Geschichte der Zuwanderung von GastarbeiterInnen

 

Factbox

  • Am 28. Dezember 1961 wurde das Raab-Olah-Abkommen unterzeichnet
  • Führte zu Anwerbe-Abkommen mit der Türkei (1964) und Jugoslawien (1966)
  • Etwa 230.000 GastarbeiterInnen bis 1973 – danach Anwerbestopp
  • Anfangs durchwegs positive Stimmung gegenüber GastarbeiterInnen
  • Knapp 80 Prozent der GastarbeiterInnen sind am Land aufgewachsen

Am 28. Dezember 1961 haben die österreichischen Sozialpartner den Grundstein für die späteren Zuzüge von GastarbeiterInnen gelegt. Der damalige ÖGB-Präsident und spätere Innenminister Franz Olah schloss ein Abkommen mit dem Präsidenten der Wirtschaftskammer und früheren Bundeskanzler Julis Raab – bekannt als Raab-Olah-Abkommen.

“Vor dem Raab-Olah-Abkommen war die Zulassung von ausländischen Arbeitskräften am Arbeitsmarkt ein unheimlich schwieriges Verfahren,” sagt Wirtschaftshistoriker Felix Butschek der Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen. Die Sozialpartner mussten alle ArbeiterInnen einzeln prüfen und bewilligen. Der Hintergrund dieser Einstellung war, den möglichen Druck am Arbeitsmarkt durch ausländische ArbeiterInnen zu unterbinden.

„Goldene Zeit“

Anfang der 1960er Jahre – der “goldenen Zeit”, wie Butschek sie nennt, – begann sich die Arbeitsmarktsituation grundlegend zu ändern. Die Arbeitslosenzahlen sanken kontinuierlich und das reale Wirtschaftswachstum erreichte bis zu sechs Prozent. Daher entstand eine Nachfrage nach zusätzlichen Arbeitskräften. Hinzu kam, dass nach Ende des Zweiten Weltkrieges über 100.000 österreichische ArbeiterInnen (die genauen Zahlen variieren) auswanderten.

Aufbauend auf dem Raab-Olah-Abkommen wurden in den 1960er Jahren zwischenstaatliche Verträge geschlossen, um die Anwerbung von GastarbeiterInnen zu institutionalisieren und kontrollierbarer zu machen. Dem ersten – erfolglosen – Anwerbe-Abkommen mit Spanien im Jahr 1962 folgen die Abkommen mit der Türkei 1964 und Jugoslawien 1966.

Anfangs vor allem Saisonarbeit

Das Raab-Olah-Abkommen sah nicht explizit vor, dass GastarbeiterInnen wieder zurückkehren. “Das war dem Marktzyklus unterworfen”, sagt Butschek. Die meisten GastarbeiterInnen arbeiteten in den ersten Jahren saisonal von Frühjahr bis Spätherbst. In der Zeit dazwischen, als es keine Arbeit gab, gingen sie wieder in ihre Heimat zurück. Dieser Marktmechanismus legte nahe, dass viele GastarbeiterInnen nicht dauerhaft bleiben würden. Dieses Rotationsprinzip funktionierte allerdings nicht auf Dauer.

Einerseits holten GastarbeiterInnen ihre Familien nach und gingen daher im Winter nicht mehr zurück. Andererseits waren viele Firmen nicht bereit, jedes Jahr neue Arbeitskräfte einzuschulen, weshalb dauerhafte Arbeitsverträge geschlossen wurden.

 

Kontingent jährlich verhandelt

Das Raab-Olah-Abkommen legte fest, wie viele GastarbeiterInnen der österreichische Arbeitsmarkt brauchen würde. Differenziert wurde nach Bundesländern und Branchen. Die Sozialpartner verhandelten dieses Kontingent jährlich neu. In den ersten Jahren nach 1961 kamen stets zu wenige ArbeiterInnen. 1962 gab es die erste Kontingentvereinbarung: 37.120 GastarbeiterInnen waren vorgesehen, tatsächlich kamen nur rund 17.000. 1966 sah das Kontingent 65.194 GastarbeiterInnen vor, gekommen sind etwa 51.500.

“In den späteren 60er Jahren spielte die Kontingentvereinbarung keine tragende Rolle mehr. Es kamen mehr GastarbeiterInnen als vorgesehen, weil trotz Zuwanderung die Arbeitslosenquote immer weiter sank und deshalb auch großzügiger GastarbeiterInnen aufgenommen wurden”, erklärt Butschek.

Erteilte Beschäftigungsgenehmigungen für AusländerInnen:

  AusländerInnen Jahresdurchschnitt Zugänge
Erstanträge
Abgänge
Jahressumme
1964 26.100 37.329
1965 37.300 54.894 21.815
1966 51.500 69.707 50.100
1967 66.200 70.987 56.206
1968 67.500 67.328 62.601
1969 87.700 92.763 59.842
1970 111.715 109.549 76.128
1971 150.216 125.848 112.567
1972 187.065 152.531 142.128
1973 226.801 166.102 159.723
1974 222.327 92.854 105.697
1975 191.011 51.602 59.773
1976 171.673 47.278 50.437
1977 188.863 52.721 52.001
1978 176.709 34.493 37.791
1979 170.592 36.186 37.367
1980 174.712 44.154 43.831
1981 171.773 39.811 41.203
1982 156.000 32.881 35.598

Eigene Darstellung; Quelle: Bundesministerium für Soziale Verwaltung: „Ausländische Arbeitnehmer in Österreich“, Forschungsberichte aus Sozial- und Arbeitsmarktpolitik Nr.9; 1985

83 Prozent „froh“ über GastarbeiterInnen

Rechtlich gesehen war es für AusländerInnen jedenfalls kein Problem, eine Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, so sie der Arbeitsmarkt laut Kontigentvereinbarung “brauchte”. Die Kontingentvereinbarung sah außerdem vor, dass GastarbeiterInnen nicht weniger Gehalt als ÖsterreicherInnen bekommen dürfen und eine Unterkunft haben müssen.

Die Einstellung gegenüber GastarbeiterInnen war durchwegs positiv. Anfang der 1970er Jahre sagten laut dem Buch „Gastarbeiter: Wirtschaftliche und soziale Herausforderung“ 83 Prozent der ÖsterreicherInnen: „Wir müssen froh sein, dass ausländische Arbeitskräfte nach Österreich kommen, denn es fehlen überall Arbeitskräfte“.

Höchststand 1973

1973 erreichte die Zuwanderung mit rund 230.000 beschäftigten GastarbeiterInnen und einem Anteil von 8,7 Prozent an den Beschäftigten ihren vorläufigen Höhepunkt. Im selben Jahr änderte sich aber auch das politische Klima. Im Zuge der Erdölkrise und der darauf folgenden Rezession kam es zu einem Anwerbestopp. GastarbeiterInnen wurden jedoch nicht aktiv zurückgeschickt.

“Um die Zahl der GastarbeiterInnen zu reduzieren reichte es, saisonal arbeitende Ausländer nach 1973 nicht mehr nach Österreich zu lassen”, so Butschek. In den Rezessionsjahren 1974/75 wurden österreichweit rund 70.000 Arbeitsverträge nicht mehr verlängert. Kurzfristig kam es zu einem Rückgang der Zahl an AusländerInnen. Langfristig stieg diese jedoch konstant, da bereits niedergelassene GastarbeiterInnen immer häufiger ihre Familien nachholten.

Quelle: Statistik Austria, Bevölkerung nach Staatsangehörigkeit und Geschlecht, 1951 bis 2001; Detaillierte Auflistung hier

Anwerbung in Heimatländern und Mundpropaganda

Mit den Abkommen mit der Türkei und Jugoslawien sollte die Anwerbung in den Gastländern institutionalisiert werden.

In den Heimatländern der GastarbeiterInnen waren offiziell die Arbeitsämter für die Anwerbung zuständig. Der Sinn dahinter war, dass GastarbeiterInnen schon im Heimatland hinsichtlich ihrer Eignung ausgewählt werden. Die Anwerbestellen versuchten daher, die Qualifikationswünsche zu standardisieren. Eine Voraussetzung war jedenfalls ein ärztliches Attest: GastarbeiterInnen mussten gesund sein. Um sie den Branchen in Österreich entsprechend aufzuteilen, mussten potentielle GastarbeiterInnen auch Berufserfahrungen vorweisen. Die formale Bildung dagegen war kein Kriterium, wobei in manchen Stellen der Türkei zumindest ein Volksschulabschluss vorausgesetzt wurde.

 

Auch die Visafreiheit für die Türkei und Jugoslawien führten zu einem weiteren Zuzug von GastarbeiterInnen. Dadurch konnten die MigrantInnen drei Monate lang in Österreich eine Arbeit suchen. Wenn sie eine Stelle gefunden hatten, bekamen sie in der Regel auch eine Aufenthaltsbewilligung. Die Visafreiheit war so ein Faktor, dass GastarbeiterInnen auch außerhalb des formalen Anwerbe-Weges kamen.

In den frühen 1960er Jahren versuchten zudem österreichische Unternehmen direkt in den Heimatländern Arbeitskräfte anzuwerben. Auch die Vermittlung von Arbeitskräften durch schon ausgewanderte MigrantInnen im Auftrag von Firmen war eine Form der Anwerbung. Sie verlor jedoch an Bedeutung, da informelle Vermittlungen durch Verwandte und Bekannte wichtiger wurden. Arbeitsmigranten selbst wurden zu unabhängigen Informanten für Freunde und Familienangehörige in der alten Heimat. Darüber hinaus versuchten einige auf eigene Faust in Österreich eine Arbeit zu bekommen.

Zu Beginn der 1970 Jahre waren 56 Prozent der befragten türkischen StaatsbürgerInnen durch Vermittlung ihrer Bekannten oder Verwandten nach Österreich gekommen, 41 Prozent über ein Arbeitsamt in der Türkei, wobei 15 Prozent davon von österreichischen Unternehmen angefordert wurden. Die restlichen 3,0 Prozent kamen auf Eigeninitiative. 1983 wurden von den in Österreich befragten ArbeitsmigrantInnen nur noch 34 Prozent der türkischen und 8,7 Prozent der jugoslawischen StaatsbürgerInnen offiziell angeworben.

Auch Auswanderungs-Länder an Arbeitsmigration interessiert

Die Türkei und Jugoslawien hatten verschiedene Gründe, ArbeiterInnen nach Österreich zu schicken. Beiden Ländern gemeinsam ist jedoch, dass durch die Abwanderung die Lage am eigenen Arbeitsmarkt entspannt werden sollte. Außerdem war die Lohndifferenz maßgeblich für die Wanderungen.

In der Türkei kam es in den 1960er Jahren zu einer massiven Landflucht, die Zahl der Erwerbstätigen stieg. Diese Landflucht führte auch zu einer Abwanderung ins Ausland. 78,5 Prozent der 1983 in Österreich befragten GastarbeiterInnen wuchsen auf dem Land auf, 14,4 Prozent in einer kleinen bzw. mittleren Stadt. Die Türkei erhoffte sich außerdem eine Schulung ihrer GastarbeiterInnen im Industriesektor und Deviseneinnamen.

Jugoslawien verstand die Abwanderung von ArbeiterInnen eher als eine Maßnahme, die man wegen steigenden Arbeitslosenzahlen vorübergehend zulassen sollte. Da sich die wirtschaftliche Lage in den Heimatländern aber nicht besserte, wurde eine dauerhafte Rückkehr zunehmend unattraktiv.

Das Bruttosozialprodukt pro Kopf lag 1981 in Österreich bei 10.210 US-Dollar, in Jugoslawien bei 2.790 US-Dollar und in der Türkei gar nur bei 1.540 US-Dollar. Zwischen 1970 und 1981 lag die durchschnittliche Inflation in Österreich bei 6,1 Prozent, in Jugoslawien bei 19,8 Prozent und in der Türkei bei 32,7 Prozent.

Eckdaten aus der Türkei, Jugoslawien und Österreich 1981 (Angaben in Prozent):

Beschäftigte in Sektoren Türkei Jugoslawien Österreich
1. Landwirtschaft 54 29 9
2. Industrie/Gewerbe 13 35 37
3. Dienstleistungen 33 36 54
Arbeitslosigkeit 1983 18 13 4,4
Analphabetismus der Personen über 14 Jahre 1981 40 15 1
Bruttosozialprodukt pro Kopf in US-Dollar 1981 1,540$ 2.790$ 10.210$
Inflation 1970-1981 32,7 19,8 6,1
Jährliches Bevölkerungswachstum 1970-1981 2,3 0,9 0,1

Quelle: Michael John, Albert Lichtblau, 1993, S. 96

 

 

Weiterführende Informationen und Kontakte:

 

 

Bundesministerium für Soziale Verwaltung: „Ausländische Arbeitnehmer in Österreich“; Forschungsberichte aus Sozial- und Arbeitsmarktpolitik Nr.9. 1985

 

Arbeitskreis für ökonomische und soziologische Studien: „Gastarbeiter: Wirtschaftliche und soziale Herausforderung“; Europaverlag, Österreichischer Wirtschaftsverlag. Wien, 1973

 

Michael John, Albert Lichtblau: „Schmelztiegel Wien Einst und Jetzt. Zur Geschichte und Gegenwart von Zuwanderung und Minderheiten“, 2. Auflage, Böhlau. Wien, 1993

 

Michael John, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte Johannes Kepler der Universität Linz michael.john@jku.at Tel: (0)732/2468 8848

 

Hannes Wimmer (Hg.): Ausländische Arbeitskräfte in Österreich, Frankfurt-New York 1986

 

Felix Butschek, Wirtschaftsforscher und -historiker. felix.butschek@wifo.ac.at

Tel: 01/798 26 01 – 0

 

Siehe auch Artikel Neue österreichische Migrationsgeschichte

 

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