GastarbeiterInnen als Wirtschaftsfaktor

Factbox

  • GastarbeiterInnen stärkten in den 1970er-Jahren Konjunktur
  • Höchststand der Gastarbeiterbeschäftigung 1973 mit 8,7 Prozent
  • Rezession: nur 3.500 von 33.000 Entlassenen meldeten sich arbeitslos
  • EU-Binnenmigration heute 46,1 Prozent der Arbeitsmigration nach Österreich
  • Rot-Weiß-Rot-Karte regelt heute Bedingungen für Drittstaaten-Angehörigen

Die wirtschaftliche Situation Österreichs war der Grund, warum am 28. Dezember 1961 der damalige ÖGB-Präsident (und spätere Innenminister) Franz Olah mit dem Präsidenten der Wirtschaftskammer (und früheren Bundeskanzler) Julis Raab als Vertreter der österreichische Sozialpartner das Raab-Olah-Abkommen unterzeichnete.

Denn während in den Staaten des Mittelmeerraums ein Arbeitskräfteüberschuss herrschte, fehlten diese in den Staaten Zentraleuropas. Verschärft wurde diese Situation noch von den über 100.000 ÖsterreicherInnen, die motiviert von besseren Verdienstmöglichkeiten in der Nachkriegszeit emigrierten. Durch das Raab-Olah-Abkommen entstanden, nach dem erfollosen Versuch mit Spanien (im Jahr 1962), in der Folge Anwerbe-Abkommen mit der Türkei (1964) und Jugoslawien (1966).

Wie stark die zentraleuropäischen Nationalökonomien von GastarbeiterInnen abhängig waren, zeigt der Ausländer-Anteil unter unselbstständigen Beschäftigten. In Österreich erreichte die Gastarbeiterbeschäftigung 1973 mit 8,7 Prozent einen Höchststand. Nur in der damaligen BRD (10,8 Prozent) und der Schweiz (26,1 Prozent) waren die Werte noch höher.

  Belgien BRD Dänemark Frankreich1) Niederlande Österreich Schweden Schweiz
1965 6,5% 5,7% 0,8% 6,3% 1,8% 1,6% 4,6% 23,7%
1973 6,8% 10,8% 1,9% 7,3% 3,1% 8,7% 6,3% 26,1%

Ausländeranteil an unselbstständigen Beschäftigten, Quelle: Ausländische Arbeitnehmer in Österreich, Forschungsberichte aus Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, 1985

1) Die Daten stammen aus 1968 und 1975

GastarbeiterInnen verlängern Wirtschaftsaufschwung
Die Auswirkungen der Gastarbeiterbeschäftigung auf die Konjunktur schätzt Ewald Walterskirchen im 1985 vom damaligen Sozialministerium herausgegebenen Band „Ausländische Arbeitnehmer in Österreich“ durchwegs positiv ein. So hätten die GastarbeiterInnen wesentlich dazu beigetragen, den Konjunkturaufschwung in der ersten Hälfte der 1970er Jahre zu verlängern. Denn ohne ausländische ArbeitnehmerInnen wäre es zu einem Kapazitätsengpass in der Produktion gekommen.

In den Rezessionsjahren Mitte der 1970er Jahre dienten die GastarbeiterInnen hingegen als “Konjunkturpuffer”: AusländerInnen wurden vor ÖsterreicherInnen entlassen und federten so die Folgen der schlechten Wirtschaftslage für InländerInnen ab. Der Großteil der Entlassenen ging in die Heimat ging. Von den 1975 entlassenen 33.000 AusländerInnen meldeten sich nur 3.500 in Österreich arbeitslos. Die Gastarbeiterbeschäftigung war jedoch nur anfangs konjunkturabhängig. Zwischen 1974 und 1976 sank der Gastarbeiteranteil um 2,0 Prozent (von 8,4 auf 6,4 Prozent), zwischen 1978 und 1982 war der Rückgang mit 0,8 Prozent (von 6,4 auf 5,6 Prozent) wesentlich geringer.

Jahr GastarbeiterInnen Anteil Jahr GastarbeiterInnen Anteil
1963 21.500 0,9% 1973 226.800 8,7%
1964 26.100 1,1% 1974 222.300 8,4%
1965 37.300 1,6% 1975 191.000 7,2%
1966 51.500 2,2% 1976 171.700 6,4%
1967 66.200 2,8% 1977 188.900 6,9%
1968 67.500 2,9% 1978 176.700 6,4%
1969 87.700 3,7% 1979 170.600 6,2%
1970 111.700 4,7% 1980 174.700 6,3%
1971 150.200 6,1% 1981 171.800 6,1%
1972 187.100 7,4% 1982 156.000 5,6%

Anteil von GastarbeiterInnen an unselbstständig Beschäftigten in Österreich, Quelle: Ausländische Arbeitnehmer in Österreich, Forschungsberichte aus Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, 1985

„Typische“ Berufe entstehen
In Österreich kam es wie in anderen zentraleuropäischen Staaten auch zur Ausbildung von typischen Gastarbeiter-Berufskategorien. In diesen Berufssparten lösten AusländerInnen InländerInnen ab, die zu qualifizierteren Tätigkeiten wechselten. Dies führte wiederum dazu, dass gewisse Branchen wie Bauwesen, Textilverarbeitung, Gastgewerbe ohne ausländische ArbeitnehmerInnen nicht länger existieren konnten. So entstand eine strukturelle Abhängigkeit von der Gastarbeiterbeschäftigung, weshalb diese in einigen Sektoren auch in Zeiten schwachen Wirtschaftswachstums nur leicht zurückging, heißt es laut der Wissenschafterin Gudrun Biffl, ebenfalls in der Studie „Ausländische Arbeitnehmer in Österreich“.

Jahr Bauwesen Textilerzeugung Lederverarbeitung Hotelerie und Gastronomie
1973 22,5% 27,4% 31,3% 17,4%
1983 5,9% 20,5% 14,9% 16,3%

Anteil von GastarbeiterInnen in ausgewählten Wirtschaftsbranchen, Quelle: Ausländische Arbeitnehmer in Österreich, Forschungsberichte aus Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, 1985

Ein weiteres Element, das zur Unabhängigkeit der Gastarbeiterbeschäftigung von der Konjunktur beitrug, war laut der Studie der Familienzuzug. Einerseits führte er zu einer gesteigerten Konsumgüternachfrage von Seiten der GastarbeiterInnen, die nun für ihre Familie im Inland sorgen mussten. Diese brachte wiederum eine gesteigerte Arbeitskräftenachfrage mit sich. So erzeugten die ArbeitsmigrantInnen mehr oder weniger selbst die Nachfrage nach der eigenen Arbeitskraft. Andererseits fanden die neu zugezogenen Frauen vor allem im Dienstleistungssektor Arbeit, der konjunkturresistenter ist als beispielsweise das Baugewerbe. Der Anteil der Frauen an der Ausländerbeschäftigung erhöhte sich von 31 Prozent im Jahr 1973 auf rund 40 Prozent 1982.


EU-Binnenmigration heute wichtigster Faktor

Dieser Trend der konjunkturunabhängigen Zuwanderung setzt sich bis heute fort: Aus einer Studie von Biffl zu den wirtschaftlichen Auswirkung von Zuwanderung geht hervor, dass Einwanderung nicht länger von den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes abhängig ist. Vielmehr dominieren Familienzusammenführung (40,9 Prozent) und EU-Binnenmigration (46,1 Prozent) das österreichische Einwanderungsmodell. Zwar erhöhen auch diese Zuwanderungsarten das Arbeitskräfteangebot, die Qualifikationen der EinwanderInnen sind aber nicht steuerbar. Beschäftigt sind ZuwanderInnen auch heute noch vorwiegend in arbeitsintensiven Bereichen, wo niedrige Löhne wettbewerbsentscheidend sind.

49,4 Prozent der in Österreich lebenden AusländerInnen haben lediglich einen Pflichtschulabschluss, nur 11,3 Prozent haben eine Universität besucht. Eine Verteilung, die sich laut Studienautorin Biffl negativ auf die Wirtschaft auswirkt. Umso höher nämlich die Qualifikation der ZuwanderInnen, desto höher ist auch ihr Nettobeitrag für die öffentliche Hand. Anders als in Zeiten der Massenproduktion, wo GastarbeiterInnen mit niedrigen Qualifikationen wesentlich zum Wirtschaftswachstum beitrugen, bliebe ihr Potential in der Wissensgesellschaft ungenutzt.

Neue Regelung seit Mitte 2011
Um die Qualifikation ausländischer ArbeitnehmerInnen aus sogenannten Drittstaaten langfristig zu erhöhen, schlug Biffl ein Punktesystem vor. Dieses solle hochqualifizierten AusländerInnen den Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt erleichtern. Österreichische Botschaften, Konsulate und die Außenhandelsstellen sollen – den Anwerbestellen für GastarbeiterInnen ähnlich – bei der Suche nach diesen Schlüsselarbeitskräften helfen. Zusätzlich müsse der Arbeitsmarktzugang für jene ZuwanderInnen erleichtert werden, die in Österreich ein Studium abgeschlossen haben. Viele dieser Überlegungen finden sich – teils in abgeänderter Form – in den Regelungen zur Rot-Weiß-Rot-Karte wieder.

Weiterführende Informationen und Kontakte:

Bundesministerium für Soziale Verwaltung: „Ausländische Arbeitnehmer in Österreich“; Forschungsberichte aus Sozial- und Arbeitsmarktpolitik Nr.9; 1985

Auswirkungen von qualifizierter Zuwanderung, Studie der Migrationsforscherin Gudrun Biffl in der iBibliothek

Gudrun Biffl, Leiterin des Departments für Migration und Globalisierung an der Donau-Uni Krems Tel.: 02732 893-2418; gudrun.biffl@donau-uni.ac.at

Ljubomir Bratic, Sozialwissenschafter, Philosoph und Experte für Arbeitsmigration; ljubomir.bratic@chello.at

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