Das Portal für JournalistInnen zu Migration und Integration

Serbische Community zählt rund 300.000 Personen

Factbox

  • SerbInnen zweitstärkste Community nach den Deutschen
  • Erste Ansiedlungen bereits im 17. Jahrhudert
  • Ab den späten 1960er Jahren kamen zehntausende ArbeitsmigrantInnen
  • Serbisch-orthodoxe Kirchengemeinde besteht über 150 Jahre
  • Sehr reges Kultur- und Vereinsleben

 

Die SerbInnen stellen neben den Deutschen die zahlenmäßig stärkste Migrantengruppe in Österreich. Nach Schätzungen leben hierzulande etwa 300.000 Menschen mit serbischem Migrationshintergrund. Einzig was die ausländische Herkunft (Geburtsland und/oder Staatsangehörigkeit) betrifft, sind die Deutschen laut Statistik Austria vor den SerbInnen.

 

Serbien wählt – Sehr wenige Registrierungen in Österreich

In Serbien finden am 6. Mai Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt. In Österreich rechnet das serbische Konsulat mit etwa 350 Registrierungen. Bei den letzten Parlamentswahlen 2008 konnte noch an drei Standorten (Wien, Graz und Salzburg) gewählt werden. Heuer ist eine Stimmabgabe nur noch in Wien möglich, da das Wahlbüro in Graz im Juli 2008 geschlossen wurde und es in Salzburg mit knapp über 70 Registrierungen zu wenige Anmeldungen gab, teilte das Konsulat auf Anfrage der Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen (MSNÖ) mit.

 

Statistik: 209.000 aus Serbien/Montenegro/Kosovo

Die Angaben über die Zahl der Menschen mit serbischer Herkunft variieren stark. Der Grund dafür liegt in den unterschiedlichen Erhebungsmethoden. Die Statistik Austria zieht für ihre Erhebungen die Staatsangehörigkeit und/oder das Geburtsland heran. Zudem ist es für die Statistik Austria derzeit noch nicht möglich, Daten über Menschen serbischer Herkunft gesondert auszuweisen. Daher können nur Zahlen für Serbien/Montenegro/Kosovo (siehe Anmerkung in der Box am Ende des Textes) ausgewertet werden.

 

Demnach kommt die Statistik Austria (Stichtag 1. Jänner 2011) auf 208.809 in Österreich lebende Personen mit serbischer/montenegrinischer/kosovarischer Herkunft. Davon sind 135.696 Personen serbische/montenegrinische/kosovarische StaatsbürgerInnen und 73.113 in Serbien/Montenegro/Kosovo geborene österreichische StaatsbürgerInnen. Mit 111.983 Personen hat Wien im Bundesländer-Vergleich den höchsten Anteil an Personen mit serbischer/montenegrinischer/kosovarischer Herkunft.

 

Bevölkerung mit serbischer/montenegrinischer/kosovarischer Herkunft (Staatsangehörigkeit und/oder Geburtsland)

 

2002

2003

2004

2005

2006

2007

2008

2009

2010

2011

Gesamt

189.979

193.575

196.182

200.556

205.849

206.559

205.120

207.924

207.493

208.809

Bgld.

2.074

2.128

2.139

2.194

2.265

2.356

2.379

2.394

2.381

2.367

Ktn.

7.130

6.808

6.415

5.901

5.782

5.670

5.578

5.556

5.512

5.406

17.498

18.142

18.761

19.565

20.438

20.966

21.027

23.145

23.078

23.130

22.042

22.820

23.513

24.178

25.027

25.227

25.205

25.508

25.510

25.526

Slzb.

15.250

14.617

14.284

14.165

14.156

13.951

13.711

14.019

13.901

13.663

Stmk.

11.327

11.374

11.263

11.271

11.537

11.598

11.386

11.423

11.452

11.588

Tirol

9.974

9.907

9.721

9.547

9.549

9.403

9.076

8.909

8.798

8.700

Vlbg.

6.720

6.848

6.950

6.905

6.815

6.879

6.706

6.788

6.634

6.446

Wien

97.964

100.931

103.136

106.830

110.280

110.509

110.052

110.182

110.227

111.983

Quelle: Statistik Austria

 

 

Diaspora: 300.000 Menschen mit serbischen Wurzeln

Vereine und Organisationen der serbischen Diaspora schätzen, dass etwa 300.000 Personen in Österreich der serbischen Community angehören. In diesen Berechnungen sind nicht nur aus Serbien stammende Menschen der Ersten und Zweiten Generation inkludiert, sondern auch jene, die ihre Wurzeln in anderen Staaten Ex-Jugoslawiens haben, aber der serbischen Bevölkerungsgruppe angehören und sich als SerbInnen deklarieren.

 

Der Dachverband für serbische Vereine in Wien schätzt, dass allein in Wien und Umgebung bis zu 180.000 Menschen mit serbischen Wurzeln leben. Die Schätzungen der serbisch-orthodoxen Kirche belaufen sich ebenso auf rund 300.000 Personen serbischer Herkunft in Österreich.

 

Große Denker und viele ArbeiterInnen

Bereits Ende des 17. Jahrhunderts siedelten sich die ersten SerbInnen in Wien an. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde Wien für die serbische Intelligenzija ein wichtiges geistiges Zentrum. Einer der bedeutendsten serbischen Köpfe, der Wissenschafter und Dichter Vuk Stefanovic Karadzic, lebte hier mehr als 50 Jahre und brachte sein berühmtes “Serbisches Wörterbuch” im Mechitaristen-Kloster in Wien-Neubau heraus. Der Philosoph und Schriftsteller Dositej Obradovic studierte und lebte sechs Jahre in Wien. 

 

Ab den späteren 1960er Jahren kamen zehntausende SerbInnen als Arbeitskräfte nach Österreich. Nachdem Österreich aufgrund der fehlenden Arbeitskräfte und als Folge des Raab-Olah-Abkommens im Jahr 1966 ein Anwerbeabkommen mit dem damaligen Jugoslawien unterzeichnete, kamen viele ArbeiterInnen vor allem nach Wien und arbeiteten überwiegend in Fabriken. 1971 gab es 93.337 jugoslawische StaatsbürgerInnen in Österreich, 1973 waren 78,5 Prozent der rund 230.000 in Österreich beschäftigten GastarbeiterInnen jugoslawische StaatsbürgerInnen. Genaue Angaben über den Anteil der SerbInnen sind nicht möglich, da Serbien eine Teilrepublik Jugoslawiens war und Statistiken nicht nach Teilrepubliken aufgeschlüsselt sind.

 

Bei der Volkszählung 1981 lebten laut Statistik Austria 125.890 Personen aus Jugoslawien in Österreich, 1991 stieg die Zahl auf 197.886 Personen. Während der kriegerischen 1990er Jahre kam es zu einem weiteren Zuzug von SerbInnen aus ganz Ex-Jugoslawien nach Österreich. Bei der Volkszählung 2001 wurden aufgrund des Zerfalls Jugoslawiens erstmals die sechs ehemaligen Teilrepubliken (Serbien, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Mazedonien, Montenegro, Slowenien) getrennt erfasst.

 

Serbisch-orthodoxe Kirchengemeinde seit über 150 Jahren

In Wien existiert seit 1860 eine serbisch-orthodoxe Kirchengemeinde, die 1967 als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt wurde. 1893 erfolgte die Einweihung der Kirche Sveti Sava (Heiliger Sava) im 3. Wiener Gemeindebezirk. Es folgten Kirchen im 17. und im 2. Wiener Bezirk. In diesem Jahr wurde die Kirche Neulerchenfeld im 16. Bezirk an die serbisch-orthodoxe Gemeinde übergeben.

 

Die serbisch-orthodoxe Kirche in Österreich gehört zur Diözese Mitteleuropa und hat neben den vier Kirchen in Wien Pfarren in allen österreichischen Landeshauptstädten. Zudem gibt es Pfarren in Wiener Neustadt, Tulln, Gmunden, Enns, Saalfelden und Kufstein.

 

Zahlreiche Vereine – Sport und Kultur im Mittelpunkt

 Bereits Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre kam es zur Gründung mehrerer jugoslawischer „Gastarbeiter-Vereine“. Der älteste serbische Verein, “Jedinstvo” (Einheit), feierte im November 2011 sein 41-jähriges Jubiläum. Heute gibt es dutzende serbische Vereine in Österreich, die sich hauptsächlich mit Sport und Kultur befassen. Zudem gibt es jede Woche ein reichhaltiges Angebot an Konzerten, Ausstellungen, Lesungen oder anderen kulturellen Events.

 

Neben Dachverbänden in einzelnen Bundesländern gibt es einen serbischen Dachverband für ganz Österreich. Allein der Wiener Dachverband zählt elf Mitgliedsvereine, die sich größtenteils aus Sport- und Kulturvereinen zusammensetzen. Jedes Jahr werden vier gemeinsame österreichweite Veranstaltungen organisiert, an denen alle Vereine beteiligt sind.

 

Die Österreichisch-Serbische Gesellschaft (ÖSG) hat sich zum obersten Ziel gesetzt, bilaterale Beziehungen zwischen den beiden Staaten zu fördern. Zudem organisiert die ÖSG unter anderem den traditionsreichen Sveti Sava Ball (mehr Informationen hier) .

 

Eine der ersten Formen der Selbstorganisation der SerbInnen waren Fußballklubs. Bis vor einigen Jahren gab es sogar eine eigene “Jugo-Liga”. Im Frühjahr 2008 wurde der Fuballklub Srbija 08 von Wiener Serben gegründet, der drei Jahre später nach einer Fusion unter dem Namen SC Kaiserebersdorf-Srbija 08 bereits in der Wiener Oberliga A spielt (fünfthöchste Spielstufe) und acht Nachwuchsmannschaften führt.

 

“Vesti” meistgelesene Tageszeitung

Insgesamt sechs Online- und Printmedien fokussieren sich laut dem von M-Media herausgegebenen Medienhandbuch auf die ex-jugoslawischen Communitys. Unter den Tageszeitungen hat „Vesti“, ein serbischsprachiges Blatt, die meisten LeserInnen. Die bekanntesten Zeitschriften sind “Kosmo“ und “Bum”, die sich an die gesamte ex-jugoslawische Community richten.

 

Zudem liefern auf dem TV-Sender Okto Sendungen wie “Dijaspora uživo” (Diaspora live), “Bum TV” oder “Ex-Yu in Wien” Beiträge, Reportagen, Kulturtipps und aktuelle Ereignisse aus und zur ex-jugoslawischen Diaspora.

 

Österreich nach wie vor attraktiv

Die Zahlen der Zuzüge belegen, dass Österreich für die serbische/montenegrinische/kosovarische Bevölkerung noch immer ein attraktives Ziel ist. Dementsprechend ergibt sich für das Jahr 2010 ein positives Saldo von 2.242 Personen.

 

 

Zuzüge

Wegzüge

2007

2008

2009

2010

2007

2008

2009

2010

Gesamt

106.659

110.074

107.785

114.398

71.928

75.638

87.189

86.703

SRB/CG/RKS

6.371

6.105

6.248

8.501

5.269

4.634

5.523

6.259

Quelle: Statistik Austria; Anm.: SRB=Serbien, CG=Montenegro, RKS=Kosovo

 

Im Jahr 2010 gab es 1.858 Studierende mit serbischer Staatsangehörigkeit in Österreich. Die Zahl der Studierenden an Fachhochschulen (2010 waren es 65) und an Privatuniversitäten (2010: 61 Studierende) ist zwar gering, der Trend hier geht aber in Richtung Zunahme.

 

Studierende mit serbischer Staatsbürgerschaft in Österreich

 

Gesamt

SRB

2010

253.891

1.858

2009

247.176

1.743

2008

219.352

1.783

2007

213.895

1.815

 

 

Asylanträge rückläufig

Nach einem Höhepunkt im Jahr 2005 (4.403 Ansuchen) sind die Asylanträge serbischer/montenegrinischer/kosovarischer StaatsbürgerInnen kontinuierlich gesunken. Die Statistik Austria listet seit 2006 die Anzahl der Asylanträge von Personen aus Montenegro und seit 2009 jene aus dem Kosovo getrennt auf, das Innenministerium bezifferte bereits im Jahr 2008 die Asylanträge aus dem Kosovo mit 892. Im Jahr 2010 gab es 622 Asylanträge aus dem Kosovo, 350 aus Serbien und drei aus Montenegro.

 

Asylanträge von serbischen/montenegrinischen/kosovarischen StaatsbürgerInnen

 

2000

2001

2002

2003

2004

2005

2006

2007

2008

2009

2010

Gesamt

18.284

30.127

39.354

32.359

24.634

22.461

13.349

11.921

12.841

15.821

11.012

RKS

-

-

-

-

-

-

-

-

-

1.332

622

CG

-

-

-

-

-

-

7

14

13

8

3

SRB

1.486

1.637

4.723

2.526

2.835

4.403

2.515

1.760

1.702

701

350

Quelle: Statistik Austria

 

Einbürgerungen stark gesunken

Im vergangenen Jahrzehnt erreichte die Einbürgerung in Österreich, darunter auch jene der serbischen/montenegrinischen/kosovarischen StaatsbürgerInnen, 2003 ihren Höhepunkt. Insgesamt gab es damals 45.112 Einbürgerungen, wovon 9.863 serbische/montenegrinische/kosovarische Staatangehörige waren. Danach sanken die Zahlen kontinuierlich. Insgesamt wurden von 2000 bis 2010 50.723 serbische/montenegrinische/kosovarische Staatangehörige in Österreich eingebürgert.

 

Einbürgerungen gesamt sowie von serbischen/montenegrinischen/kosovarischen Staatsbürgern

 

2000

2001

2002

2003

2004

2005

2006

2007

2008

2009

2010

Gesamt

24.645

32.080

36.382

45.112

42.174

35.417

26.259

14.041

10.268

7.990

6.190

SRB-CG

2.818

4.305

4.825

9.863

7.260

6.694

4.294

-

-

-

-

SRB

-

-

-

-

-

-

534

4.216

2.582

1.638

829

CG

-

-

-

-

-

-

6

41

13

12

3

RKS

-

-

-

-

-

-

-

-

-

353

437

Quelle: Statistik Austria

 

 

Weiterführende Informationen und Kontakte:

 

Der Artikel über die serbische Community wurde von der MSNÖ erstmals am 3. Jänner 2012 veröffentlicht und am 2. Mai anlässlich der Präsidentschafts- und Parlamentswahl (6. Mai) aktualisiert.

 

Anmerkung: Montenegro löste sich im Juni 2006 nach einem Referendum von Serbien und wurde ein international anerkannter Staat mit UNO-Sitz. Der Kosovo erklärte im Februar 2008 einseitig seine Unabhängigkeit von Serbien. Seither betrachtet sich Pristina als unabhängig, Belgrad pocht auf den Verbleib des Kosovo im Rahmen Serbiens. Völkerrechtlich ist der Kosovo-Status umstritten. Bisher (Stand Februar 2011) haben 88 der insgesamt 193 UNO-Mitgliedsstaaten, darunter Österreich, den Kosovo als Staat anerkannt.

 

Kosta Simonovic, Botschaftsrat und Leiter der Konsularabteilung der Botschaft der Republik Serbien, Gumpendorferstr. 83-85, 1060 Wien; Tel: 01/5447585225, E-Mail: kosta.simonovic@mfa.rs

 

Zoran Mirkovic, Journalist und Kenner der serbischen Diaspora, arbeitet für die Zeitung Vesti und die serbische Nachrichtenagentur Tanjug; zmirkovic@vesti.de

 

Borislav Kapetanović, Obmann des Dachverbands für serbische Vereine in Wien; Wielandgasse 2, 1100 Wien; Tel.: +43 664 450 30 85

 

Österreich-Serbische Gesellschaft; Präsident der ÖSG ist Marko Stijakovic, praesident@oesg.or.at

 

Serbisch-Orthodoxe Kirchengemeinde zum Hl. Sava; Veithgasse 3, 1030 Wien; Tel.: +43 1 713 47 65

 

Die in Frankfurt/Main erscheinende Tageszeitung Vesti ist das von SerbInnen in Österreich meistgenutzte Printmedium

 

Der Fußballverein Srbija 08 wurde im Frühjahr 2008 von Wiener Serben gegründet

 

Sollten Sie weitere Informationen und/oder Kontakte benötigen, wenden Sie sich bitte an Zarko Radulovic, Chefredakteur der Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen; zarko.radulovic@medienservicestelle.at; Tel.: +43 69915097080

 




Ähnliche Artikel

  1. Bulgarische Community zählt etwa 20.000 Personen
  2. Rumänische Community zählt etwa 75.000 Menschen
  3. Rund 500.000 orthodoxe ChristInnen in Österreich
  4. Rund 3.000 MontenegrinerInnen in Österreich
  5. 27.300 Personen russischer Herkunft in Österreich
PDF erstellen    Sende Artikel als PDF   
PDF Version

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>