurden 338.988 MuslimInnen gezählt. Seit damals wird das Religionsbekenntnis nicht mehr in der Form bei Erhebungen miteinbezogen. Die Statistik Austria errechnete 2009 die Zahl von 515.914 Menschen islamischen Glaubens (weitere Zahlen, Fakten und Hintergründe hier).

 

Integrationstag & „Sag’s Multi!“

Beim vom Verein Wirtschaft für Integration (VWFI) organisierten Integrationstag, der 2012 zum zweiten Mal stattfand, diskutierten 400 VertreterInnen aus Bund, Ländern und Gemeinden aus den Bereichen Wirtschaft, Vereinen, NGOs, Interessensvertretungen und Bildungseinrichtungen. Im Fokus stand die Frage, wie Partizipation und Chancengleichheit für Menschen mit Migrationshintergrund gestärkt werden können (einen ausführlichen Konferenzbericht finden Sie hier).

 

Bereits zum dritten Mal organisierte der VWFI den multilingualen Schüler-Redewettbewerb „Sag’s Multi“: 301 SchülerInnen aus sieben Bundesländern waren dabei, 35 verschiedene Sprachen kamen zum Einsatz.

 

Weiterführende Informationen und Kontakte:

 

Statistik Austria, Pressestelle; Tel.: 01/71128-7777, presse@statistik.gv.at

 

AMS-Sprecherin Beate Sprenger; Tel.: 01/331 78-522 bzw. 0664 44 15 148, beate.sprenger@ams.at

 

Ursula Schallaböck, Integrationsfonds; Tel.: 01/710 12 03 134,ursula.schallaboeck@integrationsfonds.at

 

Integrationsstaatssekretariat, Gerald Fleischmann, Pressesprecher; Telefon: +43-(0)1-53 126-7005 gerald.fleischmann@bmi.gv.at

 

Innenministerium, Sprecher Karl-Heinz Grundböck; Tel.: 01/531 26 – 24 90, karl-heinz.grundboeck@bmi.gv.at

 

Meri Disoski, Verein Wirtschaft für Integration, Tel.: 01/9444846, m.disoski@vwfi.at

 

Alexander Pollak ist Sprecher von SOS Mitmensch, Tel.: 0664 512 09 25, apo@sosmitmensch.at

 

Asylkoordination; Tel.: 01 53 212 91, asylkoordination@asyl.at

 

Ruth Schöffl, Pressesprecherin des UNHCR; Tel. 01/26060 – 5307, schoeffl@unhcr.org

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