Kaufkraft und Lebensstandard der MigrantInnen

 Factbox

  • Kaufkraftvolumen der MigrantInnen beträgt über 20 Mrd. Euro
  • MigrantInnen in Österreich überwiesen 2010 fast 800 Mio. Euro ins Ausland
  • AusländerInnen verdienten 2009 84 Prozent des Durchschnitts-Einkommens
  • TürkInnen und Ex-JugoslawInnen haben niedrigeren Lebensstandard
  • MigrantInnen aus EU-15 haben höheren Lebensstandard als ÖsterreicherInnen
 

 

Über 20 Milliarden Euro beträgt das Kaufkraftvolumen der Personen mit Migrationshintergrund in Österreich. Das geht aus einer Erhebung des Marktforschungsunternehmens RegioData für das Jahr 2010 hervor. Das entspricht in etwa der Kaufkraft des Bundeslandes Steiermark oder der doppelten Kaufkraft von Kärnten.

 

Mit etwa 19.300 Euro durchschnittlich pro Kopf und Jahr haben MigrantInnen aus dem Raum EU/EWR/Schweiz die höchste Kaufkraft in Österreich. Weniger Kaufkraft haben türkische und ex-jugoslawische MigrantInnen. Türkische MigrantInnen verfügen durchschnittlich über 55 Prozent des Kaufkraftniveaus eines Österreichers. Ex-jugoslawische MigrantInnen (ohne Slowenien) halten im Schnitt bei etwa 70 Prozent.

 

 

 

 

Das Kaufkraftvolumen aller Personen mit Migrationshintergrund ist mit etwa 20 Milliarden Euro höher als das Nachfragepotential aller ausländischen TouristInnen. Dieses beziffert RegioData auf etwa 16 Milliarden Euro. Aus diesem Grund empfiehlt das Marktforschungsunternehmen eine stärkere Zielgruppensegmentierung in Hinblick auf MigrantInnen. Dabei solle eine gezieltere Ansprache dieser KonsumentInnen vor allem in Regionen mit einem hohen Einwanderungsanteil verwendet werden. Außerdem empfiehlt RegioData eine größere Produkt- und Leistungsvielfalt.

                                 

798 Millionen Euro ins Ausland überwiesen

Einen Wirtschaftsfaktor für die Herkunftsländer und -regionen von MigrantInnen stellen Auslandsüberweisungen dar. 2010 haben laut Eurostat MigrantInnen in der EU etwa 31,2 Milliarden Euro überwiesen. Das sind etwa drei Prozent mehr als im Jahr zuvor. 72 Prozent dieser Zahlungen gingen dabei in Länder außerhalb der EU. MigrantInnen in Österreich überwiesen 798 Millionen Euro (2009: 767 Mio. Euro). Mit 7,2 Milliarden Euro wurde die größte Summe aus Spanien in Drittstaaten transferiert. 6,6 Milliarden Euro überwiesen MigrantInnen in Italien und 3,0 Milliarden jene in Deutschland.

 

Bis 2008 (32,8 Milliarden Euro) hatte sich ein Anstieg der Überweisungen abgezeichnet. So lag die Gesamtsumme 2005 bei 23,8 Milliarden Euro. 2006 waren es 28,4 Milliarden, 2007 32,1 Milliarden. Aufgrund der Wirtschaftskrise gab es 2009 einen Einbruch (30,4 Milliarden Euro). 2010 zeichnete sich eine Erholung ab.

 

AusländerInnen verdienen weniger – Schere wächst

Der Integrationsbericht 2011 des Integrations-Staatssekretariats zeigt, dass nicht-österreichische StaatsbürgerInnen, die ganzjährig erwerbstätig waren, 2009 durchschnittlich 18.367 Euro (netto) verdient haben. Damit erhielten sie rund 84 Prozent des mittleren Nettogehalts in Österreich (21.865). Österreichischen StaatsbürgerInnen standen 22.303 Euro zur Verfügung. BürgerInnen der vor 2004 zur EU beigetretenen Staaten verdienten im Schnitt ein wenig mehr.

 

Die Nettojahres-Einkommen von Personen aus den seit 2004 beigetretenen Staaten, aus Ex-Jugoslawien und der Türkei lagen knapp ein Fünftel unter dem Durchschnitt. Am wenigsten verdienten Personen sonstiger Nicht-EU-Staaten mit 16.185 Euro. Das entspricht 74 Prozent des Durchschnitts. 13 Prozent der ganzjährig arbeitenden AusländerInnen hatten 2009 ein Nettogehalt unter 9.458 Euro. Das trifft auf zehn Prozent der ganzjährig arbeitenden ÖsterreicherInnen zu. Besonders häufig waren TürkInnen und Erwerbstätige aus sonstigen Staaten in dieser Kategorie zu finden. Im Vergleich zu 2008 stieg 2009 bei allen ausländischen Staatsangehörigen der Personenanteil mit einem Gehalt unter 9.458 Euro.

 

Gleichzeitig vergrößerten sich laut Integrationsbericht die Einkommensunterschiede zwischen in- und ausländischen Staatsangehörigen. Das Nettojahres-Einkommen österreichischer StaatsbürgerInnen erhöhte sich 2009 um 3,5 Prozent, bei nicht-österreichischen Staatsbürgern hingegen um 2,3 Prozent. Vor allem TürkInnen (+0,7 Prozent) und Ex-JugoslawInnen (+1,8 Prozent) wiesen stark unterdurchschnittliche Zuwächse auf.

 

Die Gründe für Einkommensunterschiede machen Elisabeth Kafka und Ursula Till-Tentschert im Sammelband „Migrationsmanagement“ (2011) an der geringeren Erwerbstätigenquote, der höheren Arbeitslosigkeit und niedriger qualifizierten Arbeitsplätzen bei ZuwanderInnen aus Drittstaaten fest.

 

Nettohaushalts-Einkommen von TürkInnen und Ex-JugoslawInnen
Das Institut für qualitative Marktforschung (IFQM) hat das Nettohaushalts-Einkommen von Personen mit türkischem und ex-jugoslawischem Migrationshintergrund in der Studie „IFQM EthnoBus“ analysiert. Befragt wurden dabei Ende 2011 jeweils 250 Frauen und Männer mittels Face-to-Face-Interviews. 50 Prozent der Personen hatten einen türkischen, 33 einen serbischen, zehn einen bosnischen und sieben Prozent einen kroatischen Migrationshintergrund.

 

Unter den türkischen MigrantInnen hat sich folgende Einkommensverteilung ergeben:

bis 1.250 Euro / 9,0 Prozent
1.251 – 2.000 Euro / 24 Prozent
2.001 – 2.500 Euro / 24 Prozent
2.501 – 3.000 Euro / 15 Prozent
3.001 – 3.500 Euro / 12 Prozent
3.501 – 4.000 Euro / 11 Prozent
mehr als 4.000 Euro / 5,0 Prozent
(Durchschnittliche Haushaltsgröße der Befragten: 3,6 Personen)

Unter den Personen mit bosnisch-kroatisch-serbischem Migrationshintergrund ergab sich Folgendes:
bis 1.250 Euro / 8,0 Prozent
1.251 – 2.000 Euro / 18 Prozent
2.001 – 2.500 Euro / 15 Prozent
2.501 – 3.000 Euro / 19 Prozent
3.001 – 3.500 Euro / 11 Prozent
3.501 – 4.000 Euro / 16 Prozent
mehr als 4.000 Euro / 13 Prozent
(Durchschnittliche Haushaltsgröße der Befragten: 2,6 Personen)

 

Große Differenzen bei Lebensstandard

August Gächter vom Zentrum für soziale Innovation (ZSI) hat für die MSNÖ den mittleren Lebensstandard von ausgewählten Herkunftsgruppen von 2006 bis 2010 in Österreich ausgewertet. Als Herkunftsmerkmal wurde dabei entweder das Geburtsland oder die Staatsbürgerschaft herangezogen (auch wenn es eine frühere oder zweite Staatsangehörigkeit ist). Die Daten stammen dabei aus der EU-SILC-Studie 2010 und sind ungefähre Richtwerte.

 

Mittlerer Lebensstandard der Bevölkerung nach Herkunft und Jahr

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Österreich

 

 

 

 

 

 

 

 

Österreich

EU-15/EFTA

EU-neu

Ex-Jugoslawien (ohne Slowenien)

Türkei

Sonstige

 

2006

19.018

19.800

17.050

15.307

12.354

14.211

 

2007

19.499

19.333

18.970

15.262

13.213

14.196

 

2008

20.450

20.734

19.771

15.361

13.350

14.091

 

2009

21.377

21.889

16.795

15.840

14.139

13.106

 

2010

21.994

23.294

17.928

17.088

13.778

13.918

 

             

 

In der Tabelle zeigt sich, dass je nach Herkunft von einem unterschiedlich hohen Lebensstandard ausgegangen wird und dieser auch unterschiedlich schnell wächst. Im Jahresverlauf 2006 bis 2010 steigt der mittlere Lebensstandard fast aller Gruppen zumindest in den meisten Jahren an. Bei den Personen österreichischer Herkunft wächst er mit jedem Jahr weiter an.
 
Bei Menschen aus einem EU- bzw. EFTA-Land bricht der Lebensstandard im Jahr 2007 kurz ein. Interessant ist, dass diese Personengruppe im Jahr 2010 mit 23.294 Euro einen höheren Lebensstandard aufweist als die „österreichische Gruppe“ mit 21.994 Euro. Diese „Überholspur“ zeichnet sich in diesem Zeitvergleich bereits ab dem Jahr 2008 ab.
 
Auch Personen aus den neuen EU-Staaten weisen einen Einbruch im Jahr 2009 auf. Dieser fällt mit einem Minus von 2.976 Euro besonders stark aus. Auch hier muss aber auf die statistische Bandbreite verwiesen werden. Dieser Einbruch wird auch weit weniger stark ausgeglichen als jener bei den Personen aus EU-/EFTA-Staaten.
 
Menschen ex-jugoslawischer Herkunft konnten im Jahr 2010 ihren Lebensstandard mit einem Sprung von 15.840 Euro im Jahr 2009 auf 17.088 erheblich verbessern.
 
2010 bildeten Personen aus der EU bzw. der EFTA die Spitze, gefolgt von jenen aus den neuen EU-Staaten und Ex-Jugoslawien, die ungefähr gleichauf liegen. Menschen türkischer Herkunft erreichen ihr Hoch im Jahr 2009 mit 14.139 Euro und sind damit in dieser Auswertung die Gruppe mit dem niedrigsten Lebensstandard.
 

Unterschiede bei Haushaltsausgaben und Konsumverhalten

Für 2009/10 kann die Statistik Austria Angaben zu den monatlichen Haushaltsausgaben von ÖsterreicherInnen und im Ausland Geborenen machen. Im arithmetischen Mittel haben demnach 2009/10 in Österreich Geborene monatliche Haushaltsausgaben von 2.960 Euro getätigt. Bei in EU-Staaten Geborenen betrugen diese 2.620, bei in Nicht-EU-Staaten Geborenen 2.410 Euro.

 

Eine Umfrage des Markt- und Meinungsforschungsinstituts Ethnoopinion weist auf, dass MigrantInnen und Nicht-MigrantInnen unterschiedliche Geschäfte und Marken bevorzugen. Das ist etwa beim Lebensmittelkauf und Baumärkten der Fall. 

 

MigrantInnen aus EU-/EFTA-Staaten sind ähnlich ausreichend mit Konsumgütern ausgestattet wie Personen, die von Geburt an die österreichische Staatsbürgerschaft haben. Menschen aus Drittstaaten und eingebürgerte ÖsterreicherInnen müssen wesentlich öfter gezwungenermaßen verzichten. Das geht aus der EU-SILC-Studie 2008 hervor. So stand 2008 etwa ein PC für mindestens dreimal so viele nicht zur Verfügung wie für ÖsterreicherInnen. Über ein Viertel der Drittstaatsangehörigen und 17 Prozent der Eingebürgerten hatte 2008 aus Geldmangel keinen Internetzugang.

 

 

 Weiterführende Informationen und Kontakte:

 

August Gächter, Zentrum für soziale Innovation (ZSI); presse@zsi.at, Tel: 01/ 495 04 42 – 53

 

Institut für qualitative Marktforschung (IFQM); Christian Führer, christian.fuehrer@qualitative.at, Tel: 0680 133 84 10

 

Statistik Austria; presse@statistik.gv.at, Tel: 01/ 71128-7777 

 

Ethnopinion; office@ethnopinion.at

 

Regio Data Research – Regionale Wirtschaftsdaten für Europa

 

Der Integrationsbericht 2011 in der iBibliothek

 

Eurostat – Statistisches Amt der Europäischen Union

 

 

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