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Neuere österreichische Migrationsgeschichte

Factbox

  • Mit Raab-Olah-Abkommen (1961) werden Arbeitsmigranten angeworben
  • 1973 mit 230.000 Gastarbeitern erster Höhepunkt der Zuwanderung
  • Mitte der 1970er Jahre Anwerbestopp und Abbau von Arbeitsmigranten
  • Nach Flüchtlingswellen leben 1991 über 500.000 Ausländer in Österreich
  • Mit 1. Juli 2011 ersetzt die Rot-Weiß-Rot Card das Quotensystem bei Zuwanderung
  • Heute leben etwa 1,5 Mio. Menschen mit Migrationshintergrund in Österreich

Im Dezember 1961 wird der Grundstein für Österreich als Einwanderungsland gelegt: WKO-Präsident Julius Raab und ÖBG-Präsident Franz Olah unterzeichnen das „Raab-Olah-Abkommen“.

Obwohl bereits seit Anfang der 1950er Jahre die Hochkonjunktur in Österreich einsetzt, viele junge österreichische Arbeitskräfte abwandern (1951-1961: -129.000), die Spätfolgen der Kriegsverluste spürbar sind und Frauen aufgrund von nicht vorhandener Kinderbetreuung bei gleichzeitigem Babyboom als Arbeitskräfte ausfallen, kommt es erst sehr spät zu Verknappungen im Industriesektor. Grund dafür ist die massive Freisetzung von Arbeitskräften aus der Landwirtschaft, die aber gegen Ende der 1950er Jahre nicht mehr ausreicht.

Österreich entschließt sich daher, Arbeitsmigranten, auch Gastarbeiter genannt, anzuwerben. Das Raab-Olah-Abkommen der Sozialpartner dient als Basis dafür. Da man einer dauerhaften Niederlassung in Österreich vorbeugen will, führt man ein Rotationsprinzip ein, das den jährlichen Austausch von Arbeitsmigranten vorsieht.

Abkommen mit Türkei und Jugoslawien

Dem ersten, erfolglosen, Anwerbe-Abkommen mit Spanien im Jahr 1962, folgen die Abkommen mit der Türkei 1964 und Jugoslawien 1966. Die Grundidee der politischen Entscheidungsträger, Migranten als Konjunkturpuffer zu holen, die man bei schlechter Wirtschaftslage wieder zurückschicken kann, ist in der Praxis nicht durchführbar.

Auf der einen Seite werden zu wenige Arbeitskräfte angeworben. Das führte dazu, dass österreichische Firmen ihre Arbeitnehmer ermutigten, nahe Verwandte nach Österreich zu holen. Auf der anderen Seite waren viele Firmen nicht bereit, jedes Jahr neue Arbeitskräfte einzuschulen. Das Rotationsprinzip wird deswegen bald gestrichen und es beginnt der Familiennachzug.

Durch die Niederschlagung des Prager Frühlings im Jahr 1968 halten sich temporär zirka 162.000 tschechische und slowakische Flüchtlinge in Österreich auf. 12.000 von ihnen stellen einen Asylantrag, die überwiegende Mehrheit zieht in andere europäische Staaten oder nach Übersee weiter.

Der erste Höhepunkt der Zuwanderung wird mit zirka 230.000 beschäftigten Gastarbeitern im Jahr 1973 erreicht. Aufgrund der Rezession im Zuge der Erdölkrise 1974 kommt es zu einem Anwerbestopp und es beginnt der Abbau von Arbeitsmigranten. Das Ausländerbeschäftigungsgesetz 1976 regelt die Bevorzugung österreichischer Arbeitskräfte gegenüber ausländischen. In der Folge gehen die Beschäftigungszahlen von Ausländern runter, wobei die ausländische Wohnbevölkerung nahezu konstant bleibt.

Flüchtlingswellen

Ähnlich wie nach der tschechoslowakischen Flüchtlingswelle 1968, flüchten 1980 120.000 bis 150.000 Polen nach Österreich, von denen lediglich ein geringer Anteil (33.000) einen Asylantrag stellt. Laut Volkszählung sind 1981 rund 291.000 von 7.555.000 in Österreich lebenden Personen, ausländische Staatsbürger.

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Krieg in Jugoslawien beginnt eine weitere Hochphase der Zuwanderung. Laut der Volkszählung 1991 leben rund 518.000 ausländische Staatsbürger in Österreich, wo insgesamt 7.796.000 Personen ihren Lebensmittelpunkt haben.

Neue Fremdengesetze

Bereits zuvor, 1987, hatte sich mit der Novellierung des Fremdenpolizeigesetzes die Migrationspolitik vom Sozial- ins Innenministerium verlagert. 1990 wird die Bundeshöchstzahl im Ausländerbeschäftigungsgesetz verankert: Maximal zehn Prozent der Beschäftigten dürfen ausländische Staatsbürger sein.

1993 treten ein neues Fremdengesetz und ein neues Aufenthaltsgesetz in Kraft. Ab diesem Zeitpunkt wird eine Trennung zwischen Touristenvisa und Einwanderungsvisa gezogen. Im selben Jahr organisiert die FPÖ das „Anti-Ausländervolksbegehren“ mit 416.531 Unterschriften. Wenig später erfolgt das „Lichtermeer“ bei dem rund 250.000 Menschen gegen Ausländerfeindlichkeit demonstrieren.

1995 tritt Österreich der Europäischen Union bei. EU-Bürger und Österreicher sind fortan in Aufenthalts- und Beschäftigungsbestimmungen gleichgestellt.

Unter dem Titel „Integrationspaket“ tritt 1998 ein neues Fremdengesetz in Kraft. Eckpunkte des Pakets sind die Bevorzugung von Integration gegenüber Neuzuwanderung, die Senkung der „Quoten“ für Familienzusammenführung und der Zuzug von Arbeitsmigranten. Weiters wird auch die Beschäftigung von Saisonarbeitskräften geregelt sowie eine Unterscheidung zwischen befristetem Aufenthalt und dauerhafter Niederlassung gesetzlich verankert.

Zwei Jahre später erteilt der „Integrationserlass“ eine Beschäftigungsbewilligung für in Österreich länger lebende Ausländer. 711.000 ausländische Staatsangehörige unter 8.033.000 Einwohnern werden durch die 2001 stattfindende Volkszählung ermittelt. 1.000.000 Einwohner wurden im Ausland geboren. Maria Vassilakou wird als erste Einwanderin zur Stadträtin.

2002 beschließt die Regierung ein „Ausländerpaket“. Teil dieses Paket sind die Integrationsvereinbarung, die Ausweitung der Saisonarbeiter und verpflichtende Deutschkurse für Migranten im Umfang von 100 Stunden.

2004 erhält die Europäische Union zehn neue Mitgliedsstaaten. Österreich wird zum EU-Binnenland und hält seinen Arbeitsmarkt für die neuen EU-Staaten für sieben Jahre geschlossen. Saisonarbeiter werden im selben Jahr vom Bezug des Arbeitslosengeldes ausgeschlossen.

2006 tritt das „Fremdenrechtspaket“, das Asylgesetz, Fremdenpolizeigesetz und Aufenthaltsgesetz erneuert, in Kraft. Der verpflichtende Deutschkurs wird von 100 auf 300 Stunden erhöht, asylwerbende Personen müssen traumatische Erfahrungen nachweisen und straffällige Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund können in ihre „Heimat“ abgeschoben werden.

Mit 1. Juli 2011 ersetzt die Rot-Weiß-Rot Card das bis dahin geltende Quotensystem bei der Zuwanderung nach Österreich. Der Karte liegt ein Punktesystem zugrunde, das Deutschkenntnisse, Alter und spezielle Berufsausbildung bewertet.

1,5 Mio. Menschen mit Migrationshintergrund

Laut Statistik Austria leben mit Stand 01. Jänner 2011 zirka 8,4 Millionen Personen in Österreich, von denen ungefähr 1,5 Millionen einen Migrationshintergrund haben. Ein Migrationshintergrund besteht dann, wenn man selbst (Erste Generation) und/oder beide Elternteile (Zweite Generation) im Ausland geboren sind. Als Migrant gilt jene Person, die ihre Heimat aus persönlichen, sozialen oder politischen Gründen verlassen hat.

Im Gegensatz zum Migranten definiert die Staatsbürgerschaft den so genannten Ausländer. 2010 wurden nach Angaben des Innenministeriums in Österreich 11.012 Asylanträge gestellt. Als Asylwerber werden Personen bezeichnet, die aufgrund von politischer, religiöser,.. Verfolgung aus ihrer Heimat flüchten mussten und um Aufnahme und Schutz in einem neuen Land ersuchen.

Weiterführende Informationen und Kontakte:

 

Felix Butschek, Wirtschaftsforscher und -historiker.  Tel: 01  798 26 01 – 0;  felix.butschek@wifo.ac.at

Ljubomir Bratić, Philosoph, Sozialwissenschaftler, Publizist und Aktivist in Wien.  ljubomir.bratic@chello.at

Quellen:

Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung  www.wifo.ac.at

Bundesministerium für Inneres www.bmi.gv.at

Demokratiezentrum www.demokratiezentrum.org

Statistik Austria www.statistik.at

Initiative Minderheiten www.minderheiten.at

Literatur:

Butschek, Felix: Österreichische Wirtschaftsgeschichte. Von der Antike bis zur Gegenwart, Böhlau, Wien, 2011

Fassmann, Heinz / Stacher, Irene (Hg.) Österreichischer Migrations- und Integrationsbericht, Drava, Klagenfurt, 2003

Gürses, Hakan / Kogoj, Cornelia / Mattl, Sylvia: Gastarbajteri. 40 Jahre Arbeitmigration, Mandelbaum, Wien, 2004

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