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MigrantInnen als UnternehmerInnen

 Factbox

  • 68.400 MigrantInnen gingen 2010 einer selbstständigen Arbeit nach
  • Unabhängigkeit wichtigstes Gründungsmotiv von migrantischen Unternehmen
  • MigrantInnen beschäftigen selten ArbeitnehmerInnen aus eigener Community
  • 18,5 Prozent der UnternehmerInnen in Wien unter 24 sind nigerianischer Herkunft
  • 31 Prozent der migrantischen UnternehmerInnen sind Frauen

 

Rund 68.400 Personen mit Migrationshintergrund sind laut Statistik Austria im Jahr 2010 einer selbstständigen Arbeit nachgegangen. Das entspricht 9,2 Prozent aller erwerbstätigen MigrantInnen. Bei den Nicht-MigrantInnen liegt der Anteil bei 12,1 Prozent. Der Anteil der MigrantInnen an allen Selbstständigen in Österreich beträgt 9,4 Prozent. 

 

12,9 Prozent aller Selbstständigen in Österreich kommen aus der EU, dem EWR und der Schweiz. Der Anteil der aus der Türkei stammenden UnternehmerInnen liegt bei 6,4 Prozent, jener der Ex-JugoslawInnen (ohne Slowenien) bei 3,9 Prozent. Das geht aus der Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung 2010 der Statistik Austria hervor.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gründungsmotivation Unabhängigkeit

Laut mehreren Erhebungen zu Gründungsmotiven österreichischer UnternehmerInnen mit Migrationshintergrund (u.a. durchgeführt durch Wirtschaftskammer bzw. Wissenschaftsministerium)  geben zwischen 67 und 77 Prozent der Befragten an, dass Unabhängigkeit das wichtigste Motiv für Firmengründungen ist.

 

Weniger eindeutig ist, wie viele der MigrantInnen wegen ihrer schlechteren Stellung am Arbeitsmarkt Unternehmen gründen. Eine unbefriedigende Arbeitsmarkt-Situation stelle für Nicht-MigrantInnen einen relativ wichtigen Gründungsgrund dar, so Regina Haberfellner in ihrem Paper “Entrepreneurship von MigrantInnen”. Es kann aber nicht nachgewiesen werden, ob sich MigrantInnen dadurch von autochthonen ÖsterreicherInnen unterscheiden. 

 

Zweite Generation und Frauen seltener selbstständig

Während im Jahr 2010 10,1 Prozent der Ersten Zuwanderer-Generation selbstständig war, traf das laut Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung 2010 bei der Zweiten Generation nur mehr auf 7,7 Prozent zu.

 

Zudem können mit Hilfe der Studie “Ethnische Ökonomien – Bestand und Chancen für Wien” (L + R Sozialforschung, 2007) zumindest für Wien Aussagen darüber gemacht werden, welche ethnischen Gruppen sich in welchem Alter selbstständig machen. Bei den unter 24-Jährigen liegen Personen nigerianischer Herkunft (18,5 Prozent) an der Spitze. Ihnen folgen jene tschechischer und slowakischer Herkunft (15,7) sowie Personen mit türkischer und indischer Herkunft (jeweils 9,4). UnternehmerInnen ex-jugoslawischer (8,0) und polnischer Herkunft (7,7) liegen etwa gleich auf.

 

Herkunft Nigeria Tschechien Slowakei Türkei Indien Ex-Jugoslawien Polen

prozentueller

Anteil

18,5 15,7 15,7 9,4 9,4 8,0 7,7

Quelle: L + R Sozialforschung, eigene Darstellung

 

Personen, die ab einem Lebensalter von 50 Jahren eine Firma gründen, kommen tendenziell eher aus den EU-15-Staaten. Besonders häufig sind in dieser Altersgruppe Personen US-amerikanischer und japanischer Herkunft anzutreffen.

 

Für Wien lässt sich sagen, dass mit 31 Prozent unterdurchschnittlich viele Migrantinnen selbstständig sind. Jedoch gibt es mit 34 Prozent unter den autochthonen Österreicherinnen nicht viel mehr Unternehmerinnen. Gleichzeitig gibt es Gruppen, die einen viel höheren Frauen-Anteil aufweisen. Spitzenreiterinnen unter den Einzelunternehmerinnen sind mit 69 Prozent die Japanerinnen. Fast alle sind im Tourismus und in der Freizeitwirtschaft als Fremdenführerinnen tätig. An zweiter Stelle liegen mit 63 Prozent Russinnen, die zu etwa gleichen Anteilen in den Bereichen Gewerbe-Handwerk, Handel sowie Informationswirtschaft und Consulting tätig sind. Auch die Chinesinnen haben mit 53 Prozent einen hohen Unternehmerinnen-Anteil. Am wenigsten Unternehmerinnen gibt es mit je 14 Prozent unter Inderinnen und Polinnen. 

 

MigrantInnen als ArbeitgeberInnen

43.400 (5,8 Prozent) der erwerbstätigen MigrantInnen sind UnternehmerInnen ohne ArbeitnehmerInnen, 25.000 (3,4 Prozent) beschäftigen MitarbeiterInnen. Unter den 47.400 FreiberuflerInnen ohne ArbeitnehmerInnen finden sich 9.100 mit Migrationshintergrund. Unter jenen 25.100 FreiberuflerInnen mit ArbeitnehmerInnen sind es etwa 3.200.

 

Bei den 20.200 Neuen Selbstständigen ohne ArbeitnehmerInnen haben ungefähr 5.300 Migrationshintergrund. Für jene 4.200 Neuen Selbstständigen mit ArbeitnehmerInnen liegen keine Hinweise auf einen Migrationshintergrund vor. Bei den 128.400 selbstständigen GewerbeinhaberInnen ohne ArbeitnehmerInnen haben 28.000 Migrationshintergrund. Unter den 141.900 mit ArbeitnehmerInnen sind 20.400 MigrantInnen.

 

MigrantInnen ohne ArbeitnehmerInnen mit ArbeitnehmerInnen
UnternehmerInnen 43.400 25.000
FreiberuflerInnen 9.100 3.200
Neue Selbstständige 5.300 k.A.

Selbstständige 

GewerbeinhaberInnen

28.000 20.400

Quelle: Statistik Austria, eigene Darstellung 

 

 

MigrantInnen beschäftigen zwar selten nur Angehörige der eigenen Community, jedoch bestehe ein hoher Anteil ihrer Beschäftigten aus MigrantInnen, schreibt Haberfellner. Das Waren- und Dienstleistungsangebot insgesamt diversifiziere sich durch ethnische UnternehmerInnen. Ihr interkulturelles Wissen schaffe diesen UnternehmerInnen Vorteile, da sie auch MigrantInnen ansprechen. Am offensichtlichsten sei dieser Umstand in der Gastronomie.

 

Hohe Erwartungen werden an MigrantInnen gerichtet, wenn es um die Nahversorgung geht. Nachdem etwa in Wien ein „Greißler-Sterben“ zu beobachten ist, wird die verstärkte Übernahme durch MigrantInnen als positiv angesehen, berichtet Haberfellner. Im Newsletter des Marktforschungsunternehmens RegioData Research (Jänner 2012) etwa wird die Rolle von türkischen Nahversorgungsläden für Wien hervorgehoben. Sie ziehen Kunden aufgrund der niedrigen Preise vor allem bei Grundnahrungsmitteln und langen Öffnungszeiten am Abend sowie am Wochenende an. Detail am Rande: Die Mehrheit der türkischen Läden in Wien sind „Einzelkämpfer“, jedoch gibt es eine Tendenz zur Filialisierung.

 

Befürchtungen hinsichtlich „ethnischer Ökonomien“

Österreichweit haben im Jahr 2010 4.100 Familienmitglieder in „ethnischen“ Unternehmen mitgeholfen. Das entspricht 0,6 Prozent der arbeitenden Personen mit Migrationshintergrund (Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung 2010). In Bezug auf ethnische Unternehmen werde häufig ein Zusammenhang mit der Schattenwirtschaft hergestellt, schreibt Haberfellner. Denn der hohe Anteil an HelferInnen aus der Familie weise auf eine starke Verzahnung von formeller und informeller Wirtschaft auf. Jedoch könne nicht bestätigt werden, dass MigrantInnen mehr Helfer aus der Familie hätten als UnternehmerInnen ohne Migrationshintergrund.

 

Befürchtet werde zudem, dass ethnische UnternehmerInnen häufig unter prekären Verhältnissen arbeiten und daher auch ihren MitarbeiterInnen keine sichere Stelle bieten könnten. Personen in diesem Bereich würden das wegen familiärer bzw. freundschaftlicher Beziehungen oder mangels Alternativen häufiger akzeptieren. Jedoch kann dies laut Haberfellner empirisch nicht nachgewiesen werden. Eine weitere Befürchtung: MigrantInnen würden durch ihre Unternehmen sogenannte „Parallelgesellschaften“ bilden. Dies könne für Österreich nicht bestätigt werden.

 

Wien: Rund 30 Prozent der Unternehmen migrantisch

Laut Mingo Migrant Enterprises haben rund 30 Prozent der Wiener UnternehmerInnen Migrationshintergrund. Darunter können fast 90 verschiedene Staatsbürgerschaften eruiert werden. Für 2010 hat die Wirtschaftskammer Wien erhoben, dass rund 36 Prozent der NeugründerInnen einen nicht-österreichischen Pass haben.

 

Etwa 36 Prozent der „ethnischen UnternehmerInnen” sind im Gewerbe und Handwerk zu finden, 31 Prozent im Handel, 30 Prozent arbeiten im Bereich Information und Consulting. Überwiegend handelt es sich bei diesen Unternehmen um Klein- und Mittelbetriebe. Rund ein Viertel sind Ein-Personen-Unternehmen. Etwa die Hälfte hat ein bis neun MitarbeiterInnen. Der Rest beschäftigt mehr als zehn ArbeitnehmerInnen.

 

Etwa 16.000 migrantische EinzelunternehmerInnen

Von den 53.173 EinzelunternehmerInnen in Wien haben im Jahr 2007 schätzungsweise fast 16.000 Migrationshintergrund gehabt. Bei weiteren elf Prozent vermutet L+R Sozialforschung aufgrund von Namensanalysen ebenfalls einen migrantischen Hintergrund. Personen polnischer Herkunft bilden dabei mit 29 Prozent die größte Gruppe. Sie arbeiten häufig im Gewerbe, im Handwerk sowie im Bauhilfsgewerbe. Sieben Prozent stammen aus der Ex-Tschechoslowakei, sechs aus Deutschland. Fünf Prozent kommen aus Ex-Jugoslawien, die häufig im Transport- und Verkehrswesen tätig sind. Zwei Prozent der Personen mit türkischen Wurzeln sind oft im Handel zu finden.

 

Tendenziell tätigen „ethnische UnternehmerInnen“ in Wien geringfügig mehr Innovationen als autochthone UnternehmerInnen. Besonders betrifft das die Verwaltung oder die Betriebsorganisation. Dennoch sind MigrantInnen bei Produkt- und Verfahrensinnovationen zurückhaltend. Statistisch gesehen sind laut L+R Sozialforschung im Durchschnitt 62 Prozent der KlientInnen von ethnischen Unternehmen ÖsterreicherInnen, 22 Prozent Personen der eigenen Herkunft und 17 Prozent mit einem anderen Migrationshintergrund.

 

 

 Weiterführende Informationen und Kontakte:

 

Regina Haberfellner, Soll&Haberfellner Unternehmens- und Projektberatung; office@soll-und-haberfellner.at

 

Das von Regina Haberfellner verfasste Paper “Entrepreneurship von MigrantInnen” ist abrufbar in der iBibliothek

 

Der Bericht “Migration & Integration. Zahlen, Daten, Indikatoren 2011″ abrufbar in der iBibliothek

 

Die Ergebnisse aus EU-SILC 2010 zur Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung in Österreich abrufbar in der iBibliothek

 

Statistik Austria; presse@statistik.gv.at, Tel: 01/71128-7777

 

Mingo Migrant Enterprises  bietet kostenlos Workshops und Coachings in zehn Sprachen an.

Ansprechpartnerin: Tülay Tuncel, tuncel@wirtschaftsagentur.at

 




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