Etwa 40.000 Roma und Sinti leben in Österreich

Factbox

  • Roma in Österreich sind keine homogene Gruppe
  • Es gibt die Burgenland-Roma, Sinti, Lovara, Kalduraš und Gubet sowie Arlije
  • 1993 in Österreich als Volksgruppe anerkannt
  • Roma haben ihre eigene Sprache, gelten jedoch nicht als Nation
  • Das Vereinsleben ist vielfältig und konzentriert sich auf Wien und Burgenland
  • 95 Prozent der rund zehn bis zwölf Millionen Roma weltweit sesshaft

 

Roma und Sinti leben schon seit dem 15. Jahrhundert in Österreich. Heute sind sie als Volksgruppe anerkannt und fast alle sesshaft. Dennoch werden Roma in der öffentlichen Diskussion immer wieder als „umherziehend“ dargestellt. Oft sind Beschreibungen negativ konnotiert, etwa wenn Roma als „Diebes- und Bettelbanden“ herhalten müssen. 

 

„Die Roma“ gibt es eigentlich nicht: Zwar teilen die einzelnen Untergruppen eine gemeinsame Sprache, ihre (Migrations-) Geschichte und Religionsbekenntnisse sind aber vielfältig. Die Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen (MSNÖ) liefert anlässlich des „Internationalen Tages der Roma“ (8. April) einen Überblick.

 

Statistisch schlecht erfasst

Rund 40.000 Roma und Sinti leben laut Rudolf Sarközi, Präsident des Volksgruppenbeirats der österreichischen Roma, in Österreich. Es handle sich dabei um Schätzungen, genaue Zahlen gebe es keine, betonte Sarközi gegenüber der MSNÖ. Da die Roma nicht als eigene Nation gelten, werden sie in nationalen Statistiken entweder als StaatsbürgerInnen ihres eigenen bzw. des Aufenthaltslandes ihrer Vorfahren erfasst oder als Staatenlose.

 

Der letzte statistische Anhaltspunkt für Österreich stammt aus 2001: Die Statistik Austria zählte damals all jene, die als Umgangssprache Romanes angegeben hatten. Exakt 6.273 waren es, davon 4.348 österreichische StaatsbürgerInnen.

 

Inhomogene Gruppe, vielfältige Migrationsgeschichte

Die in Österreich lebenden Roma bestehen aus fünf Untergruppen: Burgenland-Roma, Sinti, Lovara, Kalduraš und Gubet sowie Arlije. Jede Gruppe hat ihre eigene (Migrations-)Geschichte und Kultur.

 

Während etwa Burgenland-Roma, Sinti und Lovara bereits seit Jahrhunderten auf dem Gebiet des heutigen Österreichs leben und seit 1993 als eigene Volksgruppe anerkannt sind, kamen Kalduraš, Gubet und Arlije erst in den 1960er Jahren als GastarbeiterInnen nach Österreich. Auch in ihrem Religionsbekenntnis unterscheiden sich die einzelnen Gruppen. Es richtet sich meist nach der Mehrheitsreligion im letzten Emigrationsland, weshalb es in Österreich katholische, protestantische, orthodoxe und muslimische Roma gibt.

 

Gemeinsam ist den Roma die Erfahrung von Diskriminierung und Ausgrenzung, die im Nationalsozialismus ihren Höhepunkt erreichte. Von den rund 11.000 österreichischen Roma im Jahr 1938 überlebten nur zehn Prozent den Zweiten Weltkrieg. In Österreich wurde nach Kriegsende die Politik der Ausgrenzung lange fortgesetzt, Roma-Siedlungen waren nur am Stadtrand erlaubt.

 

Seit Ende der 1980er auch illegale Migration

Seit dem Ende der kommunistischen Regime in Osteuropa Ende der 1980er Jahre und dem Beginn der Jugoslawien-Kriege Anfang der 1990er Jahre kam es zu einer verstärkten Zuwanderung von Roma-Familien aus Ost- und Südosteuropa. Diese Gruppe ist demographisch nicht erfasst. Aussagen über ihre Größe sind daher schwierig. Schätzungen, die von 40.000 Roma in Österreich ausgehen, beziehen allerdings auch sie mit ein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quelle: Romani Projekt, Uni Graz, Übersetzung: Servicestelle Politische Bildung

 

Eigene Sprache, aber keine Nation

Die Sprache der Roma wird Romanes oder Romani genannt. Sie hat – da die Roma ursprünglich aus Indien stammen – ihren Ursprung in den indischen und indoeuropäischen Sprachen. Obwohl jede Roma-Gruppe ihren eigenen Dialekt spricht, ist eine Verständigung untereinander möglich. Romanes war lange eine ausschließlich gesprochene Sprache, erst in letzter Zeit gibt es Bemühungen die Sprache zu kodifizieren, um einen Sprachunterricht zu erleichtern und die Sprache so vor dem Vergessen zu bewahren.

 

Da die Roma keinen eigenen Staat haben, zählt Romanes zu den sogenannten nicht-territorialen Sprachen. Als solche wurde sie 1992 vom Europarat anerkannt. In Österreich wird an den Volksschulen in Ober- und Unterwart, der Hauptschule und der Volkshochschule der burgenländischen Roma in Oberwart sowie an der Uni Graz Romanes-Unterricht angeboten.

 

Die Roma gelten nicht als Nation. Sie verfügen aber über ihre eigene Flagge und Hymne und besitzen seit 1979 einen speziellen Beobachterstatus in der UNO. Seit 2008, als der siebente Welt-Roma-Kongress im kroatischen Zagreb einen “Roma Nation Building Action Plan” verabschiedet hat, bemüht sich die Internationale Roma Union verstärkt um die Anerkennung als Nation. Der Volksgruppenbeirat der österreichischen Roma lehnt den Nationenstatus allerdings klar ab: Sie seien ÖsterreicherInnen, eine eigene Roma-Nation würde nur dazu führen, dass sich die Staaten noch weniger für die Roma verantwortlich fühlten, sagt Sarközi.

 

Lange Zeit keine gemeinsame Interessensvertretung
Da die österreichischen Roma nicht homogen sind und die einzelnen Gruppen immer wieder für sich in Anspruch nehmen, alleinige Vertreter des “wahren Romatums” (=Romanipe) zu sein, gab es lange Zeit keine gemeinsame Organisation. Auch die Anerkennung als Volksgruppe scheiterte lange an einer fehlenden gemeinsamen Interessensvertretung. Erst mit der Gründung des Vereins “Roma Oberwart” 1989 und des “Kulturvereins Österreichischer Roma” 1991 entstanden die ersten Organisationen, die im Namen aller Roma mit der Regierung verhandeln konnten.

 

Lernhilfe, Sprachunterricht und Musik

Der Kulturverein Österreichischer Roma mit Sitz in Wien ist heute ident mit dem Volksgruppenbeirat und wird von Rudolf Sarközi geleitet. Als offizielle Interessensvertretung der österreichischen Roma betreut der Verein die Vergabe der Mittel aus der Volksgruppenförderung und veranstaltet den jährlichen Roma-Ball.

 

“Romano Centro” ist ebenfalls in Wien angesiedelt. Der Verein bietet Lernhilfe für PflichtschülerInnen an, beschäftigt Roma-SprachassistentInnen an fünf Wiener Volksschulen und betreibt seit 2011 die “Vienna Gypsy Music School”, eine Musikschule für Roma- und Sintimusik. Romano-Centro setzt sich verstärkt für jene Roma ein, die als GastarbeiterInnen oder Flüchtlinge nach Österreich kamen.

 

Die burgenländischen Vereine “Roma Service” und “Roma Oberwart” bieten Lernhilfe, Romanes-Unterricht und Beratung an. Roma Service hat dafür einen eigenen Bus, der als rollendes Klassenzimmer fungiert und regelmäßig in 20 burgenländischen und niederösterreichischen Roma-Siedlungen Station macht. Der Linzer Verein “Ketani” vertritt besonders die Interessen der Sinti und hat mit den “Ketani Kickers” sein eigenes Fussballteam.

 

Zweisprachige Zeitschriften und Radiosendungen
Zahlreiche Roma-Vereine geben eigene Zeitschriften heraus. Sie erscheinen meist vierteljährlich und sind zweisprachig verfasst: “dROMa” des Roma Service, “Romano Centro” des gleichnamigen Kulturvereins und “Romani Patrin” der Roma Oberwart. Lediglich die Zeitschrift des Kulturvereins Österreichischer Roma, “Romano Kipo”, erscheint nur auf Deutsch, “Mri nevi Mini Multi”, die Kinderzeitschrift von Roma Service, nur auf Romanes.

 

Im Rundfunk ist die Roma-Community mit zwei Sendungen vertreten: jeweils montags strahlt Radio Burgenland die Sendung “Roma Sam” und das Ö1-Campus “Radio Kaktus” aus.

 

Durchreiseplätze für verbleibende „Dienstleistungsnomaden“

Ursprünglich lebten Roma als “Dienstleistungsnomaden” und übten Berufe wie Kesselflicker, Korbflechter oder Musiker aus. Heute sind allerdings 95 Prozent der rund zehn bis zwölf Millionen Roma weltweit sesshaft. Für die wenigen, die noch von Ort zu Ort reisen, gibt es in Österreich zwei sogenannte Durchreiseplätze. Beide liegen in Oberösterreich, einer in Braunau/Inn und einer in Linz. Roma-Familien können dort gegen eine Gebühr von zehn Euro pro Tag ihren Wohnwagen abstellen und bekommen Wasser und Strom.

 

 

Weiterführende Informationen und Kontakte:

 

Volksgruppenbeirat/ Kulturverein Österreichischer Roma; Tel. 01/310 64 21, office@kv-roma.at

 

Romani Projekt; Forschungsprojekt der Universität Graz zu den österreichischen Roma

 

Unterrichtsmaterialen der Servicestelle Politische Bildung zu den Roma in Österreich

 

Der Verein Roma Service in Kleinbachselten, Burgenland, gibt die Zeitungen dROMa und Mri nevi Mini Multi heraus und betreut den Roma-Info-Blog „dROMa„; Tel. 03366/78634, office@roma-service.at

 

Der Verein Roma Oberwart ist Herausgeber der Zeitschrift Romani Patrin; Tel. 03352/33059, office@verein-roma.at

 

Die Volkshochschule der burgenländischen Roma in Oberwart bietet Kurse zu Kultur, Geschichte und Sprache der Roma; Tel. 03352/33940, office@vs-roma.eu

 

Romano Centro gibt eine gleichnamige Zeitschrift heraus und betreibt die erste österreichische Schule für Roma- und Sintimusik, Vienna Gypsy Music School; Tel. 01/7496336, office@romano-centro.org

 

Die Vienna Gypsy Music School ist im Wiener Amerlinghaus beheimatet und wird von Ivanca Muncan geleitet; Tel. 0681/20164254, musikschule@romano-centro.org

 

Der Linzer Verein Ketani war maßgeblich bei der Errichtung des Linzer Durchreiseplatzes am Pichlingersee beteiligt und hat ein eigenes Fussballteam, die Ketani Kickers; Tel. 0732/318431, verein.ketani@aon.at

 

Radio Kaktus wird jeden Montag um 19:15 Uhr auf Ö1-Campus ausgestraht, Roma Sam ebenfalls am Montag um 20:50 Uhr auf Radio Burgenland

 

 

 

 

 

 

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