Studie: MigrantInnen am Arbeitsmarkt benachteiligt

Factbox

  • 33 Prozent der MigrantInnen arbeiten unter ihrem Ausbildungsniveau
  • Menschen mit Migrationshintergrund verdienen weniger
  • 67 Prozent der MigrantInnen haben keinen österreichischen Abschluss
  • Selbst erfolgreiche Nostrifikation führt nicht immer zur Verbesserung
  • MigrantInnen haben schlechtere Aufstiegsmöglichkeiten

 

MigrantInnen in Wien sprechen im Durchschnitt mehrere Sprachen als autochthone ÖsterreicherInnen (siehe auch Artikel „Wiener MigrantInnen: Hohe Sprachkompetenz“), viele verfügen über eine sehr gute Ausbildung – aber dennoch sind sie am österreichischen Arbeitsmarkt benachteiligt: 33 Prozent der MigrantInnen werden unterhalb ihres Ausbildungsniveaus eingesetzt. Zum Vergleich: Bei den autochthonen ÖsterreicherInnen sind es 11,0 Prozent.

 

Das ist eines der zentralen Ergebnisse der von der Arbeiterkammer Wien in Auftrag gegebenen und von der L&R Sozialforschung durchgeführten Studie “Beschäftigungssituation von Personen mit Migrationshintergrund in Wien”. Für die Studie wurden 2.300 Personen befragt, davon etwa 2.000 MigrantInnen der Ersten und Zweiten Generation aus elf Herkunftsregionen.

 

Dequalifizierung weiterhin Problem

Das Problem der Dequalifizierung von MigrantInnen wird in der Studie abermals bestätigt. Im Vergleich mit ihren autochthon-österreichischen KollegInnen sind MigrantInnen wesentlich häufiger als HilfsarbeiterInnen oder angelernte Arbeitskräfte beschäftigt – selbst wenn sie über Matura oder einen Universitätsabschluss verfügen.

 

   höchstens Pflichtschulabschluss  Matura  Universitätsabschluss
 MigrantInnen  90% 64% 25%
 autochthone ÖsterreicherInnen  56% 12% 3%

Anteil von Beschäftigten in Hilfstätigkeiten und angelernten Tätigkeiten nach höchstem Abschluss, Quelle: L&R Sozialforschung, eigene Darstellung

 

Auch subjektiv haben MigrantInnen öfter das Gefühl, für ihren Beruf überqualifiziert zu sein. 31 Prozent der Migranten und 34 Prozent der Migrantinnen geben an, sich überqualifiziert zu fühlen. Von den autochthonen Österreichern sagen dies nur 7,0, von den Österreicherinnen 14 Prozent. (Zur Problematik der Dequalifizierung siehe auch: Dequalifizierung von MigrantInnen am Arbeitsmarkt).

 

Große Unterschiede beim Einkommen

Die Einkommensunterschiede sind laut Studie deutlich: Während 20 Prozent der Beschäftigten ohne Migrationshintergrund auf ein monatliches Nettoeinkommen von über 2.400 Euro kommen, sind es bei MigrantInnen nur 5,0 Prozent.

 

Gleichzeitig zeigt sich bei den unteren Einkommen das umgekehrte Bild: Auf einen Verdienst von höchstens 1.400 Euro im Monat kommen 20 Prozent der Beschäftigten ohne Migrationshintergrund, bei den MigrantInnen sind es fast 60 Prozent.

 

Nostrifikationen – Erwartungen nicht immer erfüllt

Ein wesentlicher Grund für die Benachteiligung am Arbeitsmarkt: Probleme bei der Anerkennung und Anrechnung von im Ausland erworbenen Qualifikationen. Obwohl laut Arbeitskräfteerhebung (2008) 87 Prozent der Nostrifikations-Ansuchen bewilligt werden, erfüllen sich die Erwartungen nicht für alle MigrantInnen. So zeigt die AK-Studie, dass es 44 Prozent auch nach einem Ansuchen auf Nostrifikation nicht gelungen ist, in ihrem erlernten Beruf Fuß zu fassen.

 

67 Prozent der Befragten geben an, über keinen österreichischen Abschluss zu verfügen (Schul- und Universitätsabschlüsse, aber auch berufliche Abschlüsse wie Lehre oder berufsbildende Schulen). Je jünger die MigrantInnen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie ein österreichisches Diplom besitzen: Während 91 Prozent der Über-45-Jährigen keinen österreichischen Abschluss haben, sind es bei den Unter-24-Jährigen nur 25 Prozent.

 

Auch nach Herkunftsland variiert die Anzahl der Abschlüsse stark: MigrantInnen aus EU-Mitgliedsstaaten und von den Philippinen haben nur sehr selten ihre Ausbildung in Österreich abgeschlossen, jene aus dem Iran und der Türkei wesentlich häufiger.

 

Von einer Nostrifikation erwarten sich die MigrantInnen vor allem die Möglichkeit, ihren erlernten Beruf auszuüben. Zudem steht die Hoffnung auf Arbeitsplatzsicherheit ganz oben auf der Liste.

 

Erwartungen von MigrantInnen an die Nostrifikation, Quelle: L&R Sozialforschung

 

Frauen und FacharbeiterInnen an der Spitze

17 Prozent der befragten MigrantInnen ohne österreichischen Abschluss stellten bisher einen Antrag auf Nostrifikation, also auf Anerkennung ihrer ausländischen Qualifikationen in Österreich. Generell suchten etwas mehr Frauen als Männer an. Vor allem Migrantinnen aus dem arabischen Raum (29 Prozent), China (23 Prozent) und dem übrigen Asien (28 Prozent) wollten ihre Diplome anerkannt haben. Nachzügler waren mit vier Prozent MigrantInnen aus Deutschland und den Philippinen sowie aus der Türkei (fünf Prozent).

 

Am häufigsten suchten FacharbeiterInnen um Nostrifikation an (39 Prozent). Mit 25 und 21 Prozent war das Interesse bei MigrantInnen in höheren oder führenden Tätigkeiten geringer. Nur sehr selten wollten HilfsarbeiterInnen (10,0 Prozent) und angelernte ArbeiterInnen (7,0 Prozent) ihre Ausbildung anerkannt haben.

 

Im Gesundheits-, Lehr- und Kulturbereich bemühte sich laut Studie nahezu die Hälfte (42 Prozent) aller migrantischen Beschäftigten um eine Anerkennung ihrer Ausbildung. Es handelt sich dabei großteils um KrankenpflegerInnen und SozialarbeiterInnen. Auch im technischen Bereich strebten mit 31 Prozent viele MigrantInnen eine Nostrifikation an.

 

Bildungsabschlüsse nähern sich Mehrheitsgesellschaft an

Die Zahl jener mit Matura oder Universitätsabschluss ist bei MigrantInnen und autochthonen ÖsterreicherInnen etwa gleich hoch. Unterschiede gibt es hingegen bei Pflichtschul- und mittleren Abschlüssen: MigrantInnen haben seltener eine Lehre oder mittlere berufsbildende Schule absolviert, öfter als autochthone ÖsterreicherInnen besitzen sie lediglich einen Pflichtschulabschluss.

 

 

Höchste abgeschlossene Ausbildung, Quelle: L&R Sozialforschung

 

Allerdings ist die Qualifikationsstruktur alters- und generationenabhängig. Haben etwa bei den Über-46-Jahrigen 38 Prozent der Migrantinnen und 20 Prozent der Migranten höchstens einen Pflichtschulabschluss, kehren sich die Verhältnisse bei den Unter-24-Jährigen um: Nur noch 24 Prozent der Migrantinnen, aber 31 Prozent der Migranten haben höchstens die Pflichtschule abgeschlossen.

 

Kaum mehr erkennbar sind Unterschiede in der Zweiten Generation. Die Anzahl der MigrantInnen mit Lehre, mittlerer Schule oder Matura steigt hier an, so dass kaum mehr Unterschiede zur Qualifikationsstruktur der Mehrheitsgesellschaft bestehen.  

 

Anstellungsverhältnisse bei MigrantInnen unstabiler

Rund drei Viertel der MigrantInnen sind – ebenso wie autochthone ÖsterreicherInnen – im Dienstleistungssektor beschäftigt. Frauen häufiger als Männer, die noch stärker im industriellen Sektor tätig sind. Im Gegenzug arbeiten autochthon-österreichische (46 Prozent) sowie migrantische Frauen (41 Prozent) öfter Teilzeit.

 

Unterschiede gibt es jedoch in der Stabilität der Anstellungsverhältnisse. 45 Prozent der MigrantInnen geben an, seit dem Jahr 2000 bereits einmal von Arbeitslosigkeit betroffen gewesen zu sein. Bei den autochthonen ÖsterreicherInnen waren es elf Prozent. Auch von speziellen Arbeitszeitregelungen sind MigrantInnen häufiger betroffen: 50 Prozent der MigrantInnen arbeiten während der Nacht, an Wochenenden oder Feiertagen bzw. in Schicht- und Turnusdiensten. Bei den autochthonen ÖsterreicherInnen sind es 31 Prozent.

 

Schlechtere Aufstiegsmöglichkeiten

MigrantInnen schätzen ihre beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten etwas schlechter ein als autochthone ÖsterreicherInnen. Nach dem Schulnotensystem würden letztere diese mit 3 beurteilen, ihre migrantischen KollegInnen mit 3,3. In der Realität dürfte diese Einschätzung für die Mehrheit der MigrantInnen laut den Studienergebnissen jedoch nicht zutreffen: Gut ein Drittel aller MigrantInnen, die selbst nicht in führenden Positionen beschäftigt sind, hat migrantische Vorgesetzte.

 

Für MigrantInnen von den Philippinen (54 Prozent), aus dem Iran (51 Prozent) oder den EU-15 (49 Prozent) trifft dies besonders häufig zu. Beschäftigte mit türkischem Migrationshintergrund scheinen hingegen eher in Betrieben zu arbeiten, in denen die Aufstiegsmöglichkeiten für MigrantInnen schlechter sind. Nur 22 Prozent geben an, migrantische KollegInnen in führenden Positionen zu haben.

 

Besonders häufig finden sich MigrantInnen in führenden Positionen im Bereich der Information und Kommunikation (53 Prozent) sowie im Gesundheits- und Sozialwesen (50 Prozent). Eher gering ist ihr Anteil in den Sparten Kunst, Unterhaltung und Erholung (25 Prozent) sowie Erziehung und Unterricht (24 Prozent).

 

Weiterführende Informationen und Kontakte:

 

Studie Beschäftigungssituation von Personen mit Migrationshintergrund in Wien in der iBibliothek

 

Durchgeführt wurde die Studie von der L&R Sozialforschung (Lechner, Reiter & Riesenfelder Sozialforschung OEG);

Tel.: +43 (1) 595-40-40-0

 

StudienautorInnen: Andreas Riesenfelder, riesenfelder@lrsocialresearch.at, Susanne Schelepa schelepa@lrsocialresearch.at und Petra Wetzel wetzel@lrsocialresearch.at von der L&R Sozialforschung

 

Projektleiterin der Studie ist Asiye Sel, AK Wien-Referenin in der Abteilung Frauen und Familie; asiye.sel@akwien.at

 

AK Wien Kommunikation, Ute Bösinger; Tel.: (+43-1) 501 65-2779, ute.boesinger@akwien.at

 

Artikel der Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen (MSNÖ) zu den Ergebnissen der Studie im Bereich Sprachkompetenzen: „Wiener MigrantInnen: Hohe Sprachkompetenz“

 

Artikel der MSNÖ: Schulerfolg und Bildungsverhalten von MigrantInnen

 

Artikel der MSNÖ: Beschäftigte mit Migrationshintergrund

 

www.pdf24.org    Sende Artikel als PDF   

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